Elcmentargeister. 81
Es liegt etwas so Geheimnisvolles in dem Treiben der NixeinDer Mensch kann sich unter dieser Wasserdecke so viel Süßes und soviel Entsetzliches denken. Die Fische, die allein etwas davon wissenkönnen, sind stumm. Oder schweigen sie etwa aus Klugheit? Fürchtensie grausame Ahndung, wenn sie die Heimlichkeiten des stillen Wasser-reiches verrieten? So ein Wasserreich mit seinen wollüstigen Heim-lichkeiten und verborgenen Schrecknissen mahnt an Venedig. Oderwar Venedig selbst ein solches Reich, das zufällig aus der Tiefe desAdriatischcn Meeres zur Oberwelt heraufgetaucht mit seinen Marmor-palästen, mit seinen delphinäugigen Courtisancn, mit seinen Glas-perlen- und Korallenfabriken, mit seineu Stnatsingnisitoren, mitseinen geheimen Ersänfungsanstaltcn, mit seinem bunten Maskcn-gelächter? Wenn einst Venedig wieder in die Lagunen hinabgesunkensein mag, dann wird seine Geschichte wie ein Nixenmärchen klingen,und die Amme wird den Kindern von dem großen Wasservolk er-zählen, das durch Beharrlichkeit und List sogar über das feste Landgeherrscht, aber endlich von einem zweiköpfigen Adler totgebissen worden.
Das Geheimnisvolle ist der Charakter der Nixen, wie dasTräumerisch-luftige der Charakter der Elfen. Beide sind vielleichtin der ursprünglichen Sage selbst nicht sehr unterschieden, und erstspätere Zeiten haben hier eine Svnderung vorgenommen. Die Namenselbst geben keine sichere Auskunft. In Skandinavien heißen alleGeister Elfen, Alf, und man unterscheidet sie in weiße und schwarzeAlfen; letztere sind eigentliche Kobolde. Den Namen Nix giebt manin Dänemark ebenfalls den Hauskobolden, die man dort, wie ichschon früher gemeldet, Nissen nennt.
Dann giebt es auch Abnormitäten, Nixen, welche nur bis zurHüfte menschliche Bildung tragen, unten aber in einem Fischschweifendigen, oder mit der Oberhälfte ihres Leibes als eine wunderschöneFrau und mit der Unterhälfte als eine schuppige Schlange erscheinen,wie eure Melusine, die Geliebte des Grasen Raimund von Poitiers.
Glücklicher Raimund, dessen Geliebte nur zur Hälfte eineSchlange war!
Auch kommt es oft vor, daß die Nixen, wenn sie sich mitMenschen in ein Liebesbiindnis einlassen, nicht bloß Verschwiegenheitverlangen, sondern auch bitten, man möge sie nie befragen nach ihrerHerkunft, nach Heimat und Sippschaft. Auch sagen sie nicht ihrenrechten Namen, sondern sie geben sich unter den Menschen sozusageneinen nom äo Znsrrs. Der Gatte der Kleveschen Prinzessin nanntesich Helias. War er ein Nix oder ein Elfe? Der Schwan, welcherihn ans Ufer führte, erinnert mich an die Sage von den Schwanen-sungfrauen. Die Geschichte von diesem Helias lautet in unserenVolksmärchen, wie folgt:
Im Jahre 711 lebte Beatrix, die einzige Tochter des HerzogsHeiners Werte. VIII. Bd. 6