70 Deutschland II.
der Baum geleert wurde und alles Obst auf die Bänke und Hürdengetragen war, wo der Hirt sonst die Kirschen aufzubewahren Pflegte.Die Leute im Dorfe sprachen: „Das thut niemand anders als dieredlichen Zwerge, die kommen bei Nacht in langen Mänteln mitbedeckten Füßen herangetrippelt, leise wie Vögel, und schaffen denMenschen emsig ihr Tagewerk; schon einmal hat man sie heimlichbelauscht, allein man stört sie nicht, sondern läßt sie kommen undgehen." Durch diese Rede wurde der Hirt neugierig und hätte gerngewußt, warum die Zwerge so sorgfältig ihre Füße bärgen, und obdiese anders gestaltet wären als Menschenfüße. Da nun das nächsteJahr wieder der Sommer und die Zeit kam, daß die Zwerge heimlichdie Kirschen abbrachen und in den Speicher trugen, nahm der Hirteinen Sack voll Asche und streute sie rings um den Berg herum ans.Den andern Morgen mit Tagesanbruch eilte er zur Stelle hin, derBaum war richtig leer gepflückt, und er sah unten in der Asche dieSpuren von vielen Gänsefüßen eingedrückt. Da lachte der Hirt undspottete, daß der Zwerge Geheimnis verraten war. Bald aber zer-brachen und verwüsteten diese ihre Wohnungen und flohen tiefer inden Berg hinab, grollten dem Menschengeschlecht und versagten ihmihre Hilfe. Jener Hirt, der sie verraten hatte, wurde siech und blöd-sinnig fortan bis an sein Lebensende."
Die andere Tradition, die in Otmars Volkssngen mitgeteilt wird,ist von viel betrübsam härterem Charakter:
„Zwischen Walkenricd und Nenhof in der Grasschaft Hohensteinhatten einst die Zwerge zwei Königreiche. Ein Bewohner jener Gegendmerkte einmal, daß seine Fcldsrnchte alle Nächte beraubt wurden,ohne daß er den Thäter entdecken konnte. Endlich ging er ans denRat einer weisen Frau bei einbrechender Nacht an seinem Erbscnfeldeauf und ab, und schlug mit einem dünnen Stabe über dasselbe indie bloße Luft hinein. Es dauerte nicht lange, so standen einigeZwerge leibhaftig vor ihm. Er hatte ihnen die unsichtbar machendenNebelkappen abgeschlagen. Zitternd fielen die Zwerge vor ihm niederund bekannten, daß ihr Volk es sei, welches die Felder der Landesbewohner beraubte, wozu aber die äußerste Not sie zwänge. DieNachricht von den eingesungenen Zwergen brachte die ganze Gegendin Bewegung. Das Zwergvolk sandte endlich Abgeordnete, und boiLösung für sich und die gefangenen Brüder, und wollte dann ausimmer das Land verlassen. Doch die Art deS Abzugs erregte neuenStreit. Die LandeSeinwohner wollten die Zwerge nicht mit ihrengesammelten und versteckten Schätzen abziehen lassen, und das Zwerg-volk wollte bei seinem Abzüge nicht gesehen sein. Endlich kam mandahin übercin, daß die Zwerge über eine schmale Brücke bei Reuhofziehen, und daß jeder von ihnen in ein dorthin gestelltes Gefäß einenbestimmten Teil seines Vermögens als NbzngSzoll werfen sollte, ohnc