8 Novellistische Fragmente.
Bewegung. Der große Saal seines Hauses, welches neben der Syna-goge lag, stand offen zum Gebrauche der ganzen Gemeinde; hier gingman aus und ein ohne Umstände, verrichtete schleunige Gebete, oderholte Neuigkeiten, oder hielt Beratung in allgemeiner Not; hierspielten die Kinder am Sabbathmorgen, während in der Synagogeder wöchentliche Abschnitt verlesen wurde; hier versammelte mau sichbei Hochzeit- und Leichenzügen, und zankte sich und versöhnte sich;hier fand der Frierende einen warmen Ofen und der Hungrige einengedeckten Tisch. Außerdem bewegten sich um den Rabbi noch eineMenge Verwandte, Brüder und Schwestern mit ihren Weibern undKindern, sowie auch seine und seiner Frau gemeinschaftliche Ohmeund Muhmen, eine weitläufige Sippschaft, die alle den Rabbi alsFamilienhaupt betrachteten, im Hause desselben früh und spät ver-kehrten, und an hohen Festtagen sämtlich dort zu speisen pflegten.Solche gemeinschaftliche Fnmilicnmahle im Rabbinerhause fanden ganzbesonders statt bei der jährlichen Feier des Pascha, eiucS uralten,wunderbaren Festes, das noch jetzt die Inden in der ganzen Weltam Borabend des vierzehnten Tages im Monat Nissen, zum ewigenGedächtnisse ihrer Befreiung aus ägyptischer Knechtschaft folgender-maßen begehen.
Sobald es Nacht ist, zündet die Hausfrau die Lichter an, spreitetdas Tafeltuch über den Tisch, legt in die Mitte desselben drei vonden platten ungesäuerten Broten, verdeckt sie mit einer Serviette, undstellt auf diesen erhöhten Platz sechs kleine Schusseln, worin symbo-lische Speisen enthalten, nämlich ein Ei, Lattich, Meerrcttichwurzcl,ein Lammknochen, und eine braune Mischung von Rosinen, Zimtund Nüssen. Nu diesen Tisch setzt sich der Hausvater mit allen Ver-wandten und Genossen und liest ihnen vor aus einem abenteuerlichenBuche, das die Agade heißt, und dessen Inhalt eine seltsame Mischungist von Sagen der Vorfahren, Wnndergeschichten aus Ägypten, kuriosenErzählungen, Streitfragen, Gebeten und Festliedern. Eine großeAbendmahlzeit wird in die Mitte dieser Feier eingeschoben, und sogarwährend des Varlosens wird zu bestimmten Zeiten etwas von densymbolischen Gerichten gekostet, so wie alsdann auch Stückchen vondem ungesäuerten Brote gegessen und vier Becher roten Weines ge-trunken werden. Wehmütig heiter, ernsthaft spielend und märchen-haft geheimnisvoll ist der Charakter dieser Abendfeier, und der her-kömmlich singende Ton, womit die Agade von dem Hansvater vor-gelesen und zuweilen chorartig von den Zuhörern nachgesprochen wird,klingt so schnnervoll innig, so mütterlich einlullend, und zugleich sohastig aufweckend, daß selbst diejenigen Inden, die längst von demGlanben ihrer Väter abgefallen und fremden Freuden und Ehrennachgejagt sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnendie alten wohlbekannten Paschaklängc zufällig ins Ohr dringen.