Geständnisse. 49
positiven Religionen bekannte, den Ausenthalt in Preußen und zumalin Berlin verweigerten. Wie iZsnri IV. einst lachend sagte: ^?arisvaut bisn uns mssss/ so konnte ich mit Fug sagen: .lZsriin vaubbisn un prsokrs/ und ich konnte mir, nach wie vor, das sehr auf-geklärte und von jedem Aberglauben filtrierte Christentum gefallenlassen, das man damals sogar ohne Gottheit Christi, wie Schildkröten-suppe ohne Schildkröte, in den Berliner Kirchen haben konnte. Zujener Zeit war ich selbst noch ein Gott, und keine der positiven Reli-gionen hatte mehr Wert für mich als die andere; ich konnte ausCourtoisie ihre Uniformen tragen, ivie z. B. der russische Kaiser sichin einen preußischen Gardeoffizier verkleidet, wenn er dem König vonPreußen die Ehre erzeigt, einer Revue in Potsdam beizuwohnen.
Jetzt, wo durch das Wiedererwachen des religiösen Gefühls, sowieauch durch meine körperlichen Leiden, mancherlei Veränderung in nurvorgegangen — entspricht jetzt die lutherische Glanbensnniform einiger-maßen meinem innersten Gedanken? Inwieweit ist das offizielleBekenntnis zur Wahrheit geworden? Solcher Frage will ich durchkeine direkte Beantwortung begegnen, sie soll mir nur eine Gelegen-heit bieten, die Verdienste zu beleuchten, die sich der Protestantismus,nach meiner jetzigen Einsicht, um das Heil der Welt erworben; undman mag danach ermessen, inwiefern ihm eine größere Sympathievon meiner Seite gewonnen ward.
Früherhin, wo die Philosophie ein überwiegendes Interesse fürmich hatte, wußte ich den Protestantismus nur wegen der Verdienstezu schätzen, die er sich durch die Eroberung der Denkfreiheit erworben,die doch der Boden ist, auf welchem sich später Leibniz, Kant undHegel bewegen konnten — Luther, der gewaltige Mann mit der Axt,mußte diesen Kriegern vorangehen und ihnen den Weg bahnen. Indieser Beziehung habe ich auch die Reformation als den Anfang derdeutschen Philosophie gewürdigt und meine kampflustige Parteinahmesür den Protestantismus justifiziert. Jetzt, in meinen späteren undreiferen Tagen, wo das religiöse Gefühl wieder überwältigend in miraufwogt und der gescheiterte Mctaphysiker sich an die Bibel fest-klammert: jetzt würdige ich den Protestantismus ganz absonderlichob der Verdienste, die er sich durch die Auffindung und VerbreitungdeS heiligen Buches erworben. Ich sage: die Auffindung, denn dieJuden, die dasselbe aus dem großen Brande des zweiten Tempelsgerettet und es im Exile gleichsam wie ein portatives Vaterland mitsich herumschleppten das ganze Mittelalter hindurch, sie hielten diesenSchatz sorgsam verborgen in ihrem Ghetto, wo die deutschen Gelehrten,Vorgänger und Beginncr der Reformation, hinschlichen, um Hebräischzu lernen, um den Schlüssel zu der Truhe zu gewinnen, welche denSchatz barg. Ein solcher Gelehrter war der fürtrefsliche Rcuchlimis,und die Feinde desselben, die Hvchstraaten Ä Comp, in Köln, die
Heiue'S Werk e. VIII. Bd. 4