Druckschrift 
8 (1898) Deutschland : 2
Entstehung
Seite
175
Einzelbild herunterladen
 

Die Götter im Exil. 175

blumengestickte Weste, kurze schwarze Höschen, gestreifte Strümpfe nndSchnallenschuhe; letztere sind so blank, daß man nicht begreift, wiejemand durch den Schlamin der Sielwege zu Fuße so unbeschmutzthergelangen konnte. Seine Stimme ist asthmatisch, feindrähtig nndmanchmal ins Greinende überschlagend, doch der Vortrag und dieHaltung des Mannleins ist gravitätisch gemessen, wie es einemholländischen Kaufmann ziemt. Diese Gravität scheint jedoch mehrerkünstelt als natürlich zu sein, und sie kontrastiert manchmal mitdem sorschsamen Hin- und Heringen der Auglein, sowie auch mitder schlecht unterdrückten flatterhaften Beweglichkeit der Beine undArme. Daß der Fremde ein holländischer Kaufmann ist, bezeugtnicht bloß seine Kleidung, sondern auch die merkantilische Genauigkeitund Umsicht, womit er das Geschäft so vorteilhaft als möglich fürseinen Kommittenten abzuschließen weiß. Er ist nämlich, wie er sagt,Spediteur und hat von einem seiner Handelsfrennde den Auftragerhalten, eine bestimmte Anzahl Seelen, soviel in einer gewöhnlichenBarke Raum fänden, von der vstfricsischcn Küste nach der weißenInsel zu fördern: zu diesem BeHufe nun, fährt er fort, möchte erwissen, ob der Schiffer diese Nacht die erwähnte Ladung mit seinerBarke nach der erwähnten Insel übersetzen wolle, und für diesen Fallsei er erbötig, ihm das Fährgeld gleich vorauszuzahlen, zuversichtlichhoffend, daß er ans christlicher Bescheidenheit seine Forderung rechtbillig stellen werde. Der holländische Kaufmann (dieses ist eigentlichein PleonaSmus, da jeder Holländer Kaufmann ist) macht diesenAntrag mit der größten Unbefangenheit, als handle es sich von einerLadung Käse, und nicht von Seelen der Verstorbenen. Der Fischerstutzt einigermaßen bei dem Wort „Seelen", und es rieselte ihm einbißchen kalt über den Rücken, da er gleich merkt, daß von den Seelender Verstorbenen die Rede, und daß er den gespenstischen Holländervor sich habe, der so manchen seiner Kollegen die Uberfahrt der ver-storbenen Seelen anvertraute und gut dafür bezahlte. Wie ich jedochoben bemerkt, diese vstfriesischcn Kiistenbewohner sind mutig und gesundnnd nüchtern, und es fehlt ihnen jene Kränklichkeit und Einbildungs-kraft, welche uns für das Gespenstische und Ubersinnliche empfänglichmacht; unseres Fischers geheimes Grauen dauert daher nur einenAugenblick; seine unheimliche Empfindung unterdrückend, gewinnt erbald seine Fassung, und mit dem Anschein deS größten Gleichmutsist er nur darauf bedacht, das Fährgeld so hoch als möglich zusteigern. Doch nach einigem Feilschen und Dingen verständigen sichbeide Kontrahenten über den Fährlohn, sie geben einander den Hand-schlag zur Bekräftigung der Übereinkunft, und der Holländer, welchereinen schmutzigen ledernen Beutel hervorzieht, angefüllt mit lauterganz kleinen Silberpfennigcn, den kleinsten, die je in Holland gcschlagen worden, zahlt die ganze Summe des Fährgelds in dieser