172 Deutschland II.
jubelnd: Evoe Bacche!*) Aber ach! lieber Leser, der arme Fischer,von welchem wir berichten, war keineswegs, wie du, in der Mytho-logie bewandert, er hatte gar keine archäologischen Studien gemacht,und er war von Schrecken und Angst ergriffen bei den: Anblick jenesschönen Triumphatvrs mit seinen zwei wunderlichen Akvluthcn, alssie ihrer Mönchstracht entsprungen; er schauderte ob der unzüchtigenGebärden und Sprünge der Bacchanten, der Faunen, der Satyrn,die ihm durch ihre Bocksfüße und Hörner ganz besonders diabolischerschienen, und die gesamte Societät hielt er für einen Kongreß vonGespenstern und Dämonen, welche durch ihre Malefizien allen Christen-menschen Verderben zu bereiten suchen. Das Haar sträubte sich aufseinem Haupte, als er die halsbrechcnd unmögliche Positur einerMänade sah, die mit stotterndem Haar das Haupt zurückwarf undsich nur durch den Thyrsus im Gleichgewicht erhielt. Ihm selber,dem armen Schiffer, ward es wirr im Hirn, als er hier Kvrybantenerblickte, die mit den kurzen Schwertern ihrem eigenen Leibe Wundenbeibrachten, tobsüchtig die Wollust suchend in dem Schmerze selbst.Die weichen, zärtlichen und doch zugleich grausamen Töne der Musik,die er vernahm, drangen in sein Gemüt wie Flammen, lodernd, ver-zehrend, grauenhaft. Aber als der arme Mensch jenes verrufeneägyptische Symbol erblickte, das in übertriebener Größe und bekränztmit Blumen von einem schamlosen Weibe auf einer hohen Stangeherumgetragen wurde, da verging ihm Hören und Sehen — und erstürzte nach seinem Kahn zurück und verkroch sich unter die Netze,zähneklappernd und zitternd, als hielte ihn Satan bereits an einemFuße fest. Nicht lange darauf kamen die drei Mönche ebenfalls nachdein Kahne zurück und stießen ab. Als sie endlich am andern See-ufer landeten und ausstiegen, wußte der Fischer so geschickt seinemBersteck zu entschlüpfen, daß die Mönche meinten, er habe hinter denWeiden ihrer geharrt, und indem ihm einer von ihnen wieder miteiskalten Fingern den Fährlohn in die Hand drückte, eilten sie stracksvon hinnen.
Sowohl seines eigenen Seelenheils wegen, das er gefährdetg laubte, als auch um andere Christenmenschen vor Verderben zubewahren, hielt sich der Fischer für verpflichtet, das unheimliche Be-gebnis dem geistlichen Gerichte anzuzeigen, und da der Superioreines nahegelegenen Franziskanerklosters als Vorsitzer eines solchenGerichtes und ganz besonders als gelahrter Exorcist in großem An-
*) In der französischen Ausgabe findet sich hier noch der Satz: „Wie gesagt,lieber Leser, du bist ein unterrichteter und aufgeklärter Mann, den eine nächtlicheErscheinung dieser Art nicht mehr erschrecken würde, als wenn es eine Phantas-magorie der impörmls cls wäre, hervorgerufen durch das
poetische Genie des Herrn Eugöne Scribe, dem das musikalische Genie des be-rühmten Maestro Giacomo Meyerbeer seine Mitarbeiterschaft lieh."
Der Herausgeber.