Druckschrift 
8 (1898) Deutschland : 2
Entstehung
Seite
171
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Die Götter im Exil. 171

sein Gesicht trug gleichwohl einen gewissen kühnen, fast übermütigheroischen Ausdruck. Die Weiber liebkosten ihn mit wilder Begeiste-rung, setzten ihm einen Ephcnkranz aufs Haupt, und warfen aufseine Schulter ein prachtvolles Leopardenfell. In demselben Augen-blick kam, bespannt mit zwei Löwen, ein goldener zweirädriger Sieges-wagcn herangerollt, auf den sich der junge Mensch mit Herrscherwürde,aber doch heitern Blickes, hinaufschwang. Er leitete an purpurnenZügeln das wilde Gespann. An der rechten Seite seines Wagensschritt der eine seiner entknttetcn Gefährten, dessen geile Gebärdenund oben erwähnte unanständige Übertriebenheit das Publikum er-götzten, während sein Genosse, der kahlköpfige Dickwanst, den dielustigen Frauen auf einen Esel gehoben hatten, an der linken Seitedes Wagens einherritt, in der Hand einen goldenen Pokal haltend,der ihm beständig mit Wein gefüllt wurde. Langsam bewegte sichder Wagen, und hinter ihm wirbelte die tanzende Ausgelassenheit derweinlaubgekrönten Männer und Weiber. Dem Wagen voran gingdie Hofkapelle des Trinmphators: der hübsche bausbäckige Jungemit der Doppelflöte im Maule; dann die hochgeschürzte Tamburin-schlägerin, die mit den Knöcheln der umgekehrten Hand auf dasklirrende Fell loStrommelte; dann die ebenso holdselige Schöne mitdem Triangel; dann die Hornisten, bocksfüßige Gesellen mit schönen,aber lasciven Gesichtern, welche auf wunderlich geschwungenen Tier-hörnern oder Seemuscheln ihre Fanfaren bliesen; dann die Lauten-spieler. —

Doch, lieber Leser, ich vergesse, daß du ein sehr gebildeter undwohlunterrichteter Leser bist, der schon lange gemerkt hat, daß hiervon einem Bacchanale die Rede ist, von einem Feste des Dionysos.Du hast oft genug auf alten Basreliefen oder Kupferstichen archäo-logischer Werke die Triumphzüge gesehen, die jenen Gott verherr-lichen, und wahrlich, bei deinem klassisch gebildeten Sinn würdest dunimmermehr erschrecken, wenn dir einmal plötzlich in der mitternächt-lichen Abgeschiedenheit eines Waldes der schöne Spuk eines solchenBacchnszuges nebst dem dazu gehörigen betrunkenen Personale leiblichvor Augen träte. — Höchstens würdest du einen leisen lüsternenSchauer, ein ästhetisches Gruseln empfinden beim Anblick dieser bleichenVersammlung, dieser anmutigen Phantome, die den Sarkophagenihrer Grabmäler oder den Verstecken ihrer Tcmpelruinen entstiegensind, um den alten fröhlichen Gottesdienst noch einmal zu begehen,nm noch einmal mit Spiel und Reigen die Siegesfahrt des göttlichenBefreiers, des Heilandes der Sinncnlust zu feiern, um noch einmalden Freudentanz des Heidentums, den Cancan der antiken Welt, zutanzen, ganz ohne hypokritische Verhüllung, ganz ohne Dazwischen-knnft der LsrAsnts-cks-viiis einer spiritualistisckjen Moral, ganz mitdem ungebundenen Wahnsinn der alten Tage, jauchzend, tobend,