Die Familie Mendelssohn. 1729-1847. Nach Briefen und Tagebüchern. Von S. HENSEL. Mit 8 Portraits, gezeichnet von Wilhelm Hensel. II. Zweite durchgesehene Auflage. BERLIN. B. Belir's Bu.ch .liaTicllTj.rLg (E. Bock) 3, Unter den Linden. 1880. II. THEIL. 1835—1847. Ich nenne den den Glücklichsten, Der ohne Kummer der Welt Erhabenheit geschaut Und eilig dann zurückgekehrt, von wo er kam; Die Sonne, die allen leuchtet, Sterne, Feuer, Meer, Der Wolken Zug — und wenn du hundert Jahre lebst, Nichts andres siehst du, als in wenigen Jahren auch. Erhab neres aber schaut des Menschen Auge nie. — ( Menander.) Jung rufen die Götter, wen sie lieben, aus der Welt, (Menander.) Inhalt. Seite 1836—18B9 1 Italien 65 Neapel bis Berlin 138 1841. Hier sind wir denn vorerst ganz still zn Hans . . . 178 Die Jahre 1842 und 1843 201 Heise- und Heimatkbriefe 213 Wiedersehen in Italien 348 Sckluss 364 1836—1839. Der Winter 1835/36 verging trübe; ein jeder musste suchen, sich mit dem grossen erlittenen Verlust vertraut zu machen. In Felix setzte sich die verschlossene, beinahe verzweifelte Stimmung so fest, dass es. bei Fanny zur lebendigsten Ueberzeugung wurde, es müsse wirklich für ihn ein neues Leben anfangen, er müsse heirathen. Sie besprach es mit Felix und entnahm zu ihrer innigen Freude aus dessen Aeusse- rung „er wolle sich nächsten Sommer am Rhein umsehen", dass es wohl nicht so ganz in's Ungewisse hinein nöthig sein werde, sich umzusehen. — Was hätte ihn sonst bewogen, gerade am Rhein Z u suchen? — Wir werden sehen, wie glücklich ersuchte und fand. Aus dem Anfang 1836 (31. Januar) sei hier wieder ein Brief vön Fanny an Klingemann mitgetheilt: „Ich will den Brief an Sie anfangen, damit er angefangen sei, und ich ihn dann gelegentlich weiter schreiben und gelegentlich abschicken könne. Die Korrespondenz mit Ihnen ist so erfreulicher Art, dass sie die einzige ist, die ich fortsetze, und willentlich gewiss nicht in's Stocken gerathen lassen werde. Denn schriftlich, wie im Leben liebe ich solchen Umgang, vor dem man sich auch einmal maussade und maulfaul zeigen darf, ohne dass der Andere gleich Absicht oder Beleidigung darin sieht. Man muss auch einmal einen Brief schreiben dürfen, in dem nichts steht, als „guten Tag, antworten Die Familie Mendelssohn. II. 1 2 1836—1839. Sie bald." Und das darf ich ja liier. Viel mehr steht mir wahrhaftig heut nicht zu Gebot. —■ 4ten Februar. Es ist sehr wahr, was Sie über ein neues Jahr und über Zeitabschnitte schreiben. Es ist uns diesmal ähnlich ergangen, und wenigstens der Ausgang Januar hat uns doch ein ganz anderes Gesicht gezeigt, als das Ende des vorigen Jahres; man fühlt sich unwillkürlich einer Bürde los, indem man eine Jahreszahl für immer ablegt, die wechselvolle Tage einschloss. Es ist ein Vorurtheil, eine Einbildung, wenn wir aber alles Eingebildete mit den Jahren ablegen wollten, • da ginge gar zu viel Wahres, Wirkliches, mit. — Wir haben das Musikmachen zuerst wieder an den Paulus geknüpft, von dem uns Felix zu Weihnachten einige Nummern hier liess, welche wir gestern an seinem Geburtstage mit wenigen auserwählten Personen gesungen haben. Wir haben grosse Freude daran, und zum Wenigsten das Bewusstsein, dass Vater noch dieses Genusses tlieilhaftig geworden, indem die kleine Woringen'sche Gesellschaft Melireres daraus, leider nach unserer Abreise von Düsseldorf, höchst vortrefflich gesungen haben soll. Vater hatte grosse Freude daran, und fand namentlich die Predigt Stephani mit den folgenden Musikstücken ganz neu. Es ist merkwürdig, und Felix und ich haben oft mit Verwunderung bemerkt, wie man, ohne eigentliche technische Kenntnisse der Sache, ein so scharfes und oft so unwiderleglich richtiges Urtheil haben konnte, wie Vater in der Musik. Er selbst beklagte sich oft, namentlich in der letzten Zeit, dass ihm kein Talent zu Theil geworden sei, aber das war, wie ich glaube, das hervorstechend Charakteristische in ihm, dass alle Fähigkeiten, wie auch alle Organe des Schädels in der schönsten, reinsten Harmonie gleichmässig entwickelt waren, woraus eine Uebereinstimmung des Gefühls mit der Ansicht, und beider mit dem Handeln entstand, wie man es wohl niclit leicht wieder finden möchte. Er bildete recht eigentlich den Mittelpunkt für uns alle, und nur zu schmerzlich vermissen wir ihn. In tausend Kleinigkeiten fühlt man seine Abwesenheit, und muss sich erst konstruiren, wie das anders geworden wäre, wenn er lebte. Das Zusammenleben meiner Mutter und Schwester Brief an Klingemann. 3 gestaltet sich übrigens zu Beider Elire, wie das nicht anders zu erwarten war, und ich kann namentlich auch meinen Schwager Dirichlet in dieser Beziehung nicht genug loben. Paul versieht als sorgsamer Hausvater die Interessen der Familie, und ich glaube, wenn Vater zurücksehen kann auf die Seinigen, so wird er nicht unzufrieden sein mit der Art, wie sein Haus geführt wird. Hensel arbeitet jetzt fleißig an seinem Bilde, von dem Sie sich der ersten Zeichnung erinnern werden (Auszug der Israeliten aus Aegypten, Mirjam an der Spitze), die Farbenskizze hatte er mir zu meinem Geburtstage geschenkt, und sie war des Letzte, was Vater genau und mit Antheil sah, sehr davon erfreut war, und nur einige Bemerkungen darüber machte, die Hensel noch alle benutzt hat. Das Bild wird, glaube ich, sehr schön werden. 8 ten Februar. Mein Brief fängt an, Metliusalem's Alter zu erreichen, und ich muss nachgerade daran denken, ihn gar hinaus zu schreiben. — Führen Sie nur Ihren Vorsatz aus, Pfingsten zum Musikfest zu kommen, Sie werden sich und Felix eine grosse Freude damit bereiten. Ein solcher rheinischer Pfingsttag kann einen mit so manchem in Deutschland versöhnen. Leider wird diese Freude wohl zu den unerreichbaren für mich gehören; dafür waren wir neulich einmal wieder in der Singakademie und haben zu unserem Aerger und Skandal Israel in Aegypten aufführen hören. Wie dies Institut auf den Hund gekommen, davon hat Niemand einen Begriff, leider auch fast Niemand im Publikum, denn meine Berliner „haben ein härter Angesicht denn ein Fels, und wollen sich nicht bekehren." Es wäre auch wirklich nur wegen einer Kleinigkeit, die man Pflicht und Gewissen nennt, wenn der Direktor der Akademie sich Mühe geben wollte, denn dass seine Aufführungen anders sind, als die der Passion durch Felix, das wissen hier nur Wenige. Ueberhaupt habe ich jetzt (und Hensel nicht weniger) einen Degoüt vor Berlin, der sich schwer beschreiben lässt. Wer hier nicht die Zufriedenheit in sich und seiner Familie findet, ist verloren. Um sich herum darf man gar- nicht sehen, da sieht man Nichts als eine trostlose Oede in Politik, Kunst und Natur. Und Preussen, das einst nach dem 1* 4 1836-1839. Rulim strebte, an der Spitze der Civilisation zu stehen, nimmt jetzt Massregeln, die man in Oesterreich anfängt zu vergessen. Sie werden von der Unterdrückung der französischen Zeitungen, von dein Verbot gewissen Papierhandels, von dem Interdikt gegen die jungen Schriftsteller gehört haben. Andere, ganz tolle Massregeln stehen bevor. Und bei dem allen herrscht eine gewisse lache Billigkeit, wodurch sie sich um den ganzen beabsichtigten Erfolg bringen, go sind die Zeitungen bis zum ersten April erlaubt, — so lange die Abonnements laufen. Einstweilen werden die Verbote nun in Paris bekannt, sie schütten ihren ganzen Spott über uns aus, und das wird alles noch gelesen. Allgemein ist man der Meinung, dass das Verbot garniclit in Kraft treten wird. Hier macht jetzt ein polnischer Jude Aufsehen, der auf einem Instrument, das aus einigen Strohbündeln und Holzstäben - besteht, eine fabelhafte Virtuosität besitzen soll. Ich würde es nicht glauben, hätte es nicht Felix geschrieben. Gesehen habe ich ihn und kann versichern, dass er ein ungemein schöner Mensch ist. Er kokettirt mit strengem Judenthum in Kleidung und Lebensart, und macht Glück bei Hof damit. Ich könnte Ihnen darüber eine sehr passende jüdische Redensart schreiben, wenn Sie sie nur verständen. 12 ten Februar. Ich habe das Phänomen gehört, und versichere Sie, ohne so entzückt davon zu sein, wie Manche, dass er alle Virtuosität auf den Kopf stellt, denn er macht auf semen Holzstäben, welche mit Holzstäben geschlagen werden und auf einem Strohlager liegen, was nur auf dem vollendetsten Instrument möglich ist. Wie mit solchem Material der geringe Ton, den das Ding von sich giebt, und der dem der Papagenoflöte am nächsten kommt, erzeugt werden kann, ist mir noch em RäthseL Sehr politisch lässt er es vor den Augen des Publikums zurechtlegen, scheint überhaupt ein Fuchs erster Klasse zu sein. Ich mache Sie auf besagten Gusikow aufmerksam, wenn er nach London kommt. Es ist nur eine Stimme unter uns, dass Vater sich höchlich für ihn interessirt haben würde, hätte er ihn gehört. Der Minister Altenstein hat sich sehr über die Zeichnung Brief au Klii) gern arm. 5 gefreut, die Hensel von der Austin gemacht hat; er verehrt sie hoch und sagt, sie sei die einzige Person, die ihn jemals verstanden, was Sie, der Sie ihn nicht kennen, nur halb so komisch finden können, als es wirklich ist. — Es ist aber Zeit, diesen endlosen Brief zu schliessen, ich sollte bedenken, dass in London, die langen Zeitungen und die weiten Wege wohlerwogen, der Tag einige Stunden weniger hat, als anderswo. — Ich bitte, schreiben Sie mir doch ein wenig Politik. Unsere Zeitungen sind so dumm, dass man weniger als nichts daraus erfährt. Ich glaube, Jemand, der acht Jahre in London war, verliert gänzlich die Anschauung von so einem Dinge, wie die Spiker'sche Zeitung hier ist. Karaibiscli!" — Felix hatte im Winter 1835/36 den Paulus beendet, und derselbe kam auf dem Düsseldorfer Musikfest Pfingsten 1836 zur ersten Aulführung. Ursprünglich wollten nur sein Bruder Paul und dessen Frau reisen. Im letzten Augenblick entschloss sich Fanny, dieselben zu begleiten. Die dringenden Bitten der Woringen'schen Familie, die noch ein Eckchen in ihrem Hause leer hatten, und dies bei einem Musikfest für ein unverzeihliches Verbrechen gehalten hätten, die Aussicht Klingemann und tausend Bekannte zu treffen, vor Allem der Wunsch, den Paulus bei seinem ersten Eintritt in die Welt zu hören, lockten sie. Ersterem wurde das Vorhaben in einem Doppelbrief der Schwestern gemeldet: Berlin, 26. März 1836. Fanny: „AVer zum Fest nach dem Rhein geht? Ich und meine Mutter *) und Pauls, die ich allenfalls auch zuerst hätte nennen können. Dieser Brief nun soll nicht wie jener aus Beulogne ein Brand- und Drohbrief für Sie sein (damals war ich ernstlich böse, denn ich glaubte, Sie wollten nicht kommen), sondern ein sehr genteeler Bettelbrief, worin nichts steht als: Kommen Sie doch auch. Ich glaube wohl, dass Sie wollen werden, wenn es möglich ist, aber lassen Sie es möglich sein. Es giebt mehrere Arten von Möglichkeiten, unter denen ich *) Lea blieb schliesslich doch zurück. 6 1836-1839. Sie bitte, die zu wählen, die es Ihnen möglich macht, nach Düsseldorf zu kommen. Bedenken Sie Alles, was Sie schon von selbst bedenken werden und handeln Sie nach unserer besten Ueberzeugung. •—Wie sein es mich interessirt, Felixens erstes ganz grosses Werk zum ersten Male geben zu hören, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen, die weite Reise um dieses Zwecks wegen beweist es. Indessen würde ich doch vielleicht nicht Mann und Kind hier verlassen haben um dieses Zwecks wegen (wenigstens rede ich es mir jetzt ein), hätte sich nicht Mutter, eigentlich gegen unser Aller Ansicht, so bestimmt erklärt, die Reise machen zu wollen, wo es denn vielleicht besser ist, ich bin dabei als nicht dabei. Warum hat das der Vater nicht erleben dürfen? Wie ihm der Paulus an's Herz gewachsen war, das können Sie garnicht wissen; er wäre gewiss hingegangen. Rebecka: Ich sollte eigentlich neidisch sein und Ihnen abreden nach Düsseldorf zu gehen, da die Andern schon ohnedies Plaisir genug haben werden und Sie in Düsseldorf noch weiter von Berlin entfernt sind, als in London; ich führe aber die Grossmuth des Scipio auf und sage Ihnen: Gehen Sie nach Düsseldorf. Ein rheinisches Musikfest muss man erlebt haben, um wieder den alten Traum vom alten Deutschland zu träumen, der dem Londoner in seinem Weltgewülil, dem Berliner in seiner sandigen Kritik aus dem Gedächtnisse entrückt ist. Lassen Sie sich keine freudige Emotion entgehen, zu der Sie das Musikfest unfehlbar liinreissen muss, erstlich als Menschen mit Augen und Ohren und noch besonders als Felixens Freund. Leider muss ich nur der Prediger sein, oder der Wegweiser nach Düsseldorf, muss meine Arme ausbreiten und stehen bleiben, aber gern geschieht's nicht. Hierher kann ich Sie nun gar nicht mit gutem Gewissen einladen, da ich Jedem, dem ich wohl will, den Rath gebe, Berlin den Rücken zu kehren. Sie haben keinen Begriff davon, wg,s das jetzt für ein Nest ist. Um desto edler wäre es freilich, wenn Sie eine alte Freundin durch Ihren Besuch erfreuen wollten, beinahe so edel als sie es selbst ist, Ihnen zum Mu- Heise zum Musikfest. 7 sikfest zuzureden, denn eigentlich liegt diese Grossmath gar nicht in meinem schwarzen Charakter. Dirichlet empfiehlt sich und wünscht Ihre Bekanntschaft; unter uns gesagt, ich bin überzeugt, er hat ein Yorurtlieil gegen Sie, obgleich er nie etwas davon gesagt hat, da Sie hier eine der wenigen geheiligten Personen sind, über die erstens Alle einer Meinung sind, und gegen den Keiner erlaubt, was zu sagen. Aber er ist ebenso ein Widerspruchsgeist wie wir Alle, so kommen, sehen und siegen Sie denn. Von Dr. S. habe ich nun wieder soviel Vollkommenes von allen Seiten gehört, dass ich nicht umhin kann, ihn bis zu persönlicher Bekanntschaft recht unausstehlich zu finden." In Frankfurt a. M. Ward Dorothea Schlegel besucht, an deren grosser Rüstigkeit im 72sten Jahr sich Alle erfreuten. Von Bingen aus wurde eine Parthie auf die Drusenburg gemacht „und da nahm ich mir eigentlich vor", schreibt Fanny, „Dir, liebe M., die Gefühle zu beschreiben, die Du gehabt hättest, wenn ich Dich da aus der Tasche hätte ziehen und wie das Rheinpanorama auseinanderfalten können. Nachher aber waren wir den ganzen Tag auf unsern eigenen oder fremden Esels- heincn (lache nur nicht höhnisch, ich habe mich so tapfer gehalten, wie irgend ein Ritterfräulein) und Abends w r aren Wir hundemüde, dass ich keinen Humor mehr zu langen Beschreibungen auftreiben konnte; d'rum wisse nur trockenst, dass wir Prinz Friedricli's Rheinstein bestiegen haben, einen so hübsch bestussten (lass' Dir von Wilhelm erklären, was das ist) Landsitz, wie ihn nur je ein edler Raubritter gehabt haben kann, voller bunter Glasfenster (hätte ich nur eins für Wilhelm und Rebecka ausheben können, sie sind nirgends für Geld zu haben), eisernen Popanzen, Bechern, aus denen man nicht trinkt, Schwertern, die man nicht zieht, Stühlen, die man nicht besetzt, Kanonen (sehr anachronistisch), die man nicht löset; allerliebst anzusehen und grässlich zu bewohnen. Dann waren wir noch auf dem Niederwald und in Johannisberg." — Von Köln schrieb Fanny einen sehr katzenjämmerlichen Brief an ihren Mann, in dem sie den ganzen Reise-Entscliluss bereut: sie war noch nie seit ihrer Verheirathung ohne ilui 8 1836—1839. gereist, und gerade" liier, wo voriges Jahr das bunteste, bewegteste Leben geherrscht hatte, machte sich der Contrast um so fühlbarer. Diese Stimmung verlor sich aber in Düsseldorf, wo Sie bei Woringen's „mit dem bekannten liebeswürdigen Geschrei empfangen wurde, welches Einem kmul tlmt, dass man gern gesehen ist." Gleich denselben Nachmittag war die erste Orchesterprobe des ersten Theils von Paulus. „Ihr könnt Euch denken, mit welcher Spannung ich dieser Probe entgegensah. Die Ouvertüre ist wunderschön, die Idee, den Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme" grade zur Einleitung des Paulus zu benutzen, fast witzig, herrlich in der Ausführung. Er hat den Orgelklang prächtig im Orchester getroffen. Die Chöre gehen schlagend, Solos wurden gestern nicht gesungen. Die Stelle mit der Erscheinung klingt ganz anders, als ich sie mir dachte, aber so wunderschön, so überraschend und ergreifend, wie ich Weniges in der Musik kenne. Es ist der Gott, der im Sturm daher fährt. Als nach dem folgenden Chor „Mache Dich auf, werde Licht" ein lautes Beifallsklatschen, Bravorufen und Tuschblasen erfolgte, dankte ich Gott, dass Du, liebe Mutter, nicht liier bist, denn nach dem Eindruck zu schliessen, den diese erste unvollkommenste Probe auf die Anwesenden machte upd auf mich, die ich doch jünger, stärker und weniger lebhaft von Empfindung bin, als Du, hättest Du es nicht aushalten können, es wäre Dir ohne Frage' zu viel geworden. — Ich fühle mich aber wahrhaft beschämt, die Einzige zu sein von Euch, der ihr gutes Glück gestattet, dies mitzuerleben. Wie gönnte ich es Euch Allen! — Ich erinnere mich nicht eines ähnlich starken Gefühls von Freude und Traurigkeit zugleich. — Nach der Probe ging Felix mit zu Hause, und wir blieben munter zusammen bis halb zwölf. Ich hätte es mir nicht möglich gedacht, ausser meinem Hause mich irgendwo in der Welt so wohl zu fühlen, wie bei diesen lieben herrlichen Menschen. Wärst Du doch mit hier, lieber Wilhelm, es ist wirklich ein angenehm behagliches Gefühl, so zu Hause und auch nicht zu Hause zu sein. Ich freue mich aber doch nicht wenig auf das wirkliche zu Hause. — Erste Paulusauffübrung. 9 Ach Beckchen! Eine Ouvertüre zur Leonore haben wir ke nnengelernt: ein rares Stück! Sie ist notorisch nie gespielt worden, sie gefiel Beethoven nicht, und er legte sie hei Seite. Der Mann hat keinen Geschmack gehabt! Sie ist so fein, so interessant, so reizend, wie ich wenig Sachen kenne. Haslinger hat eine ganze Auflage gedruckt und giebt sie nicht aus. Vielleicht thut er's nach diesem hiesigen Erfolg." — Am zweiten Tage wurde die 9. Symphonie aufgeführt. Ein Beweis dafür, dass wirklich auch bei den musikalischsten Menschen lange Zeit und tiefe Bekanntschaft mit diesem-Werk dazu gehört, um es gerecht zu würdigen, ist, was Fanny, die sie bis dahin nur aus dem Lesen der Partitur gekannt hatte, über die Aufführung schreibt: „Diese kolossale 9. Symphonie, die so gross und zum Theil so abscheulich ist, wie nur der grösste Mann sie machen kann, ging wie von Einem execu- tirt: die feinsten Nüancen, die verstecktesten Intentionen kamen an den Tag, die Massen sonderten sich, sie ward verständlich, und ist denn also wirklich zum grössten Theil hinreissend schön. Ein kolossales Trauerspiel, mit einem Schluss, der dithyrambisch sein soll, aber nun auf seiner Höhe umschlägt und in sein Extrem fällt, in's Burleske." Fanny schliesst den Bericht ihrer Reise in.ihrem Tagebuch mit den Worten: „Ich fühle wohl, dass es für eine Frau kerne Vergnügungsreise ohne Mann und Kind geben kann, und werde mich auch nie ohne Noth von Einem von ihnen oder Beiden trennen." — An Klingemann aber schrieb sie: Ilten Juni 1836. Motto: Luft im Laub und Wind im Rolir Und Alles ist zerstoben. „Und war doch schön! Bis ich nun aber nicht aus Düsseldorf erfahre, wie Sie dort mit einander bis zum nächsten Tage gelebt, von Ihnen, wie Sie abgereist, welche Miene Ihnen Brüssel und Antwerpen 10 1836—1839. gewiesen und wie Sie London angedampft, von Felix, wie er den Weg nach Frankfurt gefunden, bleibt mir die Erinnerung abgeschnitten undlich vermisse etwas. — Das Doppelleben im Becker'schen Saal und Garten und im Woringen'schen Hause war doch wirklich erfreulicher Art, und wenn das Leben in Ihrer Weltstadt Momente darbietet, die wir in unsrer deutschen Kleinbiirgerei kaum verstehn, so gehört doch wiederum ein rheinisches Musikfest zu den Gestaltungen, deren Ahnung nicht durch den englischen Nebel dringt. Und wenn Sie und ich gewiss besonderen Grund zu besonderer Freude hatten, so kann es nicht fehlen, dass wir es mit Vergnügen nochmals gegen einander aussprechen. Felix ist doch ein geborener Kapellmeister, und ausser einem geborenen noch ein geübter. Wenn man so sieht, wie Unerhörtes, kaum glaublich Scheinendes möglich ist, wenn der rechte Mann an der Spitze steht, fällt es einem bitterschwer auf's Herz, wie selten der Platz seinen Mann und der Mann seinen Platz findet. Es sähe anders in der Welt aus, wenn das immer geschähe und wenn es so einen kleinen Sonnenweiser gäbe, der namentlich Eltern anzeigte, wohin sie ihre Kinder zur Erziehung leiten sollen. Das ist ja die eigentliche Erziehung, und wie selten wird die ausgeübt. Es mag wohl kaum einen so von Gott verlassenen Menschen geben, dass er nicht etwas leisten könnte, aber er findet's nur nicht. Zu Felix zurückzukehren, habe ich meine besondere Freude gehabt, wie klug und richtig er mit den Leuten umgeht und wie er sie, ganz ohne Absicht, nur weil es so recht ist, in sein und der Sache Interesse zu ziehn weiss. Und nun seine Musik selbst! Das muss ächt sein, weil es durch sein eigenes Licht glänzt und sich nie falscher äusserer Mittel dazu bedient. Und das liegt wieder in seinem Charakter und hängt genau mit allem Uebrigen zusammen. Das ganze Herbeiströmen, von allen Seiten, wobei man sich nach langer Zeit wieder zusammenfand, hatte doch etwas höchst Originelles, dem grade die Kürze der Stunden, die Gedrängtheit des Ereignisses noch einen besonderen Reiz gab. Freilich ein paar ruhige Tage nachher wären auch nicht übel gewesen in diesem ersten aller Brief an Klingemann. 11 gastfreundschaftlichen Häuser. Ach! es war doch schöne Zeit! — — — Eben bekomme ich den ersten Band Eckermann und will mich nun drin umsehn. Ich habe so lange nichts Neues gelesen, was mir nur im Entferntesten zusagte, eigentlich sind die meisten jetzigen Sachen gar nicht zum Lesen da, höchstens zum Blättern, zum Durchselm, es ist eüie Stille in der Litteratur eingetreten, wie sie, glaube ich, lange nicht gewesen ist." 7. Juni. „Ich habe gestern den grössten Theil des ersten Bandes Eckermann bereits gelesen, mit grosser Freude, wie ich gern gestelm mag. Es scheint mir von allen Göthe'schen Nachlesen weitaus die bedeutendste, und zwar deshalb, weil der sie Bietende ein Mensch von rührend gewissenhafter Treue und einer seltenen litterarischen Anspruchlosigkeit ist. Wo er sich selbst darstellt, erblickt man unverkennbar einen äusserst bornirten, durch Göthe völlig absorbirten Menschen, der aber genau gehört und treu aufgeschrieben hat. Und so glaube ich denn wirklich, dass es nicht leicht ein Göthe'sches Werk giebt, in dem er reiner, ursprünglicher dastände. Was mich sehr frappirt, ist das Zusammentreffen mit mancher Meinung, die Vater zu äussern pflegte; es würde ihn unendlich erfreut haben, hätte er es gekannt. Auch dass es im Entferntesten kein Klatschbuch ist, gefällt mir sehr, es spricht für Eckermann's Charakter, wie leicht hätte er sein Buch pikant machen können. Kurz, ich nehme meine Jeremiade für diesen Fall gern und völlig zurück.*) — — Das Interesse an diesem wohltliuenden Büchelchen erhält sich bis zu Ende, und ich fühle mich dem \ erfasser, ich möchte sagen, persönlich verpflichtet, dass er *) Es bezieht sich dies auf ein fortgelassenes sehr scharfes Urtheil über eine Publikation vo'n Varnhagen, dessen Schluss lautet: „Varnhagen wird noch allen Schaden stiften, den er in Händen hat, und ist er einmal todt, dann geht der Skandal erst recht an, dann kommen seine Memoiren." 12 1836—1839. die weise Mässigung gehabt hat, statt der Folianten, die er doch gewiss hätte füllen können, die beiden dünnen Bändchen zn schreiben, die aber fast lauter Goldkörner enthalten. Zum Schluss mnss ich noch eine Preisfrage aufstellen: Wie kann man von Richtung einer Zeit im Allgemeinen sprechen, wenn gleichzeitig der Paulus und die Hugenotten auftreten und Jeder sein Publikum findet! Ich, die ich mich an Ersteren halte, finde jetzt meine besondere Freude daran, mein Gedäclitniss anzustrengen, um die Solostücke, die mir nur in Stimmen mitgegeben worden, zu vervollständigen. Wo es nicht ausreicht, mnss ich, bis gedruckte Hülfe erscheint, von dem Jleinigen dazuthun. Heut' versuchte ich das berühmte Duett der falschen Zeugen zu konstruiren, ohne andere Anleitung als elf Takte Pausen. Ich brachte aber nur acht zusammen. '■ Rebecka wurde zur Stärkuug ihrer Gesundheit nach Franzensbad geschickt; sie reiste Anfangs Juli ab, und zwar, da Dirichlet seiner Vorlesungen wegen noch in Berlin zurückgehalten wurde, mit ihrem Kind allem. Anfangs fühlte sie sich in dem miserablen Nest, wo sie ausserdem schlechtes Wetter hatte und von Schmerzen geplagt wurde, sehr unbehaglich. Einige ihrer Briefe mögen hier folgen: Leider! Franzensbad, den lOten Juli 36. Motto: „Recht hübsch, aber ein Bisken langweilig." —• — „Bitte, schreibt Üeissig, dann kann ich Euch doch als Neuestes melden, dass ich Eure Briefe bekommen habe. Nein! Welch ein Leben! On ne m'y attrappera plus. Der Arzt, der sehr aufmerksam ist, hat mir das Sprechen auf der Promenade verboten und die einsamen Gänge empfohlen, ich befolge diese Warnung genau und vermeide alle liebenswürdigen Berliner. Sie mich aber — Gott sei's geklagt — nicht. Gestern Abend war bei mir grosse Assemblee, dass meine sechs Stühle nicht hinreichten, um halb acht war der Rout zu Ende. Und der Miissiggang aller Anwesenden steckt an, noch habe ich garnichts gethan, mich sogar noch nicht nach einem Flügel Rebecka in Franzensbad. 13 umgethan, icli glaube aucli niclit, dass ausser an Gänsen und Hühnern welche zu haben sind. Eine Musikfestreise ist dies eben nicht; wie dort eine aufgeregte Plaisir-Atmosphäre, weht hier eine langweilige, dummmachende Luft, der ich nicht widerstehen kann. — — Heut' habe ich eine „neue" Zeitung zu Gesicht bekommen, in der die grösste Neuigkeit Rouget de Lisle's Tod war, den ich schon in Berlin wusste. Geht wirklich denn garnichts vor? Ich habe als neueste Staatszeitung das Gerücht des zweiten Attentats auf Louis Philipp widerrufen müssen. — — — Ein fünfjähriges Wunderkind bringt hier die müssigen Ohren und Zungen in Bewegung, ich soll es dieser Tage hören, es spielt „Variationen aus dem Kopfe"; ich fürchte, ich höre jede Ohrfeige heraus, die es gekostet. Wenn Ihr X. seht, sagt ihr, ich hätte sie im Verdacht, hier einen heimlichen Geliebten gehabt zu haben, da sie sich so gut hier amüsirt hat — ich kann's nicht finden und denke nur, „Oktober wird auch kommen", das heisst August, das heisst Dirichlet. Adieu, denkt freundlich der Ellenden — Fanny weiss, was das auf Nibelun- giscli heisst. — Den 18ten Juli. — Mein Leben geht hier fort, so so, la la, wenigstens bin ich jetzt gesund, trinke, gehe, bade, ruhe ohne zu schlafen, heute werde ich zum ersten Male auf vieles Begehren an table d'liöte essen. Mit Ungarwein — Compli- ment wieder und es wäre nix — ecliauffirt zu sehr. Eben habe ich mir ein sogenanntes Klavier anprobirt, aber dafür lieber keins, so ein Klapperkasten! — Uebermorgen ist ein wolilthätiger Ball, vielleicht sehe ich mir den Skandal eine "Viertelstunde an, um die Polen und den österreichischen Adel geputzt zu sehen, der verzweifelt hübsch ist, ganz anders, wie die Berliner Semmeln. Hier im Hause wohnen zwrni kleine Comtessen, eine sieht genau aus wie die ändere, so fein, gra- ciös, schwarzäugig und -haarig, und sehen so lustig und unbedeutend fünfzehnjährig in die Welt, dass ich ihnen immer Kusshände nachwerfen möchte, wenn sie sich vor dem Fenster so anmuthig hin- und herbewegen. Heute versammelte sich die ganze Klerisei bei mir und berietli Plaisir, da wurde ein 14 1836—1839. Spitzenliändler gemeldet, mit Jubel hereingerufen, E. wollte erst die ganze Welt kaufen, handelte dann die halbe Welt herunter, und kaufte zuletzt ein ganz kleines Stückchen, ich erstand auch eins. Nun gute Nacht. Nur der Sturmwind flüstert durch die hehre Stille, alles pflegt schon längst der Kuh, denn es ist — neun Uhr. Den 24ten Juli. Ich schreibe mit brillantem Akkom- pagnement von Militärmusik, die Herrn von R., der hier im Hause eingezogen ist, ein Ständchen bringt. Seit der hier wohnt, habe ich sehr oft an den seligen General B. denken müssen, da die höchst vornehmen Fräulein alle Tage über mir ein und denselben Galopp ableiern. Aber Kinder! Welche Kälte! Hätt' ich doch statt' aller weissen und bunten Mousse- linkleider einen Pelz und ein Pa,ar Pariser. — Aber es fängt an, mir sehr gut zu gehen, ich werde gesagt, ganz rotlie Backen zu bekommen. Uebrigens sieht man hier wirklich gens de Vautre monde-, was sagt Ihr zu einem Fürsten Wla- doyano aus der Walachei, der. genau aussieht wie ein jüngerer Paganini, dessen Frau, eine geborene Fürstin Ghika aus Bukarest, die schönsten türkischen Shawls, die E. in ihrer kenner- mässigen Begeisterung auf 1500 Thaler schätzt, Morgens frühe auf der Erde herumschleppt. Dann haben wir eine wunderschöne Kussin, die am Brunnen ein Neglige von schwarzem Sammet mit Blonden trägt; E. kann garnicht aus dem Enthusiasmus über all' die first «?fe-Shawls heraus, die den Kies Morgens fegen. Verzeiht die „shawlen" Details, aber was soll ich sonst schreiben? — Wollte Gott, Dirichlet wäre schon da, ich kann die Zeit kaum erwarten. Madame M. ist heut nach Marienbad abgereist und will Allen zu Füssen gelegt sein („habt Ihr Hebebäume, mich wieder aufzurichten?") — Nun sind es drittehalb Wochen, dass ich kein gescheutes Wort gehört habe, lieisst das Leben? Und was ist das für ein Sündenleben, wo man sich über jede vergangene Stunde freut. Es ist ein Winterschlaf im Sommer. Den 6ten August, Nun wirst Du Dich wundern, wenn ich nach all' den peevishen, ennüyirten Briefen mit einem Male schreibe, dass ich mich sehr gut amüsire. Seit Dirichlet hier Rebecka in Franzensbad. 15 ist, bin ich ein ganz anderer Mensch geworden, ich habe, wie K. sagt, ein gutes humeur, das Wetter ist schön, wir haben einige angenehme Bekanntschaften gemacht, mit denen Dirichlet auch zufrieden ist, wir leben den ganzen Tag im Freien, machen Partliieen, das Bad bekommt mir - gut, kurz, es ist Alles besser geworden. So lange ich allein hier war, kam ich mir vor, wie ein verirrtes „Schaf", wusste garnicht, wo ich mich hinwenden sollte, hatte Furcht vor bösen wie vor freundlichen Gesichtern. Nun wird nach dem Trinken im Park gefrühstückt, Einer ladet den Andern ein, und man bringt seine respektiven Kaifeetisclie zusammen. Mittags wird im Kursaale gegessen, Nachmittags spazieren gefahren, wobei wieder Kaffe eine Holle spielt, oder es ist Salon im Park; wenn wir nur gutes Wetter behalten, so wird „Ende gut, Alles gut" aufgeführt, und der melancholische Anfang vergessen. Heut war Ottokind*) hier und der ganze vornehme und niedere Pöbel maulaifte auf der Strasse. Wir haben uns nicht von unserm Fleck im Park gerührt; Tugend wird aber belohnt, er spazierte dicht an uns vorüber und unterhielt sich mit den benachbarten R.'s, so dass ich ihn ganz genau sehen konnte. Er sieht aus wie nisclit. — David's Verlobung mit ganz Russland**) hat mich mehr gefreut als überrascht. Nun muss Felix Ernst machen, da seine erste Geige ihm vortanzt, ich werde ihm auch noch den Text darüber lesen. Aber es ist eme göttliche Geschichte. Hier amüsirt sie mich doppelt, weil ich die abgeschmackt stolzen russischen Adligen in der Nähe sehe, die allen Leuten aus dem Wege gehen, um womöglich nicht dieselbe Luft mit ihnen zu athmen; mich wundert, dass sie aus einem Brunnen mit der Canaille trinken. Uebrigens" habt Ihr, Mutter und Fanny, ein Paar himmlische Briefe geschrieben; wenn ich gross- müthig wäre, ich schickte sie zurück, damit ihr was Hübsches zu lesen hättet. Aber Du, liebe Mutter, zähme Dein seclis- *) Der damalige König von Griechenland. **) Concertmeister David in Leipzig heirathete eine russische Fürstin. 16 1836-1839. zehnjähriges Herz, das Dich nicht ruhen lässt, weil Felix verliebt ist. Kann Dir Dr. W. kein Pülverchen gegen die Jugendlichkeit des Gemüths verschreiben? Aber agitant ist es auch für eine Schwesterseele, und wüssten wir nur erst was Bestimmtes! Etwas Ordentliches wird er sich wohl ausgesucht haben. Der Mann hat Geschmack. Soll ich meine Einbildungskraft auf Jeanrenaud oder Soucliay richten ? Theile mir Deine Gedanken darüber mit. — Hier sind unglaubliche Festivitäten los, gestern war ein grosser Ball für König Otto und die Königin von Bayern. Der ganze Brunnen illuminirt, viel Eleganz, Küssen, Adel „un Deine Dochter ooch." Wollt Ihr Euch Otto vorstellen, so denkt Euch einen kleinen, magern, kränklichen, farblosen Schuhring, der einen Fuss schleppt, keine Vorderzähne hat, Avas man seiner Sprache auch anhört, und sehr harthörig ist. Aber doch hat mich das arme Wurm gerührt und die schweren Füsse waren wohl weniger an seinem schlechten Tanzen schuld, als das schwere Herz, das mithüpfen musste. Ich habe mir die ihn umgebenden Griechen genau angesehen, welcher ihn Avohl stran- guliren Aviirde, sie haben Alle boshafte und garniclit hellenische Physiogonomieen, ausser dem einen, Mauromichalis, den sie auch for show in griechisches Kostüm gesteckt haben. Ich hatte einen guten Platz und konnte die ganze Hundekomödie recht in der Nähe sehn, Avie der Ceremonienmeister sie reihenweise vorstellte, die Königin Jedem was Angenehmes sagte, Avie die sehr hübsche Tochter des Herzogs A r on Oldenburg den Kammerherrn abschickte und K.'s ScliAviegersohn zum Tanz auffordern liess, und Avie sie knixten und kein Ende. 0 Welt! Getanzt haben nur die russische Klique und die höchsten Herrschaften. Die Russen äffen hier ihr Reich im Kleinen nach, dominiren Alles, thun, als ob sie zu Hause Avären, spielen auf der für alle Welt zum Gehen bestimmten Promenade Zeck Avobei die Männer mit ihren ungebildeten Knutenstimmen schreien AA 'ie besessen, und den, ich selbst kann's nicht läugnen, sehr hübschen Frauen beinahe die Kleider vom Leibe reissen. Kein Anderer, vornehm oder niedrig, wagt sich an sie heran. Eine Frau von M. ist unter ihnen, bei der werden mir Armide, Metternich. Chopin. 17 Circe, Sirenen und Konsorten klar. Schöneres sah ich nie und doch hat sie nicht einen. Gutmüthigkeit oder irgend ein Gefühl verratlienden Zug im Gesicht, alles kalt berechnet, ich behaupte, sie kennt Gift und Dolch,. aber so göttlich schön, so verführerisch reizend, man kann nicht von ihr wegsehn und ich würde es sogar Diriclilet nicht übel nehmen, wenn er unglücklich vor Liebe wäre. Aber sie weiss wohl, wen sie mit ihren Götteraugen ansieht, nur Grafen und Prinzen. Solch eine feine Kokette aus einem Roman ist mir noch nicht vorgekommen, und kein Mensch kann sagen, worin eigentlich die Koketterie besteht; angezogen wie ein Kind mit einem weissen Kleidchen und ein paar frischen Blumen im Haar, aber nicht ein unberechneter Faden. Gott!! wie unschuldig sind die guten Berlinerinnen! Dies rafflnirte Wesen kennt man doch bei uns nicht! — Mittwoch kam der Fürst Metternich, der dem König Otto einen Besuch machen wollte, wir liefen ihm an den Brunnen nach und gingen dreimal dicht an ihm vorüber, er sieht prächtig aus, hat eine noble Tournüre, eine Nase wie ein grosser Mann und nebenbei ein wenig wie alle Itzigs, — ich glaube aber doch nicht, dass er vom Stamm ist, — und eine hübsche junge Frau, dem Anschein nach nicht älter als seine Tochter, die auch mit war." ■— Von Franzensbad reisten Diriclüet's in Begleitung von Professor Gans nach Marienbad, dort hielt sich Chopin auf, aber er liess sich garnicht sehen, und der Arzt und eine polnische Gräfin, die ihn ganz in Beschlag nahm, hatten ihm das Spielen verboten. Rebecka's Wunsch ihn zu hören, von dessen Spiel Felix und Paul viel erzählt hatten, war aber so lebhaft, dass sie beschloss, eine Bitte an ihn zu wagen, oder, wie sie selbst schreibt, eine Bassesse zu begehn, und sich als „ Soeur de Messieurs Paul et Felix Mendelssohn-Partholdy" zu legitimi- ren. „Die hassesse gegen Chopin", heisst es wenige Tage darauf, „ist begangen und höchst geplumpt. Diriclilet ging zu ihm und sagte ihm eine Soeur etc. nur einen Mazurka — impossible, mal aux nerfs, mauvais piano — et comment se porte cette chere Madame Honsel, et Faid est marie? heureux couple etc. Die Familie Mendelssohn. II. 2 ]8 1836—1839. — allez vous promener — das erste und das letzte Mal, dass wir so etwas thun." — — „Sonntag früh fuhren wir ab von Marienbad, die Franke, Gans und Magnus begleiteten uns bis an den Wagen und nun ging's ins Hexenland Böhmen hinein, zwischen Stoppelfeldern, elenden Hütten, wilden, tannenbewachsenen Bergen; ich sah mich überall um, ob keine Reste von Zigeunerwirtlischaft oder keine Besen zu sehen wären, nach Felixens Zeichnungen muss es in der Art sein, wie die Hochlande; die Stoppeln geben den Feldern schon allenfalls ein heidenartiges Aussehen, aber überall freundliche Leute und nicht übermässig viel Bettelei. Das Volk scheint bei Weitem gutmüthiger als bei uns, mit dem kleinsten Trinkgeld sind sie zufrieden, „küss' d' Hand"; viel schöne braune Menschen. Den ersten Abend blieben wir in Klattau, da kommt man durch die Stadt Laus, auf einem andern Wege durch Mis was Frank sehr glücklich machte. Gestern Montag über Ho- rasdiowitz, Strakonitz, Wodnian (ich spreche das sehr schön aus) nach Budweis, ein kurioses Ding, mit platten Dächern, unzähligen Glocken, Heiligenbildern in Käfigen vor den Häusern und andern Werkzeugen des Katholicismus. Wir hatten die Ehre, in demselben Zimmer zu wohnen, wo Karl X. Messe hörte, tafelte, Karten spielte, ich glaub' auch jagte, wenigstens war Platz dazu. — Heut hatten wir einen göttlichen Reisetag, prächtiges Wetter, warm und luftig, assen in Ivaplitz die ersten guten Kartoffeln, die mir über die Zunge kamen, leider muss ich noch die Butter dazu stehen lassen, da sie sich nicht mit dem Eisen verträgt, das mir noch im Magen sitzen soll, auch Obst giebt's noch nicht, — um sechs Uhr Nachmittags kamen wir hier in Freistadt an, hätten noch eine Station fahren können, aber das freundliche Städtchen lachte uns an; zwei Stunden vorher ist die deutsche Grenze, wo sich die Länder beinahe so scharf scheiden, wie Waadt und Wallis; hier fängt Laubholz an, schönere Bergformen, Wiesen, ordentliche Dörfer und ganz in der Ferne sehen die Ischeier Berge herüber; hier gingen wir auf einen Berg neben der Stadt, sahen die Sonne untergehen, lernten die herrlichen Ischeier Bergformen auswendig, die sich ganz deutlich blau in den rosigen Abend- Rebecka in München. 19 wölken absetzten, beschmierten drei Blätter in meinem Buch und glaubten wir zeichneten, gingen um die Stadt herum, eine ehemalige Festung mit alten grauen Mauern und Thürmen, der Stadtgraben verschüttet, mit Obstbäumen bewachsen, rings umher eine Promenade unter schönen Lindenbäumen, es war ein zu schöner Abend, er erinnerte mich lebhaft an unsern Spaziergang in Beddingen, wo wir auch zuerst die Alpen sahen. Wie wünschte ich Euch her, jetzt, da es anfängt schön zu werden, und das ist doch erst das Vorspiel, ich bin aber schon ganz entzückt. 0 Fanny! warum können wir nicht solche Reise zusammemnachen! Und warum sollte Vater das schöne Land nicht sehen! Ach, wie ist es möglich, eine frohe Stunde zu erleben, ohne den Verlust doppelt schmerzlich zu empfinden !" — Dirichlets dehnten ihre Reise noch bis Gastein aus; von einem Ausflug nach Italien hielt die dort herrschende Cholera ab, sonst, meinte Rebecka, hielte wohl nichts ab, bis Neapel zu gehn. In München fand Dirichlet die Nachricht des Todes seiner letzten Schwester; München, löten September. „Gestern Abend sind wir hier angekommen und haben, da wir nicht in Inspruck waren, erst heut den Tod von Di- riclüet's Schwester erfahren. Wie mir namentlich die arme Mutter an's Herz geht, das kann ich garnicht sagen. Ich nmss an die selige Grossmutter denken, die immer sagte, man solle Gott bitten, dass er einem nicht alles auferlegt, was man tragen kann. Dazu soll man so alt werden, um zehn Kinder zu überleben! Wir haben beschlossen, ihr die einzige Freude zu gönnen, die sie noch auf dieser Welt hat, mein armer Dirichlet geht noch von Leipzig aus, wohin er mich erst bringen will, nach Aachen. Hätten wir es früher erfahren, so hätten wir ihr auch ihr Enkelchen gebracht, nun ist's aber für Walter und mich zu spät im Jahre." Dass es mir jetzt an aller Stimmung zum Sehen und Geniessen fehlt, könnt Ihr Euch vorstellen, am liebsten machte ich mich sogleich auf den Weg. Allein wie die baare Prosa 20 1886—1839. des Lebens sicli überall geltend macht, so müssen wir hier waschen lassen und daher bis Sonntag bleiben; lind ich werde ohne Humor so viel Merkwürdigkeiten als möglich sehen, für die Zukunft ist es mir doch interessant, wenn ich auch jetzt nicht die für ewige Kunstwerke gehörige Freude und Andacht haben kann, die Mutter geht mir nicht aus dem Sinn. Heut Vormittag beredete mich Diriclilet und ging mit mir auf eine Stunde in die leider nicht länger geöffnete Leuclitenberg'sclie Sammlung, da ist etwas Genie in dem kleinen Kaum zusammengedrängt; es zieht einen doch von den Steinen und der leblosen Natur mächtig zum menschlichen Geist hinüber." Diriclilet trennte sich schon in Nürnberg von Frau und Kind, um zu seinen Eltern zu eilen. Er war ihr letztes übriggebliebenes Kind, freilich auch ihr geliebtestes, und fortan ihre einzige Freude. Es war der Mutter beschieden, auch dies, ihr Letztes, noch zu verlieren und erst im hundertsten Lebensjahre zu sterben. Dort in Nürnberg bewahrheitete sich Schillers Wort aus dem Teil: „Hier wird ge'freit und anderswo begraben." Während sich Diriclilet zum Abschied von Frau und Kind rüstete, um seine Eltern zu trösten, traf die Nachricht von Felixens Verlobung mit Cecile Jeanrenaud ein. Die ganze Reise über war Kebecka schon in der peinlichsten Spannung gewesen, denn dass Felix mit ganzer Seele ein schönes Mädchen am Rhein liebe, soviel wussten die Familienglieder, aber es waren doch noch immer blosse Gerüchte. Von Gastein aus schreibt Rebecka, sie habe die allgemeine Zeitung mit der stillen Hoffnung gelesen, unter den Messartikeln aus Frankfurt a. M. werde stehen: Der bekannte Musiker Felix Mendelssohn hat sich am so und so vielten verlobt, aber es habe nur flaue Baumwolle und Bundestag darin gestanden. In Nürnberg also bekam Rebecka einen Brautbrief von Felix, der gleich nach der Verlobung nach Leipzig zurückgegangen war, und hierhin eilte sie, erfreut über die langersehnte Nachricht. Sie war die Erste von der Familie, die ihn nach der Verlobung sah, sie fand ihn so heiter, ruhig, innerlich glücklich, mittheilend, wie er schon lange nicht gewesen, und schreibt, sie hätte kaum Kebecka in Leipzig. 21 gedacht, dass ihm die Liehe so gut kleiden würde, er sei gar zu liebenswürdig. So verlängerte sich denn ihr Aufenthalt von einem Tage zum andern; und endlich ging es noch so, wie sie selbst beschreiben mag: Leipzig, den 4ten Oktober. „Gestern stehe icli absichtlich recht früh auf, um Dir endlich einmal einen ordentlichen, vernünftigen Brief zu schreiben, Dir für Deine Liebenswürdigkeit zu danken, dass Du mir, während Du Deine betrübten Eltern aufzuheitern beschäftigt bist, hier gute Tage gönnen und verlängern willst, will Dir auseinandersetzen, wie Felix am Sonnabend seiner eklichen Wirthsleute wegen aus- und wieder zu Pensa's hinziehen muss, wo kein Platz für uns ist, ich also noch einmal delogiren muss, wie icli gern, ehe Du nach Berlin kommst, die Wohnung fix und fertig einrichten wollte etc. etc., und wie ich aus allen diesen Gründen nicht Deinen gütigen Urlaub benutzen, sondern abreisen will; drei Seiten habe icli vollgeschrieben, da kommt Felix herein, Guten Morgen, Beckchen! Guten Morgen, Felix! — Na, Du bleibst hier bis Diriclilet kommt, Dich holen? Ich: Nein, ich habe es eben an Diriclilet geschrieben, dass es nicht geht. F elix: Wo ist der Brief? Ich: Da liegt er, willst Du schon wieder lesen? Felix: Nein — geht an den Tisch, nimmt den Brief und zerreisst ihn in tausend Stücke. — — Ich war davon so perplex, dass ich den ganzen Tag nicht wieder schreiben konnte und weiss noch heut nicht, was ich anfangen soll; ich fürchte, acht Tage im Hotel werden mich ganz ruiniren: mein Grundsatz ist nun zwar, mit guten Tagen nicht zu geizen, und es ist hier sehr angenehm, Felix enorm liebenswürdig, spielt mir sehr viel vor, wir haben so schrecklich viel zu plaudern, mid Felix ist so gut, meine Gesellschaft wenigstens wie einen kleinen Trost für die Trennung zu betrachten. David sagt auch, acht Tage wären gar keine Anwesenheit, vierzehn Tage wären erst eine Woche und dergleichen. Wie gesagt, ich weiss noch nicht, was ich anfangen soll. In meinem gestrigen Brief stand noch Vieles, was nun 22 1836—1839. verloren ist; aber das muss ich Dir doch wiederholen, dass Felix sich an Eossini einen warmen Freund und Gönner erworben hat, der seine Musik mit vielem Interesse hört und ihm sehr ernsthafte Bemerkungen darüber sagt und sagen lässt, ihm empfiehlt, populärer zu componiren etc. Ferner, dass Kalkbrennens bester Schüler, Eleve du Conservatoire de Paris, beliebter Musiklelirer de Paris Mr. Stamaty hier ist, tun in Deutschland bei Felix Musik zu lernen und durchaus hier nicht spielen will, weil er erst was Besseres lernen müsse. Ueber- haupt Berlin und Aachen ausgenommen fangen doch die Leute an, seine Musik zu verstehen. Hier wird er, wie Conticini sagt, angeboten. Nun aber höre: Morgen kann ich nicht fort, denn da hat Felix eine kleine Gesellschaft gebeten, Lipinsky und David musiciren, und ich muss Tliee machen. Uebermorgen ist Probe von Lipinsky's Concert, wo Felixens Melusine gemacht wird, Freitag das Concert selbst. Ich denke bis jetzt Sonnabend zu reisen, kann aber wirklich auch dafür nicht stehen. Und nun adieu, mein lieber, guter Mann; ich zähle die Tage bis wir uns wiedersehen, sei es hier oder in Berlin; aber so angenehm sie ohne Dich sein können, sind sie hier. — An Derne Mutter kann ich nie ohne Rührung denken; Gott erhalte sie! — Könnten wir doch nur beitragen, ihr das Leben etwas zu erheitern." So liess sich denn Eebecka eine douce violenee antliun und blieb bis spät in den Oktober in Leipzig. Durch Berlin war während ihrer Abwesenheit der junge Göthe gereist, ein Enkel des Dichters, von dem Fanny schreibt, „ein recht freundliches 18jähriges Bürschchen, mit dem kein Mensch reden würde, wenn er Werner Messe, und an den man Ansprüche macht, die er nimmermehr erfüllen kann, weil er Göthe heisst." Im Ganzen verlief der Sommer 1S3G für die Familie ziemlich ruhig. Die ganze Aufmerksamkeit war auf Frankfurt und das, was sich daselbst zutragen sollte, gerichtet; man war „in derjenigen Stimmung, wo man jeden Klingelnden für den Briefträger, und jede Rechnung für den erwarteten Brief hält und sich aufregt, wenn die Thüre aufgeht." — Und Verlobung von Felix. 23 endlich, im September, kam denn ancli der richtige Briefträger und brachte der Mutter die langersehnte Nachricht, dass ihr letztes Kind auch die ihm beschiedene Frau gefunden habe, und diese Nachricht lautete: Frankfurt a.M., 9. Sept. 1836. Liehe Mutter! „In diesem Augenblick, wo ich wieder in mein Zimmer trete, kann ich nichts andres tliun, als an Dich schreiben, dass ich mich eben jetzt mit Cöcile Jeanrenaud verloht habe. Mir schwindelt der Kopf von dem, was ich an diesem Tage erlebt habe, es ist schon tief in der Nacht, ich weiss weiter nichts zu sagen, aber ich musste noch an Dich schreiben. Wie ist mir so reich und glücklich. Morgen, wenn es irgend sein kann, schreibe ich Dir ausführlich, und womöglich auch meine liebe Braut. Dein Brief liegt eben da, ich hab' ihn geöffnet, um zu sehen, dass Ihr wohl seid, aber noch nicht lesen können. Lebt wohl und mir immer nah." Felix. 1836 war Mendelssohn auf vertraulichem Wege die Direktion des Cäcilienvereins in Frankfurt a. M. angeboten worden, da Schelble, der Gründer und zeitherige Dirigent desselben, schon längere Zeit krank war und das Institut aus Mangel an einem tüchtigen Oberhaupt einzugehn drohte. Er erklärte nun gleich aufs Bestimmteste, dass er unmöglich daran denken könne, an Schelble's Stelle, falls dessen Aufkommen nicht zu hoffen wäre, die Direktion zu übernehmen, dazu war ihm die eben angetretene Stellung in Leipzig viel zu lieb; aber, wenn noch Aussicht wäre, dass Schelble wieder gesunden, etwa sich durch eine Reise stärken und dann zum nächsten Winter die Leitung des Cäcilienvereins wieder übernehmen könnte, so wolle er seinen Sommer mit Vergnügen dazu benutzen, einstweilen das Institut im Gang zu erhalten. Er sah dies als HS 1836—1839. einen Dienst an, den er dem sehr hochgeschätzten Freund und der guten Sache schulde, und gab bereitwillig den Plan einer Schweizerreise und eines Seebades in Genua dafür auf. Selten wohl ist einer guten That die Belohnung so augenblicklich und unmittelbar auf dem Fusse gefolgt. Gleich nach dem Düsseldorfer Musikfest, von dem vorher die Eede war, am 4ten Juni, ging Felix nach Frankfurt ah. Nach den Anstrengungen des Festes that ihm zuerst die Eulie und Stille in der lieblichen Frankfurter Natur ausserordentlich wohl. Wenig Menschen konnten vielleicht so arbeiten wie er, wenige aber auch nach einer solchen Zeit toller Hast und Hetze, wo auf Wochen hinaus nicht eine Minute unbesetzt gewesen war, dann so intensiv eine Zeit der Erholung, womöglich in einer hübschen Gegend gemessen. Die Direction des Cäcilienvereins nahm nicht übermässig viel Zeit in Anspruch, so blieb viel Müsse. Namentlich spricht er von einem Wald: „wenn man in dem des Abends spazieren geht, unter den prachtvollen Buchen, in den unzähligen Kräutern und Blumen, und Brombeeren und Erdbeeren, — da geht einem das Herz auf." Und das Herz ging ihm auf, in anderm Sinne auch. Frau Jeanrenaud, die Wittwe eines protestantischen Predigers in Frankfurt, hatte zwei Töchter, darunter eine, Cecüe,-von ganz wunderbarer Schönheit und Lieblichkeit. Als Felix nun auf längere Zeit in Frankfurt war, suchte er das Haus wieder auf, in das er schon früher eingeführt worden war und das er wohl schon im Sinn hatte, als er Weihnachten 1835 Fanny versprach, den nächsten Sommer am Rhein sich nach einer für ihn passenden Frau umzusehn. Er fand sie in Cecile Jeanrenaud. Es waren keine entschiedenen, prägnanten Eigenschaften, die sie so liebenswürdig machten, — es war vielleicht umgekehrt grade deren Abwesenheit, die vollkommene Harmonie, das vollendete Gleichgewicht ihrer Natur. Sie war nicht hervorragend geistreich, nicht blendend witzig, nicht tief gelehrt, nicht sehr talentvoll; aber ihr Umgang war so wolil- thuend ruhig, so erquickend, wie die -reine Himmelsluft oder das frische Quellwasser. Und grade für Felix, mit seinem nervös reizbaren Teni- Verlobung von Felix. 