Druckschrift 
Urkunden-Buch der Familie von Zwehl : nebst Kunstbeil., Textbildern, Stammbäumen u.e. Anh., enth. Beitr. zu e. Familiengeschihichte
Entstehung
Seite
73
Einzelbild herunterladen
 

73

Die von barmherzigen Schwestern geleitete Anstalt wurde am 6. November 1836 eröffnet, jedochnach Vertreibung der Schwestern in den siebenziger Jahren aufgelöst. Seit 1876 sind dieWaisenmädchen im Knabenwaisenhaus mit untergebracht.

Den Tag der silbernen Hochzeit des Oberamtsrichters von Zwehl zu Alfeld am 3. Sep-tember 1879 feierte das Waisenhaus durch ein kleines Festmahl in der Anstalt und durch einenAusflug auf den Iberg. Ebenso wurde der Hochzeitstag des Premier-Lieutenants Carl Josephvon Zwehl zu Bremen am 28. September 1893 festlich begangen.

Es wird dies nur erwähnt, damit sich die Familienmitglieder bei besonders frohen Er-eignissen der armen Waisenkinder erinnern und diese an ihrer Freude theilnehmen lassen. Mögedies zu einer schönen Sitte in der Familie werden.

Der grosse Brand in Heiligenstadt,

Zur Erinnerung an den 1. März 1739. *)

üinhundertneunundfünfzig Jahre waren am 1. März 1898 im Strome der Zeiten, seitjenem Unglückstage, dahingerauscht, an dem das alte Heiligenstadt durch eine furchtbare Brand-katastrophe bis auf einen geringen Rest zerstört wurde.

Nach fast hundertjähriger Ruhe hatte sich die Stadt allmählich von den Wirrnissen desDreissigjährigen Krieges erholt. Der arbeitsfreudige, genügsame Bürger hatte durch zähen Fleissnach und nach behäbigen Wohlstand wiedergeschaffen. Neben Ackerwirtschaft blühte eine leb-hafte Hausindustrie, die ihre Erzeugnisse bis weit in den Norden hinein vertrieb. Die zahlreicheBeamtenschaft des alten Kurstaates brachte Geld unter die Leute und alles lebte in Zufriedenheitund einem behaglichen Glück.

Um so schrecklicher wirkte die plötzliche, unvorhergesehene Katastrophe. Es war amNachmittage des 1. März. Der grösste Teil der Einwohnerschaft befand sich in der von denJesuiten gestifteten Todesangstbruderschaft, als plötzlich Feuerlärm erscholl. In der windischenGasse war in einer Scheuer der Brand entstanden. Zwei junge Mädchen, die die Abwesenheitihrer Mutter benutzten, um sich einen Eierkuchen zu backen, waren zu unfreiwilligen Brand-stiftern geworden. Da die Mutter unvermutet frühzeitig zurückkehrte, verbargen die Unbesonnenenin plötzlichem Schreck die glühende Pfanne unter dem Stroh in der Scheuer. Dieses entzündetesich und, von den aufgehäuften Vorräten reichlich genährt, verbreitete sich das rasende Elementmit grosser Schnelligkeit. Der heftige Südwind trug die Flammen in die Neustadt und von hierin die Altstadt. Nach kurzer Zeit standen überall Gebäude in Flammen. Die Bürger waren aufden ersten Feuerlärm hin aus der Kirche zur Feuerstelle geeilt und hatten mit den damals sehrunvollkommenen Hilfsmitteln des Feuers Herr zu werden versucht. Nachdem jedoch an allenEcken Häuser zu brennen anfingen, eilte jeder zu seinem Eigentum, um hier nach MöglichkeitVieh und Hausgerät zu retten. So kam es, dass keiner den andern unterstützte und von einemplanmässigen Einschreiten gegen das Feuer keine Rede war.

Gegen 10 Uhr nachts drehte sich plötzlich der Wind von Westen nach Nordosten, wo-durch auch der bisher verschonte Teil der Stadt bis ans Geisleder Thor in Flammen gesetztwurde. Inzwischen hatten die Sturmglocken die Landbewohner aus den nächsten Dörfern herbei-gerufen, doch auch diese vermochten nichts zu thun. Plötzlich ergriffen die Flammen auchHeiligenstaclts ehrwürdigstes Gotteshaus, die Kirche zuUnser lieben Frau". Nur mit Auf-

') Veröffentlicht in der HalbmonatsschriftNiedersachsen" Nr. 12/1898.

10