Druckschrift 
8 (1898) Deutschland : 2
Entstehung
Seite
135
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Der Doktor Faust. 135

hier darauf hindeuten, wie jene sensualistische, realistische Lebens-lust selbst im Gemüte der Denker zunächst dadurch entstanden ist,daß dieselben plötzlich mit den Denkmalen griechischer Kunst undWissenschaft bekannt wurden, daß sie den Hvmer lasen, sowie auchdie Originalwerke von Plato und Aristoteles. In diese beiden hatFaust, wie die Tradition ausdrücklich erzählt, sich so sehr vertieft, daßer sich einst vermaß: gingen jene Werke verloren, so würde er sieaus dem Gedächtnisse wieder herstellen können, wie weiland Esrnmit den: Alten Testamente gethan. Wie tief Faust in den Homereingedrungen, merken wir durch die Sage, daß er den Studenten,die bei ihm ein Kollegium über diesen Dichter hörten, die Heldendes trojanischen Krieges in Person vvrzuzaubern wußte. In der-selben Weise beschwor er ein andermal zur Unterhaltung seiner Gästeeben die schöne Helena, die er später für sich selber vom Teufel be-gehrte und bis zu seinem unseligen Ende besaß, wie das ältereFaustbuch berichtet. Das Buch von Widman übergeht diese Ge-schichten, und der Verfasser äußert sich mit den Worten:

Ich mag dem christlichen Leser nicht fürenthalten, daß ich andiesem Orte etliche Historien von O. Johanne Fausto gefunden,welche ich aus hochbedenklichen christlichen Ursachen nicht habe hierhersetzen wollen, als: daß ihn der Teufel noch fortan vom Ehestand ab-gehalten und in sein höllisches, abscheuliches Hurennetz gejagt, ihmauch Helenam aus der Hölle zur Beischläferin zugeordnet hat, dieibm auch fürs erste ein erschreckliches Monstrum, und darnach einenSohn mit Namen Jnstum geboren."

Die zwei Stellen im älteren Faustbuch, welche sich auf dieschöne Helena beziehen, lauten wie folgt:

Am weißen Sonntag kamen oftgemeldcte Studenten unver-sehens wieder in v. Fansti Behausung zum Nachtessen, brachtenihr Essen und -vrauk mit sich, welches angenehme Gäste waren. Alsnun der Wein einging, wurde am Tisch von schönen Weibsbilderngeredet, da einer unter ihnen anfing, daß er kein Weibsbild liebersehen wollte, als die schöne Helenam aus Graecia, derowegen dieschöne Stadt Troja zu Grund gegangen wäre, sie müßte schön ge-wesen sein, weil sie so oft geraubt worden, und wodurch solche Em-pörung entstanden wäre. Weil ihr denn so begierig seid, die schöneGestalt der Königin Helenas, Meuelai Hansfrau, oder TochterThudari und Lcdae, Castvris und Pollucis Schwester (welche dieSchönste in Graecia gewesen sein soll), zu sehen, will ich euch die-selbe fürstellen, damit ihr persönlich ihren Geist in Forin und Ge-stalt, wie sie im Leben gewesen, sehen sollt, dergleichen ich auchKaiser Carola Quinta auf sein Begehren, mit Fürstellung KaiserAlexandra Magni und seiner Gemahlin, willfähren habe. Daraufverbot O. Faustus, daß keiner nichts reden sollte, noch vom Tische