25 perament, war diese Frau wie geschaffen; mit ihrer milden Heiterkeit hatte sie den wohlthätigsten Einfluss auf ihn, wie ihn keine anders geartete Natur hätte haben können und bereitete ihm bis zu seinem Ende Jahre des ungetrübtesten Glücks. Er hatte zu Anfang manche Vorurtheile zu überwinden. Cecile hat einmal an Fanny geschrieben, dass sie sich früher Felix nie anders denken konnte, als einen höchst steifen ekligen alten Mann, der keinen Menschen neben sich bestehen lasse und mit einem Sammetkäppchen auf dem Kopf langweilige Fugen spiele. Nun, dieses Vorurtheil zu überwinden, wurde Felix nicht schwer; das schwand natürlich, sobald er sich zeigte. Mit der Tochter wurde er sehr bald vertraut und sie erwiderte seine Liebe auf das innigste; aber auch die übrigen massgebenden Personen der Familie gewann er sich schnell. Inzwischen ging er, ehe er sich formell erklärte, einer in Düsseldorf getroffenen Verabredung zu Folge, als Begleiter Schadows ins Seebad nach Scheveningen. Zugleich wollte er die Festigkeit seiner Neigung durch längere Entfernung auf die Probe stellen. Dass er während dieser Trennung ziemlich desperat war, ist wohl erklärlich —• es spricht sich in allen seinen Briefen aus dieser Zeit aus. Felix an Rebecka. Frankfurt a. M., 24. Juli 36. „Ehe ich hier nach meinem Bade abreise, muss ich Dir doch einmal in Dein Bad hineingeschrieben haben*), obwohl ich grade jetzt ein schlimmer Correspondent bin, aber es darf nicht gesagt werden, dass ich Dir zu irgend einer Zeit nicht geschrieben habe. Diese Zeit ist sonderbar. Ich bin so entsetzlich verliebt, wie noch niemals in meinem Leben und ich weiss nicht, was ich anfangen soll. Uebermorgen soll ich von Frankfurt abreisen, mir ist aber, als kostete, das den Hals, *) Franzensbad. S. oben. 26 1836—1839. icli will in jedem Fall vor Leipzig wieder liier sein, um dies gar zu nette Mädchen noch einmal zu sehen, aber ob sie sich etwas aus mir macht, das weiss ich eben garniclit und was ich anfangen soll, wie gesagt, auch nicht. Das ist aber gewiss, dass ich die ersten recht frohen Stunden dieses Jahres ihr verdanke und dass mir zuerst wieder ein wenig freier zu Mutli geworden ist, als bisher. — Und dabei bin ich sehr betrübt, wenn ich nicht dort sein kann. Sielist Du, da hast Du ein Geh^imniss, wovon Du keinem Menschen was sagen darfst, aber damit Du der Welt das wahre Beispiel giebst, dass Du auch schweigen kannst, so sage ich Dir auch weiter garnichts und willst Du mehr wissen, so schreibe mir nach dem Haag poste restante, denn übermorgen reise ich nach dem verwünschten Seebad. 0 Beckchen? Was soll ich anfangen? — Das ist meine Stimmung jetzt den ganzen Tag; ich kann weder komponiren, noch Briefe schreiben, noch Klavier spielen, nur allenfalls ein Bischen zeichnen. Aber danken muss ich Dir für die guten Worte, die Du mir über den Paulus sagst, so was ist das Beste und Liebste, was ich darüber hören kann; was etwa Du oder Fanny mir über solch ein Stück sagt, das sagt das Publikum, ein anderes giebt es garniclit. Aber ich wollte nur, Du schriebest mir noch ein Paarmal darüber und über meine andre Musik recht ausführlich; glaubst Du denn, mir könne das gleichgültig sein, ob Dir so was Freude macht? — Die ganze Zeit, dass ich hier bin, habe ich noch an dem Paulus gearbeitet, weil ich ihn nun einmal so vollkommen wie möglich herausgeben will, auch weiss ich bestimmt, dass der Anfang des ersten und das Ende des zweiten Tlieils ungefähr dreimal, so gut geworden sind, also war's meine Pflicht, denn es gelingt mir in manchen, namentlich in Nebensachen, bei so einer grösseren Arbeit erst nach und nach meinem eigentlichen Gedanken nahe zu kommen und ihn recht klar hinzustellen, bei den Hauptsachen und Stücken kann ich freilich nachher nichts mehr ändern, weil sie mir gleich so einfallen, aber um das auch von allen sagen zu können, dazu bin ich noch nicht weit genug. Nun arbeite ich aber schon etwas mehr als zwei Verlobung von Felix. 27 Jalire an dem einen Oratorium, das ist allerdings sehr lange und ich freue mich nun auf den Moment, wo ich auch mit den Druckkorrekturen fertig sein werde und was anderes anfangen kann. Zunächst denke ich einige Symphonien zu machen. So recht eigentlich komponirt habe ich hier noch garniclits, siehe die erste Seite; ich hin gar zu sehr herunter dazu, Du lachtest Dich todt, wenn Du mich so sähest. — Heut früh kamen vier Mitglieder des Cäcilienvereins, den ich Mittwoch zum letzten Mal dirigirt habe, und brachten mir im Namen des Vereins ein Reise-necessaire, das viel eher einen verkappten Prinzen, als einen Musiker errathen lässt, ein Non plus ultra von Pracht und Eleganz, aber ich werde es doch brauchen. Oben drauf steht F. M. B. und Caecilia, was mir ganz gut gefällt. — Dieser Brief ist gewiss einer der dümmsten, aber Du bist in Franzensbad und ich soll nach Scheveningen, das ist auch vom dümmsten, wie Droysen sagen würde." — Haag, 9ten August 36. Felix an seine Mutter: „Deinen liehen Brief erhielt ich vorgestern und danke Davon ganzem Herzen dafür. Du siehst aber wohl freilich mehr in meinem letzten Brief, als ich darin sagen wollte, denn wenn Du von meiner Verlobung, meinem Glück, meinen veränderten Lebensplänen sprichst, so ist das Alles noch ganz im Unbestimmten. Aber danken muss ich Dir für die liehen, gütigen Worte, die Du mir über diese blosse Möglichkeit geschrieben hast und die ich fast als Deine Erlaubniss betrachten möchte, so zu handeln, wie ich es zu meinem Glücke nicht anders kann. Dennoch möchte ich diese Deine Erlaubniss, Deine Einwilligung gern bestimmt besitzen, um von dieser Seite nicht mehr von Zweifeln geplagt zu sein; Dich darum zu bitten, ist der Zweck dieser Zeilen eigentlich. Sage mir also, dass'Du mir auch jetzt das Zutrauen und die Freiheit schenken willst, deren ich mich schon in früheren Jahren erfreuen durfte, und // 28 1836—1839. Du wirst mich dadurch sehr glücklich machen. Dass ich ein solches Zutrauen nicht missbrauchen will, kannst Du mir glauben und ich habe es auch wohl zuweilen verdient. Bitte, sage mir das, liebe Mutter. Glaube aber darum nicht minder das, was ich Dir im Anfang schreibe. Ich möchte nur von Dir und Deiner Güte die Erlaubnisse oder die Emancipation haben, die mir das Alter schon seit einigen Jahren gegeben hat, die ich aber eben nun destoweniger von Dir hier entbehren möchte, oder auch nur daran zweifeln. Ob ich aber dann bei meiner Rückkehr nach Frankfurt davon Gebrauch machen kann oder nicht, — das ist, wie gesagt, mir selbst noch das grösste Rätlisel. Alles hängt von dem ab, was ich bei meiner Rückkunft dort erleben werde, denn bis jetzt weiss ich nichts davon. Nur das ist gewiss, dass ich ganz Holland, alle Holländer, nebst Seebad, Badekarren, Kursaal und Gästen mit allem Zubehör zu aller Hölle wünsche, ins Pfefferland, und wollte, ich könnte schon wieder zurück. Denn wenn ich jetzt dieses sehr liebenswürdige Mädchen noch einmal zu sehen bekomme, so denke ich, es wird sich bald entscheiden, ob wir einander näher und nahe kommen, oder nicht; bis jetzt eigentlich kenne ich sie wenig und sie mich auch nicht; ich kann Dir darum auch nicht viel über sie schreiben, wie Du es wünschest. Nur das weiss ich zu sagen, dass mir ihre Nähe sehr frohe Tage in Frankfurt jetzt bereitet hat, grade in einer Zeit, wo ich dessen sehr bedurfte und es wenig erwartete, dass sie eine Tochter des lange verstorbenen Pfarrers Jeanrenaud, von ihrer Mutter (einer Souchay' sehen Tochter) dort im Hause aufs zarteste und sorgsamste erzogen ist, dass sie mit Vornamen Cecile heisst und mir gar sehr gut gefällt. Liebe Mutter, ich bitte Dich nur, ängstige und agitire Dich nicht meinethalben, wie Du mir schreibst, sonst machst Du mich mit ängstlich, und ich möchte gern heiteren und ruhigen Sinnes .und Blickes diese Sache verfolgen und so unbefangen dabei bleiben, wie sonst wohl, wenn es in meinem Leben auf augenblickliche Entscheidung ankam. Deshalb wünsche ich sehr, dass Du Niemandem, am wenigsten Jemand in Frank- Felis als Bräutigam. 29 furt, etwas von dieser Angelegenheit mittheilst, es könnte mir alles zerstören. — Liebe Mutter, antworte mir gleich auf diesen Brief." Indess das Seebad nahm auch ein Ende und Felix eilte nach Frankfurt, wo die Verlobung stattfand. Unmittelbar darauf musste er wieder nach Leipzig zurück uud konnte also sein Glück nicht lange geniessen. Natürlich war die Begierde und Spannung der Familie, etwas von der Braut zu hören, ausserordentlich gross. Da liefen denn nun von allen Seiten so enthusiastische Berichte ein, dass dadurch nur der Wunsch, sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen, vermehrt wurde, ein Wunsch, der aber für Alle noch eine ziemliche Zeit unerfüllt bleiben sollte. Aus dem natürlich gleich lebhaft eingeleiteten Briefwechsel möge einiges folgen: Frankfurt, 13ten Dec. 36. Felix an Fanny: „Ja, Du lieber Fenchel, da sitze ich wieder an Cecile's Pult und schreibe Dir und bin ein glücklicher Mensch. Wie ist's weiter zu beschreiben? Weiss gar nicht und bin stumm, aber nicht so wie die Affen am Orinoco, sondern ganz anders. Zuweilen möcht' ich ein klein wenig toll werden, wenn ich an die Visiten denke, die morgen losgehen, es sind deren — 163, wohlgezählt! — Was sagst Du nun, Cantor? Und bei meinem Bart, ich muss sie alle machen, trotzdem, dass ich mich so jämmerlich anstelle, wie mir nur möglich. Aber wahrlich, mir ist das auch einerlei—ich bin zu froh. Neben der Cecile habe ich nun die letzten vier Tage hier gelebt und habe noch acht solche vor mir und dabei ist Alles hier im Hause so nett und lieb, und der Karl Jeanrenaud, dessen Bekanntschaft ich jetzt erst gemacht habe, der ist auch so liebenswürdig und gut, wie die Andern, ein gar zu netter Mensch und ausser alledem habe ich eine ganze Menge gute Musik im Kopfe, die Dir alle noch gefallen soll, und so kann icli's wohl dankbar sagen, welch ein glücklicher Mensch ich bin. Lebe wohl etc." 30 1836—1839. Berlin, 23. Decbr. 36. Fanny an Cöcile. „ Deine Zeichnung, liehe Cöcile, hat uns Allen sehr viel Vergnügen gemacht und sehr gefallen, besonders aber Hen- sel, der gerade, weil er es am besten versteht, jede Intention zu schätzen weiss, und ich kann wohl sagen, ein liebenswürdiges Publikum ist. Du erlaubst mir wohl, meinen Mann ein wenig gegen Dich zu loben, oder vielmehr Dir zu sagen, dass ich ihn wirklich nicht genug zu loben wiisste, so vortrefflich ist er, so dass ich mit Ueberzeugung von ihm, wie Du von Felix, sagen darf, sein Talent ist nicht sein grösster Vorzug und doch wollte ich, Du könntest das Bild sehen, was er jetzt vollendet hat, weil ich glaube, dass sich ebensowohl ein liebenswürdiges Gemütli, als ein schönes Talent darin ausspricht. — —■ Aber liebe Kinder! Wie kann man 163 Visiten zu machen haben? das ist ja eine unvergleichliche Thierquälerei! Wir haben gerechnet und gerechnet und herausgebracht, dass, wenn Ihr auch jeden Tag zwanzig macht, was ein Ding der Unmöglichkeit ist, Ihr doch acht volle Tage braucht, an denen Uli- gar nicht leben, sondern nur besuchen könnt — unmenschlich! Ich hoffe, es hat Einer von Euch bei der dritten sich den Fuss vertreten, oder einen Schnupfen bekommen, der gerade ausreicht — weiter nichts. Wenn Ihr Euch diese 163 Visiten recht deutlich und grausam vorstellt und dann denkt, dass Ihr sie nach Eurer Verheirathung abermals zu machen habt, so giebt das vielleicht einen Beweggrund ab, Euch in Leipzig trauen zu lassen, was ich aus verschiedenen Gründen, die mir die Bescheidenheit auszuführen verbietet, sehr zweckmässig finden würde. Ach wäret Ihr morgen hier! Ich denke, es wird recht niedlich werden. Zwei grosse Orangenbäume, welche in unserem Vorzimmer stehen, erleuchten wir durch Lämpchen von ausgehöhlten Citronen, dann kommen die grossen Weihnachtsbäume in unserer blauen Stube, unter Hensel's Schülern machen wir eine kleine Lotterie, natürlich aus lauter Gewinnen bestehend, unsere jungen Leute haben auch wieder ihrerseits einen Spass vor, von dem ich mich aber überraschen lasse, ich weiss Felix als Bräutigam. 31 garnichts. Hensel bekommt von mir, o du Malerin, ein Loth ächten Ultramarin, der hier so übermässig theuer ist, dass er sich schon lange keinen angeschafft hat. — Heute Nachmittag nun muss ich poetisch sein, denn morgen ist keine Zeit mehr dazu, da muss aufgebaut werden." Leipzig, ölten Decbr. 36. Felix an Fanny. „Liebe Fanny, diese Zeilen sollen Dir und Hensel meinen Dank für Eure liebenswürdigen Albumbeiträge bringen und Euch sagen, wie Ihr mich dadurch erfreut habt. Hättet Ihr sehn können, wie meine Cöcile so froh darüber war, wie sie die lieben Blätter den ganzen Abend über nicht aus der Hand liess und sie immer wieder betrachtete, so wäre darin der Dank schon, und auch Ihr hättet Euch daran gefreut. 0 Fanny, das war ein Weihnachtsfest für mich. So hab ich keins erlebt, und werde es nicht wieder ; die glücklichsten, liebsten Tage waren mir geschenkt, solche Tage, an denen einem das Leben und Athmen wieder neue Freude und neue Dankbarkeit giebt. Ich kann Euch aber das Alles nicht beschreiben, denn Ihr kennt meine Cecile nicht, wäre das erst! — Man gab mir ihr Portrait am Weihnachtsabend, aber da bekam mein Grimm gegen alle schlechten Künstler neue Nahrung, und ich war nahe daran, dem Maler, B. lieisst er, aus Wien, viele Grobheiten zu sagen, und durfte es doch nicht, weil Mme. Jeanrenaud so gut gewesen war und hatte mir eine Freude machen wollen, und weil die Cecile so oft gesessen hatte. Und doch war's schändlich. Wie eine geschmeichelte, gewöhnliche Mamsell salfs aus, und mit so groben Fehlern, dass der Mann ganz verblüfft war, als ich ihm einige davon sagte, und sie mir alle gleich zugab. Es ist zu schlimm, wenn solch ein Kerl selbst da nicht einmal ein bischen poetisch, ich meine natürlich werden kann, und mit seinen affektirten, angenommenen Stellungen und mit weissem Teint und zarten blauen Aeuglein kommt, statt der dunkel- schwarzblauen und dem braunen und rothen Teint und der 32 1836—1839. ganz natürlichen Cecile. Auf Veit's Portrait bin ich neugierig, denn er maclit's nun, ich glaube das wird anders aussehen, obwohl es verzweifelt schwer sein mag, dies bewegliche Gesicht festzuhalten und nachzuahmen. — Am 4ten Januar 1 837. Der ist es nun geworden, und Neujahr, und nun nimm alle meine Wünsche für Euer Wohl und Glück dazu hin. Als ich am vorigen Sylvesterabend traurig vor zwölf nach Hause ging und im Bett zwölf schlagen hörte, da dachte ich wenig, mit welch dankbarer Empfindung ich die letzte Stunde davon gestern verleben sollte, mit welch frohen Hoffnungen die erste dieses neuen. Da dankte ich Gott für all das Gute, und ich weiss, dass Du es mit empfindest, und Dich mit daran freust, wie ich so glücklich bin." — Leipzig, 24ten Januar 1837. Eelix an Fanny. — — „Ich denke am 17 ten März abzureisen nach Frankfurt, und für den 13 ten ist die-Kirchenaufführung bestimmt. Ich möchte fast sagen leider bestimmt, denn ich habe doch auch garkeinen Animus jetzt dazu, und es gefällt mir nicht, dass ich so kurz vor meiner Hochzeitsreise solch einer entsetzlichen Hätz entgegengehe. Ich fluche auf die ganze Con- cert- und Musikwirthscliaft hier und muss sie doch mitunter segnen, denn sie ist wirklich liebenswürdig. Du glaubst es nicht, wie viel gute, interessante Erscheinungen solch einen Winter über durch unsern Horizont (den Leipziger) gehen, und wie gern möchte ich, dass Du das mal so mit erlebtest, es würde Dich gar so sehr amüsiren. Vorige Woche spielte Bennett sein C-moll-Concert zum Jubel der Leipziger, die er sich mit dem einen Schlag allesammt zu Freunden und Verehrern gemacht zu haben scheint, denn man hört überall nur Bennett jetzt; im Concert vorher hatte Molique sehr vortrefflich gespielt, nächstens kommt eine neue Ouvertüre von Spohr zur Tochter der Luft, zu der er, wie er mir schreibt, 'sf . cJ3 Felix als Bräutigam. 33 durch meine Melusine angeregt worden ist; im Armenconcert kommt eine neue Ouvertüre von Bennett, zwei neue von Hiller (der Dich in jedem Brief grüssen lässt) haben wir schon gemacht, und da wir auch nächstens den Faust von Badziwill probiren wollen, und da sich auch Md. Crescini angemeldet hat, so dürft Ihr Berliner garniclit mausig sein." Rebecka an Cecile. Ilten März 1837. „Ich kann Dir garniclit sagen, liebe Cecile, wie sehr ich mich freue, dass Ihr noch in Leipzig geblieben seid, in unserer Nähe, und Mutter sieht Euch, und Du hörst den Paulus noch. Wäre die Nähe nur nicht auch so weit, oder gäbe es Fernröhre von der Leipzigerstrasse bis zu Reichels Garten, oder Eisenbahnen, oder wäre ich nicht aus mancherlei Gründen so unbeweglich. Felix, der, unter uns gesagt, das ganze Concert bei der Nase herumführt, oder ihm darauf herum tanzt, könnte sich wohl auf ein paar Tage losmachen und Euch herbegleiten, wenn er nur ernsthaft will, vorausgesetzt, dass Dir diese Begleitung nicht unangenehm wäre. Ihr sollt auch, wie Ihr wollt, entweder alle Herrlichkeiten Berlins im schönsten Licht, oder gar keine Herrlichkeiten sehen, letzteres ist für Berlin sehr vortlieilliaft. — Ich wollte übrigens, ich wäre hei Euch und sässe neben Dir im Chor, pausiren und anfangen wollte ich schon. Du singst wohl zum ersten Mal im Chor? Ist das nicht ein herrliches Vergnügen? Ach überhaupt, es geht gar- niclits über die Musikanten! Was wirst Du noch für Plaisir in den verschiedensten Genres von Felixens Musik haben. Macht er Dir denn auch musikalische Possen vor, oder ist er zu verliebt dazu? Sonst empfehle ich Dir eine Art Präludien h Venfant und mit falschen Schlüssen, über die ich lachen muss, ich glaube, wenn ich am Tode läge. Leider fehlt uns dieses Musikanten- leben gänzlich, wir haben garkeine musikalischen Hausfreunde, nur zuweilen bei Fanny die gross'en Aufführungen, die denn freilich ausserordentlich schön sind, und nach denen sich jeder Die Familie Mendelssohn. II. 3 34 1836—1839. scheut, in Famiy's Gegenwart zu spielen oder zu singen, oder wir spielen uns allein was vor.— —Griiss Felix sehr. Nicht wahr, er sieht nett aus an seinem Pult? Ich sehe gar zu gern, wenn ihm etwas gefällt, und er nickt so vergnügt mit dem Kopfe, als wäre kein Mensch im Saale und macht dabei eine dicke Unterlippe." —• — 7 ten März 1837. Felix an Fanny. (Nach Aufführung eines ihrer Lieder in Leipzig.) „Ich will Dir über Dein Lied gestern schreiben, wie schön es war. Meine Meinung weisst Du zwar schon, doch war ich neugierig, ob mir mein alter Liebling, den ich immer nur im grauen Kupferstichzimmer oder im Gartensaal von Beckchen gesungen und von Dir gespielt kannte, nun auch in dem sehr gefüllten Saal, bei hellem Lampenlicht, nach vieler, lärmender Orchestermusik, die alte Wirkung thun würde. So war es mir ganz kurios, als ich ganz still und allein Deinen netten Wellenschlag anfing, und die Leute mäuschenstill horchten; aber niemals hat mir das Lied besser gefallen, als gestern Abend, und die Leute begriffen es auch und murmelten jederzeit, wenn das Thema am Ende wieder anfängt mit dem langen e, und klatschten sehr lebendig am Scliluss. Zwar sang es die Grabow lange nicht so gut wie Beckchen, indess war es doch sehr rein, und die letzten Takte sehr hübsch. Bennett, der auf dem Orchester war, lässt Dich vielmals griissen und Dir über das Lied sagen, was Du schon weisst, und ich meines- theils bedanke mich im Namen des Publikums zu Leipzig und den anderen Orten, dass Du es gegen meinen Wunsch doch herausgegeben hast." — Dieser Brief bezog sich auf ein von Fanny veröffentlichtes Lied. Schon viel früher, in den ersten Liederheften Opus 8 und 9 hatte Felix sechs Lieder von ihr unter seinem Namen herausgegeben, No. 2, 3 und 12 in Opus 8 „Heimweh", „Italien", „Suleika und Hatem", No. 7, 10 und 12 in Opus 9 „Sehn- Musikalisches. 35 sucht", „Verlust" und „die Nonne". Dies war unter den nähern Freunden des Hauses bekannt genug, im Publikum galt ihr Antheil an den herausgekommenen Sachen für viel grösser. Anfangs 1837 gab nun Fanny dem Musikhändler Schlesinger ein Lied, welches in einem „Album" von diesem veröffentlicht wurde, und worüber Felix, ausser jenem schon mitgetheilten Brief, an sie schrieb: „Weisst Du denn, Fenchel, dass Dein A-dur-Lied in Schlesingers Album Furore hier macht? Dass die neue musikalische Zeitung (ich meine ihren Redakteur, der in meinem Hotel mit isst) für Dich schwärmt? Dass Alle sagen, es sei das Beste im Album, was ein schlechtes Kompliment ist, denn wo ist sonst was Gutes? Dass sie es aber wirklich goutiren ? Bist Du nun ein rechter Autor, und macht Dir das auch Plaisir?" — Gewiss machte es ihr Plaisir; sie hatte den Mangel an liebevollem Eingehn Andrer in ihre musikalischen Bestrebungen das Jahr vorher schmerzlich empfunden; der Zufall wollte es, wie Rebecka an Cecile schreibt, dass sich damals der tägliche Umgang aus lauter unmusikalischen Menschen zusammensetzte, worüber auch Fanny sich am löten Juli 1836 klagend gegen Klingemann ausspricht: — — „ Ich lege zwei Klavierstücke, die ich seit Düsseldorf geschrieben, für Sie bei, Sie mögen beurtheilen, ob sie sich eignen, meiner unbekannten jungen Freundin in die Hände zu kommen; ich überlasse es ganz Ihnen, kann aber nicht unterlassen zu sagen, wie angenehm es mir ist, in London für meine kleinen Sachen ein Publikum zu finden, das mir hier ganz fehlt. Dass sich Jemand hier etwas abschriebe, oder nur eine Sache zu hören verlangte, das kommt kaum einmal im Jahr vor, namentlich seit der letzten Zeit, und seit Rebecka nicht mehr singen mag, liegen meine Lieder durchaus ungehört und ungekannt da, und man verliert am Ende selbst mit der Lnst an solchen Sachen das Urtheil darüber, wenn sich nie ein fremdes Urtheil, ein fremdes Wohlwollen entgegenstellt. Felix, dem es ein Leichtes wäre, mir ein Publikum zu ersetzen, kann mich auch, da wir nur wenig zusammen sind, nur wenig aufheitern, und so bin ich mit meiner Musik ziem- 3* 36 1836-1839. licli allein. Meine eigne und Hensel's Freude an der Sache lässt mich "mdess nicht ganz einschlafen, und dass ich hei so gänzlichem Mangel an Anstoss von Aussen dahei bleibe, deute ich mir selbst wieder als ein Zeichen von Talent. Und nun genug von diesem uninteressanten Gegenstande." — An denselben schreibt sie, und es beweist, wie gern und freudig sie, was ihr musikalisch von Andern geboten wurde, aufnahm: 16ten Decbr. 36. „Wir haben jetzt einen höchst vortrefflichen Klavierspieler, Döhler, hier gehört, mir doppelt wichtig, da ich Tlialberg nicht kenne, und also die neuesten Fortschritte der Technik erst durch ihn mir lebendig geworden sind. Ich lerne so gern, und hier giebt es für gewöhnlich leider fast gar nichts zu lernen. Wenn diesem sehr jungen und angenehmen Virtuosen nur ein soliderer Geschmack beizubringen wäre, er miisste ausserordentlich werden. Aber wie bei aller Umwälzung der Musik immer Variationen und wieder Variationen gemacht und gespielt werden können, das ist mir ein Rätlisel. — Ueber- morgen habe ich Musik, dann führt Weihnachten eine Pause in aller Musik herbei, die nicht Trompete oder Weihnachtsknarre ist. Wären Sie doch hier!" Der Eindruck, den die sehr vollendete Technik der neueren Spieler auf sie machte, war kein vorübergehender, ja er bewirkte, dass sie ungerecht gegen sich selbst wurde. So schreibt sie an Klingemann 3. April 37: ,, Durch Ideenverbindung komme ich auf Ihren Collard'schen Flügel, den ich sehr goutire und sehr beneide. Ich werde mir wahrscheinlich mein Lebenlang, immer in der Absicht, einen englischen Flügel zu haben, weder den, noch einen andern anschaffen, liab's auch jetzt weniger nöthig als sonst, da ich mir gegen all die modernen Sprühteufel und Tausendsasas in meinem Spiel unbeschreiblich veraltet vorkomme, und mich immer mehr in meinen Käse und mein Nichts zurückziehe." Und noch im Sommer 1837 muss diese Unzufriedenheit Musikalisohes. 37 mit sich selbst fortgedauert haben, denn Felix schreibt am 13ten Juli an seine Mutter:*) ■— — „Das ennuyirt mich aber, dass Fanny sagt, die neue Klavierschule wachse ihr über den Kopf. Das ist ja garnicht an dem. Sie spielt wohl alle die kleinen Kerls in den Sack. — Die können ein paar Variationen und Kunstgriffe gut machen: aber all die Fertigkeit und Coquetterie mit Fertigkeit verblendet selbst das Publikum nicht mehr leicht. Es muss Geist sein, wenn es sie Alle fortziehen soll, und darum höre ich vielleicht D. lieber eine Stunde lang, als Fanny eine Stunde lang — aber nach acht Tagen kann ich ihn nicht mehr vor langer Weile anhören, und dann fange ich erst an, mich in das andere Spiel hineinzuhören, und das ist das Rechte. Alles das macht eben nicht mehr, wie Kalkbrenner zu seiner Zeit, und geht noch während ihres Lebens vorüber, wenn nicht etwas Besseres als Finger dabei ist. Das hat aber Fanny, und darum braucht sie sich vor Keinem von allen Denen zu fürchten." — Wilhelm Hensel war von jeher sehr für den Gedanken der Veröffentlichung von Kompositionen seiner Frau eingenommen gewesen, und es ist erklärlich, dass er in seiner Ansicht durch den Erfolg jenes kleinen Versuches bestärkt wurde und weitere Fortsetzung wünschte. Ihre Mutter dachte ebenso und verlangte im Sommer 1837 von Felix, er möge seinerseits zum Herausgeben zureden. Aber Felix' Ansicht über das Herausgeben im Allgemeinen war durch diesen vereinzelten Erfolg nicht im Mindesten erschüttert und er lehnte das Ansinnen, ihr zuzureden, ab. Fanny, die eigentlich selbst zum Publiciren keine grosse Lust hatte und es nur eben ihres Mannes wegen gethan hätte, liess sich denn auch leicht und gern von dem Gedanken abbringen. Derselbe tauchte erst viel später wieder auf und wurde in geringer Ausdehnung ausgeführt. Felix war mit Jeanrenaud's Ende März nach Frankfurt a/M. zurückgegangen, wo die Hochzeit stattfand. Das junge *) Felix'sehe Briefe. 38 1836 — 1739. Paar machte eine Hochzeitsreise nach dem oberen Eheiii und Schwaben. Yon der frohen, ruhig glücklichen Stimmung, die hei Felix eingekehrt war, und durch den wohltliätigen Einfluss der Frau jetzt zur herrschenden in ihm wurde, möge folgender Brief Zeugniss gehen: Freiburg, im Breisgau, lOten April 37. „— — Du erinnerst Dich wohl noch, wie wir damals im Regen in den Dom liefen und ihn bewunderten, mit seinen dunkelen, bemalten Fenstern; aber die Lage der Stadt konnten wir damals garnickt sehen, und was Schöneres ist mir nie vorgekommen, kann ich mir auch garnicht erdenken: so friedlich und reich, und auf allen Seiten viel schöne Tliiiler und auf allen Seiten Berge, nahe und weite, und Ortschaften soweit das Auge reicht, und schöne, nett gekleidete Menschen, überall rauschende Bergwasser in allen Richtungen, dazu rings umher im Thal das erste Grün und auf den Bergen der letzte Schnee — Du kannst Dir denken, wie woliltlmend das Alles ist; und wenn ich nun mit meiner Cecile den ganzen Nachmittag heut im warmen Sonnenschein langsam spazieren gehe, überall stehen bleibe und mich umschaue, und mit ihr von Zukunft und Vergangenheit spreche, so kann icli's wohl dankbar sagen, welch ein glücklicher Mensch ich bin. Ich habe vor, sehr fleissig zu sein. Ich möchte gern mancherlei Neues zu Tage bringen, und ordentliche Fortschritte machen; dazu scheint mir's aber nothwendig, dass ich all' das aufgehäufte Alte erst einmal fortarbeite, und das will ich denn den Sommer über thun, will viele alte Pläne ausführen, und die, die nicht bis zum Winter ausgeführt sind, über die will ich dann weg und sie sollen liegen bleiben. Drei Orgel- Präludien habe ich in Speyer gemacht, die werden Dir, hoffe ich, gefallen; auch ein Heft Lieder ohne Worte ist zum Druck beinahe fertig, ich denke aber nicht so bald wieder welche herauszugeben, und lieber grössere. Sachen zu schreiben. Mit einem Violinquartett bin ich fast fertig und will dann ein zweites anfangen; es arbeitet sich jetzt gar zu schön und lustig. Felix' Hochzeitreise. 39 Wir denken noch wenigstens acht Tage hier zu bleiben und die Exkursionen in die umliegende Gegend zu machen, dann wahrscheinlich über Heidelberg nach Frankfurt zurück. Wenn ich in diesen Tagen die Schneeberge der Schweiz, die alten Freunde, sehen werde, so wird mir's schwer fallen, nach Norden umzukehren und doch wird's diesmal wohl nicht anders sein können. Cöcile will Platz behalten, ich scliliesse darum." Den übrigen Theil des Sommers bis zum Musikfest in Birmingham brachten „die Felicier," wie Fanny das Paar immer nannte, in Frankfurt und Bingen zu. Vor dieser Heise nach England „graulte" sich Felix sehr, er schreibt an seine Schwester, indem er ihr ein Seebad empfiehlt: ,,— — Wenn Du Dich von Hensel nicht trennen willst, so denk an mich, der ich in wenig Wochen allein nach England gehen soll und Cecile hier lassen und bin noch keine vier Monat verheirathet und muss es doch tliun. Und bloss einem Musikfest zu liebe, — da ist noch ein Seebad ein anderer Grund. — Es wird eme wahre Hetze auf dem Musikfest werden, vier Tage dauert es, und bis jetzt habe ich nicht weniger zu thuu, als den ersten Tag Orgel zu spielen, den zweiten Paulus zu dirigiren, den dritten Klavier zu spielen und den vierten zum Seliluss wieder Orgel zu spielen. Ausserdem ist noch die Rede davon, meinen neuen Psalm „Wie der Hirsch schreit" und meinen Sommernachtstraum zu geben. Ausserdem giebt noch Neukomm eine grosse neue Kantate: „ The ascension". Ausserdem will er mehrere Sachen aus der Bacli'sclien Passion singen lassen, wozu er, wie man hier sagt, viel Posaunen gesetzt hat. Ausserdem werden die italiänischen Sänger singen. Ausserdem ist noch der ganze Messias. Ausserdem noch in jedem Concerte eme Symphonie und eme Ouvertüre. Und es dauert bis zum 22sten September und den 30 steil soll ich in Leipzig Probe halten und den lOten Oktober ist das erste Abonnements-Concert. Gottsschock! das ist kein Spass. Aber vielleicht macht der Tod des Königs von England noch einen Strich durch die ganze Rechnung." — Dieser Strich durch die Rechnung wurde aber nicht gemacht und Felix musste reisen. In allen Briefen aus dieser 40 1836-1839. Zeit findet sich, bald leise anklingend, bald stark betont, die Klage, dass das „Aufführen" und Dirigiren einen grossen Theil seines Reizes für ihn verloren habe und er sich mehr und mehr davon wegsehnt, und zum eigenen Arbeiten, zum Kom- poniren, zum zu Hause sein hingezogen fühlt. Alle die ausser- liehen Erfolge hatten von jeher nicht allzuviel Reiz für ihn gehabt; jetzt aber, wo seine Häuslichkeit anfing, ihm eine ganz neue Welt aufzuthun, wendet er sich von jenen Aeusser- lichkeiten immer mehr ab, und bereut die Zeit und die ungeheure Anstrengung, die sie kosten. Und die war bei diesem Birmingliamer Musikfest sehr gross, der Erfolg allerdings auch so durchschlagend wie noch nie. Er war der recht eigentliche „Held" dieses Festes; und was die Engländer an Enthusiasmus leisten können, wenn sie wollen, das ist fabelhaft. Und nach .den Aufregungen des Festes, von denen Felix schreibt: „man brauchte einiges Fischblut, um nicht zu bersten", musste er unmittelbar die Rückreise antreten, sechs Tage und fünf Nächte nach Frankfurt zu Cöcile; dann mit dieser in langsamerem Tempo in drei Tagen nach Leipzig; hier kam er Mittags um zwei an und um sechs dirigirte er das Abonne- mentsconcert, „die Posaunen und Pauken strengten sich so an,, dass mir allerdings am Schluss des Concerts etwas caput zu Mutlie war", schreibt er an seine Mutter. Kein Wunder, dass er sich nach häuslicher Ruhe sehnte. Es muss daran erinnert werden, dass noch immer die Schwestern Cecile nicht kannten. Dadurch hatte sich, namentlich bei Fanny, eine Art Verstimmung festgesetzt; sie glaubte, es hätte sich wohl schon eine Gelegenheit finden lassen, Cöcile nach Berlin zu bringen. Ende August kamen die Woringen'schen Mädchen mit dem alten Präsidenten nach Berlin, und da natürlich die Familie Alles aufbot, sich in Etwas für die oft genossene Gastfreundschaft zu revancliiren, so gab es eine sehr muntere und bewegte Zeit. Es wurde viel und gute Musik gemacht; überhaupt wuchsen die Sonntagsmusiken, sowohl was die Anzahl der Mitwirkenden, als die der Zuhörer, und die Grösse der in Angriff genommenen Werke betraf, immer mehr und mehr. Sie fingen beinahe an, den Charakter Woringen's in Berlin. Sonntagsmnsiken. 41 einer freundschaftlichen Vereinigung- zu verlieren; denn es kam wohl vor, dass Anwesende, mitgebracht von kurz vorher seihst Mitgebrachten, sowohl Wilhelm als Fanny ganz unbekannt waren, sodass die Zuhörerschaft meistens aus andern als den Leuten bestand, mit denen sie eigentlich umgingen, und sich förmlich fremde Coterien bildeten; den Singenden blieb kaum Platz zum Stehn, geschweige zum Sitzen, und die Ueber- füllung der Räume steigerte sich ins Unerträgliche. Mit Ausnahme der Sing-Akademie existirte damals keins der Institute, die heut in so grosser Anzahl für die Aufführung guter Musik in Berlin sorgen, und die Sing-Akademie beeilte sich nicht allzusehr, neue oder unbekannte alte, gute Sachen in ihr Repertoir aufzunehmen. Nach einigen Wochen eines sehr angenehmen Aufenthalts machten sich Woringen's wieder reisefertig: sie wollten über Leipzig zurückgelin, und bei dieser Gelegenheit kam denn Fanny's Stimmung gegen die „Felicier 1 " zur Aussprache, die auch in Briefen an diese selbst durchschimmert. So schreibt sie am 5. Oktober 37 an Cecile: ,,— —■ Ihr seid aber eigentlich recht böse Leute, dass Ihr einem noch nicht einmal mit zwei Worten Eure Ankunft in Leipzig angezeigt habt. Wenn ich nun nur einmal von Felix zu hören bekäme, dass er aus der Unruhe kommt; diese ewige Hetze, in der er Jahr aus Jahr ein lebt, macht mich, die ich mich in der tiefsten Ruhe befinde, athemlos, wenn ich nur daran denke. Das wird wohl eins der grossen Verdienste sein, die Du Dir um ihn erwerben wirst, liebe Cecile. Vom Birmingham-Musikfest haben wir von allen Seiten gehört und gelesen. Ich glaube aber, nach allen Beschreibungen zu ur- theilen, dass ein rheinisches tausendmal hübscher ist. Wie nobel und einfach ist so ein Düsseldorfer Musikfest, oder ein Heidelberger, wo sie voriges Jahr die Jahreszeiten in der Schlossrnine aufgeführt haben. Allerdings ein gewagtes Unternehmen, aber wenn es gelingt, muss es einen reizenden Eindruck machen. Auf Felixens Concert bin ich sehr neugierig, wird es bald gedruckt, damit man es doch auch kennen lernt? Wenn ich Felixens Sachen zuerst gedruckt gesehn, verhalte 42 1836-1839. icli micli immer dazu wie das Publikum, d. Ii. ich beurtlieile sie ohne alle Vorliebe; da kann ich denn immer nicht umhin, mit Wehnrath an die Zeit zu denken, wo ich die Sachen kennen lernte, sowie sie eben entstanden. Es ist doch ein ander Ding und ärgerlich, dass es im Buch des Schicksals verzeichnet stand, dass wir nicht zusammen leben, sondern, dass er seit acht Monaten eine Frau haben sollte, die ich nicht kenne. Ich muss Dir nur sagen, wenn jetzt Jemand kommt und mir von Deiner Schönheit erzählen will und von Deinen Augen, so schnauze ich ihn an! Gehört habe ich genug davon, schöne Augen aber will man nicht hören. — —f Indessen, wie es mit solchen Stimmungen zu geschehn pflegt: sie bestehn eigentlich nur, so lange sie der Mensch mit sich herumträgt, einmal ausgesprochen, haben sie ihren Stachel verloren. Woringen's liessen das auch garniclit gelten und beredeten Fanny zur Heise nach Leipzig, wo sie nun endlich die schönen Augen sehn sollte, von denen sie so viel gehört. Der Eindruck war natürlich derselbe wie auf Alle. Sie schreibt, aus Leipzig zurückgekehrt, an Klingemann: „Dass ich meine Schwägerin nun kenne, hat mir allerdings einen grossen Stern vom Herzen gewälzt, denn ich kann nicht läugnen, dass Unbehagen und Missstimnrang in dieser Beziehung sehr in mir überhand genommen hatten. Sie ist aber ein so liebenswürdiges, kindhaft unbefangenes, frisch erquickliches, immer gleich und heiter gestimmtes Wesen, dass ich Felix nur glücklich preisen kann, sie gefunden zu haben, da sie ihn unaussprechlich liebt, ihn aber dabei nicht allzusehr verzieht und seiner Launenhaftigkeit mit einem Gleiclmrath begegnet, der sie ihm am Ende vielleicht gar abgewöhnen wird. Ihre Gegenwart hat etwas von frischer Luft, sie ist so leicht, klar und natürlich." Der gute Eindruck muss übrigens ein gegenseitiger gewesen sein, wenigstens schreibt Fanny an Cöcile am 21sten Novbr. 37: „Was Du mir Freundliches sagst, liebe Cöcile, hat mich gar sehr erfreut, denn ich habe mir wohl nicht leicht in meinem Leben mehr gewünscht, einen guten Eindruck zu machen, als Dir gegenüber, und Deine lieben Worte und Deine Aufrichtigkeit lassen mich hoffen, dass dies wirklich geschehn sei. Fanny spielt öffentlich. 43 Da man nun die Frauen eigentlich in ihrem Hause sehn muss, werde ich Dir mit noch mehr Zuversicht entgegentreten, wenn Ihr uns hier besucht, und hoffe gewiss, es Euch dann recht angenehm machen zu können; wie freue ich mich auf die Zeit." Der Winter 1837/38 verging ohne besondere Vorfälle. Hensel beendete ein grossses Bild, Christus in der Wüste, Fanny spielte einmal zu einem wohlthätigen Zweck öffentlich, worüber sie an Klingemann am 27sten Febr. schreibt: „Vorige Woche hat hier in der eleganten Welt ein Concert grosses Aufsehn gemacht. Es ist nämlich, wie es an andern Orten häufig geschieht, ein Dilettanten concert zum Besten der Armen mit verdoppeltem Eintrittsgeld gegeben worden, wobei die Chöre fast von lauter Gräfinnen, Gesandtinnen und Offizieren gesungen wurden. Da war ich vornehme Frau denn auch dringend gebeten worden, zu spielen, und habe zum ersten Mal in meinem Lehen öffentlich gespielt und zwar Felixens Concert aus g-moll. Ich habe mich garnicht geängstigt, meine Bekannten waren so gütig, es für mich zu thun, und das ganze Concert, so elend das Kepertoir auch war, hat so viel Neugier und Interesse erregt, dass die Einnahme 2500 Tlialer betrug." — Im Frühjahr 1838 reiste Paul mit seiner Frau zur Taufe des ersten Sohnes von Felix nach Leipzig. Das Versprechen des Letzteren, einige Zeit in Berlin zuzubringen, erregte die lebhafteste Freude, und Fanny schrieb darüber: „ Felix, vergiss meinen Bach nicht, und dann höre mal (Cücile, Albcrtine, Paul, wer wird ihn erinnern?), hast Du die neuen Mosclieles'schen Etüden und willst sie mir durch Paul schicken und sie Dir dann selbst wieder abholen? Ich werde Dir sehr verbunden sein dafür. Ueber Derne hiesigen Wohnangelegenheiten bekommst Du nächstens einen, eigenen Brief. Die sieben Städte Griechenlands streiten um Dich, und die freundlichen Schwestern sind im Begriff, feindliche Brüder Deinetwegen zu werden, Du sollst hören und erfahren. Lieber Felix, komponirt habe ich diesen Winter rem garnichts, musi- cirt freilich desto mehr, aber wie einem zu Math ist, der ein Lied machen will, weiss ich garnicht mehr. Ob das wohl 44 1836—1839. noch wieder kommt, oder ob Abraham alt war? Was ist übrigens daran gelegen? Kräht ja doch kein Hahn danach und tanzt Niemand nach meiner Pfeife. Wirst Du denn die Leute beglücken und ihnen einmal was hier vorspielen am Sonntag? Oder soll ich meine Bude so lange schliessen? Kinder, wie freue ich mich auf Euch! Der Garten wird dann auch schon hübsch sein, und so Gott will, führen wir ein lustig Leben. — Adieu, Geschwistervolk, Alles griisst Euch und hat Euch lieb." — Und es wurde ein lustiges Leben, einen grossen Tlieil des Sommers im Hause und im Garten mit Felix und den Seinen, und das langentbehrte Zusammenleben wurde sehr genossen. Dagegen war Hensel seit dem 27sten Mai auf einer englischen Heise abwesend, die er mit den Bildern der Mirjam und des Christus angetreten hatte, um dies Land, auf das durch Felix, Klingemann und andere Freunde die Augen der Familie oft gerichtet waren, kennen zu lernen und selbst dort bekannt zu werden. Für den ersten Zweck war die Zeit sehr günstig gewählt; das Jahr vorher war der alte König Wilhelm IV. gestorben, und die Krone Grossbritanniens auf das Haupt der 18jährigen Victoria gekommen. Die Krönungsfeierlichkeiten, welche durch allerhand Zufälligkeiten verzögert worden waren, fanden während Hensel's Anwesenheit in London statt, so dass ihm die Gelegenheit wurde, viel Interessantes zu sehn. Weniger günstig war der Moment für die andern Zwecke, gesehen zu werden und, was ihm sehr am Herzen lag, einen guten Kupferstecher für einige Bilder zu gewinnen. Die Krönung, und nichts als die Krönung lag den Engländern im Kopf und den Kunsthändlern speciell war für den Augenblick kein Bild anziehend, was nicht in irgend einem Zusammenhang mit dem grossen Tagesereigniss stand. Hensel, der im Ganzen ausserordentlich schreibefaul war, hat von dieser Heise, der ersten grösseren Trennung von Hause, sehr eingehende und ausführliche Briefe geschrieben, von denen einige Auszüge folgen mögen. Die junge Königin hatte gewünscht, seine Bilder zu sehen, Heusei in England. 45 und Buckingham Gallerg als den Platz bezeichnet, wo sie aufgestellt werden sollten. Er schreibt nun: „Was kriegt' ich für einen Schreck, als ich da hineintrat und die schönen Rubens, Van Dyks, Rembrandts etc. sah, und nun meine Sachen dazwischen stellen sollte! Aber was half's, ich musste mich der Feuerprobe unterwerfen, und wenigstens ist dieses „Muss" mir instruktiv gewesen. Du weisst, wie ich die heilsamen Mortificationen für Künstler predige, und immer, wenn auch mit Schauder, gewünscht habe, mal meine Geschöpfe unter denen der alten Kunsthelden zu sehn. Als meine Sachen aufgestellt waren, hatte ich noch eine halbe Stunde Zeit, die Gallerie zu besehen, und wenn ich in das Beste eingedrungen war, sah ich meine Bilder an und erliess mir keine Demütliigung, die mir nützlich sein konnte, ich wusste wohl, solche Schule würde mir vielleicht nicht wieder geboten. War ich aber auch gedemiitliigt, so war ich doch auch erhoben zugleich, ich sah, dass Manches errungen war, und fühlte deutlich und sicher, dass mehr zu erringen sei, wenn Gott und Glück Zeit und Gelegenheit geben." Das Bild der Mirjam ging in den Besitz der Königin von England über und die Herzogin von Sutherland, die eine Kopie haben wollte, was Hensel abschlug, bestellte ein andres Bild, auf dem die eine Figur des Mirjambildes die Hauptrolle spielen sollte. Auch Lord Egerton bestellte ein grosses Bild aus dem Leben des Herzogs von Braunschweig, welcher auf dem berühmten Ball in Brüssel am Vorabend der Schlacht von Waterloo die ersten Kanonenschüsse hörte und dann in der Schlacht fiel. Dieser Moment auf dem Ball nach Byron's Childe Harold Canto III. Stanza 21 — 23 sollte der Gegenstand sein. — Beide Bilder beschäftigten Hensel das nächste Jahr. — Die Krönung beschreibt er folgendermassen: London, 28sten Juni 38. Coronation. „Alles ist vorbei, und die Königin gekrönt. Eben sähe 46 1836—1839. icli (las lielle Ivind aus der Pforte kommen*) und alte Zeit wurde neu, als die mittelalterlich gekleidete junge Königin durch die an dem grauen Gemäuer stehenden rothen Helle- hardiere schritt. Es war ein ganz hübsches Bild, und grade mit Sonnenblick. Möge es ein gutes Omen für ihre Regierung sein! — Jetzt nun nichts mehr; ich komme eben, sechs ein halb Uhr, ganz abgetrieben zu Haus, will nun schnell zum Dinner, dann noch Abends durch Stadt und Volk, welches letztere ich heute besonders kennen zu lernen gedenke. Den 29sten. Also London ist lange, und vorzüglich gestern, toll gewesen, und heut ist es abgespannt und schläft. Eiinfmalhunderttausend Fremde waren, nach der Angabe eines Ministers, zugeströmt, und selbst das weite London konnte kaum die Zahl der Gäste fassen. Wohl dem, der schon untergekrochen war! Uebrigens ist hei alledem kein Mangel hier gewesen; ganze Züge irländischer Ochsen zogen durch die Strassen, von ungeheuerm Mass und Gewicht, was sich denn doch alles auf Schüssel und Teller bringen liess, oder auch aus blosser Faust genossen wurde. Damit aber auch für das Auge gesorgt sei, kamen Wälder und Gärten in London an, um Häupter, Busen und Balkone zu schmücken: Shakespeare's wandelnder Wald wurde wahr. Selbst von Russland sollen Blumen gekommen sein, und Eis von überall, wo es gefroren hat, was ja überall gewesen ist. Die Vorbereitungen waren sonst lustig zu sehn, aber zu gehn oder zu fahren, musste unter die Verzweiflungen des Lebens gerechnet werden; da ich nun viel fahren muss, um den Weg zu finden, fuhr ich schlecht, und brauchte überall das Dreifache der Zeit. Die Kommunikation war als unterbrochen anzusehn, da Jedermann, der nicht zu Jedermann gezählt werden wollte, das Durchdrängen scheute. Gestern von vier Uhr Morgens (in London!!!) rollten nun schon die Wagen, die armen kleinen vornehmen Kinder waren aus den Laken in Dress gestopft, um vor dem Andrang an ihre verschiedenen Plätze befördert zu werden. *) Der Brief trägt als Vignette eine Skizze der Westminster Abtey-Pforte. Krönung' der Königin Victoria. 47 Um sieben ein viertel Uhr fuhr ich mit Lady Sandon ab; unsere Plätze waren vortrefflich, dicht am Portal der Abtey, Westminster-Hospital. Eigentlich hatte ich zwischen zwei Bündeln Heu gestanden, indem Benedicts mich auch eingeladen hatten, bei ihnen in Piccadilly die Prozession zu sehn, wo ich Lablache, die Grisi etc. getroffen hätte, doch konnte ich es Lord Sandon nicht füglich abschlagen, seine Frau zu führen, da er selbst mit der Kammer erscheinen musste. Nachdem wir einige Zeit das Volk betrachtet hatten, wie es wuchs und schwoll, und ich Einiges skizzirt, kamen die Wagen der Peeresses und Peers, welche nicht im Zuge waren, nach einander an, einige gezischt, andre, z. B. Wellington, sehr applaudirt. Das Volk war übrigens im Ganzen gesittet, wenn auch aufgeregt, aber zum ersten Mal habe ich die hiesige Polizei, ohne eigentlichen Anlass, brutal gesehn. Die Masse, von hinten gedrängt, konnte wirklich nicht anders, als die ihr bestimmten Grenzen iiberfluthen, und nun hieben die Konstabier mit ihren Stöcken ohne Anselm der Person drein, rissen'einzelne Leute an ihren Kleidern heraus, um sie an einer andern Stelle, wo sie doch wieder ebensoviel Platz einnehmen nmssten, hineinzustossen, kurz, es war ein ganz zweckloses Einschreiten, und viel besser benahm sich die Kavallerie, wo sie_ einschreiten musste. Wir, von unsern privilegirten Plätzen aus, konnten das ganz gemächlich überschauen, wenn sich das Herz nicht umgekehrt hätte, bei der Noth unter uns. Eine Dame mit grünem Schleier wurde über die Köpfe der Menge ohnmächtig weggetragen; in dem Gewirre suchte ein besoffenes Weib mit blossen Schultern und fliegendem Haar zu tanzen und kreischte der Polizei, die sie hindern wollte, nur immer ihr „Coronation" entgegen. Ein humoristischer Nachbar brachte sie endlich besser mit, vertraulichen Witzen und schalkhaften Ohrfeigen weg. Ueberhaupt finde ich, dass man hier viel mehr trunkene Weiber als Männer sieht, es ist unglaublich, was sie von Whisky hinunterschütten können. Wir selbst brauchten zu solchen Mitteln keine Zuflucht zu nehmen, im Innern des Lokals war für Kaffee, Thee, Eier etc. gesorgt, und später, während die Ceremonie in der Kirche war, 48 1836—1839. auch für ein vollkommenes Frühstück mit Beef, Schinken, Gelees, Eis, wofür man kernen Penny zu bezahlen hatte, da alles schon in den Einlasskarten mit eingerechnet war, und also anständigerweise gar kein Geld erblickte, sondern das Ganze den Anstrich einer Gesellschaft hatte. So ist der Krönungstag also der wohlfeilste meines Londoner Aufenthalts geworden. Dreiviertel nach elf Uhr kam der Anfang des Krönungszugs bei Westminster an, und eine Stunde darauf war Alles in der Kirche eingepfercht. Den Zug beschreib' ich Euch nicht, weil die Zeitungen es thun, und ich halte mich daher nur an Einzelheiten. So war es schön, wie der Takt eines ganzen Volkes in Beifall ausbrach, als der Marschall Soult erschien; dass es dem Helden und ehemaligen Feinde, und nicht der französischen Nation galt bewiess sich dadurch, dass man den General Sebastiani ganz ruhig vorüberliess. Auch dem österreichischen Gesandten wurde lauter Beifall, was wohl nicht blos der Pracht seines Aufzuges zuzuschreiben war, in welcher der belgische Ambassadeur, Fürst Eigne, gleichen Schritt hielt, ohne jedoch gleiche Erndte zu halten. Uebrigens konnte man nichts Blendenderes sehen, all die schönen Pferde mit den reichen Geschirren, goldstrotzenden Wagen und Dienern, und den geschmückten Leuten drin, alles das durch graue Gebäude und Massen unscheinbaren Volks unter grauem Himmel eingerahmt, den nur zuweilen Sonnenstrahlen durchschossen; erst hatte es sogar geregnet. Als nun gar der ganz goldene, märchenhafte Wagen der Königin, mit lebensgrossen dreizackschwingenden Tritonen und der grossen Krone Englands oben, ankam, und links und rechts das feine Kind daraus niederneigte, und in einem Augenblick die Masse des Volks durch den Wellenschlag wehender Tücher und geschwungener Hüte überdeckt war, und ein ungeheures Brausen von Beifall durch Glockenläuten, Musik und Kanonendonner schlug, musste man sich wirklich anfassen, um überzeugt zu sein, dass man nicht in Tausend und Eine Nacht hinüberträumte. Darauf dann die plötzliche Stille, Kirchenstille, als die Königin in die Kathedrale gegangen war. Ich ging unter das Volk, an das Portal der Kirche, sah in die feierliche Dunkelheit hinein, und Krönung der Königin Victoria. 