Gesläudnissr. 59
Kirche zu widmen »nd mich Rom zu schicken, um in einem dortigenSeminar katholische Theologie zn studieren; durch die einflußreichenFreunde, die der Rektor Schallineycr unter den Prälaten des höchstenRanges besaß, oersicherte er imstande zu sein, mich zn einem be-deutenden Kirchenamte zu fördern. Als mir dieses meine Muttererzählte, bedauerte sie sehr, daß sie dem Rate des geistreichen altenHerrn nicht Folge geleistet, der mein Naturell frühzeitig durchschauthatte und wohl am richtigsten begriff, welches geistige und physischeKlima demselben am angemessensten und heilsamsten gewesen seinmöchte. Die alte Frau bereute seht sehr, einen so vernünftigen Vor-schlag abgelehnt zu haben; aber zu jener Zeit träumte sie für michsehr hochfliegendc weltliche Würden, und dann war sie eine SchülerinRousseaus, eine strenge Dcistin, und es war ihr auch außerdem nichtrecht, ihren ältesten Sohn in jene Soutane zu stecken, welche sie vondeutschen Priestern mit so plumpem Ungeschick tragen sah. Sie wußtenicht, wie ganz anders ein römischer Abbate dieselbe mit einemgraeiöscn Schick trägt und wie kokett er das schwarzseidene Mäntelchcnachselt, das die fromme Uniform der Galanterie und der Schöngeistereiist im ewig schönen Rom.
O, welch ein glücklicher Sterbliche ist ein römischer Abbate, dernicht bloß der Kirche Christi, sondern auch dem Apoll und den Musendient. Er selbst ist ihr Liebling, und die drei Göttinnen der Anmuthalten ihm das Tintenfaß, wenn er seine Sonette verfertigt, die erin der Akademie der Arkadicr mit zierlichen Kadenzen rentiert. Erist ein Kunstkenner, und er braucht nur den Hals einer jungenSängerin zu betasten, um voraussagen zu können, ob sie einst eineLsksdsrriina, ountackrics, eine Diva,, eine Weltprimadonna sein wird,Er versteht sich auf Antiquitäten, und über den ausgegrabenen Torsoeiner griechischen Bacchantin schreibt er eine Abhandlung im schönstencicervnianischen Latein, die er dem Oberhaupte der Christenheit, demUonkitsx rnaxirnns, wie er ihn nennt, ehrfurchtsvoll widmet. Undgar, welcher Gemäldekenner ist der Signor Abbate, der die Maler inihren Ateliers besucht und ihnen über ihre weiblichen Modelle diefeinsten anatomischen Beobachtungen mitteilt. Der Schreiber dieserBlätter hätte ganz das Zeug dazu gehabt, ein solcher Abbate zuwerden und im süßesten ckoias law nisnta dahin zu schlendern durchdie Bibliotheken, Galerien, Kirchen und Ruinen der ewigen Stadt,studierend im Genüsse und genießend im Studium, und ich hätteMesse gelesen vor den auserlesensten Zuhörern, ich wäre auch in derheiligen Woche als strenger Sittenprediger auf die Kanzel getreten,freilich auch hier niemals in asketische Roheit ausartend — ich hätteam meisten die römischen Damen erbaut, und wäre vielleicht durchsolche Gunst und Verdienste in der Hierarchie der Kirche zu denhöchsten Würden gelangt, ich wäre vielleicht ein Nonsi^nors geworden,