Druckschrift 
8 (1898) Deutschland : 2
Entstehung
Seite
150
Einzelbild herunterladen
 

150 Teutschland 11,

denn in diesen lebte nach jene alte griechische Heiterkeit, jene Lebens-lust, die dem Christen als Teufeltum erschien. In diesen Statuenund Tempeln sah der Christ nicht bloß die Gegenstände eines fremdenKultus, eines nichtigen Irrglaubens, dem alle Realität fehle, sonderndiese Tempel hielt er für die Burgen wirklicher Dämonen, und denGöttern, die diese Statuen darstellten, verlieh er eine unbestritteneExistenz; sie waren nämlich lauter Teufel, Wenn die ersten Christensich weigerten, vor den Bildsäulen der Götter zu knieen und zu opfern,und deshalb angeklagt und vor Gericht geschleppt wurden, antwortetensie immer: sie dürften keine Dämonen anbeten! Sie erduldeten lieberdas Martyrium, als daß sie vor dein Teufel Jupiter, oder vor derTeufclin Diana, oder gar vor der Erzteufclin Venus irgend einenAkt der Verehrung vollzogen.

Arme griechische Philosophen! Sic konnten diesen Widerspruchniemals begreifen, wie sie auch späterhin niemals begriffen, daß siein ihrer Polemik mit den Christen keineswegs die alte erstorbeneGlaubenslehre, sondern weit lebendigere Dinge zu verteidigen hatten.Es galt nämlich, nicht die tiefere Bedeutung der Mythologie durchnevplatonische Spitzfindigkeit zu beweisen, den erstorbenen Götternein neues symbolisches Lebensblut zu infusieren und sich mit denplumpen, materiellen Einwürfen der ersten Kirchenväter, die besondersüber den moralischen Charakter der Götter fast voltairisch spotteten,tagtäglich abzuquälen es galt vielmehr, den Hellenismus selbst,griechische Gefühls- und Denkweise, zu verteidigen und der Ausbrei-tung des Judäismus, der judäischeu Gefühls- und Denkweise ent-gegenzuwirken, Die Frage war, ob der trübsinnige, magere, sinncn-feindliche, übergeistige Judaismus der Nazarencr, oder ob hellenischeHeiterkeit, Schönheitsliebe und blühende Lebenslust in der Weltherrschen solle? Jene schönen Götter waren nicht die Hauptsache;niemand glaubte mehr an die ambrosiaduftenden Bewohner desOlymps, aber man amüsierte sich göttlich in ihren Tempeln, bei ihrenFestspielen, Mysterien; da schmückte man das Haupt mit Blumen,da gab es feierlich holde Tänze, da lagerte man sich zu freudigenMahlen . , , wo nicht gar zu noch süßeren Genüssen,

All diese Lust, all dieses frohe Gelächter ist längst verschollen,und in den Ruinen der alten Tempel wohnen nach der Meinungdes Volkes noch immer die altgriechischen Gottheiten, aber sie habendurch den Sieg Christi alle ihre Macht verloren, sie sind arge Teufel,die sich am Tage unter Eulen und Kröten in den dunkeln Trümmernihrer ehemaligen Herrlichkeiten versteckt halten, des Nachts aber inliebreizender Gestalt emporsteigen, um irgend einen arglosen Wandereroder verwegenen Gesellen zu bcthören und zu verlocken.

Auf diesen Volksglauben beziehen sich nun die wunderbarstenSagen, und neuere Poeten schöpften hier die Motive ihrer schönsten