49 durch meine unwillkürliche Rührung arbeitete sich nun ein gut Stück derben Humors hindurch, als ich die ausstaffirten, modem-cinquecentischen Hellebardiere in der Nähe sah, mit den rothen Küchengesichtern und den Nasen, die nach Beef schnüffelten, und von Whisky und Ciaret erzählten, so dass ich mit sicherem Auge in die Volkshaufen schauen und mir Gruppen für mein Skizzenbuch herausholen konnte; ich habe ein ganzes Büchlein vollgezeichnet, doch aber den grossen Unterschied zwischen englischen und italiänischen Bewegungen bemerken müssen; wie ganz anders eine Papstkrönung, oder auch nur Benediktion in Rom! — Einige sehr schöne Anordnungen und Effekte von geschmückten Baikonen, Dächern mit Frauen, gegen die Luft etc. fand ich und merkte sie mir, wenn ich mal einen englischen Paul Veronese malen sollte; es giebt hier eine Art Luftwirkung, wie nirgend sonst, aber sie muss behutsam angewendet werden, sonst ist man gleich mit der jetzigen englischen Schule auf demselben Punkt. Beim ersten Kanonenschuss, der den Moment der Krönung bezeichnete, begab ich mich zu Lady Sandon zurück, und nun sahen wir das Ganze sich zurückbewegen. Ich habe doch wieder einen poetisch malerischen Eindruck für immer bekommen, und wärst Du mit mir gewesen und hättest ihn getheilt, so wäre es mir nicht manchmal so unharmonisch schwarz durch die Seele gezogen, und besonders hätte ich nicht einen so fatalen Abend gehabt, wo ich, bei aller Lust um mich her, in einem unbeschreiblichen Katzenjammer war." — Das Berliner Familienleben war in diesem Sommer höchst erquicklich, trotz des entsetzlichen Wetters, das die Benutzung des Gartens und Gartensaals selbst zur Unmöglichkeit machte. Felix komponirte viel, Cecile malte und zeichnete; Fanny nannte das den doppelten Kontrapunkt ihrer eigenen Ehe. — Ihre Gedanken waren aber fortwährend in England und — mit Plänen zu einer italiänischen Reise beschäftigt, die gleich nach Hensel's Rückkehr angetreten werden sollte. Ihre Briefe an ihn sind ganz voll davon, sie jubelte in dem Gedanken, dass nun endlich ihr Lieblingswunsch in Erfüllung gehen sollte. — Das friedliche Stillleben störte eine Masernepidemie, die Die Familie Mendelssohn. II. 4 50 1836—1839. Alt und Jung- ergriff und Felixens zur übereilten Abreise von Berlin, Hensel zur ebenso übereilten Rückkehr trieb. Fanny meldet seüie Ankunft und die weiteren Pläne an Klingemann unterm 18. Septbr. 1838: „Ich will Ihnen, werther Freund, nur mit wenigen Worten Hensel's glückliche Ankunft anzeigen, er kam, da er wegen Mangels an Beförderungsmitteln einen Tag in Hamburg verweilen musste, gestern früh wohlbehalten hier an; wie gross misre beiderseitige Freude war, nach so langer Trennung, das brauche ich Ihnen wohl nicht zu schildern. Dass die Nachricht von den hiesigen Masern ihn in einen so panischen Schrecken und in Folge dessen auf's Dampfboot getrieben, das lag ausser aller möglichen Berechnung, da ich ihm die Krankheit mit jeder denkbaren Beruhigung so überaus leicht schilderte, wie sie wirklich gewesen ist. Es ist und bleibt aber wahr, die vertrautesten Personen wisseil oft die Wirkungen eines Briefes nicht zu berechnen; das geschriebene Wort ist so anders als ein gesprochenes. Einstweilen haben wir uns nun unsre nächste Zukunft sein' reiflich überlegt, und nach genauer Prüfung des Guten und des Besseren gefunden, dass es rathsam sei, unsre noch für diesen Herbst projektirte ita- liänische Reise für jetzt aufzugeben, und statt dessen nächste Season wieder in London zuzubringen. Ich werde ihn begleiten und dann die Freude haben, Sie und manche Freunde wiederzusehen und manche 'andre, mir unbekannter Weise Befreundete kennen zu lernen. Was das Letztere betrifft, so verhehle ich mir nicht, dass ich einen schweren Stand haben werde, da man in mehr als einer Beziehung Erwartungen von mir hat, denen icli nicht entsprechen kann. Ich verstehe nicht, mir selbst zu schmeicheln, und habe, wenn man mir's auch nicht anmerkt, eine natürliche Blödigkeit, die nicht wenig- gesteigert werden wird durch [das Bewusstsein, die Freunde meines Mannes erwarten mich als eine Prophetin, eine- Heroine, und es kommt ein Knirps. Ich weiss wohl, dass dies nur den ersten Eindruck betrifft, aber Sie werden mir zugeben, dass es beschämend ist. — Ich habe fortwährend die Freude, Interessantes und Erfreuliches aus London zu hören, und den Keisepläne. 51 gi'össten Genuss an Hensel's mitgebrachten Zeichnungen. In die Gräfin D. bin ich ganz vernarrt, und sehe mir ihr himmlisches Gesicht wohl zehnmal des Tages an. Sie werden meine uninteressirte Seele daran erkennen, dass es mich freut, wenn mein Mann eine solche Schönheit zeichnet; so schön zu sein, das ist aber auch eine besondere und beneidenswürdige Gabe des Himmels. Schade, dass diese seltene Frau fast jedes Lebensglück entbehrt! —" Berlin, 9ten Oktober 1838. Fanny an Cecile! „Liebe Cile! Ich kann Dir nur drei Worte schreiben, um Dir zu Deinem Geburtstage Glück zu wünschen, oder vielmehr Felix, der offenbar viel mehr Freude noch von Deinem Leben hat, als Du, dann muss ich ausgehn, und 27 Kühen die Schwänze aufbinden, u. A. Fanny J. besuchen und auf morgen Mittag einladen, ist Dir das Kuh genug? Also zwischen 3 und 4, wenn dieser Brief ankommt, haben wir einige langweilige Leute zu Tisch und trinken Dein Wohlsein in Ananaskardinal, Du Sonntagskind. Gott schenke Dil- Gesundheit und langes Leben, und wenn Du einmal ein altes Mütterchen bist, und mit dem Kopfe wackelst, wird Dir das auch noch gut stelm, wie Alles, was Du unternimmst. Nun kannst Du mir aber auch einmal schreiben, denn „voilei la troisüme fois Ll : dass ich anklopfe, und Du hast noch nicht einmal gesagt: „herein". Drum schreibe ich Dir auch nicht viel von der Ausstellung, von der diesmal gar nicht viel zu sagen ist. — — •— Wenn wir uns nur noch sehn vor unserer Heise nach England. Ich habe ein bischen gruselige Freude, wenn ich daran denke. London ist gar zu gross. — Adieu, liebste Kinder, lebt wohl und verzeiht diese in Form eines Briefes zusammengelegte, und mit Adresse und Siegel versehene Stupidität. Ich bilde mir ein, der Dunst des heut zuerst geheizten Ofens macht mich so dumm. Schreibe aber und denke daran, dass Dir das gütige Geschick eine Schwägerin gegeben hat, die sich heut und immer nennt Deine Liebende. 4* 52 1836-1839. Ilten Oktober 1838. Felix an Fanny. „Es freut mich, dass es Hensel im lustigen England Wohlgefallen hat; bekäme unser eins nur was von den schönen Zeichnungen zu sehen, von denen die Bücher gewiss wimmeln; imd ich höre, dass Ihr nächstes Jahr zusammen hinüberreiset, das ist gar vernünftig, denn Dir muss es in dem alten geliebten Bauchnest behagen, das ist gar kehl Zweifel. — Das ist so schlimm beim Entferntleben, dass nicht allein man einander entbehren muss, sondern dass auch die Umgebungen mit all ihrem Thun und Treiben so nach und nach einwirken, ohne dass man es merkt und will, und dass die in jedem anderen Ort wieder anders sind und andershin wirken. Da habt Ihr nun Eure schöne Ausstellung und ich gäbe viel darum, nur einen Vormittag einmal dort zu sein und sie zu sehen, da hier so garniclits dem Aelmliches herkommt; wieder habe ich es so recht an Seydelmann gesehen, der hier zwar viel und starken Eindruck macht, aber doch nicht so wie in Berlin, wo seine Umgebungen wieder andere sind; gestern gaben sie die Emilia Galotti und ich war zum ersten Mal im Theater, aber selbst an seinem Spiele konnte ich mich nicht recht ergötzen, weil die Andern es gar zu erbärmlich machten; ich erinnerte mich des schönen Abends, als wir es zusammen sahen, und trieb Cecile vor dem Ende fort, weil icli's nicht aushalten konnte. Nun wieder auf der anderen Seite kann er hier doch die Räuber spielen, was der König in Berlin nicht haben will, und das soll seine grösste Rolle sein; David hat mir, mit dem Buche in der Hand, eine ganze Stunde davon vorerzählt und beschrieben; ich lasse ehre Anzeige in die Zeitung rücken, um eine Wiederholung zu erbitten und er hat mir's schon halb und halb zugesagt, es zu thun. Und wieder ist unser Musikwesen lustiger und lebendiger als bei Euch; wärest Du jetzt hier, wie im vorigen Jahr, es würde Dich amüsiren, wie es hergeht. Neue Klavierspieler haben sich (Gott sei's geklagt) bis Weilmachten gemeldet und freilich kuriose darunter; nächste Woche ist ein Sängerinnenkampf, Seydelmann in Leipzig. Musikalisches. 53 der wird graulich; Mm. Löwe von Berlin, Mm. Botgorscliek von Dresden, Mm. Shaw von London und Mm. Novello von Mailand treffen hier zusammen und liefern die Schlacht bei Leipzig im Gewandhause. — Die Novello kommt, glaube ich, express, um der Shaw einen „Sliawöernack" zu thun (verzeih, Hensel, dass ich in Dein Fach pfusche), sie fallt aus den Wolken, hat eine Menge unfrankirte Briefe aus Italien hergeschleudert, will zwei Tage nach dem ersten Auftreten der Shaw Concert geben, dann will sie nach Bussland. —• —■ Im ersten Shaw-Concert führen wir die Beethoven'sclie Egmontmusik mit Deklamation von Seydelmann auf, ausserdem spielt der kleine Moser; mich schwitzt schon, wenn ich an den Abend denke. Professor Stenzel, Arnold Mendelssohn, Heinrich Beer, Emil Bendemann, die Frankfurter Kaufmannschaft, Mühlenfels — alles das geht hier durcheinander. — —" Leipzig, 29steil Decbr. 1838. Felix an Fanny. „— — Meine dritte Etüde ist eigentlich nur ein Saustück, gut oder schlecht gespielt; verzeih, dass ich Dir's geschickt habe; ich wollte Dir aber so gerne etwas schreiben und so kamen die schlechten Dinger (denn Du weisst, ich mache mir auch aus Nr. 1 und 2 nichts). Nun das Herz war schwarz dabei. Hierbei ist auch wieder ein Brief an Mm. X. von Directions- wegen. Ich will Dir sagen, lieber Talleyrand, dass ihr die Herren inliegend 60 Thlr. Honorar für das Concert bieten; das klatsche ich Dir, damit Du ihr vorkommenden Falls versichern kannst, wir könnten nicht mehr zahlen; denn ver- muthlich wird sie handeln wollen, ich bin aber ein Feind davon und es ist mir angenehm, dass die Herren gleich eine Summe bestimmten, die sie sonst niemals gegeben haben, denn unsere Engländerinnen erhalten weniger; ich meine auch, man könnte damit zufrieden sein. Als ich Deinen Brief über die X. vorlas, gerietlien die Herren in Enthusiasmus über sie, ich 54 1836—1839. sagte, man könne doch nicht wissen; sie aber antworteten: „Ali!! Ihre Frau Schwester!!! —" Thalberg hat gestern Abend Concert gegeben und mir ausserordentlich grosses Vergnügen gemacht. Sieh', dass Du ihn recht oft zu hören bekommst, denn er macht Einem wieder Lust zum Spielen und Studiren, wie alles recht Vollkommene. Solch eine Fantasie von ihm (namentlich die auf die donna del lago) ist eine Anhäufung der ausgesuchtesten, feinsten Effekte und eine Steigerung von Schwierigkeiten und Zierlichkeiten, dass man staunen muss. Alles so spekulirt und rafflnirt, und mit solcher Sicherheit und Kenntniss und voll des allerfeinsten Geschmacks. Dabei hat der Mensch eine unglaubliche Kraft in der Faust und wieder so ausgespielt leichte Finger wie einer; wie gesagt, hör' ihn recht oft, von Virtuosenmusik kann man .nichts Exquisiteres finden. Er will garnicht mehr sein, als was er ist, ein recht eklatanter Virtuose, und wer vollkommen ist, was er ist, den kann ich kaum anders wünschen. — —" Felix an Fanny. ' S 1 "' ^ Das ist der Ueberbringer dieser Zeilen. Mehr braucht' ich eigentlich gar nicht zu schreiben, denn nun erinnerst Du Dich gleich, wie Vater immer etwas vergnügter wurde, wenn man nur den Namen Drouet nannte, wie er nach Tisch dies Rondo, oder ein andres von ihm zu singen anfing, wie wir vor achtzehn Jahren Kinder waren, und ihm vorspielen mussten — und nimmst den Mann gut und lieb auf, der Dir so ein Stück Erinnerung auf einmal in's Haus bringt. Aber ich will noch hinzusetzen, dass ich von Herzen möchte, er gäbe ein recht gedrängt volles Concert in Berlin, dass ich überzeugt bin, Du kannst viel dazu thun, wenn Du ihm einmal Gelegenheit dazu verschaffst, den Leuten vorzuspielen und die Leute zu entzücken (denn das ist bei ihm eins) und ihm Thalberg. Drouet, Brief an Klingemann. 55 diese Gelegenheit zu geben und sonst für ihn zu thun, was Du irgend Gutes kannst, darum bitte ich Dich nun herzlich. Schon um deswillen, weil er gar kein Wesen von sich macht, keinen blauen Dunst, kerne grauen Zeitungsartikel und dergleichen, möchte ich, dass es ihm gelänge, „damit die Heiden erkennen, dass sie Menschen sind", sagt König David; aber wenn Du ihn nun spielen hörst, diese unglaubliche Vollendung, diese ganz und gar durchgebildete Virtuosität, diesen entzückenden Ton und dabei diese Unfehlbarkeit und Ruhe, so weisst Du den Hauptgrund, warum ich möchte, dass es ihm in Berlin gelänge^ und warum ich ihn Dir recht an's Herz lege (nur bildlich natürlich, Hensel sticht mich gleich todt). Ich schreibe in grosser Eil', nächstens besser; für heut nur dies: nimm Drouet gut auf und denk' vergangener Zeiten und freue Dich über ihn wie ich und behalte mich ganz viel lieb." Felix M. Aus einem Brief von Fanny an Klingemann, den 30sten November 1838: „ Meine Schwester hat ihr jüngstes Kind, 13 Monat alt, einen schönen Knaben, verloren, und selbst an nicht gefährlichen, aber so schweren Leiden, an nervösen Gesichtsschmerzen darnieder gelegen, so lange, so hart, vor und nach dem Tode des Kindes, dass wir all unsern Muth zusammennehmen mussten, den Jammer nur mit anzusehen. Ich erspare Ihnen das Detail alles dessen, was wir in dieser trüben Zeit gelitten; dem Schmerz um das liebe Kind hat dies bittere, körperliche Leiden, bei dem die Aermste rasete und im Bette gehalten werden musste, auch seinen schärfsten Stachel genommen, sie ist ganz ergeben und ruhig und liebenswürdig in ihren Leiden. Auch hat ihr die Liebe der Ihrigen mannigfachen Trost bereitet; mein lieber Mann hat das Kind nach seinem Tode zweimal gezeichnet und dann in Oel gemalt. Besonders eine der Zeichnungen ist so überaus gelungen, so wunderbar ähnlich, dass ich wohl sagen kann, sie hat einen grossen Trost darin gefunden. Auf die erste Nachricht vom 56 1836—1839. Tode des Kindes (der nicht einmal eine Krankheitsnachricht voranging, denn das Kind starb nach 36 Stunden) kam Felix und blieb fünf Tage hier. Leider war sie in den Tagen grade allzu krank, um viel Genuss von seiner Gesellschaft zu haben, indess that ihr doch die Liebe unbeschreiblich wohl. Ihr armer Mann hat auch überaus viel gelitten, einen wahren Segen aber hat die Familie an Dirichlet's Mutter, einer so ausserordentlich vortrefflichen, seltenen Frau, wie mir deren nur äusserst wenige in meinem Leben vorgekommen sind. Ihr Name ist während Felixens Hiersein gar viel zwischen uns genannt, wie er es denn zwischen meinem Mann und mir fast täglich wird. Freuen Sie sich aber nicht auf unser Kommen, ich werde Sie gewaltig in Anspruch nehmen und in London umherjagen, ich muss Alles sehn, und Sie müssen mir helfen. — Dass Sie mich für eine klug genucke Frau (wie Walter sagt) halten, um mir keine disappointments zu bereiten, ist mir lieb, ich halte mich auch dafür. Wenn mir in London nichts Unangenehmeres begegnet, als dass mich die Vornehmen nicht einladen (denn das meinen Sie doch?), so will ich London dreimal segnen, darauf habe ich nie in meinem Leben Ansprüche gemacht und werde doch jetzt auf meine alten Tage nicht erst anfangen. Sie, Moscheies und Horsleys,. werde ich nicht erst fragen, ob Sie mich freundlich aufnehmen, das versteht sich von selbst, damit habe ich aber auch vollständig genug und verlange keine anderen Bekanntschaften. —" Die Vollendung des Bildes für die Herzogin von Suther- land verzögerte sich so, dass Hensels einsahen, Einiges von ihren Plänen müsse geopfert werden. So wurde denn England, wie das Jahr zuvor Italien, über Bord geworfen; Fanny begleitete Rebecka, einem in deren Krankheit gegebenen Versprechen gemäss, ins Seebad; und dann sollte endlich die lange projectü'te, lange ersehnte und oft zu Wasser gewordene, ita- liänisclie Reise ausgeführt werden. Für das Seebad war Heringsdorf ausersehn. Dies Ostseebad war damals eben erst „entdeckt", und Fanny ging eigentlich mit Widerstreben an die Erfüllung ihres Versprechens. Heringsdorf. '9 Die folgenden Stellen werden zieigen, dass Hennigsdorf besser war, als sein — damaliger — Ruf. Heringsdorf, lsten Juli 1839. Fanny: „Eben kommen wir aus dem ersten Bade, liebster Mann, und die Ostsee liat Nordsee gespielt und uns tüchtig zusannnen- gepeitsclit. Gestern Vormittag kamen wir liier an, in einem Wetter, wie das, worin wir von Boulogne abfuhren, und trotz dieses ungünstigen Anfangs sind wir vom ersten Augenblick an ganz entzückt gewesen von der Lage von Heringsdorf. Unsre kleine Wohnung ist ganz nett, Devrient's haben sie ver- läumdet, um's Euch zu beweisen, namentlich Dil-, liebe Mutter, damit Du nicht denkst, wir wohnen in einer Pappschachtel, oder gar wie „der Fischer un sine Fru", will ich Euch erzählen, dass ich nach Tisch nach Swinemünde fahren werde, um womöglich ein Fortepiano und einige Möbel zu miethen, die uns viel mehr fehlen als Platz. Das wird aber nicht leicht sein, denn die Fürstin Liegnitz dreht ganz Heringsdorf um; heut kommt sie, und das Hallo von Köchen und Silberdienern und Inspectoren und andern Thoren geht schon seit gestern. Ueberhaupt hat sich unser loyales Herz auf der Reise unendlich erquickt. Auf dem Dampfboot trat man nur auf Russen, vorausreisendes Gefolge des Grossfürsten; sechs Schiffe haben sich für ihn bemüht, und in welchem Renomme die Leute dastehn, kannst Du aus dem einzigen Faktum schliessen, dass man ihr Gepäck von dem der übrigen Reisenden abgesondert hatte, um die Aufsicht zu erleichtern, „weil sie wie die Raben stehlen", sagten die Leute. Kapitän und Steuermann und Passagiere räsonnirten ganz laut. — Ich werde Dich ernstlich bereden, auf ein Paar Tage herzukommen, denn Heringsdorf ist stupend schön und bleibt es, fürchte ich, nicht lange, denn die verfluchte Civilisation mit ihren gelben und grünen Häusern fängt schon an, überall zu spuken und die schönsten Punkte zu verderben; und das ist das besonders Schöne an unsrer Aussicht hier, dass noch gar nichts Störendes sichtbar ist. — — Meine Swinemünder Falirt ist erfolgreich gewesen, ein Instrument habe ich aufgetrieben, und es ist mir zu morgen versprochen, eine Kommode habe ich schon herausgeschafft, und wir sind nun aufs Beste eingerichtet. Das erste Bad ist Kebecka, Gott sei Dank, sehr gut bekommen, und nun bm ich aller Sorge los. Auf Sonntag Nachmittag habe ich G.s aus Swinemünde zum Kaffee eingeladen, B.'s werden dazu gebeten, wir machen Musik und die Fete ist fertig. Ich habe mir vorgenommen, eine massig ausreichende Zahl von Felixens und meinen Musikstücken als Thalberg, Herz, Liszt und Bellini zu taufen, um mich bei unsern guten Gästen nicht in Misskredit zu bringen. Was mm meinen innern Menschen betrifft, geliebter Mann, so ist er beschaffen, wie ein Jean Paul'scher Koman, humoristisch sentimental. Ich habe mir durchaus vorgenommen, die beste Laune durchzuführen; bis jetzt ist es mir gelungen, so oft ich aber an Dich denke, (und es geschieht zuweilen!) gehn mir die Augen über." Kebecka. Heringsdorf, 3ten Juli. „Es ist wirklich sehr edel, liebster Mann, dass Du vor dem Frühstück und in Deiner mir bekannten Hetze mir geschrieben hast, aber auch ohne den Brief hätte ich heut wieder Nachricht gegeben; lieber Mann, hätte ich gewusst, wie, schön es hier ist, ich hätte Dir gewiss nicht abgeredet, mitzugelin, grade für Dich ist diese Gegend wie geschaffen, wie würdest Du spazieren gehn und Dich unter einen Baum legen, in irgend einer mathematischen Attitüde ins Meer hinaus sehn und die grössten Entdeckungen machen. Es ist eine zum Nachdenken geschaffene Gegend, wenn ich das sogar sage und empfinde, wie würde es Dir gehn. Nur kann ich mich der Wehmuth nicht erwehren, wenn ich das reizende, idyllisch ländliche Dorf mit seinen Strohdächern und den anspruchslos einfachen Häusern ansehe und bedenke, wie unfehlbar in einigen Heringsdo rf. 59 Jahren die verschönernde Hand des Menschen dieses harmonische Winkelchen Erde verunstalten wird; ich sehe schon Belvederes statt Storchnestern, faule Blumengärten statt Kornfeldern und auf dem Büchenberg ein Kaffeehaus mit Begiments- musik, besonders aber die freundlichen, fleissigen Bauern in Bettler verwandelt. Alles im Geist, denn noch ist es ein Stückchen Erde, wo nicht nur Gott die Welt, sondern auch die Bauern ihre Wohnhäuser und Aecker erschaffen haben. Du würdest entzückt sein, aber was liilft's, Du bist einmal nicht hier, sondern entfernst Dich immer mehr von uns; gestern Abend machte mich der Gedanke so traurig, dass nur der unermessliche Unsinn, den M. vorbrachte und der uns regle- mentswidrig bis halb elf fesselte, mich vermochte, Tliränen zu lachen, anstatt zu weinen. Nun der Oktober wird auch kommen.*)" 5ten Juli 39. Fanny. „— — Unser grösstes Ergötzen besteht hier in der KunstIhr glaubt nicht, wie sehr uns die Musik beglückt. Gestern kam das Fortepiano an; nachdem es sich von seinem sauern Gang die Treppe hinauf erholt hatte, probirte ich es ' und schlug gleich eine Saite herunter, worauf der ganze Ton verstummte. Jetzt sitzt nun schon wenigstens anderthalb Stunden lang der Klavierstimmer daran, und je länger er stimmt, je toller es klingt. Die Saite kann er nicht aufziehn, und ich habe bemerkt, dass sie alle rostig sind, ich werde also hier mein- Saiten verzehren, als Nähnadeln. Da es übrigens einen ganzen Ton zu tief steht, so werden wir unsere Höhe im Gesang brilliren lassen. Es lebe die Kunst! Als Tisch ist das Klavier vortrefflich zu brauchen, und drittens dient es zum Bücherbrett. — Eben war ich in der andern Stube bei Beckchen, um sie zu fragen, ob wir nicht den *) Dirichlet war auf einer Beise nach Paris begriffen, er ging halb und halb mit der Idee um, dahin überzusiedeln, die sich aber nicht realisirte. 60 1836—1839. Klavierstimmer liinaussehmeissen wollten? Der Kerl hat schon zwei Saiten abgestimmt (ohne meine) und es steht jetzt schon wenigstens zwei Töne zu tief. — Morgen weiter. Sonnabend, 6ten Juli. Wie kannibalisch M. des Morgens nach dem Bade aussieht, das steht in keiner Weltgeschichte. Wie ein Menschenfresser, lieber einem braunen Kattunrock trägt sie ihre beliebte Kasawoika, die Aermel mit zottigem Pelz durch den Gürtel gezogen, weil sie bis jetzt uns immer dämit in die Milch gestippt hat, und ich es mir endlich als Gnade ausgebeten habe, dass sie sie feststecken sollte. Die zweite Gnade aber, die ich mir ausbat, ist mir nicht zu Tlieil geworden, nämlich, dass sie ihr Haar aufbinden sollte, denn es gehört zu den Badegerechtigkeiten, die sie sich nicht nehmen lässt, wie ein zottiger Pudel oder ein ungekämmter Kannibale damit herumzulaufen bis Mittag. Dazu schwarze Strümpfe, und ein rother Unterrock, der bei graziösen Bewegungen zum Vorschein kommt. Den Nachmittags-Kaffee haben wir gemeinschaftlich abgeschafft, unsrer Nasen wegen, an denen man ohne Schwefelhölzchen und Feuerzeug Licht anzünden könnte. Verbrannt bin ich dabei, lieber Mann, eine Citrone ist eine Lilie gegen mich. -— Unsre heutige Fete ist um ihre eigentliche Pointe gekommen, denn der gestrige Kantor hat das Instrument richtig in einen solchen Stand versetzt, dass es unmöglich ist, auch nur ein Lied dazu zu singen. Wir wollen nun unentmuthigt unser Heil bei einem Swinemünder Künstler versuchen, denn der gestrige war Miss- verstands halber aus einem nahen Dorfe." Heringsdorf, 17ten Juli. Dieselbe: „— — Wir haben ein Paar recht hübsche Parthieen gemacht; vorgestern fuhren wir nach Swinemünde und besahen die russische Fregatte. Ich hätte Dich dabei gewünscht, lieber Mann. Es ist äusserst interessant und für Dich, der Du weder Heringsdorf. 61 so kriegs- noch russenliassend bist, wie ich, würde auch der Eindruck nicht ein so trauriger gewesen sein, als für mich. Der erste Anblick, wenn man auf's Verdeck kommt, ist wahrhaft imposant, und wer bloss sieht, ohne sich etwas dabei zu denken, muss sich freuen und lustig werden, wie auch die meisten Leute thun. Wenn man aber überlegt, wieviel Kunst, Gelehrsamkeit, Mühe, Eleiss hier aufgewendet worden, mit welcher weiteren Mühe für Ordnung, Reinlichkeit und Regelmässigkeit auf diesem wahrhaften Kunstwerk gesorgt wird, sodass die Waffenkammer wie ein Schmuckkästchen, jede Kanone wie ein Luxusmöbel aussieht, und wenn man ferner bedenkt, wie liier die edelsten Kräfte des Menschen für einen so mörderischen und kannibalischen Zweck verwendet werden, da könnte man das Gruseln lernen, wenn man's noch nicht kann. Als nun vollends das Abendbrod anfing, wo ihrer etwa ein Dutzend um einen von der Decke herabhängenden Kessel herstehn und mit den stumpfen, slavischen Gesichtern die graue Brühe anselm, die sie daraus fressen, — ich versichere Dich, da war mir das Weinen näher, als das Lachen! Und das sind noch nicht die Letzten der Menschen! Eine Seeschlacht ist mir immer als der Gipfel der Barbarei erschienen, und seit ich dies Kriegsschiff gesehn habe, bin ich in meiner Meinung nur bestärkt. Hoclicivilisirter Barbarismus! Wie werden wir einst von einem kommenden weiseren Geschlecht gerichtet werden, welches das Faustrecht im Grossen, die Kriege, abgestellt und das Völkertribunal eingeführt hat. Dann werden noch einzelne Kriege übrig bleiben, wie jetzt einzelne Duelle, aber sie werden immer seltener und immer unmöglicher werden, und dann können die Menschen anfangen, vom Christenthum zu reden. Darum ist Ludwig Philipp mein Mann, weil er le Napoleon de la paix ist, und weil er die Angelegenheiten der Welt jetzt durch einen europäischen Kongress zu ordnen versuchen will, was ein grosser Gedanke ist. — Nun lachst Du mich aus mit meiner Friedenspolitik, aber ich habe doch Recht, wie alle Frauen, „der Hecht ist blau". — Gestern haben wir eine wilde Waldparthie gemacht, die eine Art von Parodie auf Felixens Waldfest sein 62 1S36—1839. könnte. *) Statt eines bekränzten Tisclies hatten wir Schinken- butterbrod auf einem mosigen Stein, statt eines Chors von zwanzig geübten Sängern haben wir beide unsern Vorrath von zweistimmigen Liedern ausgekramt; nur der Wald selbst war keine Parodie, denn er ist so schön, wie er nur sein kann, und die Parthie war unter andern dadurch ausgezeichnet, dass zwei Herren (auf acht Damen und fünf Kinder) dabei waren. Sonntag hatten wir hier brillante Gasttafel, neunzehn Damen, sieben Kinder und drei Herren; der eine war ein jüdisches Zahnärztchen aus Berlin, der zweite ein Sohn von Böckli, der dritte eine unbekannte — nicht Grösse sondern Dicke." —■ Heringsdorf, 18ten Juli. Rebecka an Dirichlet. „— — Ein besonderer Reiz dieser Gegend besteht darin, dass es unmöglich ist, auch nur zehn Schritt auf ebenem Boden zu gehn, dadurch erscheint jedes Holzscheit, jeder zufällig hingeworfene Gegenstand malerisch, und jeder ohne Hülie erklommene Rasenhügel gewährt neue mannigfaltige Ansichten. Die Ostsee ist uns bitter verläumdet worden; sie ist nicht zahm, sie ist nicht farblos, sie ist in diesem Augenblick vom schönsten Dunkelblau, viel dunkler als der Himmel, sie hat auch Wellen mit weissem Schaum, die mich gehörig roth peitschen, und der erquicklichste Seewind durchweht mich eben. Ich schreibe nämlich auf dem Akazienhügel hinter unserm Hause, sehe zu meinen Füssen die Strohdächer durch die Bäume kucken, den dunkeln Wald des blauen Berges (dies ist der Name, nicht poetische Bezeichnung) im Hintergrunde, Alles von der See begränzt, es ist ein herrlicher Anblick; *) Die „Parodie von Felixens Waldfest" bezieht sich auf einen grade in jenen Tagen angekommenen Brief desselben mit der Beschreibung eines ihm in Frankfurt gegebenen Festes, das er seiner Mutter geschildert hatte. Felix'sche Briefe 3ten Juli 1839. Heringsdorf. 63 wärest Du nur hier, ihn mitzugeniessen und Dich in der Tiefe Deines sonderbaren mathematischen Gemüthes daran zu erfreuen. — Gestern waren es acht Monat, dass unser liebes Kind uns genommen ward. Des Menschen Herz ist auch wie ein Grab; tief unten liegt der Schmerz, treu und fest eingegraben, und darauf grünt es, und wachsen Blumen und es wird oft aufgewühlt, und wieder neuer Schmerz dazu gethan, und wächst wieder zu, und blüht wieder, bis endlich —• da steht die Weisheit stille. Man muss eben mit. Nun mein ewiger Refrain, lass mich mit Dir leben, d. h. schreibe mir fleissig wie Du lebst; verschiedener können's wohl Eheleute nicht treiben, wie Du in Paris und ich in Heringsdorf. So einförmig wie meine Briefe geht mein Leben hier seinen Gang; hätte Fanny nicht Sehnsucht nach ihrem Mann und die grosse Reise vor, wo ich sie auch noch gern bis zuletzt gemessen möchte, ich triebe nicht nur nicht fort, sondern miethete mir zur zweiten Saison eine andre Wohnung. Doch ist jetzt die schönste Zeit, wo das Korn noch stellt, und das Grün noch frühlingsfrisch ist." — Berlin, 7ten August 39. Dieselbe an denselben. „•— — Ich muss aber noch die letzten Heringsdorf er Tage nachholen, so müde und reise- und Kram-echauffirt ich auch bin. Nun habe ich auch solche Feier von Königs-Geburtstag mitgemacht, wie sie dutzendweise in den Zeitungen stelin, Diner, Schuljugend, „einfache Anreden" — äusserst ledern und ennuyant, aber zauberisch reizend war die Erleuchtung Abends; die einzelnen, durch Hügel und Wald getrennten Häuschen mit Lichtern und Blumenkränzen bedeckt, der schönste Sternenhimmel, überall Gruppen vergnügter, entzückter Menschen, es war ein wundervoller Abend. Wir blieben noch lange, nachdem die Menschen sich verlaufen und ihre Lichter ausgelöscht hatten, auf dem vielbesprochenen Buchenberg, und sahen den Mond über dem Meere aufgehn, und — bewundere uns — den andern Morgen um halb vier 64 1836—1839. waren wir sclion wieder da, die Sonne aufgehn zu selm. Sonntag Abends waren nach langer Meeresstille endlich wieder heftige Wellen, denen konnte ich nicht widerstehn, und ging mit Antonie vom Thee fort, wir warfen uns in's Wasser, liessen uns einige Wellen über den Kopf stürmen, und gingen dann mit hängenden Haaren wieder zu unserm Thee. In Stettin hatten wir in den drei Stunden zwischen Packen und Essen durch noch soviel Zeit, einen recht unartigen Reisestreich zu begehn; wärest Du dabei gewesen, ich hätte tüchtige Schelte bekommen, da ich es aber gethan habe, muss iclvs auch beichten. Unserm Fenster gegenüber erscholl nämlich eine wunderschöne Tenorstimme, Fanny und ich gingen ans Fenster und horchten; als er fertig war, meinte ich, es wäre doch billig, dass wir dem guten Tenor auch was zu hören gäben, und wir sangen zum Fenster hinaus ein zweistimmiges Lied, wir haben nämlich in Heringsdorf sehr viel gesungen und sind sehr eingeübt. Da füllten sich die Fenster gegenüber, wir wurden sehr applaudirt, und unser Tenor fing wieder an zu singen; unterdessen waren aber die Pferde gekommen, und wir hörten das Ende nicht mehr, am Ende singt er noch. Ich sage nichts, wie mir's zu Muthe war in Deiner leeren Stube, und bei meinen lieben Bildern, aber Du wirst Dir es vorstellen können. Nun, es muss Alles getragen, Alles verschmerzt sein, über Leid und Freud geht die Zeit unbarmherzig hin. Wenigstens ist uns diese Reise gelungen, ich glaubte gar nicht mehr, dass so was möglich wäre." — Italien. „Gebe uns nun Gott eine gute Reise ohne Unfall und stets gute Nachrichten von Hause, und lasse er uns Alles unverändert finden, dann werden wir herrliche Zeit erleben. Ich gehe diesem grossen Ereigniss mit ruhiger Freude entgegen, möge sie von guter Vorbedeutung sein! Amen!" — Mit diesen Worten schloss Fanny ihren Tagebuchabschnitt vor der Reise nach Italien. Das erste Reiseziel war Leipzig, wohin Felix kurz vorher von seinem Frankfurter Aufenthalt zurückgekehrt war, und von wo er am 21. August schrieb: Liebe Fanny! „Gestern Abend sind wir Alle glücklich, gesund und froh hier wieder angekommen, und mir ist um eine grosse Last leichter, da Cecile die Reise so musterhaft ausgehalten und sich so herrlich darnach befindet. Der ganze Weg zwischen Frankfurt und hier war mir die Zeit über wie ein Alp, der mich manchmal arg drückte. Gottlob, es ist nun überstanden und so wie wir selbst unverändert und vergnügt liier eingerückt sind, so haben wir hier Alles getroffen. Die S.'s "waren uns gestern auf der Chaussee entgegen gegangen und mussten im Wagen mitfahren, während ich zu Fuss einrückte. Ganz weit vor der Stadt war uns schon Verhulst begegnet. Die Familie .Mendelssohn. IT. 5 66 Italien. Kennst Du denn Verludst? Das ist was für Dich, wenn Du kommst. Nun also, liehe Fanny, wann' dürfen wir Dich erwarten? Bleibt recht lange, denn auf einer so grossen Reise, wo die Tage mit Scheffeln gemessen werden, da muss man nicht bei uns damit geizen. Ich schreibe des Morgens früh und in Eile, weil ich sonst am Tage schwerlich Zeit dazu gefunden hätte. Weder Schleinitz noch David, noch sonst einen Leipziger habe ich bis jetzt gesprochen, also kannst Du Dir denken, wieviel tausend Geschichten und Gespräche nachzuholen sind: ganz England mit David und ganz Sachsen mit Schleinitz. Erkundige Dich doch einmal, wer Herr Julius Stern in Berlin ist, von dem ich gestern bei der Ankunft ein Liederheft mit einer freundlichen Zuschrift bekommen habe. Die Lieder scheinen nach einem flüchtigen Blick Talent zu zeigen, ich habe aber sonst noch nichts von ihm gehört oder gesehen. Wir haben gestern zusammengerechnet, dass wir auf der ganzen Reiseroute auf jeder Station etwas gegessen haben, mit Ausnahme von Neuhof und Marksuhl, wo allerdings aber auch nichts zu haben war. Nimm dazu eine Wurst und Brod und Wehl und Süssigkeiten, die uns von Frankfurt aus in die Wagentaschen gepackt waren, und Du kannst denken, dass wir eben nicht Hunger gelitten haben. Auch haben wir vier volle Tage gebraucht; denn gestern hatten wir in Weimar geschlafen; aber dafür war der Kieme musterhaft artig im Wagen und hat auf der ganzen Tour nur einen Klaps bekommen, worauf er schrecklich schrie und einschlief und mich beim Aufwachen so lieb hatte, als wär' ichs nicht gewesen, oder er nicht. Nun, Gott sei Dank, wir sind glücklich da, ich bin sehr froh. Auf baldiges frohes Wiedersehn, liebe Fanny." Hensels befanden sich so wohl in der Leipziger behaglichen Häuslichkeit, wo sie acht Tage verweilten, dass Fanny die „Reise" immer erst von Leipzig ab rechnete. Die grosse Befriedigung, die Felix sowohl in seiner Stellung als auch üi semen vier Pfählen fühlte, trieb ihn zu regem Schaffen der verschiedensten Art. Der 95. und 114. Psalm, die Ruy Blas- Leipzig. Walhalla. 67 Ouvertüre, die D-dur-Sonate für Piano und Yioloncell, das Es-dur-Quartett für Streichinstrumente, die Serenade und Allegro giojoso für Pianoforte mit Orchester, viele Lieder für Klavier und Stimme — Alles dies fällt in die Jahre 1838 und 1839. Ausserdem fing er an, sich mit dem Elias zu beschäftigen, worüber ein Brief an Schubring vom 2ten November 1838 Kunde giebt. *) Am 4. September verliessen Hensels Leipzig. Durch Gerede von Wirthsleuten liessen sie sich auf der weiteren Reise verführen, einen der Angabe nach näheren, ganz neuen Weg nach Bamberg einzuschlagen. Aber der Fluch aller „Richtwege" lag auch auf diesem; er war weiter, die Strasse noch nicht fertig, so dass stellenweise Feldwege eingeschlagen werden mussten , und als in stockfinstrer Nacht der Main erreicht wurde, der auf einer Fähre passirt werden sollte, fand sich, dass die Fähre Nachts, wie jeder gute Bürger, schlief. Der Postillon aber erklärte, der Main sei so seicht, dass man hindurchfahren könnte; und da sonst nur die Alternative blieb, im Wagen am Ufer zu übernachten, so entschloss man sich zu dem Abenteuer, das auch ganz gut ablief. Ueber Bamberg, Nürnberg und Augsburg wurde München erreicht. Grade für emen Künstler war ganz Baiern damals von höchstem Interesse. Denn unter König Ludwig's Regierung geschah für die bildenden Künste ausserordentlich viel, und unter manchem Verfehlten entstand auch vieles Gute und Würdige. Schon in Augsburg machte der durchaus restaurirte, von allem Wust und Tand späterer Jahrhunderte befreite Dom den günstigsten Eindruck. Dass Nürnberg vollauf gewürdigt wurde, versteht sich von selbst. Den ersten Eindruck von König Ludwig's selbstständigem Schaffen gewährte die im Bau begriffene Walhalla, worüber Fanny folgendermassen schreibt: „Eine halbe Stunde unterhalb Regensburg am linken Donauufer auf einer schön geformten Höhe, rechts und links von andern schön bewachsenen, zum Tlieil mit Ortschaften und Ruinen bedeckten Bergen eingefasst, liegt die Walhalla, *) Vollendet wurde der Elias erst 1846. weithin im ganzen Lande sichtbar. Einmal beendet wird sich das Gebäude mit seinen ungeheuren Marmorsäulengängen, die sich gegen die Luft absetzen, prächtig ausnehmen, wenn uns auch Einzelnes darin garnicht gefallen hat, und der Name Walhalla und der Zweck, Büsten berühmter deutscher Männer darin aufzustellen, mit der Form eines griechischen Tempels auch durchaus nicht übereinstimmt. Bis jetzt ist noch das ganze Gebäude in einen unermessliclien Bretterkasten eingehüllt, welcher, auf einem Berge so nahe dem Wasser stehend, ein deutliches Bild der Arche Noah gewährt. Wenn man hinein geht, kann man ungefähr entziffern, wie es werden wird, und ein kleiner Kupferstich, den wir zur Hand hatten, verdeutlicht es noch mehr. Als Beispiel, wie flüchtig selbst so grosse Werke hier behandelt werden müssen, mag dienen, dass eine Karyatide, von Schwanthaler modellirt, vierzehnmal ganz gleich in Marmor ausgeführt wird, weil er nicht einmal Zeit hat, verschiedene Modelle zu machen. Ueberliaupt ist ganz Baiern ein grosser Baukasten, in München sitit das geniale Kind, das damit spielt; es ist nur zu fürchten, dass die schönen bunten Häuser alle zusammenstürzen, sobald das Kind einmal davon geht, denn es muss einem Jeden einleuchten, dass für die Kräfte des Landes und nach Verhältniss der Bildung des Volkes zu viel geschieht; aber nach dieser Seite hin ist der König überaus grossartig, und mit Sinn und Kenntniss, das kann man nicht läugnen. Er ist der beste und einsichtigste Oberhaudirektor, und da er zugleich eine leidliche Versorgung als König von Baiern hat und daher im Stande ist, alle seine Bau- und Mal- und Bildnerlaunen auszuführen, daneben auch persönlich sich hübsch und rücksichtsvoll und freundlich gegen die Künstler zu benehmen scheint, wenn sie ihm nur rasch genug arbeiten, so geschehen wirklich ausserordentliche Dinge und man muss übertrieben gutmüthig sein, um es ohne Neid zu sehn, wie die Kräfte der Leute in Anspruch genommen werden und dadurch gesteigert werden. So hat er sich auch durch seine Liebe für die gothische Art und Weise das grosse Verdienst erworben, die dazu gehörigen Gewerke ausserordentlich gehoben zu haben, denn die Glas- Italien. München. 69 maierei, das Steinliauen, das Holzschnitzen und das Mauern verstehn sie liier wie die Alten." — In München war die Bekanntschaft all der Künstler, Schwanthaler, Hess, Schnorr, Cornelius, Kaulbach, und der Anblick des regen, frischen Lebens unter ihnen interessant. In musikalischer Hinsicht war die Bekanntschaft mit Delphine Handley erfreulich, von der Felix in den Briefen aus München schreibt; damals hiess sie Frl. Schaurotli. Hensel zeichnete viele interessante Portraits, und so war der Aufenthalt sehr anregend und erfreulich. Die nächsten Tage brachten den Anblick der erhabensten Gebirgsnatur, das Stilfser Joch, der höchste und grossartigste aller Alpenpässe wurde überschritten. Fanny an ihre Mutter. Bormio, am Fuss des Stelvio lombardische Seite, 27sten September 1839. „Heut vor einem Monat sind wir von Berlin abgereist, und heut haben wir unsern Zug über die höchste Alpenstrasse glücklich vollbracht. Wir haben eine herrliche viertägige Reise durch Tyrol gemacht, auf eine beispiellose Weise vom Wetter begünstigt, welches die letzte Zeit in München kalt und regnerisch war, und uns während der Fahrt nur blauen Himmel und die klarste Sonne zeigte. — — — Mailand, den 30sten September. Dienstag den 24sten r eisten wir mit zweifelhaftem Wetter von München ab, das sich aber nach einigen leichten Regenschauern gänzlich aufklärte. Wir gelangten bis an den Fuss der eigentlichen Gebirge , durch schöne, interessante Gegenden fahrend. Den andern Morgen brachen wir mit Sonnenaufgang auf, der Mond stand der Sonne gegenüber, beide in vollkommenster Klarheit leuchtend, und das Erste, was wir beim Ausfahren erblickten, waren die Sclmeeberge des Tyrol, dem wir uns näherten. Nicht weit von der Grenze liegt Hohenschwangau, die durch den Kronprinzen von Baiern im ritterlichen Styl wieder auf- 70 Italien. geführte alte Burg, in herrlicher Gegend. Die Seite, von der wir kamen, ist eben, nur in der Ferne von niedrigen Bergen hegränzt, voller grüner Weiden und schöner spiegelklarer Seeen. An der Bückseite des Berges, der die Burg trägt, liegt ein prächtiger schwarz-grüner Alpensee, mit Schwänen, die sich auf dem dunkeln Wasser wie schwimmende Sternchen ausnehmen, dahinter mehrere Schichten hoher und höchster Berge (nicht Herrschaften). Man steigt einen sehr bequemen AVeg zur Burg hinauf, an dem schon die Laternen mit den dazu gehörigen „Stengeln" (vide Felix' Kinderjahre) gothisch sind. Ueberhaupt habt Ihr gar keinen Begriff, wie gothisch es da zugeht. Domenic Q.uaglio hat, wie Ihr wissen werdet, jedes Stiililclien auf der Burg gezeichnet, und ist endlich selbst oben gestorben. Alle Zimmer sind mit Wandmalereien in AVachs bedeckt, und der Kronprinz ist so unpartheiisch dabei zu AYerke gegangen, dass er in einem Gemach Geschichten der Hohenstaufen, im andern Geschichten der AVelfen hat darstellen lassen. Indessen Spott a pari, der hier sehr nahe liegt, ist es doch geistreich und schön durchgeführt, etwas besser als Prinz Friedricli's Burg am Bliein, und die Aussicht aus allen Fenstern über vier Seeen von ganz verschiedenem Charakter entzückend schön. Bald darauf passirt man die österreichische Gränze, die wir vermittelst eines Guldens ohne jede Belästigung überschritten und noch an demselben Tage kamen wir über einen sehr bedeutenden Alpenpass, den Finstermünz, welcher allein hinreichend ist, nach Italien zu gelangen, denn man kann von da ohne weitere Berge zu überschreiten nach Bötzen gehen. Dieser Finstermiinzpass hat mich aufs Lebhafteste an den Gotthard erinnert. Ein schroffes Aufsteigen auf herrlicher Strasse, zwischen zwei Beihen Felswänden, zur Seite den Inn, den man immer tiefer und tiefer unter sich toben hört, und an der Stelle, wo die romantische Schönheit der Gegend den Gipfel erreicht, wendet sich, wie beim Urner Joch, die Strasse plötzlich nach innen, anstatt der Teufelsbrücke kommt man an einer Festung vorbei, welche die Oesterreicher da, wo das Thal am engsten ist, an und in den Felsen bauen, und nun befindet man sich plötzlich in einer stillen Stilfser Joch. 71 grünen Hochebene wie bei Ursern, die Wildheit des Stromes, der kurz vor der Festung- noch als Wasserfall stürzt, ist vorbei, und er fliesst ruhig dahin, so ruhig wie es einem Tyroler Fluss überhaupt möglich ist, denn sie scheinen alle aus Champagner statt des Wassers zu bestehen. Als wir eine Weile anf dieser Hochebene fortgerollt waren, that sich eine gewaltige Masse von Schneebergen vor uns auf, und da wir auf unsere Frage erfuhren, es sei das Stilfser Joch, über das die neue Strasse führe, fiel mir, ich muss es gestehen, das Herz ein wenig in die Inexpressibles. Wir übernachteten am Fuss des Hochgebirges und brachen um halb sechs auf. Der Himmel war bedeckt, die Luft lau, und es blieb mehrere Stunden lang nngewiss, wie das Wetter werden würde. Ich will versuchen, Euch eine möglichst deutliche Vorstellung von diesem merkwürdigen Wege zu geben. Das Aufsteigen auf der Tyroler Seite zerfällt in drei Stationen, etwa fünf Meilen Wegs, die sich auch dem Charakter nach genau von einander sondern lassen. Während der ersten Station fährt man, schon immer stark ansteigend, ziemlich gradeaus in ein enges Thal hinein, durch Brücken bald auf diese, bald auf jene Seite des reissenden Bergstroms gelangend, und sich der Schneewand nähernd, welche das Thal scliliesst. Hier sieht man die echte Alpennatur, Weiden mit Vieh, Sennhütten, Felsen, Bergwässer; Trafoi, der erste Ruhepunkt, liegt schon 5000 Fuss hoch, und hier befindet man sich am Fuss des eigentlichen Stelvio. Von hier an geht die Strasse nicht mehr gradeaus, sondern im Zickzack den Berg steil hinan. Von unten gesehen nehmen sich die Geländer, deren man oft mehr als zwölf auf einmal übersehen kann, wie die Spaliere an einem Ungeheuern Wemberg aus. Der zweite Ruhepunkt lieisst Franzenshöhe und liegt an der Schneelinie. Hier hat man schon Gletscher und weite Schneefelder zur Seite und zu seinen Füssen; der Ortlesspitz ist vom Gipfel bis zum Fuss sichtbar und ganz nahe, das tiefere Thal mit seinem Grün fängt an zu verschwinden. Von hier hat man noch über eine Meile im Schnee zu fahren, das Wetter war aber so wunderschön und die Sonne so klar, dass wir, weit entfernt, Decken, Pelzhandschuh, 72 Italien. Tüclier und alle Erwärmungsmittel, die wir bereit gelegt hatten, zu brauchen, vielmehr auch unsere Mäntel ablegen mussten. Die Luft hatte eine unbeschreiblich angenehme Frische, ohne im Mindesten kalt zu sein. Dieser letzte Theil des Weges ist fast durchweg mit starken Holzdächern bedeckt, welche ihn und die Reisenden vor Lavinen schützen. Endlich nach mehr als zehnstündigem ununterbrochenem Berganfahren erreichten wir glücklich den Gipfel Santa Maria. Hier tranken wir die letzten Tropfen des von Dil', liebes Beckchen, geschenkten Ungars auf das Wohl der Unsrigen, wo sie auch in der Welt zerstreut seien, und nun ging es lustig bergab, in zwei Stunden hinunter, was wir in mehr als zehn erstiegen hatten. Dieser Gipfel des Stelvio ist das Wildeste, Wüsteste,, was ich gesehen habe, nichts als unabsehbare Massen von Felsen und Schnee. Das Hinabfahren ist ein wahres Vergnügen, der Wagen wird an einem Rade gehemmt, und nun rollt man ebenso sicher als schnell auf dem bewundernswürdigen Wege, auf dem wir nicht ein Steinchen, kein noch so kleines Hinderniss gefunden haben. Hier sieht man den Ursprung der Adda, die gleich nach ihrer Geburt vortrefflich auf den Beinen ist, und einige prächtige Wasserfälle bildet. Hier sind auch die herrlichen, in den Felsen gesprengten Galerien sechs oder acht an der Zahl; in den meisten zählten wir zehn bis zwölf in bedeutenden Zwischenräumen angebrachte Durchsichten. Es ist unbeschreiblich interessant, all diese verschiedenen Stufen vom ewigen Schnee über die nackten Felsen, die Tannen- und Laubholzvegetationen bis zu der Lieblichkeit eines fruchtbaren Thals durchzumachen, und sehr erfreut über unser Tagewerk kamen wir in Bormio an, mit Einbruch der Dunkelheit, wo ich die ersten Zeilen dieses Briefes schrieb. Ich habe mich etwas lange bei diesem Uebergang aufgehalten, weil man wirklich noch nicht soviel davon gehört hat, als von alledem, was ichEuch später zu beschreiben haben werde.