Geständnisse. 35
Pflicht als Mann, dem schanzenden Cancan dieses Genies zu wider-sprechen. Es war um so notwendiger, da die Mitteilungen in ihremBuch »Vs 1'^.UsrunAug" sich auf Gegenstände bezogen, die denFranzosen unbekannt waren und den Reiz der Neuheit besaßen, z. B.alles, was Bezug hat auf die deutsche Philosophie und romantischeSchule. Ich glaube, in meinem Buche absonderlich über erstere dieehrlichste Auskunft erteilt zu haben, und die Zeit hat bestätigt, wasdamals, als ich es vorbrachte, unerhört und unbegreiflich schien.
Ja, was die deutsche Philosophie betrifft, so hatte ich unum-wunden das Schulgehcimnis ausgeplaudert, das, eingewickelt inscholastischen Formeln, nur den Eingeweihten der ersten Klasse bekanntwar. Meine Offenbarungen erregten hierzulande die größte Ver-wunderung, und ich erinnere mich, daß sehr bedeutende französischeDenker mir naiv gestanden, sie hätten immer geglaubt, die deutschePhilosophie sei ein gewisser mystischer Nebel, worin sich die Gottheitwie in einer heiligen Wolkenburg verborgen halte, und die deutschenPhilosophen seien ekstatische Seher, die nur Frömmigkeit und Gottes-furcht atmeten. Es ist nicht meine Schuld, daß dieses nie der Fallgewesen, daß die deutsche Philosophie fust das Gegenteil ist von dem,was wir bisher Frömmigkeit und Gottesfurcht nannten, und daßunsere modernsten Philosophen den vollständigsten Atheismus als dasletzte Wort unserer deutschen Philosophie proklamierten. Sie rissenschonungslos und mit bacchantischer Lebenslust den blauen Vorhangvom deutschen Himmel, und riefen: „Sehet, alle Gottheiten sind ent-flohen, und dort oben sitzt noch eine alte Jungfer mit bleiernenHänden und traurigem Herzen: die Notwendigkeit."
Ach! was damals so befremdlich klang, wird jetzt jenseits des:>!heins auf allen Dächern gepredigt, und der fanatische Eifer mancherdieser Prädikanten ist entsetzlich! Wir haben jetzt fanatische Mönchedes Atheismus, Großinquisitoren des Unglaubens, die den Herrn vondoltaire verbrennen lassen würden, weil er doch im Herzen ein ver-stockter Deist gewesen. So lange solche Doktrinen noch Geheimgutwer Aristokratie von Geistlichen blieben und in einer vornehmenKoterie-Sprache besprochen wurden, welche den Bedienten, die auf-wartend hinter uns standen, während wir bei unseren philosophischenHetits-Soupers blasphemierten, unverständlich war — so lange ge-hörte auch ich zu den leichtsinnigen Zoxrits korts, wovon die meistenh'ncn liberalen Grand-Seigneurs glichen, die kurz vor der Revolution:»it den neuen Umsturzideen die Langeweile ihres müßigen Hoflebenszu verscheuchen suchten. Als ich merkte, daß die rohe Plebs, der Jan-hagel, ebenfalls dieselben Themata zu diskutieren begann in seinenschmutzigen Symposien, wo statt der Wachskerzen und Girandolen-ur Talglichter und Thranlampen leuchteten, als ich sah, daßZchmierlappen von Schuster- und Schneidcrgesellen in ihrer plumpen
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