166 Deutschland II.
GeistrSner beiden Zeitalter ntuß aus einer solchen Zusammenstellungdeutlich hervorleuchten: es ist, sozusagen, ein Stück vergleichenderAnatomie auf dein Felde der Litteratnr. In der That, wenn mangleichzeitig diese beiden Versionen durchliest, sieht man, wie bei demälteren Dichter der antike Glaube vorherrscht, während bei demmodernen Dichter, der zu Anfang des neunzehnten Jahrhundertsgeboren ward, sich der Skepticismus seines Zeitalters offenbart.Man sieht, wie der letztere, von keiner Autorität beengt, seinerPhantasie den freiesten Flug gewährt und in seiner Dichtung keinenandern Zweck verfolgt als den, rein menschliche Gefühle in seinenVersen angemessen auszusprechen fbisn oxprinnzr). Der ältere Poetdagegen verbleibt unter dem Joche der kirchlichen Autorität; er hateinen didaktischen Zweck, er will ein religiöses Dogma feiern, erpredigt die Tugend der christlichen Liebe, und das letzte Wort seinesGedichtes deutet auf die Gnadeitkraft der Rene zur Vergebung jeg-licher Sünde hin. Der Papst selber bekommt einen Verweis, weiler dieser erhabenen christlichen Wahrheit vergaß, und der dürreStecken, der in seilten Händen zu grünen beginnt, läßt ihn — frei-lich zu spät — die unergründliche Tiefe des göttlichen Erbarmenserkennen.
Das vorhin mitgeteilte ursprüngliche Tannhäuserlied ist wahr-scheinlich kurz vor der Reformation abgefaßt; die Sage selbst reichtnicht viel höher hinauf, sie ist vielleicht kaum hundert Jahre älter.Die Frau Venus erscheint also sehr spät in deutschen Sagen, währendandere Gottheiten, z. B. Diana, das ganze Mittelalter hindurch be-kannt waren. Letztere sieht man schon im siebenten und achten Jahr-hundert als einen bösen Dämon verschrieen in den Dekreten derBischöfe. Sie erscheint seitdem gewöhnlich als Reiterin, sie, die ehe-mals in Griechenland so leicht beschuht zu Fuße durch die Wälderlief. Während anderthalb Jahrtausend mußte sie sich in den ver-schiedenartigsten Gestalten herumtreiben, und ihr Charakter erlittebenfalls die größte Umwandlung. Ich werde später die daraufbezüglichen Legenden vermelden.
Es drängt sich mir hier eine Bemerkung auf, deren Entwicklungzu deit interessantesten Untersuchungen hinlänglichen Stoff böte.
Ich rede nämlich hier wieder von der Umwandlung in Dämonen,wel che die griechisch-römischen Gottheiten erlitten haben, als dasChristentum zur Oberherrschaft in der Welt gelangte. Der Volks-glaube schrieb jenen Göttern jetzt eine zwar wirkliche, aber ver-maledeite Existenz zu, in dieser Ansicht ganz übereinstimmend mitder Ilehre der Kirche. Letztere erklärte die alten Götter keineswegs,wie es die Philosophen gethan, für Chimären, für Ausgeburten desLugs und des Irrtums, sondern sie hielt sie vielmehr für böse Geister,welche durch den Sieg Christi vom Lichtgipfel ihrer Macht gestürzt,