*) *) Und ich habe die Beschreibung unverkürzt aufgenommen, weil man ja in Kurzem nicht mehr im hellen Sonnenschein über die Alpen, sondern in dunklen Löchern durch dieselben fahren wird. Der Verfasser. Corner See. 73 Wir hatten einen Haupttreffer mit dem Wetter während dieser Eeise, denn als wir den andern Morgen von Bormio abfuhren, fing es an zu regnen und hat drei Tage unaufhörlich geregnet, und auf dem Joch wäre dies mehr als unangenehm gewesen, während es uns in der Ebene eine Erholung von dem beständigen Sehn und Bewundern dünkte. Im Addathal fanden wir furchtbare Verwüstungen, die ein Orkan vor vierzehn Tagen angerichtet hatte, an zahllosen Stellen waren Stücke des Wegs, Brücken, Häuser weggerissen und zertrümmert; die Strasse war aber durchaus wieder in fahrbaren Stand gesetzt, und die Brücken durch provisorische ersetzt, aber der Anblick war überaus schrecklich. Am Morgen des 29sten erreichten wir den Corner See, und hier sah ich zum ersten Mal das tausendmal beschriebene, millionenmal gepriesene und dennoch so überraschende Italien. Oelbäume, ächte Kastanien und Maulbeerbäume hatten sich zwar unterwegs schon blicken lassen, aber die Gegend hatte bis dahin doch noch immer den Alpencharakter, und erst hier verwandelt sie sich gänzlich. In Vatenna, wo wir anhielten, liegt das Gasthaus hart am See, man übersieht die hellgrüne Fläche von der sanftesten, feinsten Farbe, von den schönsten, mannigfaltigst geformten Bergen umkränzt; auch an Felsen und Schnee fehlt es nicht, aber sie treten bescheiden in den Hintergrund und räumen hier der Anmuth den ersten Platz ein. Als Vorgrund hatten wir einen Garten mit blühenden und früchtebeladenen Citronen- und Orangebäumen, grossen Feigenbäumen, Bosen, aus der Mauer wachsenden kolossalen Aloes, eine Vegetation wie toll, auf Terrassen, deren letzte in das Wasser führt. Ein feiner Regen hinderte uns natürlich nicht, in den Garten zu gebn, und die Wolken nahmen der Gegend nichts an ihrem Beiz. — Ich kann Euch garnicht beschreiben, wie entzückt und wie gerührt ich war, denn rührend ist der wahre Ausdruck für die Schönheit dieser Gegend. Ich hatte so recht lebhaft das Gefühl, es mir nicht zu gönnen, und Euch Alle dazu herbei zu wünschen. Dich, liebe Mutter, müsste Faust freilich auf seinem Mäntelchen hin und Abends wieder zu Haus tragen, sonst wäre es für Dich zu ermüdend, aber Ii! 74 Italien. Du, Beckclien, musst Deine näcliste Eeise nach dem Corner See richten, wenn Du auch nicht gleich ganz Italien bereisen kannst; das ist ganz eine Gegend für Dich, irnd an sich schon ein würdiges Ziel. Mailand liegt übrigens einen Katzensprung davon. Und Feigen! Ich versichere Dich, ich kann nie eine essen, wie sie so zuckersiiss sind und auf der Zunge zergehn, ohne zu wünschen, sie Dir in den Mund zu stecken. Und Trauben! die gönne ich mir freilich auch, denn die isst kein Mensch lieber als ich, aber sie sind welthistorisch, und man bekommt noch Geld zu, wenn man sie kauft! — Die Pfirsich entsprechen meinen Erwartungen nicht, ich habe sie bis jetzt hart und fast ungeniessbar gefunden. Längs des ganzen Corner Sees ist die Strasse wieder prächtig, statt des Geländers durchaus durch eine mit Granitplatten belegte Mauer geschützt, und wieder die prachtvollsten Felsgalerien gesprengt. Hier sind nicht, wie auf dem Joch, niedrige Fenster angebracht, welche nur das nötliige Licht einlassen, sondern hohe imregelmässige Thore, durch die man jedes Mal das herrlichste Bild sieht. Wir konnten Mailand nicht mehr am Tage erreichen und blieben, da wir den ersten Anblick nicht gern verlieren wollten, über Nacht üi Monza. Ich weiss nicht, was der Lucia einfiel, dass sie die ganze Nacht von einem Kloster zum andern lief und läutete, ein solches Gebimmel habe ich in meinem Leben nicht gehört. Renzo muss betrunken gewesen sein, wie das eine Mal in Mailand,*) denn das Schreien und Juchheien auf den Strassen wollte so wenig ein Ende nehmen, wie das Glockenläuten. Monza ist ein interessantes, altes Nest, mit einer von aussen sehr schönen, von innen ganz verunstalteten Kathedrale und einem Palast Friedrich Barbarossa's, den die Stadt nächstens abtragen lassen will. Mein Mann wird es dem König von Baiern klatschen, damit der sich für den ehrwürdigen, alten Bau verwendet. Dem müsste nur Monza gehören, er würde den Dom schon wiederherzustellen wissen. *) Bezieht sich auf Figuren aus den Promessi Sposi von MniTzovn. Mailand. 75 Es ist ecrit la haut , dass wir hier in Mailand keine Menschen sollen kennen lernen, alle, an die wir Empfehlungen haben, sind nicht hier und eine Stadt ohne Menschen (in der schönen Natur braucht man sie weniger) ist für mich ein Körper ohne Seele, mithin wird Mailand kernen Glanzpunkt dieser Reise bilden. Dom, Brera und Skala sind von uns bereits verschlungen, denn solcher Reisemagen ist wirklich ein wahrer Schlund, ein Abgrund, ein Straussmagen. — Ich werde in meinen Briefen an Euch eine Rubrik „italiänische Zustände" einführen und der erste Artikel soll hiermit folgen: Bis jetzt: Bettler keine; Flöhe wenige, Schmutz bis über beide Ohren. Doch ist Mailand im Aeussern eine der reinlichsten Städte. Ich werde Euch darüber schreiben, wenn wir fortreisen, jetzt bin ich noch zu neu hier. In Bezug auf die Sprache gebe ich mir alle mögliche Mühe, lese Schilder und lasse mich von der "Wäscherin und dem Kellner belehren. In München hatten wir noch ein Paar hübsche Abende, einen bei der Handley, wo sie wirklich glorios spielte. Felixens erstes Concert habe ich, ausser von ihm, noch nicht so spielen gehört, dabei ist sie eine allerliebste Person. Den letzten Abend hatten wir einen improvisirten Thee bei uns, getrunken von Prand und semer Frau, Rottmann, Marggraf aus Berlin und Kaulbach und seiner Frau, die wir beide an dem Abend erst kennen lernten. Wie das zuging, später mündlich. Genug, wir schieden so herzlich von einander, als hätten wir uns lange gekannt. Er ist ein grosser, schlanker Mann, mit interessantem Gesicht, hoher kahler Stirn, blasser Farbe und halblangem Haar; auf die Frau passt dieselbe Beschreibung, sie ist sehr hübsch. Er ist äusserst freundlich, tlieilnehmend an Allem, besah die Zeichenbücher mit dem grössten Interesse und giebt Töne von sich, wie Herr Schadow. Beissend witzig ist er auch und neckte den ehrlichen, braven Rottmann auf die possierlichste Art. Als Rottmann's Zeichnung fertig war und Wilhelm nur noch den Schlagschatten hinsetzen wollte, bat Kaulbacli ihn, es ihm doch zu erlauben und setzte in den Schatten Rottmann's Profil mit seiner enormen Nase. Rottmann lieisst in München il nasone. Dieser schrieb darunter: 76 Italien. „Hoho, da ist sie ja, wie sie der Spiegel wies — die ungeheure Nase, die sicli so oft schon stiess." — Und .so ist das Blatt ein ganz humoristisches geworden. Ich spielte auf Begehren auf dem verstimmten Instrument, so gut es gehen wollte, die Unterhaltung war äusserst lebhaft, und der Abend gehörte zu den angenehmsten, die man nur erleben kann. München hat mir überhaupt einen sehr guten Eindruck gemacht, wir haben so liebenswürdige Menschen da kennen gelernt, und auch die Kunstwerke, selbst die alten, haben da den Stempel der Gegenwärtigkeit; man sieht, dass sie mit Liebe gehegt und verstanden werden, und das giebt ihnen erst den Werth. Es lebe der König von Baiern, quand meme! u — In Padua, das „einen widerwärtigen Eindruck von Verwesung" machte, ist die Kirche St. Antonio und daneben die Scuola di Tiziano Sehenswerth, ein mit Wundergeschichten des lieil. Antonius Fresco gemalter Raum. „Ein dem Tizian zugeschriebenes Bild," bemerkt Fanny, „wo der heil. Antonius ein Wickelkind reden lässt, ist sehr hübsch. Die Wunder des Heiligen sind alle ganz besonders praktischer Art. Sobald ich katholisch werde, soll er mein Schutzpatron sein. Er erweckt verstorbene Gläser und Teller, das ist so gut in der Wirth- schaft zu brauchen. — Wir gingen noch nach der Kapelle, deren Bilder von Jacob d'Avanzi durch Förster (Jahre vorher) gereinigt wurden. Der Schmutz, den er heruntergewaschen, steht noch in der Kapelle, die Tische, die er gebraucht, noch übereinander. Es ist ein Sauvolk!" — Brief an die Familie. Venedig, 13ten Oktober 1839. „So stand es denn im Buche des Schicksals auf meinem Blatte geschrieben, dass ich 1839 den 12ten Oktober Nachmittags, nach unserer Uhr um zwei, Venedig zum ersten Mal, aus der Brenta in die Lagunen einfahrend, erblicken und bald darauf diese wunderbare Inselstadt, diese Biberrepnblik, betreten und besuchen sollte. Da Euch unsere Reisebriefe Freude ■Venedig. 77 machen, so sollt Ihr mitgeniessen, sobald und soviel als möglich. Ich erinnere mich in meinem Lehen nicht leicht in 24 Stunden soviel Erstaunen, Bewunderung, Rührung, Freude empfunden zu haben, als in diesem wunderbaren Venedig! Seit wir hier sind, hab ich fast noch keine trocknen Augen gehabt — völlig bezaubernd ist der Anblick dieser Wunderstadt. Schon wenn man sich nähert und sie auf dem Wasser schwimmend erblickt, sieht es sich grossartig und märchenhaft zugleich an. Wenn man nun in die ersten Wasserstrassen hineinfährt, und rechts und links die andern Wasserquer Strassen weitergehn, da muss man die Hemden und Schürzen anselin, die in den Vorstädten vor allen Häusern zum Trocknen hängen, um sich zu überzeugen, dass man nicht träumt. — Gestern nach Tisch gingen wir aus unserm schlechten Gasthause (das uns in München sehr geloht worden war) gleich hinunter, ein Stückchen am Hafen entlang, und in die engen Gassen hinein, und da machte ich die erste Erfahrung, wie so tausendmal Abgebildetes in der Natur wirkt. Die Markuskirche, der Dogenpalast mit den beiden Säulen davor, der Rialto, die Seufzerbrücke erschienen mir nicht als neu, sondern wie alte Bekannte, die ich nur nicht so lebendig und schön in der Erinnerung behalten hatte. Was mich aber ganz überraschte, war das ungeheure Lehen in der Stadt, das Gewühl wie in Paris, die Masse der Läden und Kaffeehäuser; ich hatte in Venedig nur todte Herrlichkeit erwartet, wie in Padua, das wirklich eine vermoderte Stadt ist, und nun lebt Alles „in frischester Gesundheit!" —■ Heut früh um neun setzten wir uns in eine offene Gondel und begannen mit gespannter Erwartung unsere Fahrten. Zuerst quer über den Hafen nach der Insel und Kirche St. Giorgio, wo man ausser einigen schönen Bildern in der Kirche das schönste vor derselben sieht, eine Stadtansicht, wie sie wohl nicht zweimal in der Welt existirt. Dann nach Sta. Maria della Salute, am Eingang des Canale grande, mit vielen Bildern von Tintorett und einigen von Tizian. Zu dem deutschen Maler Nerly, den ich hauptsächlich deshalb mitbesuchte, weil er dasselbe Atelier im Palast Pisani inne hat, in dem der arme Leopold Robert endete. Dies Zimmer zu sehn, 78 Italien. diese Treppe hinauf zu steigen, war uns sehr rührend, da wir durch die kleine Schrift alle Details seines Lebens und Todes so genau im Gedäcktniss hatten. Nach der Akademie. Es ist dasselbe Gebäude, das Götlie unter dem Namen der Caritä mit so grossem Entzücken beschreibt; die Treppe, von der er so ausführlich redet, steigt man hinauf. Die Gemäldegallerie muss aber damals noch nicht darin gewesen sein, sonst könnte ich nicht hegreifen, dass er kein Wort davon sagt. Hier ist nun Maria Himmelfahrt, den Kupferstich kennt Ihr ja, und die Pracht dieses Wunderbildes zu beschreihen ist mir noch viel unmöglicher, als dem Kupferstich. Ausserdem sind noch ganz respektable Bilder in grosser Menge da, wenn man aber Jenes zuerst gesehen hat (und man hat es immer zuerst gesehn), so muss man sich zu jedem Andern, selbst von Tizian erst herabstimmen. Ist man wieder gnädig herablassend geworden, so kann man sich die Darstellung der kleinen Maria im Tempel vom grossen Tizian schon gefallen lassen; es ist eins der köstlichsten Bilder, die es gehen kann, und mit niederländischer Naivität aufgefasst. Von Paul (er lieisst bei uns jetzt immer Onkel Paul) einige grosse Schau- und Prachtstücke; von Bellini einige Scenen mit Hintergrund aus dem alten Venedig, überaus interessant. Unendlich Vieles haben wir beut gar nicht gesehn oder bemerkt, es ist zu viel für einmal. Mit vielem Lobe muss ich erwähnen, dass Gebäude und Bilder in der Akademie vortrefflich gehalten sind, wie wir es bis jetzt in Italien noch nicht gefunden haben, denn es ist eine Schande und ein Erbarmen, in welchem Zustande die grössten Schätze der Architektin - und Malerei sich fast überall befinden. Padua zeichnet sich vor allen in dieser Hinsicht aus, und ich kann nicht sagen, welchen widerwärtigen Eindruck mir die Stadt gemacht hat, obgleich (siehe Göthe), wenn man wie ich einen Cicerone bei sich hat, der Hieroglyphen zu lesen und zu erklären versteht, man bekennen muss, dass herrliche Sachen da waren, aber Freude kann man nicht daran haben Unser nächster Gang heut war kein Kunstgenuss, auch kein Ohrenschmaus, sondern ein Austernfrass, uns zu ferneren Thaten zu stärken. Palast Pisani, mit einem einzigen Bilde, Venedig. 79 es ist aber cler wunderschöne Paul Veronese, von dein Ihr meinen Mann oft habt erzählen hören, die Familie des Darias vor Alexander. Wenn die armen Leute ein paar Schritte nach dem Balkon thun, so sehn sie den ganzen Canale grande herauf und hinunter. Palast Barbarigo, mit einigen zwanzig- Tizians, alle aber sehr verkommen, während Pisani ein altvaterisch prächtig stolzes Ansehn hat. Ich kam mir wie eine edle Venezianerin vor, als ich da die Treppen hinabstieg; ich versichere Euch, es wird einem da gar nicht „Pöbel" zu Muth. Zum Beschluss unsrer Vormittagsfahrt gingen wir zu Aurel Robert, der noch in der Wohnung geblieben ist, die er zuletzt mit seinem Bruder tlieilte — das Atelier war anderswo — und vervollständigten uns so das rührende Bild semer Umgebungen. Aurel zeigte uns die Zeichnungen, die er nach Bildern seines Bruders gemacht hat, und einige angefangene Sachen. — Das war ein Morgen in Venedig; denkt Ihr Euch nun dazu den reinsten Himmel, die mildeste Luft, und von Ort zu Ort ein angenehmes Gleiten auf der hellgrünen sonnenblitzenden Fläche in offener Gondel, so müsst Ihr sagen, einen solchen Morgen kann man nur in Venedig erleben. Wen man liebt, dem muss man wünschen, das einmal zu sehn. Paul, denke ich, werden wir nicht viel zuzureden brauchen, der wird wohl einmal mit Albertine hingehn; mit Dirichlet ist es schon schwerer, und ich spekulire immerfort, wie sie sich einmal diese Reise einrichten könnten. Beckchen muss Venedig sehn, das ist was für sie. —• Nachmittags schrieb ich diesen Brief, während mein Mann noch einmal ausging, um sieben holte er mich ab, und wir gingen auf den Marcusplatz, wo Militärmusik war, und der ganze Platz dichtgedrängt voll Menschen. Unter den Arkaden schöne, sein' elegante Damen in Menge, die ich mehreremal Revue passiren liess, dann am Hafen Mondschein über dem Wasser und geringeres Volk. Sie haben am Hafen einen permanenten Markt auf ebener Erde, Geschrei der Verkäufer, Marionettentheater, Zank und Streit, Gesang gar nicht übel, ein Bass und ein Sopran sangen ein Duett rein und geläufig und begleiteten sich mit Violine undGuitarre; Neun-Uhrtrom- 80 Italien. mel, Militärmusik, Conversation, Kindergeschrei, Alles untereinander, es ist ein Lärm zum Tollwerden. Als ich zu Haus kam, hatte ich meine Tuchnadel verloren, mein Mann lief wieder fort, sie mir zu suchen trotz meiner Gegenvorstellungen und hat sie richtig auf dem Marcusplatz wiedergefunden — das ist doch das grosse Loos! — Nun miisste ich eigentlich noch über unsere sechstägige Heise von Mailand nach Venedig berichten, während der wir uns in Giema, Brescia, Desenzano, Verona, Vicenza und Padua umgesehen haben, ich will Euch aber im Wesentlichen auf Göthe verweisen, der die Sache wohl beinahe so gut beschreibt als ich es könnte, — verändert hat sich in den Orten nicht Vieles. Von der Architectur des Palladio, den er so über Alles verehrt, und der halb Vicenza, nebst einem guten Theil von Padua und Venedig gebaut hat, könnt Ihr Euch einen Begriff machen, wenn Ihr sie der Schlüter'schen sehr ähnlich denkt. Namentlich an's Zeughaus erinnern viele seiner Gebäude, und ich kam mir daher in Vicenza garnicht fremd vor. Es ist uns unbeschreiblich interessant, jetzt auf frischer That zu lesen, was er darüber sclireibt; es ist nun über 50 Jahre her, dass er hier war, und Alles ist so wahr, und so frisch, und so richtig, als wäre es heut beobachtet. Was Ihr uns über den Daguerrotyp schreibt, interessirt uns sehr: bitte, haltet uns au fait dieser wichtigen Sache." Aus einem Briefe von Fanny an Cecile. Venedig, 20sten Oktober 39. „— — Grade als wir gestern Felixens Weisung erhielten, Tizian's Himmelfahrt Mariä öfters zu sehn, waren wir im Begriff ihr unsern zweiten Besuch abzustatten; ich habe seinen Gruss an die Glorie ausgerichtet, und kann ihn versichern, dass ich wenigstens nicht das Rindvieh bin, welches zwei und noch einige Engelsköpfe nicht schön fände.*) Dieser Blumen- *) Siehe Felixsche Briefe. Leipzig, Ilten September 1839. Venedig-. 81 kränz von Kindern ist gewiss eine von den Sachen, die Tizian am besten gelungen sind, und Tizian ist gewiss eine von den Sachen, die dem liehen Gott am besten gelungen sind, und wenn der liehe Gott und Tizian sich Mühe geben, so lässt sich's schon mit ansehn. Wie freue ich mich darauf, einmal künftig mit Felix über Venedig zu plaudern. Ein Pfefferkorn ist er auch nicht, und ein Brauerpferd auch nicht, denn die Darstellung der kleinen Maria im Tempel mit dem Torso in der Mauer und der Eierfrau daneben und der schönen Bettlerin hinten gefällt mir, und die Grablegung gefällt mir, und die süssleidenscliaftliche Lautenspielerin gefällt mir zweimal, und die drei Köpfe von Giorg-ione bei Manfrini in Canaregio sind auch nicht so übel, und der Sinn der Gondeln ist mir ebenfalls aufgegangen, und ich hoffe in Venedig ziemlich Bescheid zu wissen, wenn wir es mit dem Kücken ansehn. Mondschein steht im Kalender, leider aber waren die Abende meist zu trüb, als dass man eine Wasserfahrt hätte unternehmen können. Den 23sten Okt. —■ — Wir haben gestern einen männlichen Entscliluss gefasst, und unsere Luna (das Gasthaus) verlassen, von der mein Mann behauptet, es sei nicht sowohl eine keusche als eine sän'sclie Luna, und eine Wohnung in Kobert's Hause bezogen, in der wir heut Nacht zum ersten Mal in Venedig gut und ungestochen von Mücken geschlafen haben. Ich sehe so aus, dass ich mich kaum sehn lassen kann. Auf jedem Augenlide dick aufgelaufene Stiche, Beulen ohne Zahl auf Hals und Gesicht, die Hände wie tättowirt. — Robert hat sich grosse Mühe gegeben, Wilhelm Modelle zu verschaffen, und er hat jetzt wirklich die Auswahl und wird heute einen Studienkopf anfangen. Ihr fragt neulich einmal, wie mir die italiänische Küche zusagte? Im Allgemeinen habe ich nichts dagegen einzuwenden, als dass sie alle Braten trocken essen lassen, aber ihre Stuffati und Uniidi, und wie all das geschmorte Zeug mit Saucen heisst, schmeckt mir sehr gut, und Käse zu allen Suppen vortrefflich, aber die Suppen selbst sind höchst ein- oder vielmehr dreiförmig Reis, Nudeln und Gemüsesuppe, voila tout. Brod und Butter hier vortrefflich, bis jetzt habe Die Familie Mendelssohn. II. 6 82 Italien. icli noch überall jenes sehr mittelmässig und diese kaum essbar gefunden, sodass ich sie ganz entbehren musste. Eine äusserst kleine Sorte Zwiebäckchen, Invisibili genannt, sind hier excellent. Gemüse essen die Venetianer garnicht, nur mitunter etwas schnöden Kohl. Birnen köstlich, Wein noch gut, hier natürlich weniger als in terra firma. Im Kaifee lassen sie fast überall den dicksten Bodensatz, und wo ich das finde, werde ich zur Schäferin und trinke Milch. Die von den Italiänern empfohlenen Werne zum Wasser habe ich bis Venedig standhaft abgelehnt, da wir aber hier alle dem Klima in der ersten Zeit den gewöhnlichen Tribut zollen müssen, habe ich mit Sebastian mich dazu entschlossen, aber nur solange wir hier sind, dann wird wieder Wasser getrunken. Dass wir noch fortwährend die besten Erdbeeren essen, darf ich auch nicht ungerühmt lassen. Den 28sten. Das unsterblich schöne Wetter ist seit einigen Tagen „alle" geworden, und wir haben uns heut das erste Kaminfeuer machen lassen, und erfreuen uns eines sehr behaglichen Klimas, nachdem wir ein Paar Tage wie die ganze Schneiderzunft gefroren haben. Hoffentlich finden wir es weiter südlich und auf der Erde noch besser, als liier in diesem Fisch- beliälter, es wird aber Zeit, dass wir in die Winterquartiere rücken. — — Abends (gelin wir immer eine Stunde ins Kaffeehaus, jTliee trinken und Zeitungen lesen', die aus Deutschland wenig Erfreuliches melden. Die Verschwörungen der Fürsten gegen die Völker gelin immer weiter, und es möchte sich wohl Keiner getrauen, zu sagen, wohin das führen wird? Und grade die Kleinen sind die Allerschlimmsten. Wenn man von diesen unerquicklichen Nachrichten weg wieder hinaus tritt an den schönsten -Platz in den schönsten Abend der Welt, wie wir davon einige hatten, kann man sich erst garnicht hineinfinden. — Neulich waren wir einmal wieder auf der Akademie. Etwa 400 Bilder sind nicht aufgestellt, aus Mangel an Kaum, und man baut jetzt einen neuen Saal. Das was dort zu hoch hängt, um geselm zu werden, könnte ein Dutzend andere Gallerien fett machen. Ein paar sehr interessante Kuriositäten sind: Tizians erstes und sein letztes Bild, dicht neben Venedig. 83 einander gellängt. Jenes — ein Besncli der Maria — zeigt schon ganz den künftigen grossen Mann, das andere stellt, eigen genug, den todten Christus vor, von den Seinigen betrauert, und hat in Farbe und Komposition etwas unheimlich Schauerliches, fast Furchtbares. Sehr interessant sind auch die Bilder von Bellini, welche venezianische Ceremonien mit den Hintergründen der Stadt darstellen, wie sie damals war, er hat, wie Krüger auf seiner Parade, diese Bilder mit Portrait« angefüllt, die man zwar nicht mehr kennt, aber sie doch zu erkennen meint. Dass unser Publikum immer noch diesen glattesten Portraits nachläuft, ist ein trauriger Beweis für seine Rückschritte und diese ganze Ausstellung*) ist höchst verdriesslich. Wilhelm's Studienkopf einer Venezianerin mit dem hier im Volk üblichen weissen Schleier wird Euch sehr gefallen, heut zeichnet er eine allerliebste Wasserträgerin mit bunten Stiften in das Buch von Dir, liebe Minna." — T agebuc h: „Am 3ten und 4ten November nahmen wir Abschied von den Lieblingsplätzen, und selbst im gräulichsten Schmutz und Unwetter übte Venedig seinen alten Zauber. Am 4ten um ein Uhr fuhren wir ab; im stärksten Regen wurde in Mestre der dort zurückgelassene Wagen wieder bepackt, und wir fuhren bis Padua. Am andern Morgen, bei immer gleich schlechtem Wetter, reisten wir über das schön liegende Monse- lice, überschritten die schon bedeutend angeschwollene Etsch und machten in Rovigo, einem unbehaglichen Nest, Mittag. Hier waren schon die bedenklichsten Nachrichten über den hohen Wasserstand des Po zu hören, und es wurde uns der Uebergang, der hier durch eine Fähre vermittelt wurde, als unmöglich geschildert. Wir liessen uns dadurch indessen nicht abschrecken und fuhren Nachmittags die drei Meilen bis zum Po. Allerdings zeigte sich uns hier das ganze Elend einer grossen Ueberschwemmung, es war, als hätten die Schleusen *) Ueber welche die Berliner Briefe voller Klagen waren. 6* 11 Italien. des Himmels sicli zu einer zweiten Stindfluth geöffnet. Endlich erreichten wir den Po, — die Fähre lag da, die Leute meinten, es sei allerdings ganz gut möglich überzusetzen, und es drohe dabei nicht die mindeste Gefahr; aber der Cardinallegat in Ferrara habe das Uehersetzen verboten, und sie dürften es unter keiner Bedingung wagen, dieses Verbot zu übertreten. Nachdem Hensel vergeblich seine ganze Beredsamkeit und bedeutende Versprechungen aufgewendet hatte, blieb uns nichts übrig, als den Bückweg nach Eovigo anzutreten. Den ganzen nächsten Tag mussten wir hier bleiben, es kamen wechselnde Nachrichten, der Po fällt, der Po steigt, kein Passagier von jenseits erschien, es wurde also nicht übergesetzt. Am 7ten Morgens fuhren wir abermals dem Po zu, allerdings fast ohne Hoffnung: das Wasser war noch gestiegen, das Wetter womöglich noch sclieusslicher geworden; der Postmeister in Polisella, der letzten Station, bewog uns fast zum Umkehren, indem er uns die absolute Unmöglichkeit des Weiterkommens bewies, da fuhr eine Extrapost vom Po kommend in den Hof, als handgreiflicher Beweis der Möglichkeit des Ueber- setzens. Nun ging's mit frischem Muth vorwärts, wir erreichten den Fluss; er war noch mehr geschwollen, als zwei Tage vorher, aber — der Cardinallegat hatte jetzt das Uehersetzen erlaubt, und es erwies sich auch als ganz ungefährlich, nur, dass wir statt 3 Paoli deren 26 bezahlen mussten, wovon der Cardinallegat, dem wir die ganze Geschichte verdankten, zwei Drittel bekam." Aus einem Brief an Bebecka: Florenz, 19ten Novbr. 39. „Wie schön es hier ist, wie reizend die Gegend, wie unerschöpflich die Kunstschätze, nun, das ist ja bekannt; der Palast Pitti und die Uffizien, könnten die Welt mit Kunstschätzen versorgen. Die Tribuna ist nun einmal berühmt, als das non plus ultra von Kunstsammlung, ich kann Euch aber versichern, dass es Zimmer im Palast Pitti giebt, die wenigstens Florenz, 85 in Hinsicht der Bilder fast noch höher stehen, freilich sind keine Antiken in denselben Räumen, wie in der Tribüne, wo man mit einem Blick drei Veniisse, die Mediceisclie und zwei Tizianische, übersieht. Nicht genug- zu lohen ist die Liberalität, mit der der vom Grossherzog bewohnte Palast Pitti mit allen Kunst- und Mobiliarschätzen dem Publikum zu unbeschränkter Benutzung frei steht. In jedem Zimmer kopiren Maler und legen die schmutzigen Paletten auf die kostbarsten Mosaiktische; das erste Mal kamen wir hin, in einem Wetter, dass ich überzeugt war, wir würden abgewiesen werden, denn wir trieften, aber man liess uns ohne Weiteres ein und wir hätten unsere nassen Kleider auf sammtnen Sophas abtrocknen können, denn kein Möbel hat einen Ueberzug. Die Raphaels sind haufenweis da bis zu sechs in einem Zimmer und das ganze Palais ist so eingerichtet, dass die eigensinnigste Tadelsucht sich nichts anderes wünschen könnte. Dagegen ergreift mich in der Tribüne immer die Reformationswuth, denn es sind Bilder darin, denen ich die Ehre nicht gönne, diesen berühmten Platz einzunehmen, wogegen in anderen Räumen welche hängen, die ihn ganz und gar verdienten. Ich möchte da gar zu gern einmal, wie Mutter zu sagen pflegt, Möbelier und Tapezier sem. So ist in einem nicht immer geöffneten Saal ein Frauenbild von Tizian, Flora genannt, — unerhört schön. Es ist der Kopf seiner Geliebten in Paris, auch eine ähnliche Stellung, aber für mich weit drüber. Ich habe es gestern zuerst gesehn, und da war Wilhelm nicht dort, heute werde ich es ihm zeigen. Das hinge ich gleich in die Tribüne." Von dem zur Reise nach Rom gewählten Weg über Siena schreibt Fanny: „Von Florenz bis Rom habe ich allemal um neun gesagt: die Tour ist doch langweilig und beschwerlich; um zehn, es ist doch wunderschön! um elf war es wieder langweilig, um zwölf wieder schön und so ging es die ganzen sechs Tage hindurch. Ueberhaupt ist man hier zu Lande immer entzückt oder empört, und es macht der Divi- nationsgabe der Varnhagen alle Ehre, dass sie diesen Gegensatz erfunden, ohne in Italien gewesen zu sein, denn hierfür ist er gemacht." — ' 86 Italien. i 1 f Es liegt auf T a g e b u c Ii. „Ein Glanzpunkt dieser Fahrt ist Orvieto. einem hohen Berge, aber in der Mitte eines Tlials, das wieder von ziemlich bedeutenden Bergen eingeschlossen ist. Indem man nun, erst hinunter, dann wieder hinauf fährt, gewinnt man die schönsten, interessantesten Ansichten der Stadt. Das Wetter war herrlich, unsere Postkarete mit vier Pferden flog förmlich, der Monte fiascone, den wir unterwegs tranken, war vortrefflich, und die ganze Parthie überaus angenehm. Der Dom hat eine prachtvolle Faqade, mit Mosaik, Skulptur und architektonischem Schmuck überladen, wenn man nicht, wie Götlie von dem Bucentauro, sagen will, sie bestehe ganz aus Zierrathen. Es ist die Gränze der Heiterkeit nach der Seite des Bunten, der mühsamen und fleissigen Ausführung, wo sie fast kleinlich wird. Die doppelt in sich gewundenen Säulen, mit bunter und ■ goldner Mosaik ausgelegt, sind wunderschön. Man hätte tagelang sich zu erfreuen und zu sehen, wir hatten aber kaum eine Stunde Zeit, um unsern unausstehlichen Vetturin nicht zur Verzweiflung zu bringen. Wir sind durchaus unzufrieden mit dieser Art zu reisen, hören aber von allen Seiten, dass man im Römischen eigentlich darauf angewiesen ist, weil mit Extrapost durchaus nicht fertig zu werden sein soll." — War Orvieto der Glanzpunkt jenes Weges, so war das Nachtquartier in Ricorsi das Schauderhafteste, was man sich vorstellen kann, und es ist geradezu unglaublich, dass in einem nicht zu umgehenden Gasthof (denn auf viele Meilen vor und hinter Ricorsi ist gar kein Ort, in dem überhaupt von Unterkommen die Rede sein konnte) auf einer der belebtesten Strassen in dem besuchtesten Lande der Welt etwas Aehnliclies möglich war. Hensel und Fanny mussten ein Paar Maurergesellen aus den für sie bestimmten Betten vertreiben, in dem Sebastians hatte sich ein Pudel häuslich niedergelassen; das Abendbrod bestand aus dem Fleisch eines Hammels, der erst geschossen werden musste, da er zu wild war, um sich greifen zu lassen. Das ganze Wirthshaus machte so den Eindruck einer Räuberhöhle, dass Fanny den Vorschlag machte, Rom. 87 Nachts über aufzubleiben, da sie entschieden Angst hatte, sich dort dem Schlaf zu überlassen. An die Familie. Rom, den 2 8 s t e n November 39. Auch dies grosse und wichtige Reiseziel wäre glücklich erreicht, und wir legen nun die Wanderstäbe für ein Weilchen hei Seite. Vorgestern Abend um zehn Uhr sind wir hier angekommen, und heute Abend — lobt uns — sitzen wir am Kaminfeuer in einer ziemlich behaglichen Privatwohnung und sind vollkommen fertig mit allem Kramen. Was man uns in Florenz über den Mangel an Wohnungen sagte, war ganz falsch, denn wer das Geld nicht anzusehen braucht, hat die Auswahl unter den schönsten und bestmeublirten; wir haben ihrer in Menge gesehen, und es gehörte wirklich sehr viel Mässigung dazu, um sich nicht verleiten zu lassen und in irgend einer sitzen zu bleiben. Indessen hin ich ganz zufrieden, denn ich hatte mich auf viel Schlechteres getasst. Wir zahlen für vier Stuben, gut meublirt, nahe der besten Gegend, freilich zwei Treppen hoch und ohne schöne Aussicht, 30 Scudi monatlich, welches hier ein mittlerer Preis ist. Ich habe alle meine Niedlichkeiten ausgepackt, um dem Salotto noch mehr auf die Beine zu helfen. — Den 2 9 s t e n. Wir sind nun den vierten Tag in Rom, und, fast schäme ich mich es zu sagen, noch habe ich fast garnichts gesehen. Das Wetter ist sehr schlecht, und mein Mann hat noch die ganzen Tage umherzulaufen gehabt. Ich wollte, Ihr könntet ihn hier sehen, ich habe wirklich meine Freude dran, das Glück leuchtet ihm aus den Augen; wie er von den Leuten aufgenommen wird, und wie sie sich freuen, ihn wiederzusehn und alles behalten haben, was er that und sprach und ass und trank, und zum Zeichen, dass sie ihn erkennen, gleich nach Gralil fragen, das Alles macht mir den grössten Spass. Sein und Felixens Name sind mir hier ein Paar weiche Ruhekissen. Ich habe es aber um so schwerer und muss verflucht liebenswürdig sein, um den Meinigen Ehre 88 Italien. zu machen. Darüber ist nun der 2te December geworden. Mein Spieldebut habe icli machen müssen, ohne erst ein Instrument im Hause zu haben, in einer musikalischen Soiree a la Sonntag'smusiken, bei wem? Bei Cavaliere Landsberg*). Der vermiethet Instrumente für zehn Scudi monatlich, mir will er sie aus Freundschaft für neun lassen, ich habe ihn aber abgewiesen, ist hier eine Personnage, hat einen sehr hübschen Salon und ein göttliches Instrument, empfängt Herren und Damen mit Grazie ma non troppo, begleitet einem kleinen Tenörchen Adelaide, lässt eine andre Dame zwei Trios spielen und mich eins, und Madame Vanutelli, eine sehr schöne und freundliche Frau, hört zu! Mir fiel zwischendurch immer ein, wie Rietz und David ihm eingeredet hatten, Cerf würde ihn arretiren lassen, weil er bei uns Sonntags gespielt hatte, und wie Spitzeder ihn zum Herold schminkte, und es kam mir vor, als sei Zeit seitdem vergangen! — Angefangen hat unsere römische Gesellschaft bei L., von dessen Unterhaltung ich Euch doch die Creme mittheilen muss! Ich hatte ein Stück gespielt, darauf liess er sich folgendermassen vernehmen: „Der Text von des Stück erinnert mir sehr an eine italienische Arie, auf die ich mir jarnicht besinnen kann, Hensel, wissen Sie nich?" —**) Gestern Avaren wir bei Papstens in der six- tinischen Kapelle, und ich habe ihn und alle Kardinäle aufs Genaueste gesehen, vorbeipassiren nämlich, denn für die Cere- monien sind wir armen Weiber übel dran; wir müssen hinter einem Gitter sehr weit absitzen, und wer nun wie ich, ein kurzes Gesicht hat, bekommt von dem ganzen Spass nichts zu sehn und muss drei Stunden lang sitzen und den sehr unreinen und mittelmässigen Gesang der päpstlichen Kapelle *) Derselbe war früher Geiger am Königstädter Theater in Berlin gewesen. **) Von demselben, einem eingefleischten Berliner, den irgend ein Wind nach Rom geblasen hatte, erzählt man, dass er beim Anblick der Kolossen auf Monte Cavallo zu seinem Bruder gesagt habe: „Nu seh mal, lieber Bruder, des soll nu natürlich sind. Hast Du je Pferde mit ne Stieze untern Bauch gesehn?" — Sixtina. Komische Geselligkeit. 89 und den nicht kurzweiligen Vortrag- der Messe durch ein Paar zittrige Kardinalstimmen anhören. Ich werde indessen doch öfter in die Sixtina gelin, man muss sich daran gewöhnen, und es etwas genauer kennen lernen, es gehört doch einmal dazu. Denke Dir meinen Gram, liebes Beckchen, die Gesandten werden dies Jahr keine Bälle geben! Und ich hatte ,mich doch so darauf gefreut, einen Galopp mit Kestner zu tanzen. Ueberhaupt wird die eigentliche Season liier sehr flau, Rom bleibt leer, Alles ist nach Neapel gezogen und die Welt seufzt. Mir ist das ganz recht. Warum aber nicht Schiffe mit den 11,000 Jungfrauen der heiligen Ursula nach Koni ziehen, kann ich nicht begreifen, denn ich habe in den acht Tagen allein 12,000 Junggesellen schon kennen gelernt, wie Viele mögen nun noch sein, die ich nicht kenne. Kinder gehören unter die Raritäten, Antiken kommen viel häufiger vor. Indessen habe ich heute endlich einen achtjährigen Jungen ausgebuddelt, mit dem Sebastian wahrscheinlich italiänisclien und französischen Unterricht bekommen wird. Aber das Campo vaccino ist doch schön! Auch eine von den originellen und kuriosen 0 ertlichkeiten, die trotz aller Bilder und Beschreibungen überraschen, aber mässig und gelind, ohne allen Eclat. Es ist seiner Sache sicher und lässt es an sich kommen. Dagegen tritt die Peterskirche mit einiger Prätension auf, der ganze Platz ist so prächtig gemacht. Er will, man soll gleich sagen, wie schön bist Du! und man sagt es auch, das ist unausbleiblich. Man fühlt wohl Absicht, aber man ist doch nicht verstimmt, denn die Absicht ist gut erreicht. Aber das Campo vaccino ist so eigen zufällig! Aus der grossen Prätension und Absichtlichkeit der Römer und ihrer Bauten hat die Natur und die Zeit einen elegischen Trümmerhaufen gemacht, der an Reiz wohl schwerlich seines Gleichen haben möchte. Wie nun da gegraben und gemanlwurft wird und eine Säule und ein Stück Mauerwerk und ein Stück Pussboden nach dem anderen zu Tage kommt, vieles noch unter der Erde steckt, andres an der Luft schon wieder bewachsen ist, so erlebt dies merkwürdige Stück Gotteswelt eine neue Geschichte zu den vielen, die 90 Italien. schon darüber hingegangen. — Leht wohl, es schlägt elf, und um sechs regelmässig kommen die Pifferari und blasen mich auf, das ist die gottloseste Musik, die menschlicher Odem und ein Bocksfell nur hervorbringen kann, es giebt nur eine noch gottlosere, das Spiel aller Organisten, die ich noch bis jetzt in hiesigen Landen gehört. Das ist auch eine von den Wahrheiten,. die man erst erfahren haben muss. Es klang mir jedesmal wie die frömmste Musik, wenn die Orgel das Maul hielt, und der Priester anfing die Messe zu lesen. — Adieu, liebste Familie, könnt' ich nur dazwischen einmal einen Abend bei Euch sein, ich schlüge wahrhaftig gern eine Einladung von L.'s deshalb aus. Den 8ten Decbr. „Gestern haben wir zum ersten Mal hei Ingres (dem Director der französischen Akademie) gegessen, der uns ausserordentlich freundlich aufgenommen und sich Pauls mit vieler Liebe erinnert; er nennt ihn zum Unterschied von Felix immer: Votre frere qui joue si hien de la hasse. Ihr wisst, dass er ein grosser Geiger vor dem Herrn ist; nach Tisch wurden Trios gespielt, was jeden Sonntag geschieht, und dabei versammelt sich die ganze französische Akademie, lauter jeune France mit Barten und gestutztem Haar a la Baphael, fast lauter hübsche Leute, denen ich es nicht verdenken kann, dass sie sich nach den Fleischtöpfen Aegyptens, nach den Bällen Horace Yernet's zurücksehnen, denn nach Ingres''Pfeife wird garnicht getanzt, sondern nur höchst klassische Musik gespielt, Ihr könnt uns also zuweilen Sonntags Abends mit den Gedanken bei ihm suchen. Ob ich an Felix in diesem Hause dachte, mögt Ihr Euch vorstellen. Welch ein höchst grandioses Institut ist aber diese französische Akademie, und wie glücklich sind überhaupt die französischen Künstler! Für Ingres arbeitet unausgesetzt einer der talentvollsten Kupferstecher, Calamatta, und sticht selbst seine Portraits, das heisst doch, es gut haben in der Welt. Und wie schön ist diese Villa Medicis und wie beneidenswerth der Posten dieses Direktors, an dem ersten Kunstorte auf Erden, ausgestattet mit allen Mitteln, auf die Elite der Jugend seines Landes einzuwirken; es kann wohl nichts Scliönres für einen Künstler Französische Akademie. Ingres. Yatican. 91 gehen, aber sie sind leider ancli darüber blasirt, sie wissen nicht wie gut sie es haben, und miissten wahrhaftig wieder einmal ein bischen geschüttelt werden, um den Uebermuth los zu werden. Den Ilten. Heut war Vaters Geburtstag und in Berlin werden die Weilmaclitsbuden aufgebaut. Hier scheint die wärmste Sonne, und wir haben unser Kaminfeuer wieder aus- gelin lassen, das wir überhaupt nur Morgens und Abends bis jetzt gebraucht haben. In dieser Woche habe ich nun die unermesslichen Schätze des Vatican zuerst gesehn, und etwas, das nicht jeder Fremde sieht, die Wohnung des Papstes. Es ist charakteristisch für die Zähigkeit dieses 75 jährigen Mannes, dass er sich jetzt all' seine Zimmer neu, in einfach nobelm Geschmack — rother Damast, grüne Gardinen •— hat einrichten lassen, als gedächte er noch wer weiss wie lange darin zu wohnen. Prachtvolle elfenbeinerne Crucifixe, Mosaikstühle, eine göttliche Aussicht nach dem Albanergebirge, Monte Cavo, Campo cannibale, Frascati; im Vorgrund Korn, zu Füssen der Petersplatz. Hierauf besuchten wir das Museum: die Stanzen meist vortrefflich erhalten, am besten der Heliodor. Wunderbar ist die Messe von Bolsena, wunderbar Alles! In einem Saal: die Transfiguration, Madonna von Foligno, Krönung Mariae, Oonnnunion des heiligen Hieronymus. Die Transfiguration hat mich natürlich doppelt interessirt, die Copie ist merkwürdig vortrefflich. Die Galleriediener zeigten eine rührende Freude, Wilhelm wieder zu sehn, besonders Kinaldi, der ihn bedient hat. Durch die Antikengallerien gingen wir nur durch, nach den Gärten. Der erste liegt ziemlich hoch, es steht darin der Bronce-Pinienapfel von der Engelsburg, er hat viele Blumenbeete, aus ihm kommt man in einen zweiten Garten mit unebenem Terrain mit ungeheuren Orangenspalieren, Rosen-, Myrthenhecken, links die Kuppel von St. Peter ganz, rechts Aussicht auf den Monte Mario, mit der Villa Miliin; em Lustliaus enthält hübsche Stückchen Antike, Majolicafuss- böden etc., Fontänen, Wasserbecken, wo der Papst die Fische füttert, Thiere der verschiedensten Arten, alles mögliche Schöne und Interessante, die kuriosesten Terrain- und Aussichtszu- 92 Italien. fällig'keiten. Eine Menge päpstlicher Orangen haben wir zum Geschenk bekommen, welche aber jetzt in unsern Zimmern noch nachreifen müssen. — Die Trauben sind noch vortrefflich, Aepfel und Birnen aber und Backwerk jeder Art hei Weitem nicht so gut als in Venedig. An Rebecka. Born, 16 ten Dezember 1839. „Was hilft das alles, ich muss mich einmal wieder, wie Felix zu sagen pflegte, in Deinen Armen wälzen und mich brieflich rekeln. Dafür, weisst Du, bist Du allemal die Auserwählte. Gott! wie oft muss ich das schönste dumme Zeug hei mir behalten, weil Du nicht neben mir sitzest. Wenn ich Dich bis jetzt hergewünscht habe, so geschah es nicht allein meinet-, sondern auch Deinetwegen, neulich aber habe ich Dich bloss meinetwegen hergewünscht, denn anstatt mich zu ennuyiren, wie ein Mops auf einem ICoifer, würde ich mich wie ein Kaninchen amüsirt haben, wenn Du mir geholfen hättest. Es war ehie feierliche Sitzung der archäologischen Gesellschaft, Winkel- mann's Geburtstag (ich gratulire) und ich war hingegangen worden. Die Sitzungen finden auf dem tarpejischen Felsen statt und Kestner ist jetzt da Bunsen. Der Saal ist küclien- roth pompejanisch gemalt und so antik niedrig, dass Dirichlet den höflichsten Bückling würde machen müssen. Längelang steht ein grüner Tisch und Rohrstühle zu beiden Seiten (Alles auf dem Forum ausgegraben). In der Mitte des Tisches steht Winkelmann's Büste mit einer Nachtmütze von Rosen und Epheu von Papenkord gewunden, Minna würde geschaudert haben über solchen Kranz. Es waren schon einige Damen und viele Herren versammelt, Alles sprach leise, und es ging so putzig feierlich zu, dass mir schon der Magen zum Lachen wackelte, ehe noch ein Mensch gesprochen hatte. Nun fingen aber die Reden an! Die Herren, die sich in italiänischer Sprache vernehmen Hessen, liiessen Kestner, Braun, Ottfried Müller, Abeken, und ihre Aussprache klang ebenso itaUäriisch, wie Archäologisches. 93 ihre Namen. Kestner las die Einleitung wie ein altes vernünftiges Pferd, das einen angemessenen Schritt geht, hei jedem stolpert, aber doch nicht fällt. Hierauf galoppirte Braun herbei und las über die archäologischen Verdienste des Herzogs von Blacas. Er zeichnete sich dadurch aus, dass er auf gut säclisich b mit p und d mit t verwechselte. Er machte unglaubliche Capriolen in der armen italiänischen Sprache und kam mir so lächerlich vor, dass ich die M., die neben mir sass und mich immer ansah, inständig bitten nmsste, es zu unterlassen, sonst wäre ich losgeplatzt. Dann kam Ottfried Müller, für diesmal der Lion, — Alles räusperte sich, ehe er anfing. Er bewies aus alten Schriftstellern, wo ein gewisses Gebäude des Forums gestanden haben müsse. Anfangs bildete ich mir wirklich ein, es interessire mich, aber bald sah ich meinen Irrthum ein, und da kam mir Alles so willkürlich vor und der Gegenbeweis schien mir so leicht zu führen, dass ich beinahe auf den Tisch gestiegen wäre und mit den Maulwürfen geheult hätte. — Die Uebrigen schenke ich Dir und mir, denn einstweilen ist schon der 19te herangekommen, Weihnachten rückt immer näher und ich fühle einiges Heimweh, da ich kleines Kind noch niemals an diesem Tage ausser dem Hause war. Da ich aber beschlossen habe, dass in diesem Brief kein antikes Wort, sondern nur weibernes oder dummes Zeug stehen soll, so will ich Dir erzählen, dass wir seit acht Tagen, zu meinem grössten Gaudium, zu Hause kochen. Jette hat, wie alle Genies, in derKuhe einenFortschritt gemacht und ihreSuppen sind so klassisch, wie der hiesige Boden. Sie ist sehr geschickt, geht auf den ziemlich entfernten Markt, holt alles ein, und als ich sie gestern frug, was sie zur Suppe mitgebracht hätte, sagte sie: „Biso cli Pasta!" Sie hat sogar! o Minna!! Sandtorte in einer Pfanne auf dem Heerde gebacken, die nur deshalb noch nicht den höchsten Grad der Vollkommenheit erreicht hat, weil wir keinen Puder auftreiben konnten. Sobald ich einem gepuderten Herrn begegne, halte ich ihn an und frage ihn, wo er seine Weisheit her hat und dann sollst Du in effigie auf dem Capitol gekrönt werden. Wir wollen die Römer lehren, was Kuchen ist! — Das nächste Mal werde ich Euch schreiben, ob wir irgend ein Orangen- oder 94 Italien. Loorbeerbäumclien als Weihnachtsbaum angeschafft haben. Kaselowslty laden wir ein und werden es wahrscheinlich Gibsones sagen, die sehr viel Freundlichkeit für uns haben. Sonst aber wiisste ich keine nette Gesellschaft zusammenzubringen. Untre nous soit dit, ein solches Naturaliencabinet von langweiligen Leuten jedes Alters und Geschlechts, wie hier, ist mir noch fast nie vorgekommen. Es ist ganz unglaublich und sie scheinen aus ganz Europa recht eigentlich in der Absicht hier zusammengekommen zu sein, um ein Ensemble zu bilden, das seines Gleichen nicht hat. Auch bin ich Abends nirgends lieber, als in unserm recht behaglichen Stübclien, mit Mann und Kind und Thee. Nach Weilmachten wollen wir in verschiedenen Abtheilungen unsere Bekannten einladen und dann soviel als möglich die amüsanten Weizenkörner unter die sehr ehren- werthe aber äusserst langweilige Spreu zu säen suchen. — Vorgestern und gestern haben wir lange und wunderschöne Spazierfahrten im herrlichsten Wetter gemacht. Einmal nach der wieder im Bau begriffenen Kirche von St. Paul, die weit vor dem Thore liegt, dabei sahen wir die Pyramide des Cestius mit dem protestantischen Kirchhof, der mit Gruppen von Pinien und Cypressen und vielen blühenden Kosen geschmückt und mitten unter Denkmalen des Alterthums ein sehr schöner und melancholischer Ort ist. Wir besuchten Bartholdy's Grab, von dem Sebastian für Mutter ein paar Blumen gepflückt und getrocknet hat und sahen unter Andern das sehr hübsche Denkmal der armen jungen Batliurst, einer Engländerin, die beim Spazierenreiten am Ufer der Tiber durch ihr scheu werdendes Pferd verunglückte und ertrank. Das andere Mal sahen wir ein grosses Stück des alten Roms. Die ungeheuren Ruinen der Bäder des Caracalla, die Grabmäler der Scipionen, die Catakomben,. deren früher offene Eingänge von der Regierung- geschlossen worden, seit vor etwa sechszig Jahren 50 Seminaristen ohne Führer hineingingen, sich verirrten und sämmtlich um's Leben kamen. Ein Mönch mit sehr ausdrucksvollem spanischen Gesicht führte uns. Das Grabmal der Cacilia Metella, welches zu der alten Gräberstrasse gehört, steht unweit der Häusliche Details. 95 Kirche, in der der Eingang zu den Catakomben sich befindet, so dass man in derselben Stimmung bleibt, die durch den heitern Himmel in eigentliiimliclier Weise — ich weiss nicht, soll ich sagen, unterstützt oder gemildert wird? Doch ich wollte ja diesmal nichts Antikes schreiben und bin doch hineingekommen, man kann hier nicht umhin. Ueber- haupt kannst Du Dir garnickt denken, wie ansteckend das Alterthumsfieber ist, man kommt am Ende dahin, nichts schön zu finden, was eine ganze Nase und zwei Beine hat, und gar ein Gebäude, an dem alle Säulen aufrecht stehen, das sieht man gar nicht an. — Ich bitte Dich um fünfzig Pfund Butter, wie mein Mann zu sagen pflegt, lass diesen Brief unter Mutter und Geschwistern bleiben, es ist zuviel Klatscherei darin und die ganze Welt ein grosses Kadi" Familienb rief. Den 30sten Decbr. Was ich hier wirklich mit Wehmuth geniesse, dass ich's Euch nicht mittheilen kann, ist das überaus göttliche Wetter, die klare warme Sonne, die für Mutter zu lieiss wäre und in der Beckchen und die Andern schwelgen würden. Dass für Mutter eine Reise nach Italien selbst vor zehn Jahren nicht passend gewesen wäre, davon überzeuge ich mich immer mehr. Alle Menschen, alle Dinge, alle Aussichten wohnen in Cima, wie es hier lieisst,. das allein würde hingereicht haben, es ungeniessbar für sie zu machen, der Flöhe und andrer bekannten Zugaben nicht zu gedenken. Wenn ich Dich aber auf einmal in die Villa Mills (sehr prosaisch nach einem Engländer, dem jetzigen Besitzer, genannt) versetzen könnte, zu der man bis vor die Thür fährt und dann in einen Garten tritt, in dem, ungelogen, Millionen Rosen bliihn, und nun zur Abwechselung Tausende von andern Blumen dazwischen, da würdest Du wohl entzückt sein. Die Ruinen der Kaiserpaläste steigen bis in den Garten, dessen Mauern aus antiken Fragmenten bestelm, die herrlichsten Aussichten hat man von allen Seiten, ein Gartenhäuschen ist von Giulio Romano gemalt, die ganze Besitzung ist ein Zauber- 96 Italien. schlössclien und jetzt für einen Spottpreis zu kaufen. Wer liat Lust? — Wir haben in dieser Woche das herrliche Wetter benutzt, mehrere Villen zu sehn, aber auch in der Weihnachtszeit unsere Schuldigkeit als Fremde nicht versäumt. Liebe Mutter, bewunderst Du uns nicht, wenn ich Dir erzähle, dass wir Dienstag nach der Bescheerung um zehn Uhr Abends noch nach der sixtinisclien Kapelle fuhren, die musikalische Messe zu hören, aus der wir erst um Mitternacht nach Hause kamen, itnd den andern Morgen im Finstern aufstanden und um halb neun in der Peterskirche sassen, um gute Plätze für die Procession zu gewinnen, in der der Papst umhergetragen wird. Es gelang uns auch, denn in der Peterskirche werden die Frauenzimmer nicht so schlecht behandelt, wie in der päpstlichen Kapelle, im Gegentlieil haben sie die besten Plätze auf einer erhabenen Tribüne, sehn und werden gesehn, tragen auch Sorge, alle möglichen bunten Farben von Hüten und Federn auszustellen, statt der schwarzen Schleier, die sie vor- schriftsmässig tragen sollen, und von denen mir auch nicht ein einziges Exemplar zu Gesicht kam. Die ganze Ceremorde ist sehr prächtig und amüsant. Alle mögliche geistliche und weltliche Costüme und Uniformen kommen zum Vorschein, und das Ganze hat den Anstrich einer Komödie, die den Fremden zu Ehren gespielt wird. Als der Papst selbst am Altar fungirte, „bald nach dieser, bald nach jener Seite sich wendend", da fiel mir Göthe wieder einmal ein, dessen Tagebuch vom fiten November ich nachzulesen bitte. Ich musste mir auch denken, wie würde St. Peter sich wundern, wenn er jetzt liineinträte und diese Pracht sähe! ■— Nun werdet Ihr aber auch wissen wollen, wie unser kleiner Weihnachten abgelaufen, wogegen ich bald von Euch zu hören gedenke. Wh - hatten einige Leute eingeladen und beschenkt. Der Weihnachtsbaum war aus Zweigen von Cypressen, Myrthen und Orangen, mit vielen Früchten beladen, aufgebaut und sah sehr gut aus. Ich bekam von meinem Mann ein sehr schönes mit Elfenbein eingelegtes Schränkchen und schenkte ihm eine Skizze von Paul Veronese, die ihm sein- gefiel. Habe Dank, liebe Mutter, für die verheissenen Geschenke, wenn wir zurückkommen; wir Casa ßartholdy. 