194 Severus. Jahr Christus 204. ZephyriuuS.
Da wurde die Seele des damals noch sehr jungen Origenes von einem sol-chen Verlangen nach dem Märtyrerthum ergriffen, daß er große Luft hatte,den Gefahren entgegen zu gehen und zum Kampfe hinzueilen und hinzu-stürzen. Und bereits war er nicht mehr weit entfernt von dem Ende seinesLebens, wenn nicht die himmlische Vorsehung Gottes zum Besten Vielerdurch seine Mutter seinem Entschlüsse in den Weg getreten wäre. Diesebat ihn zuerst inständig mit Worten, er möchte doch auf ihre mütterlicheLiebe zu ihm Bedacht nehmen; wie ste ihn aber auf die Nachricht, daß seinVater ergriffen und im Gefängniß sey, von Verlangen nach dem Märtyrer-thum ganz erfüllt und noch fester in seinem Vorhaben bestärkt sah, so ver-steckte ste alle seine Kleider und nöthigte ihn dadurch, zu Hause zu bleiben.Wie nun dem Orgincs bei seinem sein Älter weit übersteigenden Verlangennach dem Märtyrerthume nichts weiter zu thun übrig blieb, er aber auchnicht ruhig zu bleiben vermochte, so schrieb er einen Brief an seinen Vatervoll der dringendsten Ermunterungen zum Märtyrerthume, worin er ihnunter anderem mit den Worten ermahnte: »Hüte dich, daß du unsertwe-gen (l) deine Gesinnungen änderst!" Dieß mag als erste Probe des Ver-standes und der echtreligiösen Gesinnung des Origenes in seiner Kindheitaufgezeichnet seyn. Denn er hatte bereits einen sehr guten Grund in denLehren des Glanbens gelegt, und war von Kindheit an in der heiligenSchrift geübt. Auf dieß hatte er aber auch keinen geringen Fleiß ver-wandt, indem sein Vater neben dem Unterricht des Sohnes in den gewöhn-lichen Schulwissenschaften , (2) sein Hauptaugenmerk darauf richtete. Erließ ihn daher vor allem andern und vor Erlernung der Wissenschaften derGriechen (Z) in den Lehren der Religion unterrichten und Origenesmußte jeden Tag einige Stellen aus der heiligen Schrift auswendig lernenund hersagen. Dieß that der Knabe nicht nur nicht mit Widerwillen,sondern er trieb es mit der größten Lust, so daß er sich nicht mit dem bloßenLesen leicht verständlicher Stellen der heiligen Schrift begnügte, sondernetwas mehr suchte und bereits dem tiefern Sinn nachforschte. Ja, Orige-nes machte sogar seinem Vater zu schaffen mit Fragen, was denn der tiefereSinn der von Gott eingegebenen heiligen Schrift sey. Dieser verwies esihm zwar dem Scheine nach in das Gesicht und ermahnte ihn, nicht über dasnachzugrübeln, was über seine jugendliche Fassungskraft, oder über denoffen darliegenden Sinn hinausginge, für sich selbst aber im Stillen freuteer sich höchlich und stattete Gott, dem Urheber alles Guten, den größtenDank dafür ab, daß er ihn für würdig erachtet habe, der Vater eines sol-chen Sohnes zu werden. Ja, man erzählt sich, er habe sich oft, wenn derKnabe schlief, demselben genähert, seine Brust entblöst, dieselbe als einenTempel, in dem sich der heilige Geist eine Wohnung bereitet habe, vollEhr-
(1) Er meinte auch seine sechs jü'ngcrn Geschwister.
(2) Dieß waren im Altcrthume die Grammatik, Arithmetik, Geometrie und Rhetorik.
(3) Hierunter wurden nächst den vorgenannten Wissenschaften noch besonders Philo-sophie und Dialektik verstanden.