114 Deutschland II.
zu Straßburg aufführen sah, hat unser großer Dichter die Form undden Stoff seines Meisterwerks entlehnt. In der ersten Fragment-Ausgabe des Goetheschcn Faustes ist dieses am sichtbarsten; dieseentbehrt noch die der Saknntala entnommene Einleitung und einendem Hiob nachgebildeten Prolog, sie weicht noch nicht ab von derschlichten Pnppenspielform, und es ist kein wesentliches Motiv darinenthalten, welches auf eine Kenntnis der alteren Originalbücher vonSpieß und Widman schließen läßt.
Das ist die Genesis der Fanstfabel, von dem Theophilus-Gedichtebis auf Goethe, der sie zu ihrer jetzigen Popularität erhoben hat. —Abraham zeugte den Isaak, Isaak zeugte den Jakob, Jakob aber zeugteden Inda, in dessen Händen das Zepter ewig bleiben wird. In derLitteratnr wie im Leben hat jeder Sohn einen Vater, den er aberfreilich nicht immer kennt, oder den er gar verleugnen möchte.
Geschrieben zu Paris, den 1. Oktober I8S1.
Heinrich Heine.
Der Doktor Faust.
Ein Tanzpoem.
Du hast mich beschworen aus dem GrabDurch deinen Zauberwillen,
Belebtest mich mit Wollustglut —
Jetzt kannst du die Glitt nicht stillen.Preß deinen Mund an meinen Mund,Der Menschen Odem ist göttlich!Ich trinke deine Seele ans,
Die Toten sind unersättlich.
Erster Akt.
Studierzimmer, groß, gewölbt, in gotischem Stil. SpärlicheBeleuchtung. An den Wänden Bücherschränke, astrologische undalchymistische Gerätschaften (Welt- und Himmelskngel, Planctcnbilder,Retorten und seltsame Gläser), anatomische Präparate (Skelette vonMenschen nnd Tieren) und sonstige Requisiten der Nckromantie.
Es schlägt Mitternacht. Neben einem mit aufgestapelten Büchernnn d physikalischen Instrumenten bedeckten Tische, in einem hohen Lehn-stuhl, sitzt nachdenklich der Doktor Faust. Seine Kleidung ist diealtdeutsche Gelehrtcntracht des sechzehnten Jahrhunderts. Er erhebtsich endlich und schwankt mit unsicheren Schritten einem Bücherschränkezu, wo-ein großer Foliant mit einer Kette angeschlossen; er öffnetdas Schloß und schleppt das entfesselte Buch (den sogenannten Höllen-zwang) nach seinem Tische. In seiner Haltung und seinem ganzen