97 Kirchenmäuse werden es gut brauchen können; ich habe immer gehört, dass man in Italien mager wird, aber wie die Beutel abfallen, davon hat man keinen Begriff. Ich bin ein Falstaff gegen meine Börse." —■ Familienbrief. Den 9ten Jan. 1840. — — „Etwas habe ich unter vielem Schönen gesehen, was mir ungemein gefallen, liebe Mutter: „Es ist die Casa Bartholdy, jetzt von Engländern bewohnt, welche die Zimmer mit den schönsten Fussdecken und Sopha's und zahllosen alten Möbeln und Kostbarkeiten gefüllt haben, so dass das Ganze den heitersten, angenehmsten Eindruck macht. Sie sind so gefällig, jeden Fremden die Wohnung sehen zu lassen, und ich habe mich mit einer Mischung von Behagen und Rührung darin umgesehen, um so mehr, da mein Mann mir beschreiben konnte, wie alles früher gewesen. Denkt man sich nun die wunderschöne gewählte Sammlung- neuer Bilder, sowie die Majoliken und Vasen hinein, bedenkt dabei, dass dies Frescozimmer den ersten Anstoss gegeben zu all' dem Herrlichen, was jetzt in dieser Kunst geleistet wird, so sieht man, dass hier ein feiner künstlerischer Sinn gewaltet, und freut sich der Wirkung in die spätere Zeit. Etwas Aelin- liches empfindet man in der herrlichen Villa Albani, deren unzählige Kunstschätze einst durch Winkelmann geordnet und, in wunderschöne, eigens dazu erbaute Räume vertheilt, nachher lange Zeit hindurch vernachlässigt wurden, und jetzt durch den Besitzer wieder ganz in der früheren edeln Weise hergestellt, und auf die liberalste Weise dem Publikum geöffnet sind. Früher ging man ganz frei durch den Garten und alle Räume, seit aber vor drei Monaten ein Fremder eine Statue beschädigt, um ein Stück davon mitzunehmen, ist der Eintritt nur in Begleitung eines Bedienten erlaubt. Ich hätte allen Fremden meine Villa vor der Nase zugeschlossen, das weiss ich wohl! — Den 4ten Febr. — •— Noch hängen die Orangen an den Bäumen, und andere Bäume blühen schon wieder weiss. Die Monatsrosen sind den ganzen Winter nicht „alle" geworden; Die Familie Mendelssohn. IT. 7 98 Italien. und in dieser liimmlisclien Luft, auf diesem reichen Boden wächst weniger als in unseren Sandsteppen durch nördlichen Fleiss und Industrie. Ich muss immer an die Spargel denken, die von Berlin aus trotz 20 Grad Kälte in alle Welt geschickt werden; hier wo man der Natur nur ein wenig nachzuhelfen brauchte, bekommt man im Winter gar keine essbaren Früchte, und wenige Gemüsearten, und die auch noch schlecht. Ach, was könnte aus dem Lande und auch aus den Menschen drin werden, wenn Gott sich ihrer einmal erbarmen, und ihnen den Mann schicken wollte, den sie brauchen. Es ist ein Thema, über das wir in müssigen Stunden politisiren, was aus der Welt geworden wäre, wenn Napoleon statt Frankreich, sich Italien unterworfen, sich dann darauf beschränkt und es von Grund aus organisirt hätte. Ich glaube, Frankreich hätte sich selbst geholfen, und Italien wäre jetzt, was es früher war, das Paradies der Erde. Familienbrief. Den 2ästen Febr. — — Wir karnevaliren einstweilen hier lustig fort und das tolle Zeug amüsirt mich weit über meine eigene Erwartung. Eine förmliche Beschreibung der Sache kann ich Euch ersparen, denn die Mühe hat Götlie vor mehr als 50 Jahren übernommen, und in den Grundzügen, wie in vielen einzelnen Masken ist es dasselbe geblieben, der Haupttag, Moccoletti, aber steht uns noch bevor. Wir haben es auf alle Weise versucht, auf drei verschiedenen Balkons im Corso, zu Fuss und zu Wagen. Letztere Art ziehe ich durchaus vor; denn nicht nur, dass man sich auf eine bequeme und sichere Weise mitten im Gewimmel bewegt und Alles gut übersehen kann, sondern der Hauptspass besteht eigentlich in dem kleinen Kriege, den alles gegen die Wagen führt, und die beiden Wagenreihen untereinander. Die verschiedenen Angriffsarten , mit Gips, kleinem und grossem Zuckerwerk, und Blumensträussen, letztere natürlich die feinste, werden gewöhnlich auf entsprechende Weise erwidert, und Sebastian war neulich sehr ungehalten, dass ich eine Gipsladung mit einem Bouquet erwiderte, da ich gerade nichts Anderes zur Hand Carneval. 99 hatte. Melil ist mauvais gerne und eigentlich verboten, wird aber scheffebveis verbraucht. Ueberliaupt treiben Viele, besonders Fremde, die Sache ohne alle Grazie, und suchen den Witz bloss in der Menge und Härte des Materials, womit sie die Leute aus sicherer Ferne vom zweiten oder dritten Stock herunter überschütten; auch aus grösster Nähe bekommt man Ladungen ins Gesicht, die garniclit sanft tliun, allein Jeder ist so toll oder so vernünftig, sich nicht darüber zu ärgern, sondern sich nur bestmöglichst zu rächen. Der Bruder des Königs von Neapel, der Prinz von Syracus, hatte einen Balkon gemietliet, von wo herab er einen so unerschöpflichen Strom von Mehl ergoss , dass die Ecke kaum zu passiven war; ein junger vornehmer Römer, dem er besonders übel mitspielte, liess darauf Confetti in Form von Maccaroni machen, mit denen er den folgenden Tag antwortete; das soll den neapolitanischen Maccaronifresser so gekränkt haben, dass er seitdem em wenig bescheidener geworden ist. Von einzelnen hübschen Spässen fiel mir ein ungeheurer dekorirter Leiterwagen voller Doktoren auf, bewaffnet mit Zangen, in denen sie Hirnschädel,' Backzähne und ganze Gebisse hielten, Alles in kolossalem Massstabe, eine ungeheure Clystierspritze und allerhand andere Marterwerkzeuge fehlten natürlich nicht; vorn auf dem Bock sass ein Trepanirter und hinten ein Wilder, so zogen sie, schreiend und ihre Kunst preisend, über den Corso, und hielten endlich vor einem Balkon still, auf dem einige Damen standen, über deren Gesundheitszustand sie konsultirten; sie waren einstimmig der Meinung, dass ein Lavement nöthig sei, richteten die Spritze in die Höhe und — ein grosser Blumenstrauss flog heraus. Ein Kerl mit einem tüchtigen Bart, Weiberrock und Haube, aber ohne Maske, wackelte umher und klagte, er habe keine Wohnung, um niederzukommen. Sehr häufig sitzen die Kutscher als Frauenzimmer auf dem Bock und sehn oft garniclit übel aus; die grossen über und über behangenen Wagen, deren Räder ganz mit Lorbeer umwunden sind, machen sich sehr hübsch. Gewöhnlich tragen sie etwa ein Dutzend ganz gleich gekleideter Narren, was einen unwiderstehlich komischen Effekt 7* 100 Italien. macht. Wenn man sich aber einem solchen Wagen nähert, nrass man sein Gesicht wahren, denn es giebt unfehlbar einen Hagel von Confetti. Die meisten Damen halten sich zu diesem Zweck Drahtmasken vor das Gesicht, da ich aber die Lorgnette brauche, kann ich dies Mittel nicht anwenden, sondern schütze mich nur durch den Schleier. Am Giovedi grasso, einem der brillanten Tage, fuhr ich mit Tliorwaldsen's Tochter, einer sehr artigen Frau, ihrer Nichte und Sebastian. Du hast gar keinen Begriff, was man alles zu thiui hat während so einer Corso- fahrt. Sich umsehn, und alles dumme Zeug bemerken, aufpassen, von woher geworfen wird, um sich womöglich zu decken, den Wurf auf angemessene Weise erwidern, die Munition sammeln und sondern, die in den Wagen geworfen wird, sich mit den Stutzermasken unterhalten, die auf den Tritt steigen, sich als Bekannte benehmen und den Augenblick abpassen , einem etwas ins Gesicht zu werfen, alle diese wichtigen Geschäfte nehmen den Geist und die Hände so in Anspruch, dass man nicht weiss, was man zuerst tliun soll, ja es ist unglaublich, aber man macht so rapide Fortschritte in der Tollheit, dass man es ordentlich übelnimmt, wenn ein Wagen vorüberfährt, ohne zu werfen, denn es ist eine Vernachlässigung. Kennst Du mich wieder, liebe Mutter, dass ich mich stundenlang amüsire in einem Geschwirr und Lärm, den man weder mit dem Brausen des Meeres , noch mit dem Gebrüll wilder Tliiere, sondern nur mit dem des römischen Corso vergleichen kann? Ich glaube, viel thut dazu die freie Luft, in der dies alles vorgeht, im geschlossenen Raum wäre es nicht zu ertragen. — Eine Figur von gestern fällt mir ein, ein langer, dünner Mann mit elegantem ci-devant jeune komme Kostüm und einem hochroth seidnen Frack, dessen Enden ihm nach auf der Erde schleppten. Die sogenannten Conti mit drei Ellen langen Papier-Vatermördern und Perrücken von gemischten rotli und gelben Locken sind auch sehr liebenswürdig. Die von Göthe beschriebenen Gärtner mit den langen Scheeren existiren noch immer. Leider ist auch das von Göthe geschilderte Unglück vor einigen Tagen vorgekommen: fünf Pferde verspäteten sich beim Wettlauf um Carneval. 101 einige Minuten, theilten die tolle Menge, die immer augenblicklich wieder zusammenströmt, und warfen viele nieder; zwei sind an den Wunden gestorben, die Zahl der Verwundeten wird verschieden von vier zu zwölf Personen angegeben. Seitdem hält die Wache wieder mit grösserer Strenge Ordnung. Die Soldaten sind wirklich übel dran, das übermiithige Volk verhöhnt und neckt sie, wenn sie Platz machen wollen, und läuft ihnen hinter dem Rücken unaufhaltsam über den Weg. Sie sind durchaus wie ungezogene Kinder, und als ob das Gebot nicht zu ihrer eigenen Sicherung gegeben wäre. Dieser tolle Spuk in der ernsthaftesten Stadt der Welt bildet wirklich den merkwürdigsten Contrast. Wenn nur so etwas Lustiges bei uns aufkommen könnte, die Leipzigerstrasse wäre ein einziges Lokal dazu, weit schöner als der Corso. — Den Ilten März. — Ich glaube Euch noch das Ende des Carneval schuldig zu sein und will es in Kürze mittheilen. Am vorletzten Abend fand ein Fest statt, welches durch das Lokal einzig in der Welt war. Da wir sechs Wochen lang Abends nicht aus dem Hause gewesen waren und die prächtigsten Feten versäumt hatten, so bestand mein guter Mann darauf, mit mir hinzugehen, und es hat ihm Gott sei Dank, nicht geschadet, obgleich die Säle sehr kalt waren.*) Es wurde nämlich zum Besten der Cholerawaisen durch mehrere Römer von Adel, unter dem Protektorat der Fürstin Borgliese geb. Shrewsbury, einer schönen und liebenswürdigen jungen Dame, ein Ball auf dem Capitol gegeben, und da der Raum auf dem Capitolplatz zu eng ist, um soviele Wagen dort umwenden zu lassen, so fuhr man durch das Forum hinauf; dieses, sowie der Platz und die Vorhallen, waren durch zahllose Fackeln erleuchtet. Obgleich nun leider das Wetter sehr schlecht war und der Regen einen grossen Theil der Fackeln wieder auslöschte, so war es doch ein unvergesslicher Anblick, die alten Säulen, Triumphbögen und Trümmer so seltsam beleuchtet zu sehn. Bei schönem mondhellem Abend, wie wir so viele gehabt haben, miisste es wahrhaft zauberisch gewesen sein. Auch die *) Er war ernstlich krank gewesen. 102 Italien. prachtvollen Eoccocosäle waren sehr brillant erleuchtet, ausserdem sah der Ball aus wie alle andern, und nicht einmal so gut, denn da er ein bezahlter war, so fand sich ein ziemlich gemischtes Publikum ein, namentlich was die geliebten Engländer betraf, und die alten Dicken sprangen wie toll umher in diesen berühmten Bäumen. Am Tage darauf fanden die Moccoletti statt, leider wieder bei abwechselndem Begen, indessen habe ich mich sehr amiisirt, das ist so toll, dass es beinahe poetisch wird. Es ist völlig unmöglich sich einen Begriff davon zu machen, wenn man es nicht geselm. Wir waren zu Wagen, mit einem Kutscher als Türken, und da wir ein ganzes Pack Schwefelhölzer und zwei Auflagen Wachslicht verbraucht hatten, zogen wir es vor, uns dem Spott preiszugeben, der jeden Obscuranten trifft und senza moccolo zu bleiben, um nur die tolle Wirtliscliaft besser mit ansehn zu können, denn wenn man ein Licht hält, ist man dermassen beschäftigt, es gegen Angriff und Baub zu schützen, und es hält so schwer, es wieder anzustecken, da immer tausend Hände bereit sind, es wieder zu vereiteln, dass wir am Ende müde wurden, die Ehre länger zu behaupten." Aus einem Brief nach Hause. „Den löten März.*) — Ich wünsche und hoffe, dass Ihr einen so durchaus schönen und gelungenen, heitern Festtag erlebt haben mögt wie wir. Vormittags beschäftigten wir uns, ich, eine kleine Composition fertig zu machen, Wilhelm, die letzten Striche an einem Bildchen zu thun, das er beendet, während er sich noch zu schwach fühlte, nach der Natur zu arbeiten. Es ist der Studienkopf, den er in Venedig angefangen. Ich hatte ihn die letzten Tage nicht sehn dürfen, nun rief er mich hinauf und schenkte ihn mir an Deinem Geburtstag. Um zwei Uhr setzte sich die ganze Henselei mit Kaselowsky in einen Wagen und fuhr beim herrlichsten Wetter und wärmster Luft zum entferntesten Tliore Borns, der Porta San Sebastiano, hinaus. Die Luft hatte im höchsten Grade die berühmte italiäniselie *) Lea's Geburtstag. Fahrt in die Campagna. 103 Transparenz, in der die fernsten Gegenstände ebenso klar als weich erscheinen; davon giebt kein Bild auch nur annähernde Vorstellung, und ich glaube auch, es ist nicht zu malen. Irdische Mittel reichen da nicht hin, denn es ist eine wahre Verklärung. Die Stadt wimmelte von Spaziergängern, die garnicht mehr an Casars Tod, sondern nur au Deinen fröhlichen Geburtstag dachten; alle Landleute und Gebirgs-Ammen waren inr Sonntagsstaat, Züge von Priestern in allen Farben, Cardinal Kothstrumpf und Monsignor Viöletstrumpf, Weiber und Jungen auf Eseln, gingen, fuhren und ritten dem Freien zu, eine Schaar Mädchen, die nach Ostern heirathen (in den Fasten wird nicht getraut) zogen, einem Gelübde zufolge, in Ordenstracht, grauen Kleidern, weissen Schleiern und strickartigen Schnüren um den Leib einstweilen ins Kloster und sahen in dieser Resignationskleidung allerliebst aus. Wir aber fuhren seelenvergnügt (mein Mann war in Sonntagslaune und wir kamen den ganzen Tag nicht aus dem Lachen) beim Denkmal der Cäcilia Metella, einem meiner Lieblingspunkte, vorbei, auf der alten Via Appia, zwischen zwei Reihen grandioser Ruinen hin, bis zu einem Punkt, der vorzugsweise Roma Vecchia heisst, und wo eine sehr malerische Meierei zwischen den schönsten Ruinen liegt. Hier ist man schon den Gebirgen ganz nah und sieht jedes Haus in Frascati liegen. In dieser Meierei ist der Brunnen, den Wilhelm zu seinem Bilde, die Samariterin, benutzt hat; dies war für dasmal unser entferntestes Ziel, wir stiegen aus, wanderten umher, die Herren und Herrchen zeichneten ehi wenig, und wir fuhren auf einem sehr interessanten Weg nach der Grotte der Egeria. Hier kommt man so recht durch die öde und in ihrer Dürftigkeit doch so liebliche Campagna di Roma, Heerden aller möglichen Geschöpfe, Schafe, Ziegen, Rindvieh, Pferde, weiden überall, und überall steht Aurel Robert's Hirt mit der Pelzjacke dabei (Wilhelm nennt einen solchen Hirten den Uebergang vom Hammel zum Menschen). In der Grotte der Egeria ward eine mitgenommene Flasche Orvieto hervorgeholt und auf Derne Gesundheit getrunken; kannst Du es wohl klassischer und zugleich romantischer verlangen, liebe Mutter? Hierauf traten wir den Rückweg an und kamen um sechs sehr 104 Italien. vergnügt nacli Haus, wo wir uns dann nacli einem so poetischen Tage die Prosa des Lebens, in Gestalt einer vortrefflichen Frühlingssuppe und eines gebratenen Hasen, sein' wohl schmecken liessen. Abends kamen der englische Maler Severn, den Wilhelm zu zeichnen anfing, und zwei für Musik begeisterte Jünglinge, die Felix kennen, ein Engländer und ein Deutscher. Der erstere forderte mich auf, ihm die grosse Arie des Paulus zu begleiten, die er nicht recht auswendig wusste, da ich sie nun auch nicht recht auswendig wusste, so gab es eine sehr gelungene Leistung. Hierauf spielte ich noch Mehreres, das- ich auswendig wusste, und der Abend ging so vergnügt zu Ende, wie der Tag angefangen. T ageb ucli. „Sonnabend machten wir eine sehr schöne Fahrt bei kaltem, hellem aber unangenehmem Wetter. Zunächst nach Villa Wolchonsky, mit einer der umfassendsten und schönsten Aussichten in Rom. Im Garten selbst steht ein Theil der antiken Wasserleitung. Ein schöner Gang mit einer Rosenhecke an der einen, Ungeheuern Caktuspflanzen an der andern Seite, Büsten sind in die Nischen der Wasserleitung gestellt, um die sich der Epheu schlingt. Es ist ein herrliches Plätzchen, und wir haben beschlossen, wenn Glück und Wetter günstig, Re- becka's Geburtstag da zu feiern. — Von da fuhren wir nach dem Baptisterium des Lateran: man geht durch einen schönen, malerischen Hof, dann durch die Kirche nach dem innern, viereckigen Klosterhof, der rings von einem Kreuzgang umgeben und durch zwei Reihen kleiner Säulen von dem mittleren Raum getrennt ist. Hier sieht man einmal wieder die unermessliche Phantasie der Architekten und Sculptoren jener alten Zeit; keine Säule auf dem ganzen Gange ist der andern gleich, viele nach Art der des Domes von Orvieto aufs sinnreichste und mannigfaltigste gewunden und mit Gold und bunter Mosaik belegt. In der Mitte des Hofs steht ein Brunnen, angeblich der der Samariterin, in Wahrheit ein mittelalterlicher, zwischen zwei Säulen, an den Wänden ringsum sind viele Villa Wolchonsky. Lateran. IC 5 Fragmente und schöne Sculpturstückchen eingemauert und aufgestellt. Die Maler klagen, es haben die schönsten Bäume im Hof gestanden, und die seien durch die Mönche ausgegraben und verkauft worden. Auch die Fragmente hätten früher so malerisch umhergelegen. Wie dem auch sei, es ist wunderschön, und wenige einzelne, dem allgemeinen Verderben entronnene Plätze geben einen schwachen Begriff der unermess- lichen Herrlichkeit Rom's bis zum löten und 16teil Jahrhundert. Wahrlich in der Zeit, als die Werke des antiken Eom noch fast ganz erhalten, die des mitteralterlichen christlichen Eom mit dem herrlichen Baustyl, der Fülle von Mosaiken und Skulpturen schon meist daneben vorhanden waren, es muss eine nicht zu fassende, wunderbare Grösse gewesen sein. Könnte unserer jetzigen Welt mit ihrer Einsicht und Liebe zur Kunstgeschichte ein Blick in diese Wunderwerke vergönnt werden, sie würde noch anders erstaunen, als sie noch immer und mit Recht erstaunt über das verstümmelte, misshandelte, unter tausend Perrücken begrabene, und täglich mit neuen Perrücken geschmückte und berückte Eom, das nicht zu tödtende Rom, was auch die Menschen aller Zeiten versucht haben, durch Grausamkeit, durch Frömmigkeit und durch Geschmacklosigkeit es in den tiefsten Staub zu ziehn. Wenn ich daran denke, was seit Jahrtausenden durch menschlichen Unverstand und menschliche Willkür Herrliches hier zu Grunde gegangen ist, so möchte ich ganz unmuthig werden. Noch heut, was setzen sie für erbärmliche Flicklappen ins Coliseum und recht weiss und auffallend, damit nachher eine Tafel daran kommen kann, mit dem allervortrefflichsten Namen Seiner allerheiligsten Heiligkeit Gregors XVI. Diese Wuth der Päpste, ihre Namen an jedes Ivlexchen, das sie errichtet, anzuschmieren, ist wirklich entsetzlich." Familienbrief. Rom, 25sten März. „Ganz Rom ist heut voll Staunens, denn denkt Euch, 106 Italien. lieut am 25sten März schneit es seit vier Stunden dick, dick, und der Sclmee liegt auf Häusern und Strasse (denn es ist mir nicht eingefallen, hei so hewandten Umständen andre sehn zu wollen, als die, worin wir wohnen) fusshoch. Nachdem wir, wie ich Euch oft geschrieben, fast den ganzen Winter hindurch das herrlichste Friililingswetter gehabt, so dass Mäntel und Feuerung unnütze Meubles wurden, war es schon seit Anfang des Carneval kalt und sehr unangenehm, am 21sten März aber, Frühlingsanfang, bildete sich ein, mit Respekt zu sagen, recht infames Berliner Märzwetter ans, kalte Sonne, noch kälterer Wind, der Staub und Stroh und Unrath aus allen Winkeln zusammenwehte, und das will in Rom was sagen! So blieb es diese vier Tage über und hat sich denn heut endlich in besagten Schnee aufgelöst. Die Leute hier, die sich aus Allem ein Fest machen, jubeln den ganzen Tag auf der Strasse umher, schneeballen sich, lachen und schreien, liegen in den offenen Fenstern und sind ausser sich vor Vergnügen, Sebastian und mich hat es auch sehr amiisirt, mein armer Mann aber ist ganz betrübt und ordentlich beschämt, dass sein Rom sich so aufführt, und macht fast ein ebenso klägliches Gesicht dazu, als das schon so nett bearbeitete Gärtchen und die mit Früchten beladenen Orangenbäume, die wir aus den hintern Fenstern sehn, und die vor der Hand mit Schnee ganz bedeckt sind. Eben aber bricht die Sonne hell und warm durch und wird wohl das fremde Unwesen nicht lange leiden. „Aber die Sonne duldet kern Weisses." — Von der Sonne gelockt, haben wir uns aufgemacht und in ■einem Ungeheuern Schneepatsch mit Mühe die Höhe von Trinita de Honte erreicht, weiter konnten wir nicht dringen und hier hatten wir das seltsame Schauspiel des ganz eingeschneiten Roms. Mehrstündige Sonne und jetzt mehrstündiger Regen waren noch nicht im Stande, die Dächer zu befreien, welche aufs Tiefste mit Schnee bedeckt sind. Es soll ein hier unerhörter Fall sein. So weitläufig schreibt man aus Rom über einen Schneefall." VI Schneefall in Rom. Vernet. 107 Tagebuch. „Sonntag, 5ten April Abends zu Ingres, Vernet zu sehen, der überaus freundlich war und mit seinem orientalischen Kostüm, langem Bart, markirten Zügen, blitzenden Augen und gebräunter Haut, wie ein wahrer Araber aussieht. Wer das nun hört, muss es lächerlich finden, wie wir auch anfangs tliaten, wer ihn aber gesehen, hat sich gewiss über ihn gefreut, denn es erscheint bei ihm nicht als eine Mummerei, Alles stimmt zu der schönen Tracht, welche bei ihm noch durch europäische Reinlichkeit und malerischen Geschmack gehoben wird; auch in seinen Manieren hat er sich ganz morgen- ländiscli gewöhnt und so war seine Erscheinung eine überaus interessante. Wir sprachen sehr viel mit ihm und was er erzählte, rührte wieder auf's Heftigste ein schon oft durchgesprochenes Thema auf, sodass wir nachher die halbe Macht in ernster Verhandlung blieben, deren Resultat ein echt deutsches war, „seine nächste Pflicht tliun und warten". Ein Franzose begreift so etwas nicht, als Wilhelm ihm sagte, dass seine äusserste Selmsucht nach jenem Lande gerichtet sei, machte er ein ganz verblüfftes Gesicht und sagte, er könne ja in vierzehn Tagen da sein und diese glückliche Leichtigkeit, mit der ein Franzose alle äusseren Verhältnisse ergreift und das Leben zu behandeln weiss, hat etwas so Ansteckendes, dass icli wirklich in dem Augenblick kein Hinderniss und keine Schwierigkeit sah und meinem Wilhelm wahrlich aufrichtig und aus wahrstem Herzen dringend vorschlug, uns bis Triest zu bringen und sich einzuschiffen. Ich musste aber seinen ernsten und würdigen Gegeugründen weichen. Was ist es aber für ein Gefühl für mich, ihm durch mein Dasein solche Opfer aufzuerlegen. Denn was wir lange unter uns besprochen, geahnt, gefühlt, gewusst, das bringt nun Vernet mit frischer That und klarem Wort in's Leben und in Kurzem wird es Gemeingut sein. Dort liegt die Zukunft der Kunst. Diese That hätte Wilhelm vollbringen können, hätte er sie gleich der Idee folgen lassen. Dass wir Deutschen immer warten! Immer den Moment verpassen! Immer zu spät kommen! Dass man doch aus seiner Zeit, semer Familie, seinem eigenen Selbst so 108 Italien. schwer sicli erhebt. Die Sache bewegt und ergreift mich aufs Tiefste." Tagebuch. „Ich bat Yernet, sich von Wilhelm in seinem malerischen Kostüm zeichnen zu lassen, und er sagte sehr freundlich zu und kam Vormittags mit dem alten Maler Reichardt; es war ein nettes Frühstück bereitet, die Unterhaltung sehr lebhaft, Vernet erzählte viel vom Orient und seinen weiteren Plänen, gleich von Paris aus wieder nach Algier zu gehen und Schlachtenbilder zu malen; Reichardt und noch ein Maler sahen meinem Mann auf die Finger, tauchten die Pinsel ins Weiss, damit es schneller gehe, denn Vernet hatte nur eme Stunde Zeit. Ich spielte zwischendurch einiges vor und in weniger als einer Stunde wurde die Zeichnung beendet, zur grössten Freude der Künstler, die nicht genug Wilhelm's ausserordentliche Leichtigkeit bewundern konnten; Vernet selbst war höchst zufrieden; es war ein sehr angenehmer Vormittag." Tagebuch. „Gestern Charfreitag früh holten wir d'Ossoli ab, der uns nach der Sixtina führte, da ich gefürchtet hatte, olme Billet nicht hineinzukommen. Ich fand ganz vorne Platz, und da später der Schweizer einigen Damen erlaubte, dicht ans Gitter zu treten, so sah ich diesmal alle Ceremonien vortrefflich, und die Kreuzanbetung ist gewiss eine der schönsten. Zuerst ward die Passion gesungen, und da gelang es mir diesmal den Faden zu behalten und bis zu Ende genau zu folgen. Die Einthei- lung ist im Wesentlichen die, welche Bach beibehalten, Jesus ward von einer schönen Bassstimme gesungen, der Evangelist von einem ziemlich schreienden Baryton. Die Volkschöre sind von Vittoria. In ganz kurzen vierstimmigen Sätzen wurden die Worte ohne alle Durchführung einmal gesungen, und doch sind diese kurzen musikalischen Sätze sehr wichtig zur Erholung von dem unglaublich monotonen Ableiern der Passion. Auf eine Melodie, die ungefähr so klingt: Charfreitag in der Sixtina. 109 7? ' Fttrr ' ' « —i— ' * #. H =t=L 1—1— _£bfr i— ^-FT- " 4 -tl ~a= wird alles recitirt, wobei, nach Anzahl der Silben, jeder einzelne Ton verschiedentlich angeschlagen wird. Natürlich ist dabei von Ausdruck nicht die Eede. In einem gewissen Pathos, aber doch zugleich mit merklicher Eile werden die Worte abgesungen. Es interessirte mich im höchsten Grade, und meine Aufmerksamkeit liess nicht einen Augenblick nach. Ich dachte dabei beständig an Seb. Bach. Jene starren Formen des Gesanges erinnerten mich auf's Lebhafteste an die uralten Mosaiken, nur finde ich jene noch steifer und todtälmlicher. Ihre Aelmlichkeit aber ist sehr denkbar, denn sie sind Kinder einer verwandten Zeit. Auch glaube ich, in einer byzantinischen Kirche würde mich jener Gesang als nicht unpassend ange- muthet haben, hier aber, in der Sixtina, wo sich die bildende Kunst im höchsten Moment der Vollendung, ja fast der Ueber- reife zeigt, tritt er in einen grellen Widerspruch der Versteinerung und Armseligkeit, wo hingegen die eigentlichen Gesänge der six tinischen Capelle (ein ausgebildetes Musikstück in dem Sinn unserer grossen Meister habe ich überall nicht drin gehört) wieder einen viel spätem Charakter haben, den der Siissigkeit, und eines fast Roccocostyls. Ich drücke mich mit Absicht stark aus, um mir selbst für die Folge klar zu bleiben. Der eigentliche Gipfel der Kunst ist für die Musik nicht repräsentirt, er würde es mehr sein, wenn sie den einfachen Gesang einfacher vortrügen, doch davon nachher. Nach der Passion erschien der Papst, und es ward eine lateinische Rede mit grossem Pathos und [unermesslichem Geschrei gehalten, hierauf kamen die Gebete, es wird nämlich rubrikenweise für, wirklich, Gott und die Welt gebetet, und bei jeder Rubrik beugten der Papst und die Kardinäle das Knie. Auch diese so uralte, einfache und schöne Handlung der Kreuzanbetung hat die katholische Kirche wie so manches Andere zur possenhaften Aeusserliclikeit heruntergesetzt, und knixt wie die Weiber beim Kaffeebesuch. Nur das Gebet für die 110 Italien. Juden wird stehend abgemacht. „Tout de'ge'nere entre les mains des hommes." Dann wird ein Kreuz in der Mitte der Kapelle aufgerichtet; der Papst wird seines Mantels tmd seiner Mitra entkleidet, und geht in der Kappe und weissem Rock hin, das Kreuz anzubeten, dann folgen alle Cardinäle und die übrige Geistlichkeit, dazu werden die Improperien gesungen, die von Palästrina sind und ungefähr folgendermassen lauten, immer derselbe kurze Satz mit wenigen Abweichungen wiederholt: ' hiÖÖEE^^ jE±=£ijj r— — i i—u— — Es klingt sehr weich und süss, um so mehr, als die erste Sopranstimme diesen Charakter in hohem Grade und sehr viel Macht dazu hat. Der Alt ist sehr schlecht, und zieht über alle Begriffe herunter. Das Miserere am Donnerstag und die Improperien am Freitag fingen sie in hdur au und schlössen in g, das Miserere am Freitag schlössen sie gar in fmoll. — Nach der Kreuzanbetung gingen sie in Prozession nach der Paolina, das Allerheiligste wieder abzuholen, der Papst ohne Baldachin, -während er zurückkommend mit dem Allerheiligsten unter dem Baldachin ging und am Eingang des Gitters durch einen Sonnenschirm abgeholt ward, wie ein Mandarin sah er aus. Doch ist dies im Ganzen eine schöne und bedeutende Ceremonie, der nur weniges genommen zu werden brauchte, um überaus erbaulich und fromm zu sein. Wilhelm hatte ein halb Dutzend Kardinäle gezeichnet, wir gingen rasch zu Hause, assen und fanden uns kurz nach drei wieder in der sixtinischen Kapelle ein, da ich beschlossen hatte, diese Musiken so genau als möglich zu hören. Die erste der Allegri'schen Lamentationen ist ein schöner vierstimmiger Satz, von dem ich nichts habe notiren können. Die folgende geht auf diese Melodie: Charfreitag in der Sixtina. 111 -? r-f- =£5 -H= J— ß- ±=F -»-tt-p-f-P- |ü e" 9 l m =E 2E * und sie werden von verschiedenen Sängern ganz einstimmig in verschiedenen Tonarten, ohne Takt gesungen. Dies ist sehr monoton und ermüdend. Darauf kommen die übrigen Theile der Messe, Psalmen etc., alles in Unisono von einer oder mehreren Stimmen gesungen, meist auf diese Melodie, die sich ins Unendliche wiederholt: -Jf 1—I—h —i—I— —h—1—]—j—I—i—i Dies Alles dauert etwa drei Stunden, die Lichter am Altar und an den grossen dreiarmigen Leuchtern werden einstweilen ausgelöscht, die Dämmerung bricht ein, es brennen nur die sechs grossen Kerzen auf dem Gitter, das die Kapelle in zwei Theile trennt, die grossen Gestalten der Decke sehen ganz unheimlich in der tiefen Dämmerung aus, die Seelen sind ermattet von dem langen monotonen Gesang, da plötzlich, nach langer Pause, setzen die vier Stimmen piano mit süssem Wohlklange den schönen Anfang des Miserere so ein: J IS i——H—-Tb -Je#« s- - . — (7? & Z P~I — 1— — i — H HsbwW-»- 1 1 <2 . fS 77 8 f "77 ~22r 77 r r T * Dieser Anfang wäre überall und unter allen Umständen schön, unter diesen Umgebungen aber und nachdem, was vor- 5 - -.v-v- p • - k m 112 Italien. hergegangen, ist es ein faustdicker Effekt, der denn auch seit 200 Jahren seine Wirkung alljährlich auf sein Publikum zu machen nie verfehlt, und man kann aus diesem Beispiel wieder sehen, wie klug und treffend hier Alles zur Wirkung auf die Sinne berechnet ist. Wie man aber seinen Geist durch dergleichen kluge Berechnung kann gefangen geben, das ist und bleibt mir ein Räthsel. Musikalisch genommen und der fremden Poesie entkleidet, verhält sich die Sache folgender- massen: Das Miserere von Allegri ist ein überaus einfach komponirtes vierstimmiges Versett m gmoll, welches sich mit sehr- geringen Abweichungen zehnmal wiederholt, und von den Sängern nur als Cannevas gebraucht wird, den sie traditionell und etwas roccoco verzieren. Früher soll der Chor bis achtzig Köpfe stark gewesen sein, diesmal zählte ich neunzehn, da sie durch den Damenplatz gehen müssen, um zu ihrem Sängerchor zu gelangen, und wegen der Enge einzeln vorbei defilirten. Sie fangen, wie erwähnt, das Miserere in limoll an, sind aber nicht im Stande diese Höhe zu halten, sondern ziehen bei jedem Versett etwa einen Drittelton herunter, so dass sie ganz tief scliliessen, was wieder auch keinen Übeln Effekt macht. Donnerstag und Freitag singen sie dasselbe Miserere, Freitag war es etwas früher aus und die Welt ging noch in die Peterskirche, wo ebenfalls ein Miserere gesungen ward, die Sänger standen sichtbar auf hohem Chor, von Tages- und Lampenlicht angeschienen, es sah sehr schön aus. Diesen Abend hatten wir noch eine seltsame Gesellschaft bei der GräÜD Kaisaroff zu bestehen. Nach aller der Kirchenmusik, die wir im den Tagen zu uns genommen, fiel es der guten Dame ein, noch das Stabat mater von Pergolese singen zu lassen, es war Quartettbegleitung, Landsberg, [Bousquet und der gute Herr Levreux mit seinem süssen Lächeln spielten mit, und ich musste dazu Hügeln, ennuyirte mich aber so dabei, dass ich beinahe am Klavier eingeschlafen wäre. Das Stabat mater wurde von einem Bass und einem Tenor sehr gut gesungen, so gut, als man es nur verlangen kann, — aber Kreuzdonnerwetter, wir hatten schlabbrige Musik genug im Leibe. Gottesdienst bei den Armeniern. Ostern. 113 Sonnabend den 18ten Hessen wir Juden und Heiden im Lateran ohne uns taufen und ruhten aus, und Mittags, wo ■das Knallen und Läuten losging (die Fastenzeit hindurch wird in Rom keine Glocke geläutet, zu Ostern giebt die ungeheure Glocke von St. Peter das Signal und unmittelbar darauf fallen alle die vielen hundert Kirchen Roms ein und zugleich betheiligt sich das Volk durch Böllerschüsse und Kanonenschläge an dem unendlichen und doch harmonisch klingenden Lärm) begaben wir uns einen Augenblick auf die Passegiata, um drei nach San Biagio degli Armeni in der Strasse Giulia , die zu ihrem Gottesdienst das verwünschteste Katzengeheul machen, das menschliche Ohren nur vernehmen können. Die Caraiben mögen ihren Götzen, und die Mexicaner dem Vitzli Putzli nicht ärger vormiauzen. Miau! war auch das einzige Wort, das ich mitunter verstand. Ein möbelkattunener Vorhang trennt die Gemeinde von der Altarseite, ein zweiter Vorhang umscliHesst den Altar, Kleidung, Bewegungen, die Art des ganz unartikulirten Gesangs, alles das ist noch weit jüdischer, weit barbarischer, als in der katholischen Art des Gottesdienstes. Gestern früh, Ostersonntag, grosse Messe in St. Peter; der Anblick der vollen Kirche und der tausend Kostüme ist wundervoll; eine schöne Prozession, in der sich allemal der griechische und armenische Bischof durch Schönheit und Würde auszeichnen, jener ein herrlicher, noch junger Mann, mit schwarzem Bart und einer Krone, dieser ein schöner Greis, mit prachtvollem Kostüm und der Mitra. Nachher gingen wir in die Loggia über den Colonnaden, die Benediktion zu sehen, der Platz ist nur zunächst der Kirche bedeckt mit Menschen. Der Moment des Händeaufhebens ist sehr schön, wenn alles Volk niederknieet; ich war aber halb todt vor Müdigkeit. Abends Erleuchtung. Wunderbar sehen die Arcliitektuiiinien der Kuppel mit der Lampenbeleuchtung aus, die alles wie einen Grundriss zeichnet. Schlag acht fährt oben zum Knopf eine Fackel heraus und im AugenbHck ist Alles mit dem blendendsten Fackellicht Übergossen. Es ist ein wunderbarer Moment, schöner aber finde ich die einfache Lampenbeleucli- Die Familie Mendelssoliu. II. 8 114 Italien. tung. Am allerscliönsten sieht die Kuppel vom Pincio gesehen aus, hellstrahlend auf dem dunkeln Himmel, über der dunklen Stadt unglaublich gross." — Mit Ostern ist gewöhnlich der Fremdenaufenthalt in Rom abgeschlossen; Alles zerstreut sich, geht nach Neapel, auf die weitere Reise. Für Hensels sollte aber jetzt noch ein ganz neuer Abschnitt des römischen Lebens beginnen, vielleicht die glücklichste Zeit im Leben von Fanny. Zum nähern Ver- ständniss der mitzutheilenden Tagebuch- und Briefstellen sei Folgendes erwähnt: Allmählig hatte sich ein engerer Kreis von Bekannten und Freunden gebildet, hauptsächlich künstlerisch begabte Menschen. Vor allen Dingen drei junge Franzosen, Bousquet und Gounod, musikalische Eleven der Akademie, letzterer der jetzt berühmte Componist, und Dugasseau, ein junger mehr liebenswürdiger als talentvoller Maler. Dann Charlotte Thygeson, eine junge sehr musikalische Dänin, Verwandte Thorwaldsen's, und fertige Klavierspielerin. Diese und die deutschen Künstler Magnus, Elsasser, Kaselowsky bildeten den Kreis der Nächststehenden, die nun auch am meisten Theil nahmen an dem eigenthümlich poetischen Treiben der letzten Wochen in Rom. Tagebuch. Donnerstag den 23sten April assen wir früh und fuhren nach Tisch nach Villa Miliin auf dem Monte Mario. Die Aussicht ist wundervoll, besonders auf dem Wege. Oben verschieben und verwirren sich die Linien ein wenig. St. Peter sieht man vortrefflich, der Vatican thürmt sich zu einer kurzen Masse. Ich liebe mehr die Ansicht vom Pincio, wo die langgestreckten Linien gar zu schön sind. Die Tiberwendungen mit Ponte Molle und seinem Kastell sind von hier aus schön. Beim Hinunterfahren ward die Beleuchtung immer glühender. Wir fuhren über Ponte Molle im herrlichsten Abendlicht zurück; jetzt, wo Alles grün ist, ist es ein Entzücken, sobald man aus den Strassen tritt. Abends hatten sich einige Leute ansagen lassen; ich spielte viel, die Langeweile zu verscheuchen, welche einige englische Ladies in reichem Maasse verbreiteten; Gounod. Villa Medieis. 115 und als sie fort waren, und nur die bekannten Herren noch da, fing ick de plus lelle an, und spielte bis Mitternackt. Bousquet und Dugasseau machen es mir insofern schwer, als sie nie eine Sache vergessen, die ich ihnen, auch vor Monaten, nur einmal gespielt; ein besseres Publikum kann man wirklich nicht haben. Ich schreibe auch jetzt viel; nichts spornt mich so als Anerkennung, wogegen mich der Tadel muthlos macht und niederdrückt. Gounod ist auf eine Weise leidenschaftlich über Musik entzückt, wie ich es nicht leicht gesehn. Mein kleines venezianisches Stück gefällt ihm ausserordentlich , ferner das aus h moll, was ich hier gemacht habe, Felixens Duett, sein Capriccio aus a moll und vor Allem das Concert von Bach, das ich wenigstens schon zehnmal habe spielen müssen. Sonntag den 26sten ging ich früh mit Wilhelm in den Garten der Akademie. Es war entzückend schön. Wir hatten den Abend vorher stundenlang deliberirt, und natürlich wieder die ganze Nacht nicht schlafen können, deshalb, ob wir nicht unseren Aufenthalt über den nächsten Winter ausdehnen sollten; endlich morgens früh trug Vernunft und Rücksichten den Sieg davon, aber in der Villa beschlossen wir, uns dafür zu belohnen und bis Ende Mai hier zu bleiben, wie der Säufer, der an drei Sclmapsläden glücklich vorübergekommen, sich am vierten dafür entschädigt. Es kostet uns Beide einen schweren Kampf von Rom fortzugehn; ich hätte nie gedacht, dass es mir einen so tiefen Eindruck machen würde. Ich will mir garnicht verhehlen, dass die Atmosphäre von Bewunderung und Verehrung, von der ich mich hier umgeben sehe, wohl etwas dazu beitragen mag, ich bin in meiner frühen Jugend lange nicht so angeraspelt worden wie jetzt, und wer kann läugnen, dass das sehr angenehm und erfreulich ist? Es kommt eben Alles hier zusammen, um mich an Rom zu fesseln; und wie gut wäre es für meinen Wilhelm, für seine Arbeiten; aber es geht nicht, es ist fest beschlossen. Nachmittag machten wir eine wunderschöne Parthie. Wir hatten mit Schadow's zusammen einen Wagen genommen und fuhren nach Ponte Salaro, die Herren kamen, zum Theil zu 8* 116 Italien. Pferde, nach. Von da erstiegen wir einen Hügel, von wo man eine herrliche Aussicht hat nach Ponte Nomentario und dem ganzen Tlieil der Campagna mit dem Kranz von Bergen, an der andern Seite die Stadt, von der Einiges zwischen den Hügeln hervorscheint. Dann machten wir eine herrliche Fusswanderung in der frischen Kühle durch die Wiesen und Hügel der tiefsten Campagna, bis nach Aqua acetosa, einem Sauerbrunnen dicht an der Tiber. Es ist wunderschön, wenn man den hohen Hügel bei Ponte Salaro erstiegen hat, erst die ganze himmlische Gegend noch einmal übersieht, und dann beim Heruntersteigen eine ganz neue Seite, nach der Tiber zu, sich öffnet. Der Anio ergiesst sich hier in die Tiber. Ueber Arco oscuro fuhren wir nach Haus. Abends zu Ingres. Ich hatte den Morgen die unwiderstehlichste Lust bekommen, in der schönen offenen Gartenhalle der Akademie einmal ein ordentliches Concert zu machen, und hoffte, Ingres dafür zu gewinnen, darum ging ich eigentlich hin; aber seine Umständlichkeit wird wohl die Sache scheitern machen; „mine Fru de Ilsebill, will nich so, als ick wol will," und wie er will, will ich nicht, also werden wir wohl auseinander bleiben. An Rebecka. — — Gestern haben wir eine der schönsten und amüsantesten Landparthien gemacht; es war Kirchen- und Volksfest in Santa Croce, einer Kirche, die dem Lateran gegenüber durch eine ungeheure Wiese davon getrennt ist, auf der das Volk nun den ganzen Tag hin- und herwogt. Bousquet und Gounod hatten uns den Abend vorher besucht, und wir hatten sie und Kaselowsky eingeladen, mitzufahren. Als wir eben fort wollten, kam ein anderer Franzose dazu, mit dem wir in Venedig in einem Hause gewohnt hatten und der den Winter über hier war, ein sehr netter und lustiger Maler, den packten wir auch noch mit auf, und waren also mit dem Kutscher acht auf einem halben Wagen, und da waren nun die jungen Leute so ausgelassen, vergnügt und glücklich, die Gegend so himmlisch, das Wetter so schön, dass wir einige Spazierfahrten. 117 der angenehmsten Stunden verlebten, die man sich nur denken kann. Zuerst stiegen wir bei der Cacilia Metella aus, um dort ein Echo zu suchen, wovon mir Felix geschrieben hatte. *) Da setzte sich jener französische Maler auf ein alt Stück Mauer und beantwortete unser Singen und Schreien so geschickt und possirlich, dass wir uns erst täuschen Hessen, und nachher dem Echo nach Herzenslust zu thun gaben. Endlich fanden wir den rechten Pnnkt, und es wurden grosse Couversationen mit dem wahren Echo gehalten. Darauf war Apfelsinenmahlzeit im Wagen, wobei eine mitgebrachte Serviette, die sie als Barbierserviette vorbanden, wieder Anlass zu tausend Spass gab, und am Ende fingen sie an zu singen. Da kam ich auf den Einfall, sie das schöne Lied zu lehren: „Laudon rückt an", und nun hättest Du die Possen sehn sollen, die sie anstellten, und die ernsthafte Miilie, die sie sich gaben, die zwei Worte aussprechen zu lernen. Endlich gelang es und ging unter unendlichem Gelächter sehr gut zusammen. Beschlossen haben wir die schöne Parthie in der Villa Wolclionsky, von Wo herab man das Menschengewühl ohne Staub und Gedränge übersehn konnte. — Ich habe in der letzten Zeit Mehreres komponirt, und meinen Klavier Stückchen, die ich liier gemacht, Namen von hiesigen Lieblingsplätzen gegeben, tlieils sind sie mir wirklich an den Orten eingefallen, theils habe ich sie im Sinn dabei gehabt, und es wird mir künftighin ein angenehmes Andenken sein, eine Art von zweitem Tagebuch. Glaube aber nicht, dass ich sie beim Vorspielen so nenne, das ist blos für's Haus. — Wenn Cäcilie Gibsone unsere Gastfreiheit in der Fremde rühmt, so glaube ich wohl, dass wir es verdienen, wir haben nach unserer Art ein recht angenehmes Häuschen *) „Vergiss nicht das Echo bei der Cacilia Metella," schreibt er, „der Thurm steht links vom Weg; in derselben Richtung etwa fünfzig Schritt von der Strasse ab, zwischen alten Mauerbrocken und Steinen ist das schönste Echo, das mir in meinem Lehen vorgekommen ist; es kann garnicht aufhören zu brummen und zu murmeln. Gleich hinter dem Thurm fängt es schon etwas an, aber es wird graulicher, je weiter man hingeht. Du musst den rechten Punkt suchen." ■■um ^nnrmu BJ ii i rr-r^r-, \ ; Es klang Alles viel voller und ausgebildeter, als in der katho- lisclien Messe, und die Ceremonien liaben einen ganz eigenen Charakter von Grossheit und Würde, wozu ancli die Persönlichkeit des Bischofs viel beitragen mag, während die des Papstes viel verdirbt. Die Musik halte ich übrigens nicht für sehr alt. — Abends spielte ich Melireres und zuletzt das Bacli'sehe Concert wieder, worüber die Leute dermassen ausser sich waren, obgleich sie es schon so oft gehört, dass sie mir 118 Italien. oder Zimmerchen hier gemacht und sind den ganzen Winter über, glaube ich, kaum drei Abende allein gewesen." Tagebuch. Abends kamen einige Leute, unter andern K. und T. Iv. hascht entsetzlich nach Geist, der Geist will aber garniclit so gütig sein, sich haschen zu lassen, und macht noch grössere Sprünge als K., immer vor ihm her. T. ist so langweilig, dass die deutsche Sprache zu arm ist, um ihn zu cliarakterisiren, denn langweilig ist viel zu kurzweilig für ihn. Es gehört ein Wort dazu, bei dessen blossem Klange man einschläft. Ingres ist gewiss einer der schwerfälligsten Franzosen, T. aber ohne Zweifel ein geistreicher Holländer, daran kann man sehn, dass ein langweiliger Franzose immer noch kurzweilig ist gegen einen amüsanten Holländer. — Kurz, ich wiithete schläfrig an diesem Abend. — Sonnabend, 2ten Mai, war grosse Messe ai Greci , die mich höchlichst überraschte, da ich eine Katzenmusik wie bei den Armeniern erwartete, und eine sehr wolilorganisü'te, fest und rein gesungene, dreistimmige Kirchenmusik fand, von einem eigenen Sängerpersonal gesungen, welches zunächst an der Gemeinde stand, von einem Direktor mit der Rolle geleitet. Es waren zwei Bässe und ein Tenor, und die Stücke, die sie sangen, ordentlich durchgeführte Gesangstücke. Die gewöhnlichen Responsorien folgender Satz: j.- j. £ ftt: ± 'i £ Gounod. Overbeck. 119 tlie Hände küssten und drückten, und sich garniclit fassen konnten, namentlich Gounod, der überhaupt entsetzlich lebhaft ist imd immer keine Worte finden kann, mir auszudrücken, welchen Einfluss ich auf ihn ausübe, und wie glücklich er hei uns sei. Die Beiden sind sehr verschieden, Bousquet ruhiger und zur französischen Klassicität hinneigend, Gounod hyperromantisch und leidenschaftlich; dem fällt nun die Bekanntschaft mit deutscher Musik wie eine Bombe in's Haus, möglich, dass sie grossen Schaden anrichtet. — Montag, 3 ten Mai früh auf der Villa.*) Himmlische Luft, Glockengeläut, Sonntagsgefiihl. Ich kann es nicht sagen, wie unbeschreiblich glücklich ich mich hier fühle, ich bin lange schon in einer fast fortwährend erhöhten Stimmung und habe das reinste Gefühl von Lebensgenuss im höchsten Sinne. Die einzige Bitterkeit dabei ist die Nothwend'igkeit, dies Paradies so bald zu verlassen, und meinem Wilhelm nicht mehr lange die Freude gönnen zu dürfen, mit Lust und Behagen nach dieser schönen Natur zu arbeiten. Ach, wer hier leben könnte und dürfte! — — Wir gingen zu Overbeck, dessen heilig langweilig, stumpf poetisch, schlicht anmassendes Bild zu sehn. Es liesse sich sehr viel darüber sagen, aber ich habe keine Geduld dazu. Nur des ungeheuren Hoclimutlis rnuss ich erwähnen, mit dem der heilige Mann sich selbst, Veit und Cornelius in eine Ecke des Bildes als einzige Erwählte der jetzigen Zeit gesetzt hat. Je trouve cela colossal. Als Kupferstich wird sich das Bild weit besser machen, denn es ist herkömmlich aber verständig, und mit einer gewissen Uehersichtlichkeit komponirt, die Köpfe der grossen Männer, aus denen Overbeck lauter alte Weiber gemacht hat, kann der Kupferstecher, wenn er geschickt ist, nach den Originalen wieder herstellen, und die schlechte Farbe und dürftige Malerei fällt weg. Ich muss ausdrücklich sagen, dass Willielm's Meinung eine andere ist, und dass er das Bild viel mehr schätzt, als ich, aber ich kann nicht gut Autoritäten *) „Die Villa" ohne weitere Bezeichnung ist immer die französische Akademie. Italien. annehmen, niclit einmal die seinige, sondern will mit meinen eigenen Angen sehen. Donnerstag 7ten Mai verlebten wir einen herrlichen Tag in Tivoli. Um 1 / 2 7 Uhr Morgens wurden wir von Paulsens, den Veranstaltern, abgeholt, Magnus und Buti waren ausserdem mit. Im herrlichsten Wetter fuhren wir den durchaus schönen Weg zur Porta San Lorenzo hinaus, immer dem Gebirge zu. Ueber den Taverno, die Solfatara, die schöne Brücke Lucano, mit dem Grabmal der Plautier, dem der Cacilia Metella ähnlich, den Berg nach Tivoli hinauf, durch einen schönen Oelwald mit den groteskesten Stämmen, nach der Stadt. Im Sybillentempel abgestiegen. Nach einem sehr guten Frühstück bestiegen wir den Esel (mein Mann muss mir bezeugen, dass ich mich glorios aus der Affaire gezogen habe) und machten die Tour, zuerst nach der grossen Cascade, betrachteten den Wasserfall von allen Seiten, von oben und unten, und ritten dann einen weiten und schönen Weg nach der anderen Seite des Thals, wo man vou mehreren Punkten zugleich die Cas- caden, die Cascatellen, und die sogenannten Cascatellinen sieht; die letzteren stürzen aus den Bergen der Villa des Mäcen in bedeutende Tiefe und sind, sowie die Cascatellen, wunderschön. Der Weg geht immer durch den Oelwald, dann hinab ins Thal und über eine kleine Brücke wieder dem jenseitigen Ufer zu. Dann geht's die Höhe hinauf nach der Villa d'Este, in der die wunderbarsten Cypressen stehen, die ich noch gesehen, unermesslich dick und hoch, und einige schöne Pinien, die Gebäude sind aber ziemlich zopfig, auch scheint das Ganze nie recht fertig geworden zu sein, gehört jetzt dem Herzog von Modena und befindet sich im Zustande der Verwesung. Dann begaben wir uns zu Fuss hinunter nach der Grotte der Sirenen, ein etwas beschwerlicher aber sehr schöner Weg, einigermasseu appretirt, mit Geländern, Eulieplätzen, Aussichten, was man sonst hier zu Lande nirgends trifft, und ich fühle mich schon genug italiänisirt, dass mich dies wenig erbaut und ich die gewöhnliche italiänische Lüderlichkeit vorziehe. Dann hielten wir im Freien, vor dem Tempel mit der Aussicht auf die Cascade, ein sehr gutes und angenehmes lustiges pranzetto; auf Tivoli. Gounod. 