82 Deutschland II.
Vvn Kleve. Ihr Vater war tot, urid sie war Herrin von Kleve undvielen andern Landen. Eines Tages saß das junge Burgfräuleinim Schlosse Vvn Nymwegen; es war schönes Wetter, die Luft warklar, und sie schaute hinab in den Rhein. Dort gewahrte sie einseltsamlich Ding. Ein Weiher Schwan glitt den Fluß hinab, und ertrug ein gülden Kettlein an seinein Halse. An der Kette war einNachen befestigt, den der Schwan vorwärts zog; in dem Nachen saßein schöner Mann; er hielt ein Goldschwert in der Hand, ein Jagd-horn hing an seiner Seite, und er trug einen kostbaren Ring amFinger. Der junge Mann sprang ans Land und führte lange Redenmit dem Fräulein; er sagte ihr, daß er ihr Land beschützen und ihreFeinde vertreiben werde. Der junge Mann gefiel ihr so gut, daßsie sich in ihn verliebte und ihn zum Gatten nahm. Aber er sagteihr: „Fraget mich niemals nach meinem Geschlecht und meiner Herkunft, denn an dem Tage, wo Ihr mich darnach früget, müßte ichvon Euch scheiden, und Ihr würdet mich niemals wiedersehen." Under sagte ihr noch, daß er Helias heiße. Er war von hoher Gestalt,ganz wie ein Riese. Sie hatten nachmals mehrere Kinder miteinander. Aber nach Verlauf einiger Jahre, einst in der Nacht, alsHelias bei seiner Gemahlin im Bette lag, sprach die Prinzessin, ohneder Warnung zu gedenken: „Herr, wollt Ihr nicht unseren Kindernsagen, woher Ihr gekommen?" Bei diesen Worten verließ Heliasseine Gemahlin, sprang in sein Schwanenschiff, und ward nimmermehr gesehen. Die Frau härmte sich ab, und starb vor Gram undReue im selbigen Jahre. Es scheint jedoch, daß er seinen drei Kindernseine drei Kleinodien, das Schwert, das Horn und den Ring zurückließ. Seine Nachkommen leben noch, und auf dem Schlosse zu Kleveerhebt sich ein hoher Turm, ans dessen Spitze ein Schwan steht; mannennt ihn den Schwanentnrm, zum Andenken an jenes Ereignis.
Wie oft, wenn ich den Rhein hinnbsuhr, und dem Schwanentürm Vvn Kleve voriiberkam, dachte ich an den geheimnisvollen Ritter,der so wehmütig streng sein Inkognito bewahrte, und den die bloßeFrage nach seiner Herkunft aus den Armen der Liebe vertreiben konnte.
Aber es ist auch wirklich verdrießlich, wenn die Weiber zu vielfragen. Braucht eure Lippcu zum Küssen, nicht zum Fragen, ihrSchonen! Schweigen ist die wesentlichste Bedingung des Glückes.Wenn der Mann die Gunstbezeigungen seines Glückes ausplaudert,oder wenn das Weib nach den Geheimnissen ihres Glückes neugierigforscht, dann gehen sie beide ihres Glückes verlustig.
Elfen und Nixen können zaubern, können sich in jede beliebigeGestalt verwandeln; indessen manchmal sind auch sie selber vonmächtigeren Geistern und Nekromantcn in allerlei häßliche Mißgebildeverwünscht worden. Sie werden aber erlöst durch Liebe, wie imMärchen Zemire und Azvr; das krötigc Ungeheuer muß dreimal