Die Götter im Exil. 181
sei so dick, daß sich viele hundert Wasserratten darin einnisten können,mährend das große Tier ans einer Eisscholle schliefe, und diese Gäste,unendlich größer und bissiger als unsere Landratten, führen dannein fröhliches Leben unter der Haut des Walfisches, wo sie Tag undNacht das beste Fett verschmausen können, ohne das Nest zu vcrlassen. Diese Schmausereien mögen wohl am Ende dein unfrei-willigen Wirte etwas nberlnstig, ja unendlich schmerzhaft werden;da er nun keine Hände hat, wie der Mensch, der sich gottlob! kratzenkann, wenn es ihn juckt, so sucht er die innere Qual dadurch zulindern, daß er sich an die scharfen Kanten einer Eiswand stellt unddaran den Rucken durch Auf- und Niederbewegnngcn recht inbrnnstig-lich reibt, ganz wie bei uns die Hunde sich an einer Bettstelle zuscheuern pflegen, wenn sie mit zu viel Flöhen behaftet sind. DieseBewegungen hat nun der ehrliche Domine für die eines Beters ge-halten und sie der religiösen Andacht zugeschrieben, während sie dochnur durch die Natten-Orgien hervorgebracht wurden. Der Walfisch,so viel Thran er auch enthält, schloß Niels Andersen, ist doch ohneden mindesten religiösen Sinn. Nur unter den Tieren mittlererZtatur findet man überhaupt Religion; die ganz großen, riesenhaftenGeschöpfe, wie der Walfisch, sind nicht mit dieser Eigenschaft begabt.Was ist der Grund davon? Finden sie vielleicht keine Kirche, diegeräumig genug wäre, um sie in ihren Schoß aufzunehmen? DiesGetier ehrt weder die Heiligen noch die Propheten, und sogar denkleinen Propheten Jonas, den solch ein Walfisch einmal auS Versehenverschluckte, konnte er nimmermehr verdauen, und nach dreien Tagenspuckte er ihn wieder aus. Das vortreffliche Ungeheuer hat leiderkeine Religion, und so ein Walfisch verehrt unseren wahren Herrgott,der droben im Himmel wohnt, ebensowenig wie den falschen Heiden-gott, der fern am Nordpol auf der Kaninchen-Insel sitzt, wo erdenselben besucht.
Was ist das für ein Ort, die Kaninchen-Insel? fragte ich unserenNiels Andersen. Dieser aber trommelte mit seinem Holzbein auf derTonne und erwiderte: Das ist eben die Insel, wo die Geschichtepassiert, die ich zu erzählen habe. Die eigentliche Lage der Inselkann ich nicht genau augebcu. Niemand konnte, seit sie entdecktworden, wieder zu ihr gelangen; solches verhinderten die ungeheurenEisberge, die sich um die Insel türmen und vielleicht nur selten eineAnnäheruug erlauben. Nur die Schiffsleute eines russischen Walfischjägers, welche einst die Nordstürme so hoch hinauf verschlugen,betraten den Boden der Insel, und seitdem sind schon hundert Jahreverflossen. Als jene Schiffslcute mit einem Kahn dort landeten,fanden sie die Insel ganz wüst und öde. Traurig bewegten sich dieHalme des Ginsters über dem Flugsand; nur hier und da stände»einige Zwergtannen, oder es krüppelte am Boden das unfruchtbarste