121 Verlangen improvisirte Wilhelm ein Geclichtchen, und ich die Musik dazu, schrieb die Stimmen aus und sang das Liedchen mit Charlotte und Magnus, worüber die Leute eine kindische Freude hatten. Nachdem wir sehr behaglich, wohl zwei Stunden bei Tisch gesessen hatten, fuhren wir nach der Villa Adriana; es ist dies eine grandiose und originelle Wildniss von Ruinen, Pinien, Oelbäumen und Cypressen, vom schönsten glühenden Abendroth verklärt. Wir liefen darin umher bis Ave Maria, und fuhren dann zurück im herrlichsten Mondschein, unter einem wunderbar klaren Abendhimmel. Es fehlte wirklich dem Tage nichts, um vollkommen schön zu sein, und Paulsens haben uns eine grosse und sehr gelungene gentile%%a erwiesen. Freitag, 8ten Mai. Nachmittags mit Wilhelm in die Villa, er fing an ein Studium zu malen, ich zeigte ihm die Aussicht vom Belvedere, die er nicht kannte. Abends Magnus und unsere Franzosen, oder wie sie jetzt heissen, die drei Capricen, indem Bousquet sich Caprice en lä, Gounod Caprice en rni, und Dugasseau Ga/price en si bemolle nennt. Es ward wie gewöhnlich viel Musik gemacht, viel geplaudert und gelacht und spät beisammen geblieben. Bousquet zeigte mir seine angefangene Cantate, worin sehr schöne Sachen sind. Ihm, glaube ich, wird die Kenntniss deutscher Musik nur förderlich sein können, während Gounod dadurch verwirrt und halb toll gemacht wird. Der scheint mir viel unreifer,' doch kenne ich noch nichts von seiner Musik, denn ein Scherzo, das er mir neulich vorspielte und fragte, ob ers mir geben dürfte, will ich nicht rechnen, das war gar zu schlecht, und mir däucht, da spukte schon deutsche Musik drin. Dienstag, 12ten Mai. Nach einigen vollkommenen Regentagen früh auf den Pincio. Die Luft so himmlisch, das Grün so frisch, Alles so lieb und so schön, wir so glücklich hier. Wie freue ich mich, dass wir noch 14 Tage hier bleiben, wie gräme ich mich, dass wir nur noch 14 Tage hier bleiben! So, kann ich wirklich sagen, ist meine doppelte Empfindung jetzt. — Eine allerliebste irländische Familie haben wir zu guter Italien. Letzt nocli kennen gelernt. Der Solm hatte uns schon früher besucht, hat uns jetzt die älteste Tochter zugeführt und uns im Hause bekannt gemacht. Drei himmelhohe Töchter mit schönen englischen Gesichtern auf langen, schlanken Blumenstengeln, Reiterinnen, Pferde- und Landschaftsmalerinnen, sprechen deutsch, französisch, italiänisch, alles gut, singen schlecht, ein langer Sohn und eine Hetze Kinder, eine freundliche Mutter, ein stattlicher Vater, eine brillante Einrichtung im Palast Rondanini, von dem Göthe spricht. Das Meiste dieser Elemente ist sehr englisch, aber die Liebenswürdigkeit, die entgegenkommende Freundlichkeit der Leute ist es so wenig, dass ich meine Verwunderung darüber nicht los werden konnte, bis ich erfuhr, es seien Irländer, wo es mir denn klar ward. Sie lieissen Palliser. Sie kennen Felix aus Frankfurt, und er ist ihr Alpha und ihr Omega. Die Mutter erzählte mir mit vielem Stolz, sie hätten ihm Chöre aus dem Paulus vorgesungen, darüber wird er nun nicht wunderbar erbaut gewesen sein, denn der Gesang ist, wie erwähnt, nicht das Haupttalent im Hause. Das Haupttalent ist die älteste Tochter, die wirklich eine accomplisheä laäy ist, eme allerliebste Person. — Was die Engländer anbetrifft, so giebt es keinen gröbern Flegel, als einen Engländer, den man nicht kennt; ich ärgere mich alle Tage über sie. Sie bilden hier eine so kompakte Masse, dass man fast sagen kann, es ist eine Bevölkerung, dabei aber fühlt man beständig, dass der Hintergrund nicht dazu passt, und so hat ihre Erscheinung hier etwas durchaus Beleidigendes, was gewiss m England selbst nicht Statt findet. In englischen Gesellschaften zu spielen, vermeide ich, wo irgend möglich, denn wenn die Conversation auch den ganzen Abend schleppend und träge geführt wird, so animirt sie sich unfehlbar in dem Augenblick, wo man anfängt Musik zu machen, und lässt sogleich wieder nach, wenn man aufhört. Derselbe Nationalstolz, der im Volk so Grosses möglich macht, erscheint in dem Einzelnen oft als unerträglicher Hochmuth, und selbst wenn sie sich alle Mühe geben, freundlich zu sein, stellen sie sich gewöhnlich dazu an, wie die Bären. Den 13ten Mai ging ich mit Sebastian nach Santa Conoert bei Landsberg'. 123 Maria sopra Minerva, wo die Christusstatue von Michel Angelo und viele Grabmäler, auch von Päpsten, sind. Danehen ein Kreuzgang mit Fresken, aus dem ich mich, nach meiner Liebhaberei, von Mönchen vertreiben liess, Abends die Franzosen, deren Portraits Wilhelm anfing. Dabei gab's natürlich viel Spass. Jeder, der sass, durfte sich bei mir bestellen, was ich dazu spielen sollte, und so spielte ich fast den ganzen Fidelio durch und noch vieles Andre und zuletzt die C-dur-Sonate von Beethoven. Gounod war wie betrunken und sprach lauter dummes Zeug, und als er zuletzt in grosser Begeisterung ausrief: „ Beethoven est un polisson", meinten die Andern, nun wäre es Zeit, dass er zu Bett ginge und brachten ihn fort. Da war es wieder einmal halb eins geworden. Donnerstag 14ten Mai. Wilhelm schenkte mir das allerliebste Bildchen vom Schäferknaben, das er in wenigen Tagen gemalt. Abends in der Dämmerung eine Stunde auf dem Pincio. Der Mond leuchtete schon in der Dämmerung hell, gelblich und warm, wie es nun dunkler ward, erschien er immer heller und strahlender, dazu traten die Sterne hervor, die Massen der Gebäude lagen so klar und ruhig da, Alles was am Tage störend scheint, geht unter in der grossen Einheit und Ganzheit des Lichts, dazu Millionen Glühwürmer im Grase und auf dem Wege, eine laue, liebe Luft, eine vollkommene Stille und Ruhe, —• es war unbeschreiblich, unvergleichlich und unvergesslich schön. Die Augen werden mir nass, indem ich nur daran denke. —• Aus einem F ami 1 i e 11 b r ief. „Gestern Abend ist denn auch unser Tripel-Concert von Bach in brillanter Gesellschaft bei Landsberg höchst glorios und mit grösstem Beifall vom Stapel gelaufen. Ich habe Euch doch geschrieben, dass ich es mit Charlotte Tliygeson und einer hiesigen, sehr guten Dilettantin emstudirte? Während wir es gestern vortrugen, konnte ich mich der innerlichen Freude nicht erwehren, das in Rom zu spielen und unserm Alten vom Berge hier neue Freunde und Jünger zu erwerben. Denn etwas Verdienst darf ich mir wohl dabei zuschreiben; 124 Italien. nicht Jeder würde es ihnen fasslicli und eindringlich haben machen können. Yorher spielte ich das Quintett von Hummel, wobei mir andre Gedanken durch den Ivopf gingen; ich glaube, ich habe es seit den Studienjahren, bei Zelter, nicht wieder gespielt. Zum Concert von Bach hatte Landsberg drei süperbe Flügel von demselben Fabrikanten neben einander gestellt, die er von den Inglesi zurückbekommen hat, sie nahmen die ganze Breite seines Salons ein und sahen sehr gut neben einander aus. Platz war knapp. Hitze gross, aber der Abend sehr angenehm. — — Wir haben einige Regentage gehabt und böses, schwüles Sciroccowetter, das indessen auf mich wenig Eindruck macht. Die Empfänglichkeit dafür, sowie überhaupt für hiesige klimatische Einflüsse, soll sich erst bei längerm Aufenthalt entwickeln. Dasselbe ist mir von Südländern in Bezug auf nordisches Klima gesagt worden. Personen, die viele Jahre hier sind, haben mich versichert, dass sie im Anfang Thee, Blumen im Zimmer und dergleichen vollkommen gut ertragen hätten, nach und nach aber eins nach dem andern hätten abschaffen müssen. Bis jetzt trinken wir jeden Abend Thee, und er bekommt uns vortrefflich, auch fehlt es mir nie an einem Blumenstrauss im Zimmer, über dessen Wirkung ich noch nicht zu klagen gehabt habe. Bei dieser Gelegenheit muss ich Eure diätetischen Fragen beantworten. Gequälte Früchte*) giebt es schon lange nicht mehr, was sollte man quälen? Dagegen lassen wir es uns in Apfelsinen wohl sem, die fast das Einzige sind, was man hier nicht theuer bezahlt, man bekommt, jenaclidem sie sind, 10, 12 auch 16 für einen Paolo (4 Gr.). Besser als bei uns sind sie aber nicht, im Gegentheil, weniger ausgesucht, alles untereinander. An Gemüsen haben wir bisher grossen Mangel gelitten, seit einer Woche aber giebt es vortreffliche Schoten und gute Erdbeeren, aber nicht so gut, als in unserm Garten; die sollen in Neapel köstlich sein. Mein Mann schwelgt noch ganz besonders jeden Tag im Genuss einer Fenchelwurzel, deren Kultur wir suchen *) So nannte Hensel Compotte, Eingemachtes und dergleichen. Rom in Mondschein. 125 wollen, in Berlin zu befördern, denn Ihr habt keinen Begriff davon, wie gern er die isst. Ich habe es ihnen nicht abgewinnen können, sowenig, als dem gerühmten Caprettobrätchen, für das er ebenfalls eine grosse Zärtlichkeit hat: es schmeckt, wie wilder Hammel. Vor Allem am besten aber schmeckt mir hier die Luft. Ich kann nicht aufhören, sie zu loben und zu lieben. Tagebuch. löten Mai. Früh mit Wilhelm nach Villa Wolclionsky, die Parthie dorthin für den Dienstag zu verabreden. Ein Paradies! Diese Masse von Rosen zwischen den Ruinen, den Cypressen, den Aloes, Alles Fülle, Alles üppige und doch ernste Schönheit. Es ist ein himmlisch Plätzchen und wenn die schon so oft verschobene Parthie gelingt, dann kann sie einzig werden. Diesen Abend steht uns die schöne Mondscheins- Coliseums-Partliie bevor. 17ten Mai. Unsere gestrige Parthie wurde ganz anders, als wir erwartet hatten, aber sehr genial. Sonnenuntergang und Mondaufgang waren sehr schön und Niemandem fiel ein Zweifel ein. Magnus und Landsberg kamen gegen Abend. Um neun kamen unsere Franzosen und Bousquet stellte einen vierten vor, einen Violinisten der komischen Oper, Terry: darauf verfinsterte sich der Mond dergestalt, dass wir die Hoffnung auf unsere Parthie aufgeben und den Wagen unter vielem Jammern und Wehklagen abbestellen mussten. Das war sehr „öklich"; ich musste nun spielen und habe in langer Zeit nicht so schlecht gespielt, als „les aäieux, l'absence et le retour", der Fremde genirte mich. Nachher spielte ich noch Mehreres aus Fidelio; schon beim Anfang der Sonate hatte sich der Himmel etwas aufgeheitert, gegen halb zwölf ward es ganz klar und sogleich beschlossen wir unter allgemeinem Freudengeschrei, nach dem Coliseum zu gehen. Wir nahmen den Weg über Fontana Trevi, die wirklich auch sehr schön im Mondschein aussieht, Monte Cavallo, das war göttlich, die Colossen und die Fontaine in diesem Lichte, ich habe nichts Wunderbareres gesehen; der ganze Platz und die Fernsicht Italien. war auch herrlich. Dann hinunter nach der Colonna Trajana, durch die Basilica des Konstantin, an deren Rückseite ein sehr poetisches Madonnenlämpchen brannte, nach dem Forum. Alles sah ganz wundervoll aus und nun gar das Coliseum! Der Mond war abwechselnd heiter und bedeckt, was ein wunderschönes Schauspiel gewährte. Nach ziemlichem Aufenthalt gingen wir über das ganze Forum zurück. Gounod kletterte auf einen Akazienbaum und warf uns Allen blühende Zweige herunter, so dass wir einhergingen, wie der Wald von Dunsinan; ich nahm unterwegs meine Haube alä, wie Cecile im Cotillon, aber nicht, um sie zu kopiren, wir stiegen aufs Capitol, dann nach dem Pantheon, das ungemein still und ernsthaft dastand, über Moncitorio und Piazza Colonna. Hier fing Einer an, das Concert von Bach zu singen und wir fielen Alle im Chor ein und marschirten im Takt, kurz, wir durchzogen Rom ein wenig, wie die betrunkenen Studenten, und heut schäme ich mich nachträglich vor dem Fremden, der mich zum ersten Mal gesehen hat und erst den Tag vorher in Rom angekommen ist, der hat schön angefangen. Um halb zwei kamen wir nach Haus, wir schlafen jetzt fast gar nicht. Sonntag den 17ten waren wir denn doch etwas müde und nicht unzufrieden, dass eine mit Schadow's verabredete Parthie nacb Yeji sehr schlechten Wetters wegen unterblieb. Abends waren wir bei Schadow's recht angenehm und ich unterhielt mich viel mit Reinick, der sehr nett ist. Nachher hatten wir noch ein wunderschönes Abenteuer. Vor Schadow's waren wir auf den Pincio gegangen und hatten uns an milder Luft und an Millionen Glühwürmern erfreut; als wir nach eilf wieder heraustraten, lockte uns der helle Schein des jetzt spät aufgehenden Mondes abermals auf Trinitä. Da begegneten wir Dugasseau, der von Ingres kam und sehr verwundert uns zu sehn, mit uns umkehrte. Vor der Akademie angekommen, setzte er uns zu, mit in den Garten zu gelm, es wäre da so wunderschön, und da wir unschlüssig waren, ging er unter Gou- nod's Fenster, der im Entresol wohnt, und rief ihn an, er möchte herunterkommen, es wären ein Herr und eine Dame Mondscheinspaziergänge. 127 da, die ihn verlangten, Gounod kam an's Fenster und rief herunter: Bah, eile est bonne, votre clame, je voud/rais bien la voir! er hielt mich für einen verkleideten Pensionair. Unterdessen war aufgeschlossen worden und während wir in den Garten gingen, der wirklich zauberhaft schön aussah, holte Dugasseau Gounod herunter, der sich geschwind wieder angezogen hatte, Bousquet schlief schon lange und wurde dafür von den Andern verhöhnt. Als wir lange im Garten gewesen waren, fiel ihnen ein, wir müssten auch in's Bosquet, und ehe wir uns versahen, sprang Gounod nach seiner Stube, holte den Schlüssel und wir stiegen durch das Wäldchen aufs Belvedere. Nein! etwas zauberischer Schönes habe ich noch nie gesehen, als die Aussicht von da oben im Mondlicht; alle näheren Gegenstände, z. B. die Gebäude und Baumparthieen in Villa Borghese sah man klar, wie am Tage, von den Bergen hinten einen deutlichen Schatten, St. Peter ganz bestimmt und scharf. Der Obelisk und die Kirche von Trinitä machten sich auch prächtig. Und nun das Wäldchen selbst von der Terrasse aus, die hellen Lichter durch die dunkeln Bäume — es war himmlisch! — Dugasseau war sehr lustig und komisch und liess Gounod nicht zur Emphase kommen, der sich immer hineinbegeben wollte. „Je riai jamais commis de vers", sagte er ganz ernsthaft. Wir trennten uns wirklich schwer von dem zauberhaften Ort und es war richtig wieder halb zwei als wir zu Haus kamen. ■— Was habe ich nicht hier in Rom schon durchgelebt und durchempfiuiden! Bei diesen lustig durchwanderten, hellen, südlichen Mondnächten fiel mir hundertmal die erste Nacht von Wilhelm's Krankheit ein, wo ich in tödtlichen Sorgen an seinem Bett sass! Bei all diesem Wechsel und dem vielen Erlebten fühle ich mich hier nicht älter, sondern jünger geworden. An solcher Reise erwirbt man einen ewigen Schatz. Famiii enbri e f. Villa Wolchonsky, 20 sten Mai 1840. „Wir machen uns einen guten Tag, einen wahrhaft po etischen Tag, und er soll nicht vergehen, ohne, dass Eurer 128 Italien. gründlich und herzlich gedacht werde. Dieser Tag könnte im Decameron stehn, denn erlaubt ist, was gefällt, da aber nur gefällt, was sich ziemt, so könnten wir vor dem Tribunal der Prinzessin bestehn. Dies bezeugen alle Anwesenden." (Folgen die Unterschriften und einige Worte von der Thygeson, Bousquet, Dugasseau, Magnus, Kaselowsky, den beiden Elsasser's, Sohn und Vater Hensel, der schliesst: „Zum Schluss sage ich, dass der Tag froh beschlossen, wie er angefangen; Fanny, die als Königin des Festes A r on ihrem geistigen Throne Alles überschaut, mag beschreiben und hat die Ergebnisse unseres Fleisses als Tribut in Empfang genommen. So mag sie auch noch diese Lust zu andern Freuden tragen!") — Fanny fährt dann fort Kom, 20 sten Mai. Liebe Mutter und liebe Geschwister! Wir haben einen Tag erlebt, wie er wohl in Romanen vorkommt, in der Wirklichkeit aber gewiss nur einmal im Leben gelingt, einen durchaus poetischen Tag, wovon mir jede Minute unvergesslicli bleiben wird. Alle Anwesenden haben sich oben unterzeichnet, es waren sechs Maler, ein Musiker, zwei Dilettantinnen und Sebastian. Unser zweiter französischer Musiker Gounod, den ich sehr gern dabei gehabt hätte, weil ich wenig Menschen kenne, die sich so herzlich und glückselig amüsiren können, wie er, wurde krank und konnte nicht mitkommen. Seit dem Ilten April, wo die Parthie eigentlich schon sein sollte, war sie noch oft beschlossen und unsichern Wetters wegen wieder verschoben und vorgestern noch war ein Regentag, so dass wir zweifelhaft waren, ob sie diesmal stattfinden könnte. Allein es stieg die schönste, klare Sonne auf, und um sieben ging Wilhelm mit Kaselowsky, Elsasser's und Sebastian voraus, um neun fuhr ich mit Charlotte Thygeson, Bousquet und Dugasseau nach, ein Karren, mit einem Esel bespannt, führte Geschirr und Esswaaren hinaus. Als wir ankamen, fanden wir schon alle Maler im Garten zerstreut und beschäftigt, denn es war vorher bestimmt worden, dass Jeder fleissig sein sollte, und Alle hatten mir ihre Arbeiten zugedacht, Villa Wolchousky. 129 ein Gesetz, das Magnus allein übertreten und den ganzen Tag nicht gearbeitet hat. Wir Musiker sollten uns gegenseitig Aufgaben stellen, ich brachte für Bousquet ein italienisches Gedicht mit, woraus er ein recht hübsches Duettchen gemacht hat, und er für mich einen Band Lamartine, aus dem ich ein Paar Strophen komponirte. Um Mittag ward gefrühstückt in einer sehr geräumigen Strohhütte, von der man nach allen Seiten die schönsten Aussichten hat, und da war es sehr lustig, wie einer nach dem Andern mit seinen Arbeiten herbeikam. Elsasser hat eine sehr schöne Aquarelle gemacht, Wilhelm ein Studium in Oel, Kaselowsky und Dugasseau Zeichnungen, ich bringe das Alles mit, und Ihr werdet dadurch einen Begriff von dem Reichtlium des himmlischen Plätzchens bekommen. Bei dem Frühstück übereilten wir uns eben nicht, Arie Ihr denken könnt, und nachdem wir wohl ein Paar Stunden aufs Erquicklichste dabei vertlian, zerstreute man sich wieder nach Zufall und Laune. Charlotte, Magnus, Bousquet und ich blieben zusammen, setzten uns im Schatten der Ruinen des Aquädukt vor eine Rosenhecke und probirten zwei-, drei- und AÜerstimmige Lieder von Felix und mir. Nun Averdet Ihr aber lachen, wenn ich Euch erzähle, Avie diese Lieder besetzt waren, aber ein Schelm maclit's besser, als er kann: den Sopran sang ich! und den Bass Bousquet, der eigentlich so wenig eine Stimme hat, als ich, wenn er aber eine hat, so ist's eine Tenorstimme, und Deutsch Aveiss er gar nicht. Trotz dieser Bahn mit Hindernissen trugen wir einige Lieder gar nicht übel vor, eins aber, das ich den Tag vorher zu dem Zweck komponirt hatte, wollte nicht recht gehen und kann einmal in unserm Garten dienen. Gegen vier bezog sich der Himmel und es kam ein GeAvitter heran. Wir waren nach der nahen Villa Massimi gegangen, wo Fresken neuerer Deutschen sind, mussten uns aber vor dem UnAvetter flüchten und nahmen Posto in dem Saal der Villa Wolclionsky, der sehr hübsch und elegant eingerichtet ist und nach mehreren Seiten grosse Fenster mit göttlichen Aussichten hat. Von hier aus sahen AA r ir die prächtigen Gewittereffekte auf der unvergleichlichen Landschaft. Dann gingen wir zu Tisch, und Jette's Ivüclie fand bei allen Nationen ungetheilten Die Familie Mendelssohn. II. 9 130 Italien. Beifall. Wir sprangen aber alle Augenblicke auf, um an's Fenster, oder auf's Belvedere zu gehen, denn auf das Unwetter folgte der wunderbarste Regenbogen,- den ich je gesehen, vollständig doppelt und von einer blendenden Farbengluth; er überspannte grade mein geliebtes Albanergebirge und blieb wohl eine halbe Stunde sichtbar. Ehe wir mit dem Esseii fertig waren, hatte sich das Wetter wieder vollständig aufgeklärt, und wir konnten im Garten Kaffee trinken. Gegen Abend kamen Paulsens hinaus, die Herren machten eine Boccia- partliie, und wir gingen im Garten spazieren, bis es ganz dunkel Avar und die Glühwürmer zu leuchten anfingen. Dann setzten wir uns wieder in eine andere Rosenlaube mit Licht (erleuchtete Rosen sehn garniclit übel aus) und trugen unsere am Vormittag probirten Lieder vor. Ganz spät gingen wir wieder in den Saal, tranken Thee und spielten eine kleine Lotterie aus, die wir bereitet hatten. Der Hauptgewinn war ein Kupferstich nach Raphael, dann eine Börse, die ich gehäkelt, und mehrere meiner hier beliebten Klavierstücke, die ich möglichst zierlich abgeschrieben hatte. Das Schicksal erwies sich aber höchst ungeschickt, meine drei Klavierstücke fielen alle in die Familie Paulsen, und das Beste an den Obersten, der halb blind und unmusikalisch, aber mein grosser Verehrer ist. Indessen, denke ich, wird die Thygeson sie nehmen, und dann sind sie wohl aufgehoben; Magnus bekam den Kupferstich , den er gar nicht brauchen kann, da er in einigen Wochen abreist, und die Herren, die für mich gearbeitet, erhielten alle Nieten, römische Briefbogen. Die Folge davon ist, dass ich mehrere meiner Stücke noch mehrmals abzuschreiben versprechen musste. Gegen Mitternacht kamen Avir nach Hause, alle herzlich vergnügt über den schönen Tag. Einen so vollkommen gelungenen Festtag habe ich aber wirklich noch nicht gesehn; kein störender Zufall irgend einer Art, selbst das UngeAAÜtter nur dazu dienend, unsern Genuss zu erhöhen, keine müssige Minute, den ganzen Tag lustiges oder ernstes, aber immer geistreiches Gespräch, ich glaube, es war Keiner von uns, dessen Fähigkeiten nicht für den Augenblick erhöhet gewesen wären. Beckchen, wie würdest Du Dich Villa Wolchonsky. 131 amusirt haben! Ob ich wohl den Euch Unbekannten von Euch erzählt habe ? Was an der Villa Wolchonsky so ganz besonders ist, das ist, wie L. von Rom zu sagen pflegte „die Lage von des olle Loch." Die Villa selbst ist kein Palast, sondern ein einfaches Haus von der für mich so reizenden, italienischen, unregelmässigen Bauart, die Treppe ganz frei und aussen sichtbar. Der Garten wird der Länge nach von den Ruinen der Wasser]eitung durchschnitten, welche zu den mannigfaltigsten Anlagen benutzt sind, Treppen führen in die Bogen hinauf, und oben sind Sitze; Büsten und Statuen stehen überall in den alten Mauern, fast von Eplieu überdeckt, Rosen klettern allenthalben bis zum Gipfel hinauf, Aloes, indische Feigenbäume, Palmen, Säulenkapitäle, alte Gefässe, Fragmente,, das lebt, wächst, fällt, Alles über- und untereinander, und Millionen Rosen jeglicher Gestalt, Rosenlauben, -Hecken,. -Büsche, -Bäume umwuchern und beleben das Ganze. Besonders wunderschön sehen sie aus, wenn sie sich an die Cy- pressen anlehnen, Ihr glaubt nicht, wie poetisch und reizend das ist. Ueberhaupt ist alles Schöne hier ernst und ergreifend, es giebt in der Natur gar nichts Kleinliches, oder Niedliches; was man derart sieht, haben Alles die Menschen mit ihrem Ungeschmack der letzten Jahrhunderte hineingebracht, die Natur hat Alles grossartig angelegt, und früher auch die Menschen, und ich kann mich über fast Nichts freuen, ohne dass mir die Thränen dabei in den Augen stehen. Ueberhaupt hat mein mich jung fühlen [hier einen starken Beigeschmack von altem Weibersommer, denn ich habe immer das weh- müthige Nebengefühl von der Vergänglichkeit aller schönen Zeit, und besonders der schönen Lebenszeit, und das hat man doch nicht, wenn man wirklich jung ist, und sich so fühlt. Aber wie dem auch sei, ich geniesse die Gegenwart unbeschreiblich, nur auf meine Weise, und ich weiss, Ihr gönnt es uns Alle, Allen. Werdet nur nicht ungeduldig, wenn wir zurückgekommen sind, und immer und immer von Italien sprechen werden, ich kann nicht versprechen, es nicht zu tlrnn, mein Herz ist zu voll davon. — Nun steht uns noch 9* 132 Italien. ein schöner Tag bevor, ein Gegenstück zur Villa Wolchonsky, icli will aber nicht eher etwas davon schreiben, bis er glücklich vorüber ist; aus Neapel erzähle ich Euch davon, denn aus Rom wird-dies wohl der letzte Brief sein. Nein, Beckchen! wir geben nicht wieder vierzehn und noch einmal vierzehn Tage zu, obgleich sie uns gestern bei Ingres fast todtgequält haben, und uns eine Petition überreichen wollten, von der ganzen französischen Akademie unterzeichnet, und obgleich es mir mein Mann anheimgegeben hat, und obgleich am ISten Frolmleichnamsprozession ist, und am 2lsten ein Tlieil der neuen St. Paulskirche eingeweiht wird! Wir haben Seelenstärke und reisen ab; der Wagen ist schon reparirt. — Einstweilen aber leben wir die himmlischsten Tage und Nächte, denn ich muss es nur sagen, wir schlürfen die Neige der köstlichen Zeit so vollständig, dass wir nur ein Minimum von Schlaf zu uns nehmen, und die halben Nächte mit Spazierengehen, oder Zeichnen und Musikmachen hinbringen. Ich kann es jetzt gar nicht gut unter Dach aushalten, selbst im Vatikan bin ich in Ewigkeit nicht gewesen, des Abends kann mein Mann mich nicht in die Stube bekommen, noch auf der Schwelle des Hauses stehe ich still und graule mich vor Stubenluft. Habt aber keine Angst, wir sind weder nervös aufgeregt, noch abgespannt, sondern ganz ruhig und vollkommen gesund; und nur das Bewusstsein des nahen Endes ^dieser schönen Zeit, und zugleich die himmlische Luft lässt uns den Schlaf nicht vermissen. Ach! wie schön ist das Leben! wie schade, dass man's alle Tage mehr abnutzt! Könnte man doch zu manchen Tagen sagen: Halt! steh' eni bischen still, lass dich näher besehen! -— Adieu, liebste Mutter, und liebste Geschwister, wahrscheinlich adieu aus Rom!" — Tagebuch. „Donnerstag 28sten Mai, Himmelfahrtstag. Früh ging Wilhelm zu Soutzos*) und brachte ihm seine sehr schönen *) Ein schöner junger Grieche, der in der letzten Zeit zu dem intimeren Kreise gehörte. Benecliction im Lateran. 133 Skizzen und Aquarellen wieder und schloss Freundschaft mit ihm. Gegen elf fuhren wir nach dem Lateran, die Benediction zu sehen. Es war prächtig, der Platz mit Landvolk bedeckt, die Treppe unter der Mosaiknische voller Weiber, der Himmel und die Berge und die lieben Ruinen, Alles so duftig und warm, so poetisch und herrlich. Wir hielten im offenen Wagen mehrere Stunden in grosser Hitze, aber ich kann nicht sagen, dass es mir lästig geworden wäre. Der Anblick war unendlich schöner als bei St. Peter, die Umgebungen sind hier so wunderbar reizend. Der Wind trug von der Kirche her, und man konnte des Papstes Stimme deutlich verstehen. Wilhelm ging unter das Volk und zeichnete sehr viel, Soutzos kam mit seiner Mappe, und Dugasseau, der von den Mauern eine Ansicht der Lage der Villa gezeichnet hatte für mich, als Nachtrag zu Wolclionsky, stieg ein und fuhr mit uns zurück. Da kamen die Landmädchen, die Wilhelm gezeichnet hatte, und erkannten ihn, lachten, gingen neben dem Wagen her, er sprach mit ihnen, gab ihnen Geld, und zeichnete weiter, es war sehr nett, und der Vormittag klassisch. Als wir bei Tische waren, kam Elsasser, der mir sein Bild des protestantischen Kirchhofs brachte. Sonnabend 3Osten Mai, Nachts halbzwei Uhr vorbei. Der heutige Tag verging mit Packen der grossen Kiste und mehrerer Koffer. Kaselowsky ass bei uns zur Henkersmahlzeit vortreffliche Krebse, die er künstlerisch beurtheilte, und Avil' tranken eine Flasche Orvieto dazu. Nachmittags packte ich wieder, immer zwischendurch Besuch, gegen Abend gingen wir hundmüde noch ein wenig - auf die Passegiata; es war den ganzen Tag Scirocco gewesen, gestern auch, alle Leute schliefen und klagten, Niemand konnte sich aufrecht erhalten. Heut Nachmittag hatten wir ein Gewitter, gegen Abend war es schwül, aber schön. Mit Glühwürmern kamen wir nach Hause, es waren unterdess eine Menge Besuche dagewesen, der alte Santini erwartete uns noch und nahm Abschied. Dann waren wir einen Augenblick allein, bis neun ungefähr. Da kam Dugasseau, bald darauf Bousquet und Gounod und Charlotte. Ich war sehr müde und verstimmt, und um nicht 134 Italien. wieder ins Weinen zu gerathen, ging ich ans Klavier, und spielte die beiden Allegri der F moll-Sonate von Beethoven. Unterdess fing Wilhelm an, Lichter auf die Portrait» der drei zu setzen, und ich versprach Bousquet, wenn er artig süsse, nachher noch einmal das Allegro der B dur-Sonate. Dazwischen spielte Charlotte ein paar Stücke. Hierauf hielt ich mein Wort, und spielte das Allegro aus B dur und zwei Lieder von Felix, und eben fiel Gounod mir zu Füssen, mich um das Adagio zu bitten, als Bellay's und Bruni's kamen. Elsasser und Kaselowsky waren auch da. Elsasser hatte die allerliebste Idee, eine kleine Landschaft unter sein Portrait zu zeichnen, und sass mit dieser Arbeit am Klavier. Wilhelm zeichnete die Bruni. Ich spielte die Sonate aus Cis moll und zwei Stücke von Felix, hierauf bat Elsasser um die Sonate aus As dur, mit den Variationen, und ich hatte eben die ersten beiden Sätze gespielt, als unten auf der Strasse Gesang ertönte, und uns ein allerliebstes Ständchen gebracht ward. Landsberg, Magnus, Baron Bach, Quatrocchi, Schanzky und Bruni standen mit Lichtern im Thorweg gegenüber, und sangen sehr hübsch und rein drei vierstimmige Lieder. Wilhelm ging hinunter und holte sie herauf; ich sollte ihnen nicht das letzte Wort lassen, und spielte, das E dur-Liedchen ohne Worte, dann sang Madame Beilay zweimal meine italiänisclie Cavatine, Wilhelm zeichnete Bruni als Maske auf das Portrait seiner Frau, et pour finir spielte ich das Concert von Bach, und nach halbzwei Uhr ging die Gesellschaft dankbar, gerührt, erfreut, aufgeregt auseinander. Ich schrieb noch mein Tagebuch und ging gegen drei zu Bett." Brief und Tagebuch. „Sonntag, 31sten Mai, waren wir eingeladen, den ganzen Tag, vom Kaffee des Morgens an, auf der französischen Akademie zuzubringen, um meinem Wunsch gemäss in der wunderschönen Gartenhalle zu musiciren. Das Wetter, welches zwei Tage lang trübe und schwül gewesen war, hatte die Güte, uns unbeschreiblich zu begünstigen, und der Tag gehörte entschieden zu den unvergesslich angenehmen. Der Garten der Akademie, Fest in der französischen Akademie. 135 •der gewöhnlich öffentlich ist, war für das Publikum geschlossen und Ingres hatte nur die Hausgenossen und Habitues und einige unserer Freunde eingeladen, z. B. Elsasser und Kase- lowsky, und als ich mein Bedauern bezeigte, dass Charlotte Tliygeson nicht dabei wäre, wurde sie auch herbeigeholt und blieb den Rest des Tages mit uns. Ich versichere Euch, es ist ganz nett bei Springbrunnenrauschen zu musiciren, ich bin nicht leicht so. vergnügt gewesen als du dem Tage, Papa Ingres war im siebenten Himmel, soviel Musik hören zu können, und einigen Beethoven zu begleiten, obgleich es dabei zwischen uns immer einen kleinen stillen Krieg gesetzt hat, denn ich rannte davon und er zoppte zurück, und wir bissen uns gewissermassen musikalisch. Bis zum zweiten Frühstück ward fast unausgesetzt gespielt, die bärtigen Schlingel lagen dabei auf den Treppen und Säulenpostamenten und wunderten sich den ganzen Tag, dass man sich den ganzen Tag so amusiren könnte, dazu mussten wir erst aus Berlin kommen, um sie das zu lehren, wie man sich im göttlichsten Lokal der Welt die Zeit angenehm vertreibt. Dann ward eine Weile angenehm gedämmert und sehr reichhaltig gefrühstückt. Nach dem Frühstück ward nur abwechselnd Musik gemacht, dazwischen im Garten spazieren gegangen, iii meinem Lieblingswäldchen gesessen und vierstimmige Lieder probirt. Ingres führte uns in sein Atelier, das vielbesprochene Bild zu sehn, das schon, als wir ankamen, in vierzehn Tagen fertig sein sollte. Es ist schön komponirt, edel gedacht, aber ungemein schwach in Farbe wie in Zeichnung, und noch lange nicht fertig. Wir besahen Vernet's türkisch eingerichtetes Zimmer, bestiegen den Thurm der Villa, wo ich noch nie gewesen war, und wo ich die ganze Herrlichkeit bei Sonnenuntergang zum letztenmal ansah, nicht ohne viele Thränen. Darauf stiegen wir hinunter, das Instrument war in den grossen Saal gerückt worden, es war tiefe Dämmerung, und es bemächtigte sich- eine wunderliche Stimmung der ganzen Gesellschaft. Ich präludirte lange Zeit gedämpft, ich wäre nicht im Stande gewesen, stark zu spielen, alles sprach leise, und jeder fühlte sich durch jedes Geräusch verletzt. Ich spielte das Adagio aus dem gdur-Concert, das aus der eis moll- 136 Italien. Sonate und den Anfang der grossen aus fis moll. Charlotte,. Bousquet und Gounod sassen dicht um mich her. Es war eine Stunde, die ich nicht vergessen werde. Hierauf gingen wir zu Tisch, dann auf den Balcon, wo es himmlisch war. Unglaubliche Sterne und Lichter in der Stadt, und Glühwürmer, und eine lange Sternschnuppe, eine ferne, auf einem Berge liegende, erleuchtete Kirche, und laue Luft, und tiefe, innere Bewegung in uns Allen. — Wir stellten uns an ein Ende des Saals und sangen die Lieder, die ausserordentlich gefielen. Zu guter Letzt musste ich auf Begehren vielfacher Art noch die Phantasie von Mozart, und die Capricen eins und zwei wiederholen, hierauf wurden noch einmal die Lieder gesungen — es war Mitternacht und unsere Zeit zu Ende: „Sie weinen, und wissen selbst nicht warum?" Das war unsere letzte Musik in Born. Ein zärtliches Embrassement von Ingres hätte ich mir noch eher gefallen lassen, wenn nicht die jungen Leute alle dabei gestanden hätten, für die das wohl ein wahres Gaudium gewesen sein wird. Ich kann wohl sagen, dass wir ihnen den besten Tag gemacht haben, den sie unter Ingres ganzer Leitung gehabt." Tagebuch. Montag, 1 sten Juni 1840. Vormittags gerechnet, genäht, Besuche bekommen, gepackt. Wilhelm ging noch aus und zeichnete die Pallisers ein wenig weiter, allerliebst. Nachmittags alle Freunde, um fünf fuhren wir aus, erst zu Angri- sani, Pferde bestellen, dann nach St. Onofrio, die göttliche Aussicht sehn, nach Villa Pamfili, wo wir gegen Sonnenuntergang ankamen: die Pinienbäume golden in Glutli getaucht, die ganze Stadt in Duft, die Berge wunderbar im Ton, das Alba- nergebirg glühend violett, die Ortschaften darauf rosig. Wir blieben bis nach Sonnenuntergang und fuhren dann hinein nach Aqua Paola und St. Pietro in Montorio. Einen so himmlischen Abend habe ich vielleicht noch nie geselin, als diesen letzten in Born; ich möchte gern etwas davon aufschreiben, mir selbst zur lebhaften Erinnerung, aber ich weiss es nicht anzufangen. Abschied von Rom. 137 Das reine rothe Gold hinter St. Peter, das glühende Violett der Albanergebirge und die unbeschreiblich reiche und grosse Tonung der Luft und aller Gegenstände zwischen diesen beiden Punkten, was soll man davon sagen! — Ueber der Kirche stand der Neumond, nach der Seite von St. Paul der Jupiter, die andern Sterne waren noch nicht sichtbar. Auf der Treppe vor der Kirche standen vier braune Mönche, die Thiire war noch offen, ich trat einen Augenblick hinein, nie hatte mich so ein inneres Gefühl in die Kirche getrieben. Dann gingen wir in die Ecke des Platzes vor der Kirche, wo man St. Peter noch besser sieht. In der Stadt wurden die Lichter angesteckt, der Abend war angebrochen, Ave Maria wurde geläutet, und unser letzter Tag in Rom war abgelaufen. Den ganzen Abend gingen Besuche ab und zu, Madrazo, Landsberg, Magnus, Kaselowsky, Elsasser; Soutzos kam noch spät und brachte mir eine Zeichnung, Wilhelm schrieb ein sehr schönes Gedicht für ihn nieder, ich versprach ihm von Neapel aus ein Lied, er war überaus gerührt und weich; er muss irgend ein Leiden haben, wahrscheinlich unglückliche Liebe, der Mensch ist gar zu rührend und melancholisch, „Lebhaft und stille" sagt Elsasser nicht übel von ihm. Kaselowsky zeichnete noch Wilhelm für das Künstleralbum, und eben, zwölf Uhr gingen sie weg, und Mandolinen und Castagnetten durch- ziehn die Strassen. Und eine herrliche, liebe, reiche Zeit ist verflossen! Wie soll man denn Gott genug danken für eine zweimonatliche, ununterbrochene Glückseligkeit! Die reinsten Genüsse, deren ein Mensclienherz nur fähig ist, haben sich gefolgt, fast keine störende Viertelstunde in dieser ganzen Zeit. Kein Schmerz als der, dass die Zeit verging. Das letzte Lebewohl von St. Pietro in Montorio wurde uns nicht leicht. Aber ich habe ein ewiges, unvergängliches Bild in der Seele, das vor keiner Zeit verblassen wird. Ich danke Dir, o Gott! —" Neapel bis Berlin. „Icli habe viel nachzuholen, konnte während der Reisetage nicht schreiben, nicht einmal notiren, da ich kein Buch hatte und die einzige freie Zeit in Albano benutzte, nach Haus zu schreiben, wozu ich noch eine fast unüberwindliche Müdigkeit habe überwinden müssen — und nun sitzen wir in Neapel, und der erste Anblick ist bei Sciroccoluft, Nebel, farblos." — So lautet die erste Tagebuchnotiz nach der Abreise von Rom, und sie ist charakteristisch, gewissermassen symbolisch für die Fortsetzung der Reise. Der Höhepunkt war überschritten; wenn auch aus dem Folgenden sich ergeben wird, dass Fanny Neapel und allem Schönen, was sie noch sehen sollte, volle Gerechtigkeit widerfahren liess, dass Auge und und Sinn noch empfänglich und offen waren, so war es doch eben nur das Auge und nicht mehr das Herz; das hing an Rom und stand, nachdem dies herrlichste Reisekapitel abgeschlossen war, nach Hause. Fanny bewunderte noch die ausserordentlichen Schönheiten, aber die hohe Begeisterung, das tiefinnere Glück, was sie in Rom empfunden, war der pflicht- mässigen Reisearbeit des Sehens und der Sehnsucht nach Ruhe gewichen. Den 2ten Juni 1810 wurde Rom verlassen. Die Freunde nahmen herzlichen Abschied, Bousquet fuhr noch mit in's Albaner Gebirge und durchstreifte dasselbe mit Hensels nach allen Richtungen. Die Gespräche drehten sich vielfach um Gounods religiöse Schwärmerei. 139 die durchlebte schöne Zeit in Rom, und 'die daselbst zurückgelassenen Freunde. Tagebuch. „Gleich hinter dem Campo Annibale fängt ein erquicklicher Waldweg an, der bis zum Gipfel des Monte Cavo sich ausdehnt. Hier auf diesem Waldweg erzählte uns Bousquet Sachen, die uns sehr interessirten. Wir hatten schon mehrere Male von Gounod gesprochen, und Bousquet konnte ihn nicht genug schelten und bedauern, sein Theil an diesen schönen Tagen versäumt zu haben. Da nun erzählte er uns, wie jener sich in religiöse Verbindungen habe liineinreissen lassen, und wie er bei seinem schwachen Charakter davon Alles für ihn fürchte. Der Pater Lacordaire, den ich schon früher von den Franzosen viel hatte nennen hören, der diesen Winter in Viterbo sein Noviziat gemacht und die Priesterweihe empfangen, und nun einige Zeit in Rom leben will, um die Vorbereitungen zur Gründung eines neuen Hauses in Frankreich zu treifen, dieser soll une tete chaude und sehr viel Phantasie haben, und besonders der Künstler zu seinen Plänen bedürfen, durch die er mehr als durch die Geistlichkeit auf das Volk zu wirken hoffe. Lacordaire hatte sich im Laufe des Winters auch um Bousquet und Gounod beworben, und der Letztere, der sein* exaltirt und jedem Einfluss offen ist, soll ganz in seine Ideen eingegangen sein, so dass Bousquet meint, er sehe kommen, wie jener die Musik mit der Kutte vertausche. Bousquet selbst hat seine Besuche beim Pater Lacordaire eingestellt, als er seine Absichten erkannt, denn er sagte, er traute sich nicht Festigkeit genug zu, die Beredsamkeit jenes Mannes sei ganz ungeheuer. Die Verbindung Johannes des Evangelisten in Paris besteht aus lauter jungen Künstlern, die sich zu dem Zweck vereinigt haben, christliche Kunst zur Bekehrung der weltlich Gesinnten zu üben, ohne jedoch Weitere Gelübde zu leisten. Sie haben den Pater Lacordaire um Regeln gebeten, und Gounod soll auch zu dieser Verbrüderung gehören. In Rom ist diesen Winter eine ganze Anzahl junger Leute aus grossen Familien gewesen, welche, zum Theil früher andern 140 Neapel bis Berlin. Berufen folgend, sich nun dem Priesterstande widmen, zum Zweck der Emancipation der Welt auf religiösem Wege. Das ist alles sehr merkwürdig, besonders gegenüber dem grässlichen Materialismus und der unersättlichen Geldgier, welche einen grossen Theil der Franzosen jetzt beherrscht. Es ist die Reaction gegen solche Tendenzen in ihrer grössten Stärke." Brief nach Hause. Neapel, den 9ten Juli 1840. „— — Wenn ich das Beste zuerst bringen wollte, so müsste ich mit der Aussicht anfangen, in der ich die Ehre habe, zu sitzen. Ich will aber lieber historisch mit der Fortsetzung unserer Reise von Albano aus fortfahren, auf der uns Bousquet noch bis Genzano begleitete. Als der noch bei uns war, begegnete uns ein anderer französischer Maler, Bonirote, im Begriff, zu Fuss hierher zu gehen. Die pontinischen Sümpfe haben mir nicht sehr imponirt, es sind nur ein Paar Stellen, wo sie wirklich etwas eklig aussehen; ich war sehr schläfrig und wollte immer nicken, aber Sebastian bewachte mich wie ein Argus und litt es nicht. In Terracina, wo wir nachteteu, ist es plötzlich wunderschön, Palmen und Meer und die gro- teskesten Felsen, an denen die Stadt hinaufklettert, es hat entschieden schon ein viel südlicheres Ansehen als Rom, mein unvergessliches Rom, nach welchem ich auf dem schönsten Balcon in Neapel täglich mit meinem Mann ein zweistimmiges Lied mit oder ohne Worte, wie es kommt, seufze. Ich versichere Euch, es gehörte Charakterstärke dazu, mitten in einem solchen Leben, wie wir es dort führten, abzubrechen; denn alle die verschiedenen Umstände, die dazu gehörten, um es so überaus schön und reizend zu machen, vereinigen sich vielleicht nie wieder. — Terracina hat ein prächtiges, vom Meer bespültes Gasthaus, das wir [in den letzten Strahlen einer glühenden Abendsonne erreichten. Es wird ein Hafen in Terracina gebaut und melireres Andere; eigentlich die erste italiänische Stadt, in der ich bauen sehe. Bei Meeresbrausen assen wir Abend- brod und schliefen wir ein. Am andern Morgen setzten wir Von Rom bis Neapel. 141 unsere Reise fort, ein Eckclien herrlich am Meer entlang, mit üppigster Vegetation, an einem Landsee vorbei, dann in's Land; man verliert das Meer ans den Augen und nur die Nase wird von Zeit zu Zeit von seinem göttlichen Gestanke erreicht, über Fondi und Itri, ein grosser, etwas wilder Bergpass. Bei Gaeta bekommt man das Meer wieder und zugleich schon einen Vorgeschmack von Neapel; die beiden können sich nebeneinander sehen lassen. Das Wirthskaus liegt wieder dicht an der See, ein Orangengarten führt vollends hinunter. Da ist's gut sein! Rechts das Fort Gaeta auf dem Felsen, der weiteste Meerbusen; links das schönste Vorgebirge in sanfter Linie und zartem Duft scliliessend; Cypressen, Pinien, Orangen, Oelbäume bis dicht an's Meer reichend und den schönsten Vorgrund bildend. Das Wetter war himmlisch, die Beleuchtung blendend. Wir frühstückten vortrefflich, hielten dann ein wenig Mittagsruhe in den reinlichen, eleganten Zimmern, von denen eins ein prächtig Eckchen Loggia hat, und erkundigten uns nach den Bedingungen eines Aufenthaltes dort, welche wirklich sehr billig sind, drei Scudi täglich für den schönen Saal mit breitem Balcon und der allgemeinen Uebersicht alles dessen, was ich oben genannt, gerade über der Mitte des Gartens mit Schlafzimmern und aller Beköstigung. Es wäre schon der Mühe werth, was meinst Du, Beckchen? Nachmittag fuhren wir weiter; hinter Gaeta fangen die Hecken von Myrtken, Aloes, wilden Rosen und mehr solchem Pöbel an, der Weinstock klettert in die höchsten Bäume, es ist eine Vegetation wie doli. So eine Hecke sieht aus wie ein ganzer Blumengarten. Wir wollten eigentlich in Capua übernachten, es ging uns aber wie vor Rom, der Abend war herrlich, schönster Mondschein, der sich indess nachher trübte, wir kamen zeitig an, die Ungeduld ergriff uns und wir fuhren ohne Aufenthalt durch nach Neapel, wo wir stracks in die schönste Wohnung fielen, die wir auf der ganzen Reise noch irgendwo gehabt. Sie besteht aus einem wunderschönen Salon und drei Schlafzimmern, ganz leidlicher Aussicht arrf Sta. Lucia, Pizzi Falcone, die Insel Capri, ein Stückchen Meer. Das ist aber nicht das Beste: neben un- serm Salon ist ein zweiter, grösserer, prächtigerer, mit einem 142 Neapel bis Barlin. Balcon von ungefähr sechzig Fuss Länge und fünfundzwanzig Breite. Diese Wohnung gehört dem liebenswürdigsten Engländer, Lord Cavendish; der edle Mann behält sie während eines Badeaufenthalts in Castellamare und der noch edlere Cameriere hat sie gänzlich zu unserer Disposition gestellt. Auf diesem Balcon geht es folgeudermassen zu: drei grosse Glas- thiiren führen hinaus, er ist mit einem Fusshoden von zierlicher Steinmosaik und einem eisernen Geländer versehen; und indem man hinaustritt, sperrt man unfehlbar Maul und Nase auf und sieht links einen Tlieil der Stadt, der sich bis zum Vesuv hinzieht, diesen ganz und gar und in der vortheilhaftesten Lage; die unzähligen Oerter und Landhäuser, die ihn vom Fuss bis zum zehnten Theil seiner Höhe bedecken, den Eremiten am Fuss des Aschenkegels, diesen selbst, der höchst falsch, unheimlich und gräulich in all die Herrlichkeit hineinsieht, gegenüber die wunderschöne Küste von Sorrent mit all ihren Ortschaften (bei klarem Wetter kann ich Landsberg in Castellamare singen sehen), bis zum Vorgebirge la Campanella, so genannt, ■weil in früheren Zeiten hier die Annäherung der Saracenen durch Blockenläuten verkündet ward. Dann ein Stückchen offenes Meer, hierauf Capri, das Castel del Uovo, den Berg Pizzi Falcone und darunter die Strasse Sta. Lucia, die sich im Bogen bis an unser Haus zieht. Der Balcon liegt über dem Meer, unter unsern Füssen befindet sich ein Fischbehälter, aus dem die Sardellen zu unserm Diner täglich frisch gefangen werden; und wenn Du mit alledem noch nicht zufrieden bist, so wende Deine Augen wieder links und sieh die englische Flotte da liegen, drei grosse Dreidecker, ruhig und majestätisch, als wären sie bloss darum hergekommen, unsre Aussicht noch zu verschönern. Sie sind aber gekommen, um in der sicilia- nisclien Schwefelfrage einen gelinden Druck auf die neapolitanische Regierung auszuüben. Die englischen Schaluppen fahren den ganzen Tag mit taktmässigem Ruderschlag hin und her, Tausende von Booten beleben das Meer, das Auge ist beständig beschäftigt und dabei erreicht uns der unerträgliche Strassen- lärm nur ganz von fern und nicht mehr störend, das einzige fortwährende Geräusch ist das liebliche Einförmige der Ruder- Erster Eindruck von Neapel. 143 schlage und das Plätschern der Wellen an der Mauer unter uns. Hier leben wir nun seit drei Tagen wie die verzauberten Prinzen ganz allein, haben auch noch keinen Brief abgegeben, ausser beim Banquier, wo Wilhelm gleich am Morgen nach unserer Ankunft zwei Briefe, von Dir, liebe Mutter, und von Marianne und ihren Kindern, abholte, die uns, Gott sei Dank! nur Gutes brachten. Eben haben mich die Damen M enrico ffre besucht und mir erzählt, das Hotel sei früher das der preussi- schen Gesandschaft gewesen und von der Gräfin L. aus Caprice verlassen und gegen ein viel weniger schön gelegenes vertauscht worden. Es gehört eine starke Dosis Wunderlichkeit dazu, eine Situation aufzugeben, die selbst in Neapel kaum ihres Gleichen zu haben scheint. Vormittags gehen wir aus und haben in diesen drei Tagen schon viel gesehen, Nachmittags haben wir Schatten hier auf dem Balkon, und da ziehe ich ihn jeder anderen Plaisirpartie vor und habe noch immer hier geschrieben, während Wilhelm und Sebastian zeichneten. Abends ist Mondschein, der uns auch gerade recht steht, uns seinen goldenen Wiederschein im Meer zu zeigen und da wird die Scene womöglich noch schöner, als am Tage. Denn ausser dem Mond mit seiner Feuersäule im Wasser und den Sternen sehen wir Licht auf der englischen Flotte, Licht beim Eremiten, auf dem Vesuv, Licht in den Ortschaften weit und breit, Fischerfalirzenge mit Pechpfannen fahren hin und her, verschwinden hinter dem Castell, kommen wieder und ihr rötlilicher Wiederschein macht den des Mondes zum silbernen erblassen. Endlich blinken lichter im Castell und auf Pizzi Falcone und ein dichter Lichtkranz läuft an Sta. Lucia lim bis zu unserem Hause. — Diesen Morgen auf der Treppe des Museums erblickte ich, wen? liebe Mutter, Deine Freundin Pauline Garcia, jetzt Mme. Viardot. Ich erkannte sie anfi der Stelle und wir feierten ein zärtliches Wiedersehen. Leider bleibt sie nur einige Tage und noch leiderer waren wir die letzten Tage in Horn zusammen, ohne es zu wissen. — Liebe Mutter, warum meine Briefe nach Moschus riechen, musst Du die Post fragen, vielleicht lagen sie in der Nachbarschaft irgend eines süssen 144 Neapel bis Berlin. Liebesbriefes, über unsere Schwellen und Nasen ist dergleichen nicht gekommen. Glaubt übrigens, dass wir jetzt herzlich nach Hause verlangen und hier nicht länger bleiben werden:, als nöthig ist. Wir Beide wären am liebsten von Born nach Hause gereist, um diesem grössten Bilde durch keinen späteren Eindruck Nachtheil zuzufügen, wenn man es nur vor sich selbst hätte verantworten können, Neapel nicht zu sehen. Mit herzlicher Freude schreibe ich jetzt auf baldig Wiedersehen. Haltet Euch Alle gesund und lasst uns das Haus in erfreulichem Stande finden." — Montag 8ten Juni, zweiten Pfingstfeiertag, wurde das Fest der Madonna del Arco gefeiert, wovon Robert sein Bild gemalt hat. Wir fuhren hin sieben Miglien landeinwärts, und auf dem ganzen, langen Wege war schon ein unbeschreiblicher Spektakel. Hunderte von Wagen, so und ähnlich, wie Robert sie gemalt, mit grünen Zweigen, Tüchern, Bändern behangen, die Leute drauf mit gabelförmigen Stöcken, an denen Federn, Blumen, Heiligenbilder, Körbe, Löffel und tausend andere Dinge hangen, die sie auf dem Markt neben der Kirche gekauft, Alles geputzt und aufgestutzt, so gut als möglich, Tamburin, Kastagnetten, Gesang und unsägliches Geschrei, und das Alles mit einem erstickenden Staube gewürzt. In der Nähe der Kirche erreicht der betäubende Lärm und das Gedränge eine kolossale Höhe; da . sitzen sie in den Buden und trinken, doch sah ich keinen Excess. Sehr viel ganz afrikanische Physiognomien und negerschwarze Haut bemerkte ich; ein Mädchen schlug Tamburin und lachte dazu mit ganz afrikanischer Wildheit. In der Kirche rutschte ein Mann auf den Knien umher und leckte dabei den ganzen Fussboden ab, ein schönes Gelübde! Wir liessen den Wagen in den Schatten faluen, während Wilhelm herumging, zeichnen. Wir kamen überein, dass dies Fest vortrefflich sich zu einer Friescomposition eignete, denn es ist wirklich ein romantisch baclian- tischer Zug! Dienstag den 9ten Juni gingen wir früh nach den Studien. An den antiken Fragmenten — Mosaiken, Darstellungen, besonders von Thieren in grosser Treue und Natur- Kunstsammlungen. 