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8 (1898) Deutschland : 2
Entstehung
Seite
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46 Deutschland II.

Wesen sein). In dem prachtvoll grandiosen Buch Daniel steht dieseLegende, die ich nicht bloß dem guten Rüge, sondern auch meinemnoch viel verstockteren Freunde Marx, ja auch den Herren Feuerbach,Daumer, Bruno Bauer, Hengstenberg, und wie sie sonst heißen mögen,diese gottlosen Selbstgötter, zur erbaulichen Beherzigung empfehle.Es stehen überhaupt noch viele schöne und merkwürdige Erzählungenin der Bibel, die ihrer Beachtung wert wären, z. B. gleich im Anfangdie Geschichte von dem verbotenen Baume im Paradiese und von derSchlange, der kleinen Privatdocentin, die schon sechstausend Jahrevor Hegels Geburt die ganze Hegelsche Philosophie vortrug. DieserBlaustrumpf ohne Füße zeigte sehr scharfsinnig, wie das Absolute inder Identität von Sein und Wissen besteht, wie der Mensch zumGotte werde durch die Erkenntnis, oder, was dasselbe ist, wie Gottim Menschen zum Bewußtsein seiner selbst gelange. — Diese Formelist nicht so klar wie die ursprünglichem Worte: „Wenn ihr vomBaume der Erkenntnis genossen, werdet ihr wie Gott sein!" FrauEva verstand von der ganzen Demonstration nur das eine, daß dieFrucht verboten sei, und weil sie verboten, aß sie davon, die guteFrau. Aber kaum hatte sie von dem lockenden Apfel gegessen, soverlor sie ihre Unschuld, ihre naive Unmittelbarkeit, sie fand, daß sieviel zu nackend sei für eine Person von ihrem Stande, die StammMutter so vieler künstigen Kaiser und Könige, und sie verlaugte einKleid. Freilich nur ein Kleid von Feigenblättern, weil damals nochkeine Lyoner Seidenfabrikauten geboren waren, und weil es auch imParadiese noch keine Putzmacherinnen und Modchändlerinncn gab— o Paradies! Sonderbar, sowie das Weib zum denkenden Selbstbewußtscin kommt, ist ihr erster Gedanke ein neues Kleid! Auchdiese biblische Geschichte, zumal die Rede der Schlange, kommt mirnicht aus dem Sinn, und ich möchte sie als Motto diesem Buchevvrnnsetzen, in derselben Weise, wie man oft vor fürstlichen Gärteneine Tafel sieht mit der warnenden Aufschrift: „Hier liegen Fußangeln und Selbstschüsse."

Nach der Stelle, welche ich hier citiert, folgen Geständnisse überden Einfluß, den die Lektüre der Bibel auf meine spätere Geistes^cvolutiou ausübte. Die Wiedererweckung meines religiösen Gefühleverdanke ich jenem heiligen Buche, und dasselbe ward für mich ebensosehr eine Quelle des Heils, als ein Gegenstand der frömmigstenBewunderung. Sonderbar! Nachdem ich mein ganzes Leben hindurchmich auf allen Tanzböden der Philosophie herumgetrieben, allen Orgiendes Geistes mich hingegeben, mit allen möglichen Systemen gebuhlt,ohne befriedigt worden zu sein, wie Messaline nach einer liederlichenNacht jetzt befinde ich mich plötzlich auf demselben Standpunkt,worauf auch der Onkel Tom steht, auf dem der Bibel, und ich kuiee»eben dem schwarzen Betbruder nieder in derselben Andacht —