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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
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10 Novellistische Fragmente.

Jerusalem mit den Türmen und Zinnen seines Tempels bestrahltwird vom Glänze der Sonne!

Der zweite Becher war schon eingeschenkt, die Gesichter undStimmen wurden immer Heller, und der Rabbi, indem er eins derungesäuerten Osterbrote ergriff und heiter grüßend emporhiclt, laS erfolgende Worte aus der Agade:Siehe! das ist die Kost, die unsereVäter in Ägypten genossen! Jeglicher, den es hungert, er kommeund genieße! Jeglicher, der da traurig, er komme und teile unserePaschafreude! Gegenwärtigen Jahres feiern wir hier das Fest, aberzum kommenden Jahre im Lande Israels! Gegenwärtigen Jahresfeiern wir es noch als Knechte, aber zum kommenden Jähre alsSöhne der Freiheit!"

Da öffnete sich die Saalthüre, und herein traten zwei große blasseMänner, in sehr weite Mäntel gehüllt, und der eine sprach:Friedesei mit euch, wir sind reisende Glanbensgenossen und wünschen dasPaschafest mit euch zu feiern." Und der Rabbi antwortete rasch undfreundlich:Mit euch sei Frieden, seht euch nieder in meiner Nähe!"Die beiden Fremdlinge sehten sich alsbald zu Tische, und der Rabbifuhr fort im Vorlesen. Manchmal während die übrigen noch imZuge des Nnchsprcchens waren, warf er kosende Worte nach seinemWeibe, und anspielend ans den alten Scherz, daß ein jüdischer Haus-vater sich an diesem Abend für einen König hält, sagte er zu ihr:Freue dich, meine Königin!" Sie aber antwortete wehmütig lächelnd:Es fehlt uns ja der Prinz!" und damit ineinte sie den Sohn desHauses, der, wie eine Stelle in der Agade es verlangt, mit vor-geschriebenen Worten seinen Bater um die Bedeutung des Festes be-fragen soll. Der Rabbi erwiderte nichts und zeigte bloß mit demFinger nach einem eben aufgeschlagenen Bilde in der Agade, woüberaus anmutig zu schauen war, wie die drei Engel zu Abrahamkommen, um ihm zu verkünden, daß ihm ein Sohn geboren werdevon seiner Gattin Sara, welche unterdessen weiblich Pfiffig hinter derZeltthüre steht, um die Unterredung zu belauschen. Dieser leise Winkgoß dreifaches Rot über die Wangen der schönen Frau, sie schlug dieÄugen nieder, und sah dann wieder freundlich empor nach ihremManne, der singend fortfuhr im Vorlesen der wunderbaren Geschichte,wie Rabbi Jesna, Rabbi Eliescr, Rabbi Asaria, Rabbi Akiba undRabbi Tarphcn in Bona-Brak angelehnt saßen und sich die ganzeNacht vom Auszüge der Kinder Israel aus Ägypten unterhielten,bis ihre Schüler kamen und ihnen zuriefen, es sei Tag und in derSynagoge verlese man schon das große Morgcngcbct.

Derweilen nun die schöne Tara andächtig zuhörte und ihrenMann beständig ansah, bemerkte sie, ivie plötzlich sein Antlih in grau-siger Verzerrung erstarrte, das Blut ans seinen Wangen und Lippenverschwand, und seine Augen wie Eiszapfen hcrvorglohtcn; aber