Die Götter im Exil. 149
Dieses geschah zu Göttingen im Winter 1829, einige Tage vorjener verhängnisvollen Neujahrsnacht, wo der Pedell Doris diefürchterlichsten Prügel bekommen und zwischen der Bnrschcnschaft undden Landsmannschaften fünfundachtzig Duelle kontrahiert wurden.Es waren fürchterliche Prügel, die damals wie ein hölzerner Platz-regen auf den breiten Rücken des armen Pedells herabfielen. Aberals guter Christ tröstete er sich mit der Überzeugung, daß wir dortoben im Himmel einst entschädigt werden für die Schmerzen, die wirunverdienterwcise hienieden erduldet haben. Das ist nun lange her.Der alte Doris hat längst ausgeduldet und schlummert in seinerfriedlichen Ruhestätte vor dem Weender Thore. Die zwei großenParteien, die einst die Wahlplätze von Bovden, Ritschenkrng undRasenmühle mit dem Schwcrtcrgeklirr ihrer Polemik erfüllten, habenlängst im Gefühl ihrer gemeinschaftlichen Nichtigkeit aufs zärtlichsteBrüderschaft getrunken, und auf den Schreiber dieser Blätter hatebenfalls das Gesetz der Zeit seinen mächtigen Einfluß geübt. Inmeinem Hirne gaukeln minder heitere Farben als damals, und meinHerz ist schwer geworden; wo ich einst lachte, weine ich jetzt, und ichverbrenne mit Unmut die Altarbilder meiner ehemaligen Andacht.
Es gab eine Zeit, wo ich jedem Kapuziner, dem ich auf der Straßebegegnete, gläubig die Hand küßte. Ich war ein Kind, und meinVater ließ mich ruhig gewähren, wohl wissend, daß meine Lippensich nicht immer mit Kapuzinerfleisch begnügen würden. Und in derThat, ich wurde größer und küßte schöne Frauen . . . Aber sie sahenmich manchmal an mit so bleichem Schmerze, und ich erschrak in denArmen der Freude . . . Hier war ein Unglück verborgen, das niemandsah und woran jeder litt; und ich dachte darüber nach. Ich habeauch darüber nachgedacht, ob Entbehrung und Entsagung wirklichallen Genüssen dieser Erde vorzuziehen sei, und ob diejenigen, diehienieden sich mit Disteln begnügt haben, dort oben desto reichlichermit Ananassen gespeist werden? Nein, iver Disteln gegessen, war einEsel, und wer die Prügel bekommen hat, der behält sie. Armer Doris!
Doch es ist mir nicht erlaubt, mit bestimmten Worten hier vonallen den Dingen zu reden, worüber ich nachgedacht, und noch wenigerist es mir erlaubt, die Resultate meines Nachdenkens mitzuteilen.Werde ich mit verschlossenen Lippen ins Grab hinabsteigen müssen,wie so manche andere?
Nur einige banale Thatsacheu sind mir vielleicht vergönnt hieranzuführen, um den Fabeleien, die ich kompiliere, einige Bernünftig-keit oder wenigstens den Schein derselben einzuweben. Jene That-sacheu beziehen sich nämlich auf den Sieg des Christentums über dasHeidentum. Ich bin gar nicht der Meinung meines Freundes Kitzler,daß die Bildstürmerei der ersten Christen so bitter zu tadeln sei°; siekonnten und dursten die alten Tempel und Statuen nicht schonen,