Geständnisse. II
Bettina Arnim, auch die Zeugnisse von Eckermann, schildern ergötzlichdie Not, welche uns die Sultanin des Gedankens bereitete, zu einerZeit, wo der Sultan der Materie uns schon genug Tribnlationeuverursachte. Es war geistige Einquartierung, die zunächst auf dieGelehrten fiel.*) Diejenigen Litteratoren, womit die vortreffliche Frauganz besonders zufrieden war, und die ihr persönlich durch den Schnittihres Gesichtes oder die Farbe ihrer Augen gefielen, konnten eineehrenhafte Erwähnung, gleichsam das Kreuz der b,sAiou ä'bonusur,>u ihrem Buche .Os l'^llswu^us" erwarten. Dieses Buch machtauf mich immer einen ebenso komischen wie ärgerlichen Eindruck. Hiersehe ich die passionierte Frau mit all ihrer Turbulenz, ich sehe, wiedieser Sturmwind in WeibSkleidern durch unser ruhiges Deutschlandfegte, wie sie überall entzückt ausruft: „Welche labende Stille wehtmich hier an!" Sie hatte sich in Frankreich echauffiert und kam nachDeutschland, um sich bei uns abzukühlen. Der keusche Hauch unsererDichter that ihrem heißen, sonnigen Busen so wohl! Sic betrachteteunsere Philosophen wie verschiedene Eissorten, und verschluckte Kantals Sorbett von Vanille, Fichte als Pistache, Schölling als Arleqnin!— „O, wie hübsch kühl ist es in euren Wäldern!" — rief sie be-ständig — „welcher erquickende Veilchcngeruch! wie zwitschern dieZeisige so friedlich in ihrem deutschen Nestchen! Ihr seid ein gutes,tugendhaftes Volk, und habt noch keinen Begriff von dem Sitten-verderbnis, das bei uns herrscht, in der kns ciu IZuo."
Die gute Dame sah bei uns nur, was sie sehen wollte; ein nebclHaftes Geisterland, wo die Menschen ohne Leiber, ganz Tugend, überSchneegefilde wandeln, und sich nur von Moral und Metaphysikunterhalten! Sic sah bei uns überall nur, was sie sehen wollte, undhörte nur, was sie hören und wiedererzählen wollte — und dabeihörte sie doch nur so wenig, und nie das Wahre, einesteils weil sieimmer selber sprach, und dann weil sie mit ihren barschen Fragenunsere bescheidenen Gelehrten verwirrte und verblüffte, wenn sie mitihnen disknrierte — „Was ist ein Geist?" sagte sie zu dem blödenProfessor Bouterwek, indem sie ihr dickfleischiges Bein auf seine dünnen,zitternden Lenden legte. „Ach," schrieb sie dann, „wie interessant istdieser Bouterwek! Wie der Mann die Augen niederschlägt! Das istmir nie passiert mit meinen Herren zu Paris, in der kus ciu Luv!"Sie sieht überall deutschen Spiritualismus, sie preist unsere Ehrlich-keit, unsere Tugend, unsere Geistesbildung — sie sieht nicht unsereZuchthäuser, unsere Bordelle, unsere Kasernen — man sollte glauben,
*) Dieser Satz tautet in der französischen Ausgabe, wie folgt: „Dieser Blau-strumpf war eine schlimmere Geißel, als der Krieg. Sie verfolgte unsere Gelehrtenbis in das Allerheiligste ihrer Gedanken, und mehr als einer, der dem Napoleonstandgehalten, ergriff oas Hasenpanier vor der furchtbaren Reisenden."
Der Herausgeber.