145 wahrlieit, Malereien, z. B. Abbildungen von Häusern und Gärten in fast französischem Geschmack — ist eine ganze Kunstgeschichte nachzuweisen. Wilhelm war entzückt von dem Farbengefühl in Manchem. Durch einen Garten, in dem zwischen deii Kosen und andern Gesträuchen Fragmente aller Art aus Pompeji aufgestellt sind, gelangt man in den grossen Raum, wo der ungeschlachte Lümmel, der farnesische Herkules und die berühmte Gruppe des farnesisclien Stiers, aufgestellt weniger als untergebracht sind, denn so möchte ich von Allem in den Studien sagen: der Begriff einer würdigen, künstlerischen Aufstellung, die an und für sich wieder ein Kunstwerk ist, wie im Vatican, oder in den Münchener Kunstsammlungen, scheint mir überall hier zu fehlen. Dann besuchten wir das Zimmer, wo die Kostbarkeiten aus Pompeji gesammelt sind, das ist eine recht weiberne Sammlung, und es waren auch mehr Frauen da, als überall anderswo zusammen. Kostbarer Goldschmuck in den geschmackvollsten Formen, unsere Schlangenarmbänder sind daher; Küchen- und Hausrath aller Art, Lebensmittel, wie man sie bei der Ausgrabung gefunden, Eier, Brod, Wein, Reis, Oel mit den Gefässen, in denen es sich befand, die Börse, welche das Skelett in der Hand hielt, das man die Frau des Diomedes genannt und das auch reichen Goldschmuck trug; geschnittene Steine; die Becher und Ge- fässe, zum Tlieil in dem Styl, der nachher von Benvenuto Cellini wieder aufgenommen; man könnte es für Florentiner Arbeit des löten Jahrhunderts halten. Wie ungeduldig bin ich, Pompeji selbst zu sehn. Dann gingen wir in die Ge- mäldegallerie; die bekannte heilige Familie von Raphael ist wunderschön! Besonders die heilige Elisabeth, gewiss die schönste alte Frau, die je gemalt worden, so lieblich, mild und doch alt. Das giebt kein Kupferstich und keine. Kopie, sowie kein Fremder leicht die letzte Feinheit einer Aussprache lernt. — Abends las ich zu Haus französische Zeitungen, Verhandlungen über den Transport von Napoleön's Asche. Als ich nachher wieder auf den Balkon trat und die Mondnacht sah und die Feuer auf den Schiffen und die Lichter ringsum Die Familie Mendelssohn. II. 20 146 Neapel Ms Berlin. und die stille Feierlichkeit der Natur, kamen mir alle Zeitungen so widerwärtig vor, wie noch nie. Donnerstag den Ilten Juni früh meldete sich Bonirote und trank mit uns Kaffee. Den haben wir nun also in den Hauptstädten Venedig, Rom und Neapel gesehen. Er hat mit zwei andern Malern die Reise hierher zu Fuss, zu Esel, mit einem sehr schofeln Vetturin, auf alle Weise gemacht. In den Studien trafen wir uns wieder, und er ging mit uns herum: zuerst in die Sammlung antiker Gläser und Terra- cotten; grosse Statuen aus gebranntem Thon, eine ungeheure Sammlung Lampen, Dachziegel, Brunnenröhren, Küchen- und Hausgerätli. Zwei grosse Glasgefässe sind noch gefüllt, man weiss nicht, womit. Hierauf in die Sammlung pompejanischer und herkulanisclier Broncen, nach meinem Geschmack die interessanteste von allen. Hier muss man wirklich Geschmack, Phantasie, Zweckmässigkeit und Reichthum der Alten bewundern, von solchem Luxus hatte ich keinen Begriff; und wenn man nun bedenkt, dass in einem kleinen Landstädtchen, wie Pompeji, die Möbel mit Silber ausgelegt, die Küchengeräthe nicht verzinnt, sondern versilbert, und jedes kleinste Stück mit künstlerischem Geschmack in der vollendetsten und zugleich zweckentsprechendsten Form angefertigt ward, so kann man daraus auf das scliliessen, was der Zeit in Rom, Syrakus und andern Hauptstädten zu sehn war. Diese Sammlung ist auch vernünftig aufgestellt und gut zu übersehen. Natürlich vermehrt sie sich täglich, wie die andern pompejanischen Gegenstände, sowie die Ausgrabungen fortschreiten, und in diesem Zustand des Werdens liegt auch ein grosser Reiz. Mir fielen auf, zwei wunderschöne Eimer, Tempelgefässe; die Henkel bilden, niedergelegt, einen zierlichen Rand, mit Silber ausgelegt; mehrere Sitze von Senatoren; andere Sitze von Bronce mit herrlichen Thierköpfen, sehr hoch, sie müssen Fusstritte gehabt haben, um sich drauf zu setzen. Eiserne Bettstellen, sehr schmal, dienten zugleich als Sophas, 4 bis 500 Lampen, keine der andern gleich, selbst die an einem Mittelstück hängen, oft vier, alle verschieden. Die hohen Gestelle, auf denen sie meist stehen, zum Theil Bäumen nach- Pompejanische Alterthümer, 147 gebildet, sind überaus zierlich und schön; aii andern sind durch sinnreiche Vorrichtungen die Fiisse abzunehmen, um sie bequemer zu tragen. Elastische broncene Henkel an den Wasserschaalen für die Tempel, ebenfalls loszumachen, um sie besonders zn tragen. Eine Vorrichtung, das Verschütten zu verhüten. Eine vollständige Theemaschine mit nachahmens- werther Einrichtung. Tausend kleine Gegenstände, die fast unverändert diese zweitausend Jahre im Gebrauch geblieben sind, Schloss und Schlüssel, Fingerhut, Würfel, elfenbeinerne Nadeln zu weiblicher Arbeit, Tlieaterbillets von Thierknochen mit Darstellungen, Kasserollen, Löffel, tragbare Kocliöfen, überaus hübsch und zierlich eingerichtet, Wiegeschaalen und Gewichte, — es sah damals gar nicht so sehr anders in der Welt aus, als [man meist denkt; nur, dass Alles eben eine Zierlichkeit [und Pracht zeigt, die unsern entsprechenden Ge- rätlien abgeht. Man würde kern Ende finden mit Aufzählung aller interessanten Gegenstände. Dann kommt die Vasen- sammlung. Um diese recht zu goutiren, braucht man Kenntnisse, die mir ganz abgehen, zur Bestimmung der feinen Unterschiede der einzelnen Städte und Fabriken, was Kennern eine grosse Befriedigung gewährt; so unterscheiden sich die Vasen von Nola durch einen reicheren, zarteren Firniss. Aber ich bin unwürdig darüber zu sprechen, denn mir gefällt oder missfällt nur ganz dumm, nach dem Gefühl, was mir grade schön oder unschön vorkommt und damit ist gar nichts gesagt. Es ist übrigens eine ungeheure und überaus vollständige Sammlung, Reihen von Vasen haben sich in den Gräbern gefunden, welche überhaupt die meisten bis zu dein heutigen Tage aufbewahrt haben. Es sind auch mehrere Modelle solcher Gräber aufgestellt. Ein Kriegergrab aus Pästum ist inwendig mit Figuren im Vasenstyl bemalt. Ein ganzer Kirchhof ist hier in Neapel in der Nähe der Studien aufgefunden worden. Zuletzt besuchten wir noch eine andere Broncensammlung, die der Statuen, die auch sehr schöne Sachen enthält. Mehrere lebensgrosse Konsuln und Frauenstatuen, einen ganz kolossalen, prächtigen Pferdekopf, ein minder grosses, ganzes Pferd, das zu einer Quadriga auf dem Frontispice des Theaters von Her- 10* 148 Neapel bis Berlin. culanum gehörte, aber allein -wieder hat zusammengesetzt werden können; aus dem Rest jenes grossen Pferdekopfes hat ein Bischof Glocken giessen lassen!! — Ein liegender Faun. Ein Mercur, im Begriff den Argus zu tödten. Gegen Abend fuhren wir, nach einem starken Gewitter, bei aufgeklärtem Himmel durch den Toledo, immer steigend nach Capo di Monte, wo sehr elegante Landhäuser stehen und man eine herrliche Aussicht hat; die Stadt liegt reich und gross da; der Berg von St. Elmo hat einige entfernte Aehn- lichkeit mit dem Monte Mario, den ich oft verläumdet, und nach dem ich mich jetzt jeden Abend sehne. Wir fuhren bei herrlichem Mondschein herein, durch den Toledo Schritt für Schritt, wegen der dummen Soldaten, die einen hier Tag und Nacht inkommodiren. Wenn ich König von Neapel wäre, ich wiisste auch etwas Anderes als Exerciren und Manövriren, um mir die Zeit zu vertreiben. Auf unserm Balkon war's diesen Abend ganz besonders schön; der Mond stand gerade vor uns über der Küste von Sorrent und warf seinen breiten Goldscliimmer über das ganze Meer, dann theilte sich der Glanz, hinten an der Küste war ein breites Lichtmeer, dann dunkel, vorn wieder ein glitzender Goldschimmer, nicht unähnlich den Glühwürmern, wenn man sie, wie auf dem Pincio, in Masse sieht. Wenn Kähne durch den Liclitstreifen fuhren, fing es an, um sie zu funkeln, lange ehe sie ihn erreichten, und dauerte wiederum lange, nachdem sie ihn verlassen hatten, sie zogen einen breiten Lichtstreifen hinter sich her; noch wunderbarer war's, wenn sie durch den dunkelgebliebenen Theil des Meeres fuhren; dann riefen sie das Licht hervor, das nun auf dem dunkeln Meer ganz phantastisch hinter dem schwarzen Schiffchen herzog. Die täglichen drei Feuermännchen, die hinter dem Kastell hervorkommen und wieder dahin zurückgehen, fehlten auch nicht. Unter solchen Umgebungen wird das Gewöhnlichste zum Märchen. Hätten wir diese Wohnung in Rom gehabt, wo unser kleines Stiibchen oft zum Erdrücken voll. war! Hier leben wir wie die verwünschten Prinzen in diesen weiten Räumen." Ischia. 149 Brief und Tagebuch: „Liebe Mutter, liebe Geschwister! In dieser Woche haben wir einige der hiesigen Haupt- und Staats-Aktionen abgemacht, Ischia und den Vesuv. Sonntag bestiegen' wir das Dampf boot nach Ischia; die Fahrt ist herrlich und dauert mit dem sehr langsam gehenden Schiff über drei Stunden. Man passirt die Spitze des Posilipp, Nisida, Puzzuoli, Bajä, Cap Hisen, mit einem alten Warttliurm auf der Spitze, links behält man Capri und die Küste von Sorrent, zieht dann der Länge nach an Procida vorüber, welches auf der ersten Spitze ein grosses Gebäude, den Bischofsitz, trägt, die Stadt liegt zwischen Meer und Berg und hat ein eigenthiimliches, sehr südliches, fast morgenländisches Ansehen. Die Frauen tragen ein dem neugriechischen ähnliches Costiim; wir haben welche bei der Madonna del Arco geselin. Mit Procida zugleich darüber, dahinter, daneben hervorsehend, naht Ischia. Mit jeder Minute schieben sich die Küsten, Vorgebirge, Inseln und Orte anders und die interessantesten Ansichten wechseln und folgen sich so schnell, dass man kaum Zeit hat, sie in's Auge zu fassen, trotz des sehr langsamen Fahrens. Der Vesuv mit seinen zwei Köpfen spielt überall die Hauptrolle. Bei Ischia angekommen, muss man eine doppelte Quälerei bestehen; erst von Kähnen, die einen an's Land setzen wollen; die setzen aber wieder nicht ganz an's Land, sondern zehn Schritt tief in's Meer stürzt, heulend und schreiend wie gewöhnlich, die halbe Bevölkerung Iscliia's an Menschen, und die ganze an Eseln und bälgt sich um die Ehre, die Landung zu vollenden; so steigt man aus der Barke zu Esel und reitet aus dem Meer und gleich weiter. Auf Ischia hat man den dicken Süden noch mehr als in Neapel; die Felsen sind mit einer wildwuchernden Vegetation von indischen Feigen, die wie Bäume gross werden, Aloes, Granaten und Wein bedeckt; dazwischen immerfort der Blick auf das blaueste aller Meere, die weissen Häuser und Weingartenmauern, — man fühlt wirklich, dass man weit vom Kreuzberg ist. Wir bekamen ein sehr gutes Frühstück und ruhten ein wenig, denn es war sehr lieiss, und mir sank der Mutk bei 150 Neapel bis Berlin. dem Gedanken, in den Mittagsstunden die Insel zu umreiten. Nachmittag ritten wir ein wenig umher, bergauf, bergab, zwischen Weinbergmauern, ohne allen Schatten, aber beständig von der unsäglichsten Fülle einer tollen Pflanzenwelt umgeben, die alle Felsen bedeckt und den Vorgrund zu den entzückendsten Fernblicken bildet. Als wir nach dem Hafen kamen, konnte ich nicht weiter, wir hatten noch über eine Stunde unter einem zahllosen Lazzaronipöbel zu warten. Um fünf schifften wir uns wieder ein, und hatten in der Abendkühle eine herrliche Rückfahrt, mit Sonnenunter- und Mondaufgang; die Berge hatten den Mond erst wie eine Nachtmütze auf, bis er höher stieg und das Meer zauberhaft beleuchtete. Sehr müde kamen wir nach Haus, Neapel ist eine diabolische Stadt, Staub, Lärm, Fahren und Drängen machen mich todt; indessen brachte ein Ruhetag wieder alles in Ordnung und befähigte mich zu der Vesuvpartliie, die wir uns eigends für unsers Sebastels Geburtstag, der glücklicherweise nur einen Tag nach Vollmond fiel, vorbehalten hatten, um ihm ein un- vergessliches Andenken an sein zurückgelegtes zehntes Jährchen zu sichern. Man fährt durch Portici, einen grossen eleganten Ort, dem sich Resina gleich anschliesst; hier mussten wir uns in Ermangelung, von Eseln aufs hohe Pferd setzen und eine der ermüdendsten Partliieen begann. Man reitet erst etwa zwei Stunden zwischen Weingärten bergan, Granaten, Orangen und Feigen kucken über die Mauern, alles ist sehr fruchtbar und schön. Dann erreicht man die Laven; wir ritten über die vom vorigen Jahr, welche über Weingärten hinging, und deren noch frische Zerstörungsspuren in ausgerissenen Bäumen und schwarzem schlackigen Erdreich sichtbar sind; diese Lava ist noch nicht vollkommen erkaltet. Dann kommt ein Stückchen bitterbösen Felsenweges, von demselben Gestein, das Hercu- lanum bedeckte und auf dem heut Portici steht, und hierauf erreichten wir die Hochebene, auf der das Haus des sogenannten Eremiten steht, und schöne Bäume; man hat schon hier eine herrliche Aussicht; man kann die Inseln so prächtig sehn, und ihr Grössenverliältniss zu einander; und da erscheint denn Iscliia sehr mächtig, Procida auffallend klein. Auch Cap Misen, Vesuv. den Fosilipp und diese ganze Seite übersieht man vortrefflich, die andere aber nur von Sorrent abwärts; Castellamare bleibt noch verborgen. Wir ruhten einen Augenblick und ritten weiter. Bald hört alles Lebendige auf, und man geräth in den Teufelsspuk, und hört die Lavaströme rechts und links nennen, wie sie in den verschiedenen Jahren herabgekommen. Am Fusse des sogenannten Aschenkegels steigt man ab, und diese letzte Höhe hinauf liess Wilhelm mich tragen. Man spart auf diese Weise allerdings Beine und Lungen, wenn Ihr aber denkt, dass es bequem ist, diesen höllischen Berg in irgend einer Art herauf zu kommen, so irrt Ihr Euch sehr, anzi, sehr ängstlich ist es, sich so schleppen zu lassen, da selbst die geübten Füsse der Träger zwischen dem losen Ge- rümpel der Stein- und Lavablöcke den fast senkrechten Gipfel hinan beständig abrutschen, und ich kann nicht läugnen, dass mir das Herz ein paarmal in die Hosen flel. Fast eine Stunde dauerte diese Thierquälerei, dann waren wir oben, in Satanas Hauptquartier auf einer asciiigen, steinigen Ebene, wo man den Rauch aufsteigen sieht. Der höchste Aschenkegel, wie er jetzt grade ist (denn er wechselt häufig die Form), bleibt links liegen und wird nicht erklettert. Von da näherten wir uns dem Krater mit unbeschreiblicher Neugier, und „mit Erstaunen und mit Grauen" sahen wir hinein. Welch' eine Teufelswirtli- schaft! Schwefelgestank, die tollsten Farben, wie man sie anderswo in der Natur nie sieht, grün, gelb, roth, blau, lauter ■giftige Töne, im Grunde des Kessels ein unheimliches Aschgrau, ein bald feinerer, bald dickerer Rauch, der aus allen Ritzen dringt und, Alles überziehend, dennoch Alles durchblicken lässt, und mit jedem Schritte, den man thut, ändert sich die Ansicht und wird der Anblick gräulicher. Zacken und Spitzen überall, die Krater früherer Eruptionen. An der entgegengesetzten Seite des Kessels angekommen, ersteigt man einen jener höllischen Hügel und hat hier eine Aussicht von überwältigender Schönheit: den ganzen Meerbusen von Neapel, alle Inseln, die herrliche Biegung der Küste bei Castellamare, alle Ortschaften bis zur Campanella, alle Gipfel der Felsen dahinter, Torre dell'Annunziata, von wo man den weissen Weg nach 152 Neapel bis Berlin. Pompeji führen sieht, das ich also, mit heiliger Scheu, zum ersten Mal von der Höhe des höllischen Thrones in ziemlicher Entfernung liegen sah. Wendet man sich, so hat man unter sich einen weiten Krater, den von 1834, dahinter eine spitze zackige böse Felswand, die sich hei dem Ausbruch erhob, in dem Pompeji und Herculanum zu Grunde gingen, drüber hinaus eine Menge Ortschaften in der Ebene, und endlich die Bergreihen der Abrnzzen. Links, wenn man das Gesicht der Sonne zugewendet hat, erhebt sich ein gräulicher Schwefel- und Lavaberg, gelbgrünlich und grimmig aussehend, falsch und böse,, wie die Hölle selber. Die Sonne ging schön und glühend unter, der Rauch ward leise gefärbt und wir sahen das Feuer unter den Steinen und in den Spalten brennen, manche Stellen waren so lieiss, dass man nicht darauf stehen konnte. Dabei ist der Berg jetzt ganz ruhig, der letzte Ausbruch anderthalb Jahr her. Nach Sonnenuntergang traten wir den äusserst beschwerlichen Rückzug an. Ich hatte keinen Muth, mich den Aschenkegel hinuntertragen zu lassen und gab lieber meine Füsse preis. Ihr habt aber keinen Begriff, was es heisst, diesen Berg hinunterzusteigen. Sie wählen dazu die Seite, wo die lose Asche liegt mit weniger Steinen, als an der, wo man aufsteigt. Es ist eine grauliche Parthie, man versinkt bis an die Kniee in die Asche, ist in Wolken eingehüllt, die Schuh füllen sich bei jedem Schritt, so dass man sie nicht mehr schleppen kann, man fällt, watet, keucht; die Andern kamen mir weit voraus, ich kam nicht mehr aus der Stelle und blieb mit meinem Führer weit zurück, völlige Dunkelheit brach ein und ich lernte das Gruseln. Zitternd vor Müdigkeit kam ich endlich den Andern nach. Obgleich diese schlimmste Stelle nur etwa zehn Minuten herabzusteigen dauert (derselbe Theil, den man in einer Stunde erklimmt), so versichere ich Euch, ich werde an diese zehn Minuten denken. Unterdess war es völlig Nacht geworden, wir stolperten noch eine Weile über Stock und Stein, bis wir die Pferde erreichten, die uns zum Eremiten trugen. Hier ruhten wir etwas unter freiem Himmel, bei mildester Luft, der Mond war inzwischen aufgegangen und die Nacht wunderschön; wir assen von einem steinernen Tisch Vesuv. Sehnsucht nach Rom. 153 mitgebrachtes kaltes Abendbrot!, tranken laarymae Christi dazu und ritten darauf hinunter nach Resina, wo wir den Wagen fanden, der uns um halb eins nach Neapel brachte. Ich kann Euch versichern, Stadt, Wagen und Stühle und vor Allem mein Bett, gefielen mir unbeschreiblich wohl; diese edelen Anstalten lernt man doppelt schätzen, wenn man den Teufel und seine häuslichen Einrichtungen so ein bischen in der Nähe hat kennen lernen. Aber es ist ein nicht zu vergessender Eindruck! Die Hauptsachen abgerechnet, werde ich wohl aus Neapel als ein ziemliches Gänschen wieder fortfliegen; ich bin froh, wenn ich unsern stillen, kühlen, schönen Balkon nicht zu verlassen brauche, die Stadt ist infernalisch; man möchte sagen, die Einwirkung des Vesuv erstrecke sich bis hierher; so schön es ist, hier möchte ich nicht leben. Dagegen sehnen wir uns alle Tage nach Rom zurück und mitten in den grössten Herrlichkeiten, die uns hier umgeben, seufzen wir danach. Wir fühlen wohl, dass wir ein zu grosses Stück Herz in Rom gelassen haben, um andres noch ganz und gar zu gemessen. Sind wir nur erst bei Euch zu Hause, so wird sich das ganze Herz schon wieder zurechtfinden. Hier sind wir nur halb und mehr mit den Augen als mit der Seele. Du hast wohl Recht, liebes Beckchen, wenn Du in meinen Briefen die Geschichte derer liesest, die sich in Rom selbst vergessen. Nur eins begreife ich nicht, wie man auch dort Menschen findet, die mit diesem Höchsten und Herrlichsten nichts anzufangen wissen. Für jeden Menschen, der irgend Geist oder Bildung hat oder wünscht, muss Rom unbeschreiblich anziehend sein, selbst für den, der einen geistreichen Müssiggang liebt. Nur für den eigentlichen leeren Dandy ist nichts • da zu thun, und ich habe auch solche liebenswürdige Saperloter da gekannt, die vor langer Weile nicht wussten, wo sie sich hinthun sollten. Ach! verzeiht, wenn ich Euch ennuyire; ich habe heut mein römisches Tagebuch wieder durchgeblättert und da will mir Neapel gar nicht schmecken, und ich lebe recht eigentlich in Rom weiter. „Ach! es war wolil schöne Zeit;" das habe ich in dieser schönen Zeit viel tausendmal gesagt 154 Neapel bis Berlin. und gesungen. Erst haben wir alle Charakterstärke , die wir besassen, zusammengenommen, tun loszukommen, und nun tlmt es uns leid, dass wir fort sind, und wir wünschen, wir wären noch dageblieben und wünschen uns zugleich nach Haus, um in die gewohnten, lieben Umgebungen zu kommen, dort nacli- zugeniessen und Euch mitgeniessen zu lassen. Nun genug Rom! Was hilft es Euch und mir? Ihr kennt es nicht und ich kann nicht dahin zurück. Wie lange, so sprechen wir uns, das Jahr der Trennung ist vorüber, aber auch ein Jahr des Lebens, — La vita fugge e non s'arresta uriora, — und das Leben ist mir nie lieber gewesen, als jetzt." Brief und Tagebuch. Neapel, lOten Juli 1840. „Wir sind vorgestern Abend spät von einer sechstägigen Exkursion zurückgekommen, liebe Mutter, den Tag vorher hatten wir Deinen Brief vom 8ten mit den Details über den Tod des Königs erhalten, die uns sehr interessirt haben. Das Faktum selbst hatten wir schon früher erfahren. Wir werden Manches verändert finden, möge es zum Guten sein. Unsere Exkursion haben wir a la Student gemacht mit einem Nachtsack, einem Gott, einem Kleid, aber nicht einem Pferd, sondern mit zahllosen Eseln, einigen Barken und verschiedenen sonstigen Fahr-, Eeit-, Geh- und Traggelegenheiten. Der erste Tag war der einzige abenteuerliche. Wir fuhren Morgens bei stiller See auf einer vierrudrigen Barke von hier fort auf Capri los, das man gewöhnlich in vier Stunden erreicht. Mitten drin aber erhob sich Gegenwind, und nachdem wir drei Stunden gefahren waren, erklärten die Schiffer, sie würden Capri nicht erreichen können. Wir entschlossen uns nun nach Sorrent zu gehn, wohin der Wind günstig stand, und segelten eine Stunde lang frisch darauf los, dann drehte sich der Wind und stand uns wieder entgegen, das Segel musste eingezogen werden, und nun begann eine verdammte Parthie! Die Ruderer kämpften mit den Wellen und kamen nicht aus der Stelle, und um drei waren wir noch ziemlich Sorrent. 155 auf demselben Punkt, wie um zwölf. Die Leute ermatteten, die Wellen gingen sehr hoch, wir waren ganz mit Salz überzogen, die Stricke an den Rudern rissen entzwei, sodass alle Augenblicke still gehalten werden musste und bei dem Schaukeln kehrte sich jedesmal Herz und Magen um und um. Erst schien es, als würden wir ganz nach Meta hingetrieben, zu weit links, dann kamen wir viel zu weit rechts nach Massa hin; das waren fatale Momente, und auch der, wo die Leute nach Wein riefen, um die Anstrengung noch auszuhalten, und wo sie ihr Losungswort Maccaro , womit man sonst einen Neapolitaner zu Allem bringen kann, aufgaben, und die Santissima Madonna um Hülfe anriefen; ich glaubte einige Augenblicke, wir würden ins Gras zwar nicht, aber ins Salz beissen müssen, und las schon in Gedanken den höflichen Brief, worin Meuricoffre dem Hause Mendelssohn et Co. den Untergang de l'aimable famille Hensel anzeigt. Endlich, nach achtstündigen Anstrengungen gelang es, das schützende, unterhalb Sorrent's vorspringende Vorgebirge zu gewinnen, und nun waren wir geborgen und fuhren längs der Küste; es war sehr angenehm, das wunderschöne Land mit seinen Höhlen am Meer, semer reichen Bogenarcliitektur und herrlichen Vegetation in der Nähe zu sehn, und dabei das wohlige Gefühl der Errettung aus einer wirklichen Gefahr. Das liess uns Ermüdung und Hunger vergessen. Nach achtstündigen Anstrengungen liefen wir glücklich in den Hafen von Sorrent ein im Zustande der Einpökelung, denn unsere Gesichter und Hände waren mit einer völligen Salzkruste bedeckt und statt des Salpeters hatte die Sonne die Mühe übernommen, uns zu röthen. Donnerstag blieben wir in Sorrent, um auf günstigen Wind für Capri zu warten, machten einige Reitparthieen nach verschiedenen Höhen mit schönen Aussichten — die Berge sind hier überall dicht mit blühenden Myrtengebüschen bedeckt — es blieb aber schlechtes Wetter, Sturm, Staub und schwüle Hitze, das Meer sah bös und grau aus, und da sich auch Freitag früh keine günstigeren Aussichten für Capri zeigten, so gaben wir dies definitiv auf und setzten unsern Weg nach Amalfi fort. Man überschreitet den hinter Sorrent liegenden 156 Neapel bis Berlin. Höhenzug-, wendet liier dem Golf von Neapel den Rücken — man hat oben den herrlichsten Blick auf diesen in seinem ganzen Umfang mit allen Inseln und zugleich auf den Golf von Salerno mit den Sireneninseln, dem man sich nun zuwendet und auf einem recht beschwerlichen Weg zu Fuss wieder ans Meer hinabsteigt an den kühnsten und groteskesten Felsengestaltungen vorbei. Unten schifften wir uns in einer sehr flachen kleinen Schifferbarke ein und ich bekam wieder Manschetten, es ging aber Alles gut. Die Fahrt ist unbeschreiblich schön; Capri und die Sireneninseln behält man immer in Sicht und fährt dabei an der reichsten Küste hin. Ungeheure Felsen ragen in's Meer, viele Vorsprünge, Höhlen, Orte hoch oben in den Bergen, Fischerhütten unten am Meer, und nun, wenn man um die letzte Spitze biegt, die über alles schöne Lage von Amalfi, welches vom Berge hinab bis in's Meer steigt. Wir gingen gleich hinauf nach der originellsten Kneipe, die es vielleicht in der Welt giebt, nämlich das Kloster San Francesco, welches vor einiger Zeit aufgehoben und zum Wirthshaus eingerichtet wurde, jetzt aber in Kurzem wieder den Frati zurückgegeben wird. Wir gehörten noch zu den letzten Glücklichen, die darin wohnen konnten. Eine himmlische Aussicht hat man auf Meer, Stadt und Berge aus jedem Fenster und besonders von der Terrasse, auf der wir den Abend zubrachten. Ein schöner Klosterhof, Kreuzgänge, eine grosse Felsenhöhle, die kleinen Schlafzellen, in deren jeder nur ein Bett stehen kann, ä la Mönch, alles das ist fremdartig und erhöht den Eindruck der wunderschönen Gegend. Walter, Du sollst einmal ratlien, Avas wir in Amalfi gegessen haben; und wenn Du es nicht kannst, soll Deine Mutter rathen, und Avenn die es auch nicht Aveiss, AA 'ill ich Euch erzählen, dass es die ersten Pellkartoffeln waren. Wir assen sie mit solchem Appetit, dass uns der Junge, der bediente, ganz verAViindert ansah; und als Avir die grosse Schüssel rein aufgeputzt hatten, frug er, ob wir noch mehr „ patate" beföhlen, Avorüber wir in ein unauslöschliches Gelächter ausbrachen. Sebastian's Herz aber Avar gerührt, und er'sagte, es käme ihm vor, als wäre er in Berlin. Ich konnte das Amalfi. Salerno. Pästum. 157 schon weniger finden. Vom Kloster in die Stadt zn kommen, muss man die wunderlichsten Lokale passiren, Treppen, dunkle Gänge, Mühlen, kleine närrische Strassen; dann tritt man auf den Markt von Amalfi mit der Kirche, zu der viele Stufen hinaufführen, und wovon Catel das schöne Bild gemalt hat. Sonnabend früh stieg Wilhelm allein nach Kavello hinauf, einer kleinen Stadt im Gebirge, die von sehr interessanter Bauart sein soll, für uns ward die Parthie zu beschwerlich befunden, hierauf machten wir eine wunderschöne Küstenfahrt nach Salerno hin, die See war wie ein Lamm, und wenn sie sich so beträgt, ist es wirklich das grösste" Vergnügen von der Welt, sie zu befahren. Der Dom von Salerno, eins der ältesten Bauwerke, muss wunderschön gewesen sein. Der Vorhof mit Bogenarcliitektur und antiken, ungleichen Säulen, das Heiterste, Prächtigste, was man sich denken kann, von dem tollsten Ungesclimack des vorigen Jahrhunderts bis zum Unkenntlichen entstellt. Im Innern der Kirche umkleiden grobe, dumme Pilaster gewiss die schönsten Säulen, wie im Lateran. Die Kanzeln zum Ablesen der Episteln und Evangelien sind herrlich , im Geschmack derer von San Lorenzo, aber noch schöner; einige Stücke des reichsten Mosaikfussbodens gleichfalls ähnlich, wahrscheinlich war die ganze Kirche inwendig so bekleidet, es muss eine Pracht ohne Gleichen gewesen sein. In der Sakristei, oder vielmehr einer Polterkammer, die aussieht wie eine Theatergarderobe, befindet sich ein prachtvoller elfenbeinerner Altar mit biblischen Vorstellungen. An der Thür die Säulen ruhen auf Löwen. Sonntag machten wir die Parthie nach Pästum, sahen den berühmten Tempel und die Aussicht auf den ganzen, grossen Golf von Salerno, — leider darf man sich der Fieberluft wegen nicht lange aufhalten, — und fuhren noch denselben Abend bis Castellamare und begrüssten mit Freuden unsern alten Vesuv, der im schönsten Abendlicht dalag. Montag früh auf Eseln nach Pompeji bei trübem, dickem Scirocco. Eine von den Erfahrungen, die man nicht ohne eine innerliche, wenn ich so sagen darf, ernste Scheu und heilige Neugier machen kann. Keiner von uns sprach ein lautes 158 Neapel bis Berlin. Wort. Die Möglichkeit des Ereignisses wird Einem sehr klar, wenn man vorher den Krater nnd die Lage des Ortes von oben gesehen, und nun seine Stellung zum Vesuv von den Strassen aus betrachtet. Man sieht ihn natürlich von der entgegengesetzten Seite wie in Neapel, so dass der Aschenkegel links steht. Die gewisse grauliche Wand, die aufstieg, als Pompeji unterging, liegt vorn zu Tage. Er sieht höchst drohend, unheimlich und gewaltig in die stillen Strassen hinein, und man kann nichts Ernsteres sehen, als diesen grimmigen Verderber, noch mit derselben Kraft ausgerüstet, um jeden Augenblick dasselbe Unheil anzurichten, und diese redenden Beweise seiner vor achtzehn Jahrhunderten begangenen grössten Unthat. Die Berge von Asche und kleinen Steinen, die rings um die aufgegrabenen Häuser gehäuft liegen, rücken Einem vollends das schreckliche Ereigniss so lebendig vor die Augen, als oh es gestern geschehen wäre und wir die dort Begrabenen persönlich gekannt hätten. Von manchen Punkten liesse sich ein herrliches Bild des Vesuv's mit pompejanischem Vorgrunde aufnehmen, was meines Wissens noch nie geschehn. Wir traten durch die Alleen von Thränenweiden in die Gräberstrasse ein; viele Marmordenkmale sind noch so erhalten, als ob sie heut aus der Werkstatt kämen. Im Hause des Diomedes ist ein grosser Keller, worin der Eindruck des Kopfes und der Arme des Skeletts zu sehen ist, das gegen die Wand gelehnt gefunden worden. Es waren übrigens in diesem Keller eine Menge Skelette, und sie müssen hier eines grausamen Todes gestorben sein, denn durch die engen Kellerluken konnte die Asche nur langsam eindringen, und so haben sie gewiss grosse Martern leiden müssen. Die Bauart der Häuser ist zu bekannt, als dass ich Euch etwas darüber sagen sollte; übrigens bringe ich eine sehr treue- Aquarelle des sogenannten „Hauses des Dichters" von Bonirote mit. Der mittlere freie Hof mit der durch Säulen gestützten Pergola, wie er sich in fast allen Häusern findet, ist allerliebst. In der Malerei der Alten gefällt mir Vieles gar nicht und erscheint mir geschmack- und styllos, Wilhelm gab mir darin Recht. Namentlich eine gewisse Art dummer Guirlanden und Pompeji. 159 magerer Pflaster, die "beständig vorkommen, gefällt mir nicht, auch nicht das Küchenroth, womit die meisten Wände angestrichen sind. Ihre Geräthe sind dagegen durchweg schön und in noblem Styl. Ihre Mosaik- und Muschelgrotten finde ich fast hässlich, wogegen die meisten Fussböden zierlich und geschmackvoll sind. Die öffentlichen Gebäude, das Forum, die Basilika erscheinen schön und grossartig, besonders im Ver- hältniss zu den pygnräisch kleinen, ganz aufs Leben im Freien berechneten Wohnhäusern; Tragödien- und Komödientheater, beide sehr wohl erhalten, und die Konstruktion durchaus deutlich. Ich möchte wohl wissen, wozu die Alten das Parterre benutzt haben, ausser für die Musik, die gewiss nicht den ganzen Kaum einnahm, da Spontini damals noch nicht Kapellmeister war, und leer, wie die albernen Ciceroni sagen, ist es noch weniger geblieben, dazu waren sie viel zu ökonomisch mit dem Raum. Das Amphitheater ausserhalb der Stadt ist ebenfalls sehr wohl erhalten. — Mir ist sehr vieles räthselhaft hei der ganzen Sache. Das im Museum ausgestellte Geräth aus Pompeji steht durchaus in keinem Verhältniss zu der Menge der bereits aufgedeckten Häuser und namentlich sind fast gar keine eigentlichen Möbel da. Wo sind sie geblieben? Haben die Einwohner vorher Vieles geflüchtet? Das ist nicht wahrscheinlich, da der Ausbruch ziemlich plötzlich erfolgte. Sind sie nachher gekommen und haben die Aschenberge nach ihren Sachen durchsucht? Warum haben sie dann die einmal freigemachten Häuser nicht gleich bewohnbar gemacht? Diese beiden Erklärungen wollen mir nicht passen. Ungefähr zehn Jahr vor dem Untergang Pompeji's wurde die Stadt von einem schweren Erdbeben heimgesucht. Sollten die Einwohner damals zum Tlieil geflüchtet und nicht wieder zurückgekehrt sein? Auch schwer glaublich; es würden dann hauptsächlich die Wohlhabenden den Platz verlassen haben, und grade Luxusgegenstände findet man genug, es fehlt der gewöhnlichste Hausrath, auch würde man dann die Häuser nicht alle aufrecht stehend gefunden haben. Ich bin begierig, einmal Jemand über diesen Punkt zu fragen, der sich damit beschäftigt hat, etwa den Professor Zahn, neben 160 Neapel Iiis Berlin. dessen Namen im Fremdenbuch in Amalfl Jemand geschrieben hat: „ist hohl". ■— Nachmittags gab uns Landsberg eine Eselfete und ritt uns spazieren nach herrlichen Aussichtspunkten (auf den schönsten sind regelmässig Klöster gebaut), durch schöne Waldparthieen. Um acht setzten wir uns in den Wagen und fuhren nach Neapel zurück. Es war Festtag und in Torfe del Annunziata und Torre del Greco grosser Skandal; man glaubt nicht, wie bevölkert alle die kleinen Nester sind. In Portici Feuerwerk, Erleuchtung, Teufel et la grand'-mere. Alles Ermüdende habe ich nun hinter mir und werde bis zum Moment unserer Einschiffung ein ganz ruhiges Leben führen. Einige Trümmer römischer Geselligkeit haben sich schon, und werden sich noch in diesen Tagen zusammenfinden; im Ganzen aber leben wir hier sehr still. — Lebt Alle wohl, o! wie freue ich mich aufs Wiedersehen!" — Eure Fanny. Anfangs war der Reiseplan gewesen, zusammen nach Sieilien zu gehen. Durch die Unpünktliclikeit der italiänisclien Dampfer (zwei waren zerbrochen und der dritte besorgte den Dienst ganz allein) wurde der Zeitpunkt der möglichen Abreise dahin so weit hinausgeschoben, dass Fanny der grossen Hitze wegen den Muth verlor und es wurde beschlossen, sie sollte mit ihrem Sohn in Neapel bleiben und Wilhelm die Reise .allein machen. Aus einem Brief von Fanny. 11 teil Juli. „— — Sei mir gegrüsst, mein herzlieber Mann! In der üngewissheit, ob dieser Bogen noch an Dich wird abgehen können, fange ich immer an, ihn zu schreiben, da es mir Be- dürfniss ist, mich mit Dir zu unterhalten. Was treibst Du und wo hausest Du? Arbeitest Du mit dem Auge oder auch mit der Hand? Sollte das Erstere der Fall sein, gräme und ängstige Dich nicht; was Du siehst, ist auch für Deine Kunst nicht verloren und bei Dir fällt nichts auf einen steinigen , Neapel. 161 Boden und trägt Alles Frticlite, dreissigfältig und vierzigfältig. — Ich bedauere immer mehr, dass wir den Saal nicht gleich als Wohnzimmer gehabt haben. Du glaubst nicht, welcher Genuss das ist und welches unerhörte Schlaraffenleben ich hier führe. Es ist gut, dass wir nachher nur noch fünf Tage Zeit haben; denn jetzt hält mich die Sehnsucht nach Dir in Erdenschranken; wenn wir aber „Gottes zwei lieblichste Gedanken", dies Heidenoder Götterleben, eine Zeit lang zusammenführten, würde ich sicher übermiithig. Nie lieiss! Selbst solange die Sonne hier stellt, mache ich nur den halben Fensterladen zu, denn ein lieblicher Seewind kühlt mehr, als der Sonnenstrahl erhitzte, und den ganzen Nachmittag sitze ich draussen und verderbe mir den Magen mit schlechten Büchern. Gounod ist angekommen und will Dir herzlich empfohlen sein, sowie Bousquet und Normand. Sie besuchen mich alle fleissig, wie auch Mme. D., deren Gesellschaft mir, faute de mieux, ganz angenehm ist, da mir, besonders in Deiner Abwesenheit, daran liegt, doch wenigstens eine Lady zu allen meinen jungen Gentlemen zu haben, und trotz aller ihrer Koketterie mag sie wohl etwas Aehnliches empfinden, da sie meine Gesellschaft entschieden wünscht und sucht. Und sie besucht mich, während ich die andern Damen, die ich allenfalls hier kenne, besuchen müsste, was viel weniger bequem ist. Heut Abend wird eine grosse Wasserfahrt gemacht, mit der D., Bousquet und Gounod. Neulich Abend hat schon eine stattgefunden, wobei ich Sebastian als Pagen und Jette als dame d'honneur mithatte, bis zum Palast der Johanna, der Abends weit schöner ist, als am Tage und wirklich besonders geheimnissvoll aussieht. Wie wurde Deiner gedacht! Und zu all dem Schönen kann ich Dich dann nicht rufen! Innerlich aber theile ich Alles und Jedes mit Dir und, glaube nur, geniesse Nichts recht ohne Dich. Ich hoffe, Du missbilligst diese Wasserfahrten nicht, ich kann es wirklich nicht gut abschlagen, ohne mich einer Prüderie verdächtig zu machen, die den jüngern Leuten lächerlich vorkommen müsste. — Adieu, liebster Mann, schlürfe Sicilien, und wenn Du Dich ganz vollgesogen hast, komm wieder zu Deinem Pannus und Die Familie Mendelssohn. II. 11 162 Neapel bis Berlin. zu Deinem Bap, das sind ein Paar Leute, die Dich lieb liaben!" — „P. S. „„Sie kann nicht enden!"" sondern schreibt noch einen Gruss und wieder einen Gruss. Warum soll dies Stück Papier weiss nach Palermo fahren? Ich lese seit gestern voyage en Italie von Jules Janin. In Florenz ist er schon fertig mit seinem Enthusiasmus und kehrt um. Es sind hübsche Sachen darin, aber auch solche grosses bctises, dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben nicht habe enthalten können, eine Bemerkung mit Blei an den Rand eines fremden Buches zu schreiben. Dieser Ruhm wäre also auch dahin, so wie ich den, in keiner Kirche auf einen Stuhl gestiegen zu sein, ai greci in Rom eingebiisst habe. Addio, carissimo mio /" —- Tagebuch: „Jetzt denke ich oft, wie bald mir nun all das Herrliche aus den Augen gerückt sein wird und wie manches Jahr ver- gelm muss, ehe ich es wieder sehe. Gewisse südliche Pflanzenkombinationen haben sich besonders in das Gedächtniss meines Herzens geschlichen. Aloe auf dem Grase, Villa Mills. Weinstock in den Oelbäumen, wunderschön, heiter, fruchtbar, das wahre Bild des producirenden Südens. Pinie und Cypresse, ernst historisch, nicht fruchtbar, nicht nützlich, aber schön, Gedanken anregend, tief, römisch. Ich kann nicht ohne Rührung an die herrlichen Piniengruppen mit Cypressen untermischt denken, wie ich sie in der Villa Ludovisi, nie in der Nähe, aber wie oft! und wie gern! von der Villa Medicis herab gesehen! Die Palme steht gewöhnlich allem, und kann es auch. Jede einzelne Palme bildet eine Gruppe, welche keiner Ergänzung bedarf, sie kaum vertragen würde. Es ist das Einsame, Geheimnissvolle, Wunderbare des Orients darin. 0 du schönes Italien! Wie reich bin ich innerlich durch dich geworden! Welch einen unvergleichlichen Schatz trag' ich im Herzen zu Haus! Wird auch mein Gedächtniss recht treu sein? Werde ich so lebhaft behalten, wie ich empfunden?" — Brief nach Hause. Neapel, 22sten Juli 1840. „Gestern Nachmittag um zwei ist mein lieber Mann Sicilien. 163 glücklich und gesund von einer neunzehntägigen Reise nach Sicilien zurückgekehrt. So, nun ist doch endlich das grosse Geheimniss heraus, das mein weibernes Herz sehr gedrückt hat. Wir wollten Euch nicht eher davon schreiben, bis er gesund wieder hier wäre, weil wir fürchteten, Ihr würdet Euch seinetwegen ängstigen, der in der grimmigsten Sonnenhitze das Rosalienfest in Palermo ausstand, und unsertwegen, die wir hier allein zurückblieben. Bei dem letzteren war durchaus kein Risiko, wir waren wie in Abraham's Schooss hier in unserm Saal; meines Mannes wegen habe ich mich allerdings auch ein wenig geängstigt, indess ist er Gott sei Dank! sehr wohl und vergnügt, nicht einmal sehr verbraten zurückgekommen, und wie immer in der kurzen Zeit sehr fleissig gewesen, hat viele angenehme Bekanntschaften gemacht, viel Portraits und Skizzen gezeichnet, auch einige Studien gemalt und ist voll von der wunderbaren Schönheit des Landes. Er war in Palermo, in Messina, und von letzterer Stadt aus in Taormina. Es thut mir doch jetzt sehr leid, dass ich nicht mit war. Wären wir einen Tag früher von Rom abgereist, so wäre ich wahrscheinlich mitgegangen. Aber denselben Tag war ein Schiff abgefahren und das nächste, mit dem Wilhelm fuhr, ging erst am 2ten Juli, unterdess war die Hitze sehr gestiegen und ich verlor den Muth, mich derselben so auszusetzen. In den Villen und Gärten um Palermo gieht es gar keine Orangen, die sind zu gemein; Pisang, Palmen und Ricinusbäume, Zuckerrohr und lauter exotische Gewächse stehen da in freier Erde. Die Sicilianer haben ihm sehr gefallen. Es soll ein ganz ander Geschlecht sein, als die Neapolitaner, die im höchsten Grade verhasst tuid verachtet dort sind, freisinnig, gebildet,, gastfrei und sehr reich. Grössern Luxus an Pferden und Wagen, sagt er, hätte er nie gesehn, als in Palermo, es überträfe noch London. Er hat die Statue der heiligen Rosalie gezeichnet, von der Göthe so hübsch erzählt. Einer seiner Reisegefährten, der sicilianische Prinz Pignatelli, besuchte uns noch gestern Abend, um mir seine Verwunderung über Wilhelm's Zeichnen auszudrücken, er hatte auf dem Dampf- 11* 164 Neapel bis Berlin. boot während der stossenden, schwankenden Bewegung des Schiffes mehrere Portraits gemacht und dadurch den närrischen kleinen Sicilianer, sowie die übrige Reise-Gesellschaft in grosses Erstaunen versetzt. Die Erfahrung habe ich nun auch gemacht, Jemand Geliebtes zur See zu erwarten, da ich den ganzen Golf dominire, so konnte ich das Schiff dreissig Miglien weit und von der Spitze des Mastes an sehn. Es sollte um sieben Uhr Morgens ankommen, um halb sechs war ich auf, Augen und Fernglas nach der Durchfahrt zwischen Capri und Sorrent gerichtet, es ward aber zehn, es ward zwölf, es ward eins und kein Dampfboot liess sich sehen; endlich um zwei Uhr Nachmittags erschien es am Horizont. Dies lange Warten und die Spannung und Ungeduld, noch dadurch vermehrt, dass ich in vierzehn Tagen keine Nachrichten erhalten hatte, versetzte mich in einen ganz unverständigen Zustand von Angst. Ich muss selbst sagen, unverständig; denn Sebastian demon- Sfrirte mir ganz richtig, liebe Mutter, wenn das Schiff gekommen wäre und Vater nicht, dann hättest Du Recht, Dich zu ängstigen; so aber hast Du gar keinen Grund dazu. Der liebe Kerl hatte ganz recht und ich fuhr ganz dumm fort, mich zu ängstigen, bis das Meer rauschte. Die Neapolitaner, die in Allem unzuverlässig sind, halten auch die Abfahrtsstunde gar nicht ordentlich. Felix in Leipzig zu finden, freuen wir uns ausserordentlich, die Reiseschlange beisst sich dann in den Schwanz. Seine Musik auf freiem Platz mit 200 Männerstimmen muss prächtig gewesen sein; dies schöne Fest hätte ich gern mitgemacht. Entzückt bin ich auch von der Feier in Strassburg, die umständlich in den Debats beschrieben war; ein echtes Volksfest!"*) — *) Es waren diese Festlichkeiten zur Feier des Jubiläums der Erfindung der Buchdruckerkunst. Lea schrieb darüber an Fanny: „Zur Musik auf dem Markt in Leipzig war das Wetter gottlob! günstig und der Lobgesang in der Kirche am folgenden Nachmittag soll sehr schön ausgefallen sein. In Mainz war Neukomm bei seiner Aufführung im Freien weniger glücklich, sie ist zweimal durch heftigen Regen unterbrochen. Lasst Euch die Neapel. Felix in Berlin. 165 Nun lebt wohl, Ihr Lieben, so Gott will, ist dies mein letztes Ergebenes aus Neapel, und der nächste Brief ein gut Stück näher datirt. Bittet Gott um eine glückliche Bückreise für uns, wie wir ihn bitten, uns Euch Alle wohl und vergnügt beisammen finden zu lassen. Und nun adieu aus Neapel." Ans einem Brief von Bebecka an Cecile. Berlin, 24. Juli 40. — — „Vorgestern bekamen wir auch von Hensel's einen Brief, es bleibt dabei, dass sie am 26sten zu Dampf abreisen, und etwa in einem Monat, so Gott will, bei uns sind. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich mich darauf freue. Unter- dess waren aber auch die Paar Tage mit Felix prächtig und Du sollst vielen Dank haben, dass Du ihn uns so lange erlaubt hast. Dass etwas Weniges in der Zeit von Dir und den lieben Kleinen die Bede war, das musst Du am Ohrenklingen gemerkt haben. Um aber Deine Eifersucht auf die Löwe, auf Herrn Kütemann und Gott weiss wen? zu dämpfen, so kann ich Dich versichern, dass Felix, obgleich er sich hier gut zu amüsiren schien, sehr liebenswürdig war und sah, wie wir mit jeder Minute seiner Anwesenheit geizten, doch innerlich und auch ein wenig bischen äusserlich gewaltige Gesichter geschnitten hat, als David, wir und seine eigene Vernunft ihn bestimmten, noch den Mittwoch Abend hier zu bleiben und ein Paar Stunden später bei Dir einzutreffen. Ich will nicht sagen, dass es nicht Männer gebe, die ihre Frauen ebenso lieb haben, wie Felix Dich, aber einen so verliebten Ehemann habe ich Zeitungen vom dreissigsten geben, es ist interessant zu sehen, wie dies Fest ein allgemeines in Deutschland, Preussen und Oesterreich ausgenommen, gewesen! Zu dem Strassburger wurden die ersten Notabilitäten erwartet. — Felix schrieb mir am zweiundzwanzigsten, wo die erste Probe der Marktmusik gewesen war: „Ich stehe am Laternenpfahl, David hundertdreissig Schritt weit mit dem zweiten Orchester; es ist eine tolle Wirthsehaft, über zweihundert Männer, zwanzig Posaunen, sechszelm Trompeter u. s. w. Spontini würde kaum sagen encoi-e deux viof&ns!" Neapel bis Berlin. doch in meinem Leben nicht gesehen. Erklärlich ist mir das zwar, denn ich bin nicht Dein Mann und auch ein bischen verliebt in Dich." Brief von Fan.ny nach Hause. Montag den lOten August Nachmittags. „Zum letzten Male sitze ich auf dem göttlichen Balkon mit der grossen Aussicht. Die Koffer sind gepackt und werden eben aufgeladen, morgen geht es fort. Mir selbst unbegreiflich, sind mir die Augen noch nicht nass geworden über den nahen Abschied, während ich in Korn jeden Tag, vier Wochen vorder Abreise, meine regelmässige Anzahl Thränen vergoss. Hätte ich nicht ein wenig Graul vor dem langen, langen Keiseruck, ich würde mich unbedingt freuen. Heut assen wir noch beim Herzog von Montebello. Mit uns assen Herr Decaitel, einige unbekannte Herren und Kemble mit seiner Tochter. Sie ist sehr hässlich und war abscheulich angezogen, sodass sie eine sehr ungraciöse Erscheinung machte, spricht aber sehr gut französisch und scheint geistreich mehr als angenehm, denn sie hat etwas sehr Scharfes und eigentlich wenig Einnehmendes. Der Herzog ist wirklich ein sehr liebenswürdiger Mann, von den feinsten, angenehmsten Formen; er gefällt mir sehr. Sie ist auch sehr freundlich und angenehm; sie überwindet die Engländerin soviel als möglich. Nachmittag sassen wir erst eine Weile unter der schönen Säulenhalle, dann sang die Kemble. Ihre Stimme ist schön, aber ohne Reiz, wie ihre Person; ich finde das, obgleich sie gegen mich überaus liebenswürdig war. Ich spielte auch Mehreres auf dem schönen Erard und hatte dort ein seindankbares Publikum, obgleich ich mich leider gar nicht zu meinem Vortheil zeigen konnte, da ich mich auf dem herrlichen Instrument schwach und unfähig fühlte. Das Concert von Bach konnte ich kaum bezwingen. Dann nahmen wir freundlichsten Abschied von der liebenswürdigen Familie und kamen um Mitternacht, im schönsten Mondschein, aber ganz gebadet nach Haus, denn es ist diese Tage unbeschreiblich lieiss gewesen." Genua. 