Druckschrift 
2 (1880) 1835 - 1847
Entstehung
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Charfreitag in der Sixtina.

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wird alles recitirt, wobei, nach Anzahl der Silben, jeder ein-zelne Ton verschiedentlich angeschlagen wird. Natürlich istdabei von Ausdruck nicht die Eede. In einem gewissen Pathos,aber doch zugleich mit merklicher Eile werden die Worte ab-gesungen. Es interessirte mich im höchsten Grade, und meineAufmerksamkeit liess nicht einen Augenblick nach. Ich dachtedabei beständig an Seb. Bach. Jene starren Formen des Ge-sanges erinnerten mich auf's Lebhafteste an die uralten Mo-saiken, nur finde ich jene noch steifer und todtälmlicher. IhreAelmlichkeit aber ist sehr denkbar, denn sie sind Kinder einerverwandten Zeit. Auch glaube ich, in einer byzantinischenKirche würde mich jener Gesang als nicht unpassend ange-muthet haben, hier aber, in der Sixtina, wo sich die bildendeKunst im höchsten Moment der Vollendung, ja fast der Ueber-reife zeigt, tritt er in einen grellen Widerspruch der Ver-steinerung und Armseligkeit, wo hingegen die eigentlichenGesänge der six tinischen Capelle (ein ausgebildetes Musikstückin dem Sinn unserer grossen Meister habe ich überall nichtdrin gehört) wieder einen viel spätem Charakter haben, dender Siissigkeit, und eines fast Roccocostyls. Ich drücke michmit Absicht stark aus, um mir selbst für die Folge klar zubleiben. Der eigentliche Gipfel der Kunst ist für die Musiknicht repräsentirt, er würde es mehr sein, wenn sie den ein-fachen Gesang einfacher vortrügen, doch davon nachher.

Nach der Passion erschien der Papst, und es ward einelateinische Rede mit grossem Pathos und [unermesslichem Ge-schrei gehalten, hierauf kamen die Gebete, es wird nämlichrubrikenweise für, wirklich, Gott und die Welt gebetet, undbei jeder Rubrik beugten der Papst und die Kardinäle das Knie.Auch diese so uralte, einfache und schöne Handlung der Kreuz-anbetung hat die katholische Kirche wie so manches Anderezur possenhaften Aeusserliclikeit heruntergesetzt, und knixtwie die Weiber beim Kaffeebesuch. Nur das Gebet für die