178 Deutschland II.
Denkt mau vielleicht an das weiße Albion, an die Kalkfelsen derenglischen Küste? Es wäre eine hnnwristische Idee, wenn man Eng-land als ein Totcnland, als das platonische Reich, als die Hölle be-zeichnen wollte. England mag in der Thal manchem Fremden insolcher Gestalt erscheinen.
In meinem Versuche über die Faust-Legende habe ich den Volks-glauben in Bezug auf das Reich des Pluto und diesen selbst hin-länglich besprochen. Ich habe dort gezeigt, wie das alte Schattenreicheine ausgebildete Hölle und der alte finstere Beherrscher desselbenganz diabolisiert wurde. Aber nur durch den Kanzleistil der Kircheklingen die Dinge so grell; trotz dem christlichen Anathcma blieb diePosition des Pluto wesentlich dieselbe. Er, der Gott der Unterwelt,und sein Bruder Neptnnns, der Gott des Meeres, diese beiden sindnicht emigriert wie andere Götter, und auch nach dem Siege desChristentums blieben sie in ihren Domänen, in ihrem Elemente.Mochte man hier oben ans Erden das Tollste von ihm fabeln, deralte Pluto saß unten warm bei seiner Prvserpina. Weit' wenigerVerunglimpfungen, als sein Bruder Pluto, hatte Neptnnns zu er-dulden, und weder Glockengeläute noch Orgelklänge konnten sein Ohrverletzen da unten in seinem Ozean, wo er ruhig saß bei seiner weiß-busigen Frau Amphitrite und seinem feuchten Hofstaat von Nereidenund Tritonen. Nur zuweilen, wenn irgend ein junger Seemann zumersten Male die Linie passierte, tauchte er empor aus seiner Flut, inder Hand den Dreizack schwingend, das Haupt mit Schilf bekränztund der silberne Wellenbart herabwallend bis zum Nabel. Er er-teilte alsdann dem Neophyten die schreckliche Seewassertanfe und hieltdabei eine lange, salbnngsreiche Rede, voll von derben Seemanns-witzen, die er nebst der gelben Lauge des gekauten Tabaks mehrausspuckte als sprach, zum Ergötzen seiner bewerten Zuhörer. EinFreund, welcher mir ausführlich beschrieb, wie ein solches WasserMhsterium von den Seeleuten ans den Schiffen tragiert wird, ver-sicherte, daß eben jene Matrosen, welche am tollsten über die drolligeFastnachtsfratze des Neptuns lachten, dennoch keinen Augenblick ander Existenz eines solchen Meergvttcs zweifelten und manchmal ingroßen Gefahren zu ihm beteten.
Neptunus blieb also der Beherrscher des Wasscrreichs, wie Plutotrotz seiner Diabvlisicrung der Fürst der llnterwclt blieb. Ihnenging es besser als ihrem Bruder Jupiter, dem dritten Sohne desSaturn, welcher nach dem Sturz seines Vaters die Herrschaft desHimmels erlangt hatte, und sorglos als König der Welt im Olympmit «seinem glänzenden Troß von lachenden Göttern, Göttinnen undEhrennymphen sein ambrosisches Freudenregiment führte. Als dieunselige Katastrophe hereinbrach, als das Regiment des Kreuzes, desLeidens, Proklamiert ward, emigrierte auch der große Kronide, und