Der Doktor Faust. 137
schwangeres Leibes von ihm, gebar ihm einen Sohn, dessen sichFnustuS heftig freute, nnd ihn Justnm Faustum nannte. Dies Kinderzählete O. Fausto diel' zukünftige Dinge, die in allen Ländern solltengeschehen. Als er aber hernach um sein Leben kam, verschwandenzugleich mit ihm Mutter und Kind."
Da die meisten Volksbücher über Faust aus dem WidmanschenWerke entstanden, so geschieht darin von der schonen Helena nurkärgliche Erwähnung, und ihre Bedeutsamkeit konnte leicht übersehenwerden. Auch Goethe übersah sie anfänglich, wenn er überhaupt, alser den ersten Teil des Faust schrieb, jene Volksbücher kannte undnicht bloß in den Puppenspielen schöpfte. Erst vier Decennien später,als er den zweiten Teil zum Faust dichtete, läßt er darin auch dieHelena auftreten, und in der That, er behandelte sie eon nmors.Es ist das Beste, oder vielmehr das einzig Gute, in besagtem zweitenTeile, in dieser allegorischen und labyrinthischen Wildnis, wo jedochplötzlich auf erhabenem Postamente ein wunderbar vollendetes grie-chisches Marmorbild sich erhebt und uns mit den weißen Augen soheidcngöttlich liebreizend anblickt, daß uns fast wehmütig zu Sinnewird. Es ist die kostbarste Statue, welche jemals das GoethescheAtelier verlassen und man sollte kaum glauben, daß eine Greisenhandsie gemeißelt. Sie ist aber auch vielmehr ein Werk des ruhig be-sonnenen Bilden», als eine Geburt der begeisterten Phantasie, welcheletztere bei Goethe nie mit besonderer Stärke hervorbrach, bei ihmebensowenig wie bei seinen Lehrmeistern und Wahlverwaudten, ichmöchte fast sagen: bei seinen Laudsleuten, den Griechen. Auch diesebesaßen mehr harmonischen Fvrmeusiun a ls überschwellende Schöpfungs-fülle, mehr gestaltende BcgabniS als Einbildungskraft, ja, ich willdie Ketzerei aussprechen, mehr Kunst als Poesie.
Sie werden, teuerster Freund, nach obigen Andeutungen leichtbegreifen, warum ich der schönen Helena einen ganzen Akt in meinemBallette gewidmet habe. Die Insel, wohin ich sie versetzt, ist übrigensnicht von meiner eigenen Erfindung. Die Griechen hatten sie schonlängst entdeckt, und nach der Behauptung der alten Autoren, besondersde» PausaniaS und des Plinins, lag sie im Pontns Euxinus, un-gefähr bei der Mündung der Donau, und sie führte den NamenAchillca, wegen des Tempels des Achilles, der sich darauf befand.Er selbst, hieß es, der aus dem Grab erstandene Pclide, wandledort umher in der Gesellschaft der andern Berühmtheiten des Tro-janischen Krieges, worunter auch die ewig blühende Helena von Sparta.Heldentum und Schönheit müssen zwar frühzeitig untergehen, zurFreude des Pöbels und der Mittelmäßigkeit, aber großmütige Dichterentreißen sie der Gruft und bringen sie rettend nach irgend einerglückseligen Insel, wo weder Blumen noch Herzen welken.
Ich habe über den zweiten Teil des Goetheschen Faustes etwas