174 Deutschland II.
deutlichsten hervortreten. Von einem Charon. der die Barke lenkt,ist zwar nirgend darin die Rede, wie denn überhaupt dieser alte Kauzsich nicht in der Volkssage, sondern nur im Puppenspiele erhaltenhat; aber eine weit wichtigere mythologische Personnage erkennen wirin dem sogenannten Spediteur, der die Überfahrt der Toten besorgt,und der dem Fährmann, welcher des Charons Amt verrichtet undein gewöhnlicher Fischer ist, das herkömmliche Fährgeld auszahlt.Trotz ihrer barocken Bermummnng werden wir den wahren Namenjener Person bald erraten, und ich will daher die Tradition selbst sogetreu als möglich hier mitteilen.
In Ostfriesland, an der Küste der Nordsee, giebt eS Buchten,die gleichsam kleine Häfen bilden und Siele heißen. An den äußerstenVorsprüngen derselben steht das einsame Haus irgend eines Fischersder hier mit seiner Familie ruhig und genügsam lebt. Die Naturist dort traurig, kein Vogel pfeift, außer den Scemöwen, welchemanchmal mit einem fatalen Gekreische aus den Sandncstern derDünen hervorfliegen und Sturm verkünden. Das monotone Ge-plätscher der brandenden See paßt sehr gut zu den düsteren Wolken-zügen. Auch die Menschen singen hier nicht, und an dieser melan-cholischen Küste hört man nie die Strophe eines Volksliedes. DieMenschen hierzulande sind ernst, ehrlich, mehr vernünftig als religiös,und stolz auf den kühnen Sinn und auf die Freiheit ihrer Altvordern.Solche Leute sind nicht phantastisch aufregbar und grübeln nicht viel.Die Hauptsache für den Fischer, der auf seinem einsamen Siel wohnt,ist der Fischfang und dann und wann das Fährgeld der Reisenden,die nach einer der umliegenden Inseln der Nordsee übergesetzt seinwollen. Zu einer bestimmten Zeit des Jahres, heißt es, just um dieMittagsstunde, wo eben der Fischer mit seiner Familie, das Mittags-mahl verzehrend, zu Tische sitzt, tritt ein Reisender in die großeWohnstube, und bittet den Hausherrn, ihm einige Augenblicke zuvergönnen, um ein Geschäft mit ihm zu besprechen. Der Fischer,nachdem er den Gast vergeblich gebeten, vorher an der Mahlzeit teil-zunehmen, erfüllt am Ende dessen Begehr, und beide treten beiseiteau ein Erkcrtischchen. Ich will das Aussehen des Fremden nichtlange beschreiben in müßiger Novellistenweise; bei der Aufgabe, dieich mir gestellt habe, genügt ein genaues Signalement. Ich bemerkealso folgendes: Der Fremde ist ein schon bejahrtes, aber doch wohl-konserviertes Männchen, ein jugendlicher Greis, gehäbig aber nichtseit, die Wänglcin rot wie Borsdorfer Äpfel, die Äuglein lustig nachallen Seiten blinzelnd, und auf dem gepuderten Köpfchen sitzt eindreieckiges Hiitlcin. Unter einer hellgelben Houppelande mit unzkhligcn Krügelchen trägt der Mann die altmodische Kleidung, diewir auf Porträten holländischer Kaufleute finden, und welche einegewisse Wohlhabenheit verrät: ein seidenes papageigrünes Nöckchen,