Geständnisse. 45
sobald er von der Sehne des Bogens fortfliegt, und daS Wort gehörtnicht mehr dem Sprecher, sobald es seiner Lippe entsprungen undgar durch die Presse vervielfältigt worden. Außerdem würden fremdeBefugnisse mir mit zwingendem Einspruch entgegentreten, wenn ichdas Buch ungedruckt ließe und meinen Gesamtwerken entzöge. Ichkönnte zwar, wie manche Schriftsteller in solchen Fällen thun, zueiner Milderung der Ausdrücke, zu Verhüllungen durch Phrase meineZuflucht nehmen; aber ich hasse im Grund meiner Seele die zwei-deutigen Worte, die heuchlerischen Blumen, die feigen Feigenblätter.Einem ehrlichen Manne bleibt aber unter allen Umständen das un-veräußerliche Recht, seinen Irrtum offen zu gestehen, und ich willes ohne Scheu hier ausüben. Ich bekenne daher unumwunden, daßalles, was in diesem Buche namentlich auf die große GottesfragcBezug hat, ebenso falsch wie unbesonnen ist. Ebenso unbesonnenwie falsch ist die Behauptung, die ich der Schule nachsprach, daß derDeismus in der Theorie zu Grunde gerichtet sei und sich nur nochin der Erscheinuugswelt kümmerlich hinfriste. Nein, es ist nichtwahr, daß die Vernunftkritik, welche die Beweistümer für das DaseinGottes, wie wir dieselben seit Anselm von Canterbury kennen, zer-nichtet hat, auch dem Dasein Gottes selber ein Ende gemacht habe.Der Deismus lebt, lebt sein lebendigstes Leben, er ist nicht tot, undam allerwenigsten hat ihn die neueste deutsche Philosophie getötet.Diese spinnwebige Berliner Dialektik kann keinen Hund aus demOsenloch locken, sie kann keine Katze töten, wieviel weniger einen Gott.Ich habe es am eigenen Leibe erprobt, wie wenig gefährlich ihr Um-bringen ist; sie bringt immer um, und die Leute bleiben dabei amLeben. Der Thürhüter der Hegelschen Schule, der grimme Rüge,behauptete einst steif und fest, oder vielmehr fest und steif, daß ermich mit seinem Portierstock in den Hallischcn Jahrbüchern tot-geschlagen habe, und doch zur selben Zeit ging ich umher auf denBoulevards von Paris, frisch und gesund und unsterblicher als je.Der arme, brave Rüge! er selber konnte sich später nicht des ehrlichstenLachens enthalten, als ich ihm hier in Paris das Geständnis machte, daßich die fürchterlichen Totschlagbltttter, die Hallischcn Jahrbücher, nie zuGesicht bekommen hatte, und sowohl meine vollen roten Backen, alsauch der gute Appetit, womit ich Austern schluckte, überzeugten ihn, wiewenig mir der Name einer Leiche gebührte. In der That, ich war damalsnoch gesund und feist, ich stand im Zenith meines Fettes und war soübermütig wie der König Nebukadnezar vor seinem Sturze.
„Ach! einige Jahre später ist eine leibliche und geistige Ver-änderung eingetreten. Wie oft seitdem denke ich an die Geschichtedieses babylonischen Königs, der sich selbst für den lieben Gott hielt,aber von der Höhe seines Dünkels erbärmlich herabstürzte, wie einTier am Boden kroch und Gras aß — ses wird wohl Salat ge-