167 Brief nach Hause. Ge 11 o va 1 a superba. Cr o ce di Malta. Ilten August 1840. „Thalatta! Thalatta! So jauchze ich; aber nicht, weil ich das Meer vor, sondern, weil ich es hinter mir liahe. Wenn etwas in der Welt angenehm, aber auch eklig ist, so ist es das Seereisen. Angenehm ohne Zweifel für die, welche, wie mein Mann, an Bord Portrait zeichnen, essen, trinken und sich comme le pont neuf befinden, etwas eklig aber für die andern, welche wie ich noch den ganzen Tag in Livorno und noch vier Stunden in Genna alle Meubles in der Stube walzen und „die ganze betrunkene Welt sich um die rothe Weltgeistnase drehen sehn." Um aber billig zu sein, muss ich sagen, dass ich ausgestreckt auf dem Rücken liegend einen ziemlich leidlichen Zustand herbeiführen konnte; aber nicht fünf Minuten konnte ich aufgerichtet oder nur sitzend auf dem Schilfe aushalten. Nun muss ich aber von der grossen Anstrengung dieser halben Seite ausruhen, denn meine Gedanken tanzen mit meinen Buchstaben den schönsten Ringelreihen. Die Hauptsache ist, wir sind fort und werden, will's Gott, ohne Aufenthalt unsere Reise fortsetzen können. Wahrscheinlich ruft Ihr uns entgegen, wie die gute Madame Beer ihrem Sohn: „Michel, wie hässlich bist Du geworden!" Ich bitte, sich darauf vorzubereiten, bekanntlich kommt man aus Italien weder jünger noch schöner zurück. Reisesatt und müde sind wir, das weiss Gott! Und wenn die Maus satt ist, schmeckt das Mehl bitter. Plackereien und Prellereien, die freilich hier auch ärger sind, als irgendwo anders, sind mir noch nie so lästig und abscheulich vorgekommen, und ich sehne mich nach meinem ehrlichen Vaterlande. Im Anfang hatten wir gutes Wetter auf der Seefahrt; die beiden letzten Nächte aber waren stürmisch, und die letzte so sehr, dass ich vor Angst fast kein Auge zuthun konnte. Als ich aber doch einmal vor Müdigkeit einschlief, träumte 168 Neapel bis Berlin. mir auf's Lebhafteste, wir süssen alle um Deinen Tisch im Saal, liebe Mutter, und ich sagte eben: „Nun ist doch endlich der ersehnte Augenblick gekommen", — da wachte ich vom Knackeil und Krachen des Schiffes auf, der Tisch in der Kajüte fiel um, und ich befand mich schaukelnd und sehr unbehaglich auf dem Mittelmeer. Ich werde mich lange meiner angenehmen Empfindung' beim Anblick der ersten Morgendämmerung erinnern. Kurz vor der Ankunft in Genua stand ich auf, die Stadt zu sehen, konnte mich aber nicht aufrecht erhalten, sondern musste mich auf dem Verdeck legen und nur hin und wieder einen Blick hinaus thun. Die Stadt liegt herrlich, fast wie Neapel, hoch an die Berge hinangebaut." — Tagebuch. Genua, 16ten August. „Gegen Abend ging ich mit Wilhelm und Sebastian in Scirocco und Regen — wir haben hier noch keine Sonne gesehn —• ein wenig aus. Nach der Kathedrale, in lombardisch- germanischem Styl, den ich in meiner Kunstgeschichte, „unerbärmlich" wie Walter in Heringsdorf sagte, den Zwillichstyl nennen werde, von wegen Streifigkeit. Doch haben alle diese Fagaden irgend etwas Eigenthümliches. So diese die freistehenden Säulen an der Ecke. — Im Palast Brignole sind herrliche Gemälde. Ein Rubens entzückte Wilhelm, mir war er etwas zu unfläthig. Rubens selbst und seine Frau, von Satyren und Faunen umgeben. Ein wunderschönes Bild des Palma vecchio, Anbetung der Könige, eins der schönsten, die ich von ihm kenne. Bildnisse von Tizian, Rubens und Vandyk; von Letzterem ein lebensgrosser Reiter, der Marchese Brignole. Er scheint alle grossen Familien hier gemalt zu haben, in allen Palästen sind die Besitzer in ihrer lebensgrossen Behäbigkeit mit feinen,, weissen, herabhängenden Händen, stehend, sitzend, reitend, mit und ohne Kinder, in ungeheuren Halskragen, und die Frauen in ziemlich unschönem Anzüge, der damals hier muss Mode gewesen sein, von ihm abgebildet. Von da stiegen wir zur Villa Negri hinauf, mit wunderschöner Aussicht. Der Marchese Negri scheint nach genuesischer Art ein Patriot zu Genua. Mailand. 169 sein, er stellt die Büsten berühmter Landsleute auf, Columbus, Paganini, liat ein Gartenhäuschen mit der Inschrift „ alla memoria di Washington^ ; der alte Mann nahm uns in diesem Gartenhäuschen sehr freundlich auf und zeigte uns alle seine Paritäten, deren er eine Menge hat; Napoleon's Stock und Dose, Messer und Gabel von Benvenuto Cellini, eine hübsche, alte Harfe und was dergleichen mehr ist. Der sehr schöne Garten und der Blick, den man von da hat, ist das Beste an der Sache. Nachher assen wir in der Stadt, wobei ich die Relation von Louis Bonaparte's Landung und Verhaftung in Boulogne las. Ein verrückter und abscheulicher Mensch!" — Den 18ten August kamen die Reisenden in Mailand an. Tagebuch. „Wir fuhren nach der Brera, wo ich mich ausserordentlich amüsirte, alte Freunde wiederzusehn. In den Eingangssälen hatte ich die Freude, zu merken, dass ich etwas gelernt, denn die schönen, ausgesägten Fresken des Luini, die ich das erste Mal gar nicht habe ansehn mögen, gefielen mir diesmal sehr gut. Sie smd aus der Geschichte der Maria, wahrscheinlich aus der Kirche von Lugano. Die Sammlung ist überaus reich an schönen, grossen Venezianern, besonders Paul und Bonifacio. Von Paul: Ein Bischof und mehrere andere Geistliche; ein Page vorn hält ein Buch, in das ein schöner alter Kopf hineinsieht. Es ist viel mehr Styl, Ernst und Würde in dem Bild, als der lustige Kerl gewöhnlich hat. Ferner ein gewaltig grosses Altarbild, mit Fliigeltlmren, Anbetung der Könige in der Mitte, Heilige und Engel mit allen möglichen Bassgeigen und Posaunen an den Seiten; der rechte Paul Veronesisclie Spektakel. Gestern kam er mir vor wie Händel: Grosse, breite Massen, mit einigen krausen Modeschnörkeln und denselben immer wiederkehrenden Effekten, die immer wieder wirken und überraschen, als sähe und hörte man sie zum ersten Mal. Ein Paar prächtige Menschen. — Von Bonifacio: Christus im Hause des Zöllners, die ganze Welt isst und trinkt, links füttert em Kind einen Hund, hatte mir schon das erste Mal sehr gefallen. Ein schöner Mantegna, schreibender Evangelist in der Mitte, 170 Neapel bis Berlin. Heilige und Heiliginnen umher, einzelne Figiirchen auf Goldgrund. Dies Bild denke ich mir aus seiner frühem Zeit, wie er noch an der alten Schule liiug; aher auch hierin schon welch ein Unterschied gegen das frühere; das war ein grosser Mann! — Von dem Sposalizio sage ich nichts, davon ist alles gesagt! — J)ie Verkündigung von Fraucia hat mir diesmal nicht ganz den Eindruck gemacht, wie im vorigen Jahr. Dann ist noch ein tolles Bild da, von Bonifacio. Es scheint die Findung Moses' vorstellen zu sollen, aher eine solche Auffassung denkt man nicht. Herren und Damen sitzen in traulicher Konversation, trinken und essen und ein dicker Koch steht neben der Prinzessin, ein Fass Wein wird angezapft, Musik gemacht u. s. w. Von Bellini ein grosses Bild nach Art seiner prächtigen, komischen, originellen in Venedig: Ein Heiliger predigt in Konstantinopel vor der Sophienkirche, die närrischesten Türken und Mamamuscliis hören zu in wahren Häusern von Turbanen, weissen Mänteln und kuriosen Kostümen. Die Kirche erinnert sehr an die Markuskirche in Venedig, schlanke Thürme dahinter, und an einem eine äusserlich herumgewundene Treppe, weisse helle Häuser. Ein äusserst wahres, anspruchsloses Tageslicht herrscht in diesem Bilde. Von dieser Art von Venezianern macht man sich gar kerne Vorstellung, wenn man sie nicht gesehn. — Dann gingen wir noch einmal nach der Kirche St. Ambrogio, wovon Wilhelm ein Paar Linien Behufs einer Komposition, die er vorhat, zeichnen wollte. Eine schöne Kirche, die mit wenigen Hinwegsehaffungen von Putz und Schmutz, wie Wilhelm sagt, ihrer ursprünglichen Würde wiederzugeben wäre. Donnerstag, den 20ten Aug. Heut früh um sieben ging Wilhelm mit Sebastian auf den Dom zeichnen. Ich ging später nach und trat mit unbeschreiblichem Entzücken in den Dom ein, der mir damals garnicht einen so grossen Eindruck machte, als jetzt. Voriges Jahr kamen wir von Bamberg und Regensburg, wo wir Aelinliches, gross in derselben Art, geselm hatten. Jetzt haben wir die Kirchen Italiens hinter uns, Basiliken, die ich auch sehr schön finde, Peterskirche, und die vielen Ahleger davon, germaniscli-italiänischen Styl, und was Besuch hei Hiller. 171 man Alles in verschiedenen Stylen sieht, und was einem Alles, Eins um das Andere, gefällt. Aber heut hatte ich so recht die innige Ueberzeugung, dies ist der wahre Kirclienstyl, dies ist die schönste Kirche Italiens und die hat ein Deutscher gebaut. Es ist doch ein herrlich Ding um den Menschengeist, und Gott hat nichts Schöneres geschaffen." Brief und Tagebuch. A i r o 1 o, den 24sten Aug. 1840. „Wenn ich mich nicht eile, so kann ich meinen Brief nicht auf der Südseite der Alpen mehr anfangen, denn in einigen Stunden sind wir hinüber und bleiben Nachts in Ursern, wo wir 1822 Alle zusammen einmal übernachteten. Den 20sten Nachmittags fuhren wir von Mailand weg nach Como, dachten Hiller gleich aufzusuchen, erfuhren aber, dass er weit von der Stadt am See wohne und hinaus zu schicken war es zu spät. Den 31sten also Morgens setzten wir uns zu Schiff und fuhren bei Hiller vor; der, sehr vergnügt, kam mit in unsere Barke und machte eine Spazierfahrt mit uns, auf der wir die, durch die Königin von England bewohnte und berüchtigte Villa d'Este besahen, dann nahm er uns für den Kest des Tages in Beschlag und fuhr uns Nachmittags (ebenfalls zu Wasser) nach der Villa Pliniana, wo er uns neben der von Plinius beschriebenen Quelle in einer offenen Halle am See ein sehr nettes, lustiges Souper gab, bei dem Wilhelm ihn zeichnete. Der Brief des Plinius, worin er diese dreistündig- wachsende und wieder abnehmende Quelle beschreibt, ist dort in lateinischer und italiänisclier Sprache an die Wand geschrieben und besonders die klassische Stelle sehr schön, in der er empfiehlt, sich neben dem Wasser zu Tisch zu setzen, zu essen und zu trinken, ein Rath, den wir nach achtzehnhundert Jahren pünktlich befolgten. — Den Tag darauf, in Bellinzona, erlebten wir eine jener interessanten Reisebegegnungen, die das Reisen so angenehm machen und sich unauslöschlich in's Gedäclitniss prägen: Wir kamen gegen Abend dort an und man trug uns das Essen in einem Zimmer auf, 172 Berlin bis Neapel. in dem bereits ein ältlicher Herr zu Tisch sass. Er redete uns sehr höflich und freundlich an, und wir merkten bald im Verlauf des Gesprächs, dass wir einen sehr unterrichteten, jedenfalls ausgezeichneten Mann vor uns hätten. Als wir das Essen beendet hatten und im Begriff waren, auseinander zu gehen, frug er, woher wir wären, und als er hörte aus Berlin, erkundigte er sich nach Humboldt, dessen Bekanntschaft wir uns nun allerdings rühmen konnten, und da ihn Wilhelm frug, oh er Humboldt vielleicht einen Gruss bestellen dürfte und von wem? sagte er: Jo sono wn uomo infelicemente conoscinto — ü conte Gonfalonieri. Bei diesem Namen wurde ich denn nicht wenig bewegt. *) Als er unseren Namen hörte, fand sich's, dass er durch Arconati'e genau mit uns und unserer ganzen Familie bekannt sei, sie hatten ihm die Gastfreundschaft der Berliner und die unsere insbesondere tausendmal gerühmt. Nun war die Bekanntschaft augenblicklich geschlossen, Wilhelm liess sich sein Zeichenbuch heraufholen und er nahm das grösste Interesse daran und war gern bereit, zu sitzen, und Wilhelm zeichnete sein sehr ähnliches Portrait. Auch von Gans sprachen wir viel, nach Bartlioldy frug er, als nach einem ausgezeichneten Mann, den er vor zwanzig Jahren in Italien gekannt und von dem er nach seiner Rückkehr noch nichts wieder gehört. Kurz, es gab der Berührungen so viele, dass uns der Abend, einer der interessantesten der ganzen Reise, nur allzurasch verging und wir uns von dem ausserordentlichen Manne wie von einem alten Freunde trennten. Was er uns von seinen Schicksalen erzählte und die Art, wie er darüber sprach, war unbeschreiblich rührend. Fünfzehn Jahr hatte er auf dem Spielberg zugebracht, ohne in dieser ganzen Zeit irgend eine Nachricht von der Welt oder den Seinigen zu erhalten, ausser nach zehn Jahren die von dem Tode seiner Frau, die ihm von Seiten der Regierung ganz kurz und trocken mitgetheilt ward. Die unglückliche Frau hatte vielfach erneuerte Anfragen gethan, um zu ihm zu *) Er war ein Leidensgefährte Silvio Pellico's und aus dessen Buch Le mie prigioni im Munde aller Menschen. Graf Gonfalonieri. 173 gelangen, alles vergebens, endlich bat sie um Erlaubniss, nach Brünn zu ziehen, nur um ihm näher zu sein; da man ihr das nun nicht eigentlich versagen konnte, so antwortete man, es stünde ihr frei, aber sie würde die Haft ihres Mannes dadurch erschweren. Da blieb ihr denn nichts übrig, als in Mailand zu bleiben und zu sterben. Er sagt, von dem Augenblick hätte der vSpielberg erst für ihn angefangen. Keine Bücher in der ganzen Zeit! Man hat von solcher Grausamkeit, solcher moralischen Tortur keinen Begriff. Dann ging er nach Amerika in die Verbannung, hierauf nach Frankreich und Belgien und vor drei Monaten bekam er Erlaubniss, auf kurze Zeit nach Mailand zu kommen, um seinen damals noch lebenden, zweiundachtzigjälirigen Vater zu besuchen. Bei der Gelegenheit erfuhr der Kaiser erst, dass er nicht in die Amnestie mit eingeschlossen gewesen sei, war sehr ungehalten darüber und befahl, augenblicklich die Ordonnanz über seine völlige Freiheit zu erlassen. Mit der grössten Milde und Schonung spricht er über seine Regierung, mit der grössten Aufgeklärtheit über innere und äussere Politik. Er muss ein unvergleichliches Gemüth haben, nach all dem bittern Herzeleid, was man ihm angethan, von seinem Unglück und seinen Peinigern mit solcher Sanftmuth, solcher unbeschreiblich rührenden Güte reden zu können. Nicht minder zu bewundern ist seine Bekanntschaft mit Allem, was in der Welt vorgegangen, in Kunst, Literatur und Politik, da er fünfzehn Jahr, wie er es selbst nennt, begraben gewesen und die meiste übrige Zeit jetzt in Amerika zugebracht hat. Unter allen Italiänern, die ich habe kennen lernen, schien er mir der bei weitem Bedeutendste! Und solche Männer behandelt Oesterreich so! —" Tagebuch: „Von Airolo fängt man an, stark zu steigen, terrassenförmig, ähnlich wie am Stelvio; der Fuhrmann verlor viel Zeit mit verscliiedentlicliem Umspannen, wir gingen viel zu Fuss; der Tessin bildet fortwährende Wasserfälle den amplii- theatralischen, merkwürdig mächtigen Felsenbau hinunter. 174 Neapel bis Berlin. Als wir endlich, Wilhelm und ich voraus, zu Fuss den Gipfel erreichten, „wo die ew'gen Seen sind," war die Sonne schon untergegangen und die Dämmerung angehrochen. Man ist auf diesem Gipfel übrigens noch von vielen höheren Bergen umgeben" die Hochebene ist breit und man fährt eine ganze Strecke glatt. Nach Ursern sollte man zwei Stunden hinunter fahren und es schien mir schon in der tiefen Dämmerung sehr gruselig, es sollte aber noch schlimmer kommen. Als wir eine Strecke hinunter gefahren waren, brach der Hemmschuh und der Fuhrmann musste nun in der immer wachsenden Dunkelheit Schritt vor Schritt den steilen Berg hinunter fahren. Bei einem einzelnen Hause hielt er still, rief die Leute heraus, die nach langem Zögern unter Vorsichtsmassregeln mit Licht kamen und frug nach einem hölzernen Hemmschuh, sie hatten keinen und wir mussten unsern Weg so fortsetzen. Endlich ward es so steil, dass der Kutscher selbst uns ersuchte, abzusteigen und so gingen wir denn in tiefer Nacht zu Fuss den St. Gotthard hinunter, eine passabel unkomfortable Parthie. Indess war das Wetter zum Glück wenigstens gut, hätten wir Sturm und Gewitter des folgenden Tages einen Tag früher gehabt, wir wären wirklich schlimm daran gewesen. Endlich erblickten wir tief unter uns die Lichter von Dorf Hospital und das. war der Hafen, in den wir einlaufen sollten und wo wir die erste Nacht auf schweizer Boden zubrachten. Ich habe übrigens versprochen, in aller Welt laut zu bezeugen, dass wir in ganz Italien nicht so geprellt worden sind, wie diese Nacht in Hospital im Ursern Thal m der biedern, ehrlichen Schweiz. Was wahr ist, muss wahr bleiben; der Wirtli, ein junger Bursch, war ein grösserer Schuft und Grobian, als alle seine italiänischen Kollegen. Wilhelm triumphirte sehr! — Den 25sten August bei starkem Nebel und Regen weiter. Ich konnte das Ursernthai, auf das ich mich so gefreut und das mir damals einen so grossen Eindruck gemacht, gar nicht sehn, und erkannte nur Andermatt und die kleine, weisse Kirche wieder, sowie die ganze Lage. Jenseits des Urner Lochs konnten wir den Wagen herabschlagen und die St. Gotthard. Rhigibesteigung hei Nacht. 175 prächtige, wilde Gegend an der Teufelsbriicke ordentlich sehn. Indessen regnete es noch mehrere Male sehr stark und wurde nicht klar, bis wir Altorf vorbei bei Fliielen an den See kamen. Wasen erkannte ich wieder, wie mir überhaupt der Charakter des Weges sehr im Gedächtniss geblieben war und der stufenweise Fortschritt von Schnee, kahlen Felsen, Moos, Tannen, erst kleinen, dann gewaltigen, zu Laubholz und den schönsten Obst- und Nussbäumen in der Ebene. Was ich aber ganz vergessen hatte, ist, dass man von Amstäg bis Altorf wohl noch eine Stunde in der Ebene zu fahren hat, in einer überaus fruchtbaren, lachenden Ebene, zu beiden Seiten die hohen Berge. Da auf unserer Karte ein deutlicher Landweg nach Brunnen angegeben ist, so mussten wir uns natürlich in Flüelen einschiffen und über den See nach Brunnen fahren an Teilen Platte und Grütli vorüber, Bliimlisalp links, Bristenstock hinter uns, bei aufziehendem Gewitter. Indessen war der See so gütig, sich ganz ruhig zu verhalten. Da wir schon um fünf in Brunnen ankamen und alle Leute versicherten, das Gewitter verzöge sich, so fuhren wir noch über Schwyz, mit dem Blick auf Haken und Mythen, nach dem Zuger See, an dem der Weg eine Weile sich hinzieht. Unterdess aber kam das Gewitter näher, die Blitze leuchteten über den See, der Donner hallte an den Felsen wieder, der Regen strömte und der dickste Hagel schlug uns ins Gesicht. In solchem Unwetter kamen wir in Arth an, froh, einen Zufluchtsort erreicht zu haben. Wilhelm aber machte einen wirklich tollen Streich: das Gewitter war vorüber, aber der Himmel noch voll Wolken, die Leute im Hause versicherten, den Morgen nach einem Gewitter wäre immer der Sonnenaufgang klar, darauf könne man sich sicher verlassen, und so stieg er um ein Uhr Nachts in Begleitung eines Laternenträgers auf den Rhigi. Den andern Morgen um acht kam er wieder, triefend von Schweiss, hatte keine Spur eines Schneeberges gesehn; alle Wege waren von dem Unwetter zerstört, er hatte fast fortwährend in Wildbächen waten müssen und hinunter zu Richtwege genommen, wobei er von Fels zu Fels springen musste. Es 176 Neapel Iiis Berlin. war eine verrückte Partkie und icli kann Gott danken, dass es ihm nicht geschadet."*) Das schöne, herrlich kultivirte badische Land wurde mit grossem Wohlgefallen durchflogen. Von Offenburg entschlossen sich die Reisenden einen Abstecher nach Strassburg zu machen. Tagebuch. „Wir fuhren nach Kehl, gingen von dort zu Fuss über die Rheinbrücke, setzten uns in eine Karete und erreichten durch die noch ziemlich lange Allee Strassburg und den Münsterplatz. Der Münster ist das zierlichste dieser Art von Gebäuden, aussen mit feinen Säulchen fast überladen, die sogar über die grossen Fenster weggehn; inwendig sieht man, dass die ganzen Seitenwände aus mächtigen, breiten, bitnten Fenstern bestehn, es ist wunderschön. An der Fagade, wie am fertigen Thurm ist unsägliche Arbeit, doch glaube ich, dass er noch höher hat werden sollen. Der Chor ist von innen abscheulich modernisirt und die Orgel vor sechs Jahren mit einer Geschmacklosigkeit restaurirt, die dem 17ten Jahrhundert zum ewigen Ruhm gereichen würde. Im Ganzen hat mir der Regensburger Dom einen noch grösseren Eindruck gemacht. Aber es ist angenehm, den Münster zu den gesehenen Dingen zu rechnen; man hat so ein gutes Reisegewissen, wenn man solche Herren persönlich kennt. Nicht weit davon steht Erwin von Stein- bach's Haus, wovon vieles Alte erhalten ist und unter Andern eine Treppe, die ein wahrer Edelstein ist. Sie ist schneckenartig gewunden und so um ihre Spindel gedreht, dass man von unten bis oben durchsehen kann. Da sieht es nun aus, nicht wie ein Kunstwerk, am wenigsten wie ein Bauwerk, sondern wie ein phantastisches Naturprodukt, wie eine jener wunderbaren Muscheln, die thurmartig gewunden sind, unbeschreiblich schön. Die stützenden Säulchen durchschneiden des Geländer, welches sich astartig darum schlingt. Die Treppe ist üi ihrer Art ein eben so grosses Meisterwerk als der Dom." *) Auf diese Rhigibesteigung, mit der Hensel unbarmherzig geneckt wurde, bezieht sich die Unterschrift unter Felix', diesem Buch beigegebenes Portrait: ,,Ich ging mit meiner Laterne, und meine Laterne mit mir, Nachts um eins auf den Rhigi" Leipzig. Ankunft in Berlin. 177 In Leipzig, das am 3. September erreicht wurde, war Felix, der eigentlich in England sein wollte, in Folge eines, glücklicherweise iiberstandenen, Krankheitsanfalles noch anwesend. Dass es an ausgiebigem Unterhaltungsstoff nicht fehlte, lässt sich denken. Er spielte seine Buchdruckerkantate vor, die Fanny sehr gefiel; auch über seme Pläne für die Zukunft wurde viel verhandelt, er beabsichtigte, nach Ablauf seines Leipziger Kontrakts im nächsten Winter sich ein Jahr, vielleicht in Italien, auszuruhen, worin ihn seine Schwester mit ihrem frischen Italien - Enthusiasmus begreiflicher Weise sehr zu bestärken suchte. Wie anders sich die Sache nachher gestaltete, werden wir sehen. Cecile war sehr wohl, unverändert lieblich und schön, und anmuthig und gut wie immer; die Kinder, Karl und Marie, wuchsen prächtig gedeihend heran. Endlich, Freitag den Ilten September früh reiste Felix nach England und Hensels nach Berlin, wo sie spät Abends ankamen und Alles wohl antrafen. Fanny Hensels Reisetagebuch schliesst in Berlin mit den Worten: „Heut ist Mittwoch, sechs Tage sind wir nun liier. Die politischen Ereignisse drohen schwer; der König hat den Ständen auf ihren Antrag, eine Verfassung zu geben, eine entschieden abschlägige Antwort ertheilt; die Franzosen rüsten offen, Alles sieht trübe, düster und unerfreulich aus, dazu stürmt, regnet und weht es draussen und ist eine Kälte, dass mir die Finger erstarren. In künstlerischer Hinsicht scheint durchaus nichts vom Könige zu erwarten zu sein. Ueber den Eindruck, den dies Alles und überhaupt unsere ganze Rückkehr auf mich gemacht hat, später ausführlich, wenn die Gegenwart Vergangenheit geworden ist, das Ungewitter sich verzogen hat oder niedergegangen ist. Die Erfahrung hat mich belehrt, dass man dergleichen nicht unter dem Einfluss einer augenblicklichen Stimmung schreiben muss." — Die Familie Mendelssohn. IT. 12 t 1841. Hier sind wir denn vorerst ganz still zu Ilaus. Nach jenen Worten, mit denen Fanny die italiänisclie Reise heschliesst, sich vornehmend, den, augenscheinlich nicht angenehmen, Eindruck der Rückkehr später ausführlich zu besprechen, folgt im Tagebuch — eine leer gebliebene Seite; das erste Lied aber, welches sie nach der Rückkunft zu komponiren Lust und Veranlassung fand, sind jene Göthe'schen Worte, deren Anfang diesem Kapitel als Bezeichnung vorangesetzt worden ist: Hier sind wir denn vorerst ganz still zu Haus, Von Thür zu Thüre sieht es lieblich aus; Der Künstler still die frohen Blicke hegt, Wo Leben sich zum Lehen freundlich regt. Und wie wir auch durch ferne Lande ziehn, Da kommt es her, da kehrt es wieder hin, Wir wenden uns, wie auch die Welt entzücke, Der Enge zu, die uns allein beglücke. Aus Beidem zusammen können wir wohl mit Fug und Recht annehmen, dass jener erste Eindruck schnell vorüberging und daher die für ihn im Tagebuch augenscheinlich aufgesparte Seite unbeschrieben blieb; und dass die Behaglichkeit des Hauses bald ihre Rechte geltend machte, beweist die Stimmung, Nibelungen-Plan. 179 welche zur Komposition des Göthe'sclien Liedes führte. Auch an Felix schrieb Fanny bald einen sehr vergnügten Brief, und die Antwort desselben*) spricht als Wunsch aus, sie möchte „in ihrem Innern so recht reisefroh bleiben, während sie in der Heimath ruhig fortlebt." Häuslich und im Familienkreise waren Hensels bald eingelebt, und doch traten sie in eine durchaus veränderte Welt; im Allgemeinen war ein grosser Wechsel eingetreten; Friedrich Wilhelm III. war gestorben, und der Vierte an seine Stelle getreten, die politische Bewegung hatte angefangen und spielt fortan in allen Aufzeichnungen Fanny's eine hervorragende Eolle. Fanny an Felix (theilweis). Berlin, den 5ten Decbr. 40. „— — Dass Du die Idee der Nibelungen so lebhaft aufgenommen, freut mich herzlich. Wie ich höre, hast Du Dir eine Raupacli'sche Bearbeitung kommen lassen, bist also in diesem Augenblick wahrscheinlich weiter mit Deinem Plan als ich es jemals war, ich hatte mir wohl überhaupt mehr die Charaktere und die ganze Situation als eine bestimmte Scenen- folge lebhaft gedacht. Die grösste Schwierigkeit möchte im Schluss liegen; denn mit der gewaltigen Metzelei kann man doch keine Oper enden und wie sonst? — Die Versenkung des Nibelungenhorts geht so zu: Nachdem Hagen den Siegfried ermordet, sieht er mit Neid Chriemhilden's grosse Schätze, die sie, wenn ich nicht irre, aus Nibelungenland kommen lässt, und in der Furcht, sie möchte sich Freunde und Rächer damit erkaufen, nimmt er sie ihr und versenkt sie in den Rhein. Ich bitte Dich, lass mich doch von Zeit zu Zeit wissen, wie es damit steht, ob der Plan vorrückt. Ferner bitte ich Dich, mir zu schreiben, ob Ihr irgend etwas Erbauliches und Beschauliches für Eure Quartettsoireen habt, das ich für meine Sonntagsmusiken brauchen könnte, die ich nächste Woche anzufangen denke. *) Felix'sche Briefe. Leipzig, 24. Oktober 40. 12* 1841. Mein Mann ist fleissig wie immer, führt mit Lust seine Reiseskizzenbücher aus, wenn Sebastian Nachmittags aus der Schule kommt, essen wir und führen ein behagliches, angenehmes Winterleben. Ob sich hier in der Kunst etwas regen wird, muss man erst selin; wenn es wahr ist, was man allgemein sagt, dass Cornelius herkommt, so möchte das ein Beweis sein, dass man wenigstens Pläne hat. Denn wenn es, wie man bis jetzt glaubte, mit der Ausführung der ScliLnkeischen Freskenentwürfe allein gethan sein sollte, so möchte Cornelius nicht der rechte Mann sein, an den man sich gewandt hat. Schinkel ist fortwährend in dem traurigsten Zustande, seine geistige Tlnitigkeit ist ganz dahin. Mein Mann ist vielleicht der einzige hiesige Künstler, der sich aufrichtig über Cornelius' Herkommen freuen würde. Die Grimm's kommen in diesen Tagen, auch mit Rückert soll man in Unterhandlung stehn. Bei dem allen aber bleiben unsere Zeitungen so elend als sie waren, die Pietisten haben Oberwasser, und die persönliche Regierung scheint in hohem Masse gehandhabt zu werden. Was sagst Du denn zu der französischen Politik? Und wie gefallen Dir die Debatten in der Kammer? Ist das ni.clit höchst traurig! Auch für uns traurig, denn wie breit macht sich nun das Philisteriiun und sagt: Da seht Ihr nun konstitutionelle Staaten!" — Zu den bedeutenden Männern, auf die der König sein Augenmerk gerichtet hatte, uip sie nach Berlin zu ziehen, gehörte auch Mendelssohn Bartholdy. Schon im November 1840 hatte man sich an dessen Bruder Paul gewandt, um diesen zu sondiren und Mittel und Wege mit ihm zu berathen, wie die Berufung in's Werk gesetzt werden könnte? Er erbot sich sofort, selbst nach Leipzig zu reisen, theilte den Zweck der Reise geheim Fanny mit, verschwieg ihn aber vorerst seiner Mutter und Rebecka, um beiden sehr leidenschaftlichen Naturen nicht, vielleicht vergebliche, Hoffnungen zu erregen. Die Propositionen, deren Ueberbringer Paul war, sahen sehr schön aus und schienen einen ausserordentlich segensreichen Wirkungskreis zu versprechen. Es wurde beabsichtigt, die Akademie der Künste in vier Klassen einzutheilen, nämlich: Felix' Berufung nach Berlin. 181 Malerei, Skulptur, Architektur und Musik, und jeder Klasse einen Direktor vorzusetzen, welchem nach einer bestimmten Keilienfolge abwechselnd die Oberleitung der Akademie zugedacht war. Die musikalische Klasse, zu deren Direktor man Mendelssohn ausersehen hatte, sollte im Wesentlichen aus einem grossen Conservatorium bestehen, und es wurde in Aussicht genommen, dass dieses einst, in Verbindung mit den Mitteln des Königlichen Theaters, öffentliche Concerte, theils geistlichen, theils weltlichen Inhalts geben sollte. — Die Sache klang sehr verlockend und der Gedanke, dass damit eine Gelegenheit endlich gegeben sein möchte, Felix wieder nach Berlin zu ziehen und ein Zusammenleben der ganzen Familie zu ermöglichen, warf natürlich ein grosses Gewicht in die Wagschaale sowohl bei den Geschwistern, die Annahme dringend zu wünschen und zu befürworten, als auch bei ihm, anzunehmen. Nichtsdestoweniger stiegen gleich von Anfang an bei Letzterem starke Zweifel auf, nicht sowohl daran, dass der Plan, wie er aufgestellt war, ausgeführt werden könnte, als dass er ausgeführt werden würde; und wir werden im weiteren Verlauf dieser Angelegenheit sehen, wie richtig er die Verhältnisse beurtlieilte. Er kannte die Unbestimmtheit, mit der der König solche Dinge behandelte; alle Auswärtigen, welche er nach Berlin gezogen hatte, waren in der vagesten Weise berufen, sie gingen in Berlin spazieren, verzehrten grosse Summen und hatten eigentlich Nichts dafür zu tliun; man hatte nicht Stellungen, zu deren Bekleidung die Männer bestimmt waren, sondern man holte sich Männer und suchte nun vergeblich Stellungen für dieselben auszumitteln; Mendelssohn wollte vorerst den genau bestimmten Wirkungskreis kennen lernen, in den einzutreten er berufen sein sollte, und darüber begannen nun die Verhandlungen, denn es zeigte sich sofort, dass er damit den faulen Punkt der Sache getroffen hatte, — der Wirkungskreis war nicht da, •— und fand sich auch nicht. Sein Blick war durch Lebenserfahrungen geschärft: ür seiner Düsseldorfer Wirksamkeit hatte er selbst unter dem ^ Emfluss unbestimmter Verhältnisse gelitten und gerade das Geordnete, Feste der Leipziger Stellung war ihm sehr ange- 182 1841. nehm und förderlich gewesen. Daher stellte er gleich von Anfang an Bedingungen, die für das Berliner Verhältniss ähnliche feste, ein für alle Mal sichere Normen schaffen sollten; er wollte die Sache möglichst klar und unzweideutig machen und spätere unnütze Schwierigkeiten vermeiden, sie von vorn herein aus dem Wege räumen. Der öffentliche Wirkungskreis sollte bestimmte Ressortverhältnisse haben, die Zeiten der Concerte vorher angesetzt und die Musiker der verschiedenen Kapellen und die Sänger verpflichtet sein zur Mitwirkung (ähnlich wie in Leipzig die Thomaner und Mitglieder der Theaterkapelle in Bezug auf die Gewandliaus- concerte),- er wollte den Musikern gegenüber „despotisch", wie er sich ausdrückt, und auch in der äussern Stellung zu ihnen mächtig (nicht blos pekuniair brillant) dastehen, und nicht von dem guten Willen eines Jeden abhängen. Die Idee, auch allenfalls als blosser angestellter Komponist, ohne bestimmten Wirkungskreis, in der Weise der anderen „grossen Männer" zu kommen, wies er schon im ersten Brief entschieden zurück. — Die Berliner Verhältnisse kannte er genugsam, um zu wissen, dass ohne solche unbedingte Machtvollkommenheit selbst bei den speciellsten Befehlen des Königs es höchstens zu vereinzelten und daher wirkungslosen Concerten kommen könnte, weil alle möglichen Gegenwirkungen und Eifersüchteleien seitens der verschiedenen Institute und ihrer Leiter gar zu freien Spielraum haben würden. Die Intendanz der Oper, die Direktoren der Singakademie und manche Andere wären nicht unter einen Hut zu bringen gewesen. Das Alles setzte er offen auseinander und liess merken, dass er zwar zur Uebernahme der Stelle sehr geneigt sei, aber durchaus des kräftigsten Rückhaltes bedürfe und ohne denselben das Amt, da es doch einmal ein öffentliches sein solle, nicht durchführen könne. Geld und augenblickliche Bereitwilligkeit seien zwar sehr viel werth, aber beide hülfen nichts, ohne vollkommene Beruhigung und Sicherheit für die Zukunft, und ohne diese könne er seiner Leipziger Stellung nicht entsagen. Letztere hatte sich allerdings im Lauf der Zeit so angenehm wie möglich gestaltet und gerade damals war man im Begriff, ein Verhandlungen mit Felix. 183 recht bedeutendes Legat eines Leipzigers dem Conservatorium zuzuwenden, überhaupt war es Mendelssohn gelungen, durch seinen persönlichen Einfluss viel für das Musikwesen dieser Stadt zu thun; und seine Beliebtheit und Popularität in Leipzig war ganz ausserordentlich. Nicht mit Unrecht schrieb Lea bei Gelegenheit des Bachdenkmals, welches Felix durch den Ertrag eines, nur aus Bach'schen Sachen bestehenden Orgelconcerts gebaut hatte: „In Leipzig kann er wirklich ankündigen, er werde sich auf den Markt mit einer Nachtmütze hinstellen, die Leute bezahlen auch Entree!" — Die Verhandlungen mit Berlin verschwimmen sofort in's Formlose; gleich der nächste Brief des Herrn von Massow, der vom König mit diesen Verhandlungen betraut war, klingt schon statt bestimmter und präciser, viel allgemeiner; auf die gestellten Fragen wird gar nicht eingegangen, es ist nur immer von Gehalt und Titel die Bede und es zeigt sich immer mehr, dass vorerst, und wahrscheinlicher Weise für immer, die Stellung in der Luft zu schweben bestimmt sei. Zugleich kamen aber nun auch Briefe von andrer Seite; begreiflicherweise fassten die Familienmitglieder nur die glückliche Möglichkeit in's Auge, den Bruder, den Sohn in Berlin dauernd zu sehn und bestürmten ihn, die „glänzenden Anerbietungen'' des Königs anzunehmen; und nirgend vielleicht in seiner ganzen Laufbahn zeigt sich Mendelssohn's eiserne Pflichttreue in so hellem Lichte, als hier. Die Versuchung war nicht gering; warum sollte er nicht ebenso gut wie viele Andere dem ehrenvollen Buf folgen, er, den noch Kindes- und Geschwisterliebe nach Berlin zogen; was kümmerte es ihn, wenn man für das hohe Gehalt wenig von ihm verlangte? Wenn man ihn nicht zu benutzen verstand, so war das ja nicht seine Sache! — Aber er hielt es für Unrecht und gewissenlos und nichts konnte ihn dazu bewegen. Er sah, selbst für das Familienverhältniss würde es auf die Dauer nicht erspriess- licli sein, wie er klar in seinem Briefe an Paul vom 2. Januar 1841 ausgesprochen hat. Der Briefwechsel ging hin und her, Felix bekam die gewünschten Statuten und schreibt über dieselben ganz entsetzt 184 1841. an Paul.*) Sollte man's glauben, dass, nachdem die umfassendsten Pläne gemacht worden waren, nachdem Mendelssohn, wie wir sehen werden, Jahr und Tag mit redlichstem Eifer an der Besserung gearbeitet, sich Alles im Sande verlief, und die Verfassung der Akademie noch ein Menschenalter hindurch in demselben verrotteten Zustand blieb, in den nächsten fünfundzwanzig Jahren die Sache nicht einen Schritt weiter gebracht, nicht ein Atom gebessert wurde? Und es war nicht etwa eine übelwollende, krittelnde Opposition, die die damaligen Zustände für unhaltbar erklärte, sondern die Leiter der Institute selbst, den Kultusminister an der Spitze! —• Und gerade, als sollte der Abschied von Leipzig Mendelssohn geflissentlich noch erschwert, der Unterschied zwischen dem dortigen und dem Berliner Musikwesen ihm recht eindringlich vor Augen geführt werden, gestaltete sich in dieser Zeit Alles in Leipzig sehr günstig für die musikalischen Aussichten. Der König von Sachsen war zu einem Concert nach Leipzig gekommen und dieser Besuch und das Wohlgefallen des Königs an dem Gehörten und Gesehenen hatte den Ge- wandhausauffülirungen einen grossen Schwung gegeben und eine Menge Dinge erleichtert, an die sonst noch lange nicht zu denken gewesen wäre: sogar die Dotation, für deren Hergabe zu Leipziger musikalischen Zwecken sich Felix sehr lebhaft verwendet hatte, stand in naher Aussicht; mit einem Wort, in Leipzig ging die Sache vorwärts, ganz nach seinen Wünschen, während sie in Berlin immer nebelhafter wurde. Doch machte er sich im Mai 1841 mit der ganzen Familie auf nach Berlin, denn mit dem Schreiben, das sah er nun ein, war nichts geholfen. Aber die mündlichen Unterhandlungen wurden ebenso, wie die schriftlichen, immer verwirrter und unverständlicher; man gerieth aus dem Hundertsten ins Tausendste, der König kam mit immer neuen Projekten,, die Alles immer mehr komplicirten und endlich war man nahe daran, alle Unterhandlungen abzubrechen. Da wurde noch schliesslich eine Einigung erzielt: Mendelssohn sollte sich auf *) Felix'scke Briefe, 13ten Februar 1841. Verhandlungen mit Felix. 185 ein Jahr dem König- zur Disposition stellen und es sollte während dieser Zeit die grosse Reorganisationsfrage der Akademie mit Müsse berathen und — zu den Todten gelegt werden. Dass dies der Ausgang der Sache sein würde, war wenigstens für ihn von vornherein klar. Nach einem Jahr sollte es sowohl ihm als dem König frei stelin, das Verhältniss wieder zu lösen. — Das war nun das Resultat so langer Anstrengungen! Es ergiebt sich aus allen vorhandenen Briefen, dass es hauptsächlich die Rücksicht, auf die Mutter war, welche die Enttäuschung nach so schöner Hoifnung schwer getragen haben würde, die ihn bewog, auf dieses kuriose Verhältniss einzugehn, dessen Haltlosigkeit er sich nicht verbergen konnte. Das Resultat der Unterhandlungen ist in dem Massow'schen Bericht an den König*) niedergelegt, aus dem auf's Klarste hervorgeht, dass die Schwierigkeiten nicht von Felix, sondern lediglich von der andern Seite ausgingen. Einstweilen kehrte er am 24sten Mai mit den Seinigen nach Leipzig zurück, um Alles zur Uebersiedelung vorzubereiten; seine Vorschläge für die Umgestaltung der Akademie fasste er in einem dem Minister Eichhorn eingereichten Promemoria*) zusammen, das natürlich „schätzbares Material" blieb. Felix' Rückkehr nach Berlin verzögerte sich — denn es war schon wieder einmal Alles anders und die Verabredungen, welche mündlich getroifen waren, schienen vergessen. Man war damals übereingekommen, dass es nothwenclig sei, damit er den „Königlichen" Musikern, der Kapelle, den Theater- Sängern gegenüber, die sich alle als ein Stückchen Beamten fühlten, mit Gewicht auftreten könnte, ihm auch ein Endchen Beamtenzopf anzuhängen und ihn zum Kapellmeister zu ernennen. Es war wahrhaftig nicht leidige Titelsucht (um so weniger kann man diesen Verdacht hegen, als er denselben Titel schon in Sachsen bekommen hatte), aber er kannte seine Berliner und wusste, dass zum Gelingen seiner Pläne eine solche Stellung nöthig sei; es war sogar Massow gewesen, *) Felix'sche Briefe. „Berlin, Mai 1841." 186 1841. der bei seiner Kenntniss der Verhältnisse eine solche „Rangerhöhung'" empfohlen hatte. Nun kam im Juli ein Brief des Ministers Eichhorn, der alles Vorhergegangene wieder ignorirte und ihm nur die Alternative liess, entweder ohne jede weitere öffentliche Anstellung und ohne Kapellmeisterschaft nach Berlin zu gelin und dreitausend Thaler daselbst zu verzehren, oder alle Verhandlungen abzubrechen; es bedurfte abermaliger Schreibereien, um wenigstens den status quo vom Mai wiederherzustellen. Alle diese Winkelzüge und Zweideutigkeiten ärgerten ihn aber natürlich sehr und versetzten ihn, schon ehe der Anfang der Berliner Laufbahn gemacht war, in die böseste Stimmung, die sich auch in seinen Briefen aus dieser Zeit an vertraute Freunde rückhaltlos Luft macht*). Indessen liess er sich durch diese Stimmung in seiner Pro- duction nicht anfechten. Er „schrieb Noten", wie er Franz Häuser mittheilt, und diese Noten waren die Komposition der Antigone. Der Gedanke war, wie tausend andre, dem König einmal durch den Kopf gegangen; Felix fasste ihn auf, las die Antigone durch, die Sache leuchtete ihm ausserordentlich ein, aber sie wäre wohl wie alles Andere wieder vergessen, verschoben, verzettelt worden, wenn er nicht das Eisen geschmiedet hätte, so lange es warm war, und in Verbindung mit Tieck eine Verschleppung verhindert hätte, zu der man grosse Lust bezeigte.**) Bei dieser Arbeit kam Mendelssohn seine klassische, durch Heyse erworbene Bildung, vor Allem seine gründliche Kenntniss des Griechischen, das er nie hatte liegen lassen, zu Statten. Mit Tieck und Böckh zusammen ging er das Stück durch, die Donner'sche Uebersetzung wurde zu Grunde gelegt, natürlich aber musste manches in den Chören, was unsanglich war, geändert werden. Er wollte durchaus nicht antik komponiren, nicht solche Musik machen, wie sie möglicherweise die alten Griechen zur Antigone gehabt haben, sondern seine Musik sollte die Brücke schlagen zwischen dem antiken Stück und den modernen *) Felix'sche Briefe an Klingemann 15. Juli 1841, an David 9. August 41, an Häuser 12. Oct. 41. **) Felix'sche Briefe, 21ten Oetober 1841. Antigone. Menschen. Sehr richtig sagt Fanny Hensel*), „dass die Musik viel heigetragen, uns das Verständniss des Ganzen näher zu führen, ist wohl gar keine Frage, hätte sich Felix auch streng antik halten wollen, wir und das Stück wir wären nicht zusammen gekommen. „Ende Oktober kam Antigone zuerst im neuen Palais in Potsdam auf dem Königlichen Privattheater vor einer eingeladenen Zuhörerschaft zur Aufführung. Die Bühne wurde ganz nach Art der alten griechischen eingerichtet. Das Wetter war herrlich, wir fuhren Alle mit der Eisenbahn hinüber, auf dem Dach des Bahnhofes war Mittagbrod für uns bestellt, während wir assen, kam mit einem späteren Zug das ganze kluge und gebildete Berlin an, welches Zeuge der ersten Vorstellung sein sollte. Der Anblick des kleinen Hauses und des Theaters war überraschend schön. Ich kann nicht sagen, wieviel schöner und nobler ich diese Einrichtung finde, als unsere löschpapierne Koulissenwirtlischaft mit der abgeschmackten Lampenreihe unten. Wann ist wohl je Beleuchtung von unten gekommen? — Schon das Fallen des Vorhangs beim Anfang, so dass man die Köpfe der Spieler zuerst sieht, ist weitaus vernünftiger, als unsere Mode, wo wir mit deren Beinen zuerst Bekanntschaft machen. Die Crelinger mit ihrer wunderbar schönen Art zu sprechen, war eine ausgezeichnete Antigone und brachte den edeln Geist und die hohe Würde dieser idealsten Frauengestalt vortrefflich zur Erscheinung. Es war wohl das Interessanteste, was in langer Zeit' auf der Bühne vorgegangen war, und der gewaltige Ernst, die tiefe Bedeutung dessen, was man sali und hörte, verfehlte seinen Eindruck auch auf Diejenigen nicht, denen das wahre Verständniss nicht aufgegangen war. Das Unternehmen machte grosses Aufsehen, und die Antigone wurde bald auf allen grösseren Bühnen aufgeführt; nebenbei erregte sie auch eine Menge Streitfragen antiquarischen Inhalts, die in den Zeitungen mit deutsch-breiter Gründlichkeit und — Langweiligkeit durchgefochten wurden." In Berlin wurde die Antigone im April 1842 zuerst im *) Tagebuch. 188 1841. Schauspielhause öffentlicli gegeben. Von allem weiteren Schrei- ben über die Antigone liielt sich Mendelssohn, nach seinem stets festgehaltenen Gesetz „öffentlich stumm zu sein", vollkommen fern. Er hatte die Antigone geschrieben und über- liess das Weitere Denen, die dazu Lust und Beruf in sich fühlten.*) Natürlich war der Sommer 1841 und der darauf folgende Winter auch anderweitig in Folge von Mendelssohn's Anwesenheit in Berlin reich an musikalischen Ereignissen. Es wurden einige grosse Konzerte gegeben, die er dirigirte. Aber auch die „Sonntage" waren in grossem Flor und wurden durch ein höchst brillantes Publikum besucht, das tlieilweise ebenso viel zu dem Interesse beitrug, als die Musik. Einmal war es der eben angekommene Cornelius, der die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, ein anderes Mal Bimsen und Felix, ein drittes Mal Thorwaldsen; und um diese Mittelpunkte grup- pirte sich eine zahlreiche Versammlung, Alles, was Berlin an Notabilitäten, an Schönheit und an Vornehmheit hatte, in sich schliessend. Der 17te Band der Portraitsammlung Hensels giebt Zeugniss von der ausgezeichneten Gesellschaft, die sich in diesem Jahr einfand: in diesem einen Bande sind die Por- traits von Thorwaldsen, der Sängerin Pasta, des Violinspielers Ernst, der Unger-Sabatier und ihres Mannes. Ausserdem Liszt, der in Berlin bei diesem ersten Aufenthalt einen rasenden Enthusiasmus erregte. Demnächst Lepsius, der berühmte Aegyptologe, Böckh, der grosse Philologe, der in dieser Zeit Leipzigerstrasse No. 3 Hausgenosse wurde, ferner Mrs. Austin, die bekannte englische Schriftstellerin. Der geistreich auf- gefasste Kopf des Fürsten Radziwill, des Sohnes des Faust- Komponisten, bescliliesst diesen Band, einen der interessantesten der ganzen Sammlung. Mendelssohn verliess im Frühjahr Berlin (die weiteren Verhandlungen wurden bis zum Herbst vertagt) und ging nach kurzem Aufenthalt am Rhein, unter Zurücklassung der Familie, nach England, wo er diesmal mehr als je gefeiert *) Felix'sche Briefe an Dehn 28. Oct. 41, an Stern 27. Mai 44. Felix in London. 189 wurde. Von seinen Erlebnissen bändelt ein veröffentlichter Brief vom 21sten Juni 1842. Nach Frankfurt zurückgekehrt, schrieb er am 19ten Juli 1842: Mein liebes Mütterchen!*) „Da wären wir wieder froh und glücklich, nach froher und glücklicher Reise, und die lieben Kinder haben wir gesund und prächtig angetroffen, und Dein lieber Brief sagt uns dasselbe von Euch Allen, und ein blauer Himmel und warme heitere Luft bringt einen nnvergesslicli schönen Tag nach dem andern ■—• wenn nur der Mensch wüsste, wie er sich dankbar genug für so grosse Freude beweisen könnte. Ich bin auch gar zu gern in Frankfurt, bei so vielen guten Freunden und Verwandten, in der herrlichen Gegend; alle Morgen um sechs geh ich spazieren, nach der Darmstädter Warte zu und wenn ich wiederkomme, sind die Kinder eben aufgestanden und alle beim Frühstück, und die Aussicht auf Paul und Albertme und die Schweiz trübt einem den Sinn eben auch nicht sehr. Wollte Gott all' die frohen Aussichten erfüllen und die Freude über die vergangenen und bevorstehenden für Dank nehmen! Cecile hat sich heut früh entschlossen, mitzureisen und die Kinder abermals liier bei der Mutter zu lassen, die sich gar zu sehr mit ihnen freut. Es wird Cecile aber noch zehnmal wieder leid werden vorher ; doch hoffe ich sie endlich flott zu machen, und Paul's werden auch das Ihrige dazu beitragen. Gestern Abend, als ich mit Veit und Benins eben auf den Mühlberg fahren wollte, begegnet uns Hiller mit seiner Frau; auf dem Dampfboot fuhren wir mit Mad. Mathieu, dann mit Herrn und Mad. Rubens**), in Mainz plauderten wir eine Weile mit Woringen's, die uns zur Eisenbahn geleiteten, der Prinz Friedrich hielt uns unterwegs so lange auf, dass wir beinahe zu spät gekommen wären, er kam eben von Rom *) Dieser Brief ist iu vortrefflicher Uebersetzung in das Leben des Prinzen Albert von Theodor Martin aufgenommen worden. **) Berliner Bekannte. 1841. zurück, Schlemmer mit seiner Frau eben von Ems, Julie Schiuik Jeanrenaucl eben viel wobler von Dresden, Rosenhain von Paris, Benecke senior von London, junior von seinem Gut, Alles hier am Fahrthor zusammen. So leben wir alle Tage! — Noch muss ich Dir Einiges von London nachtragen, von den Tagen nach unserer Manchester Fahrt. Ich konnte mich nicht entschliessen, nach Dublin zu gehn, weil man zwölf Stunden zur See bleibt bis dahin, und der Gedanke zerschlug alle Unterhandlungen. In Manchester lebten wir mit den Onkels und Tanten*) zwei stille Tage, aber wie wir wieder nach London kamen, ging der Wirbelwind noch einmal los! Aufs mündliche Erzählen will ich mir aufsparen, wie schrecklich sich Cecile von Sir Edward Bulwer die Kur machen liess, und wie der alte Rogers (Sam Rogers, kennst Du ihn?) mit ihr hands shakte, und sie bat, sie möge ihre Kinder ebenso liebenswürdig erziehn und ebenso gut Englisch sprechen lehren, wie sie selbst (dies machte Aufsehn), und wie Mr. Roebuck hineinkam (frag' Diriclilet, wer das ist!), ä propos, in Aachen haben wir eine ordentliche Visite bei Meyer's gemacht, aber in Cöln konnten wir kaum zwanzig Minuten bleiben und haben desslialb Louise Hensel nicht aufsuchen können; — und ferner, wie wir bei Benecke's Sprüchwörter aufführten, und Klingemann einen westindischen Pflanzer und Sir Walter Scott vorstellte, und wie die philharmonischen Direktoren mir ein fish äinner in Greenwi'ch gaben, mit White lait und Reden, und wie bei Moscheies meine Chöre zur Antigone gesungen wurden (das werde ich Euch am Klavier nachmachen; ich glaube Beckchen lacht schon; aber warum schreibt sie gar nicht?), und wie ich Herrn v. Massow noch eben im Brunswick Hotel abpasste und Herrn Abeken bei Bunsen sprach, ach! und wie wir bei Herrn und Mad. Bunsen dinirten mit grosser Langeweile , •— das Alles beschreibe ich genauer mündlich, wie gesagt. Aber die Details von meinem letzten Besuch in Bucking- ham Palace muss ich gleich schriftlich geben, sie amüsiren Dich zu sehr, liebe Mutter, und mich dazu. Wie Gralil sagte *) Von Cöcile. Felix bei der Königin Victoria. 191 — es bleibt dabei — das einzige freundliche englische Haus, so recht behaglich, und wo man sich a son aise fühlt, ist Buckingliam Palace, — ich kenne zwar noch einige andere, aber im Ganzen stimme ich ihm bei. Ohne Spass, Prinz Albert hatte mich auf den Sonnabend um halb zwei zu sich einladen lassen, damit ich vor meiner Abreise seine Orgel noch probiren möchte, ich fand ihn ganz allein, und wie wir mitten im Gespräch sind, kam die Königin, ebenfalls ganz allein, im Hauskleid — sie müsse in einer Stunde nach Clare- mont abreisen, sagte sie; „aber mein Gott, wie sieht es hier aus", setzte sie hinzu, indem sie sah, dass der Wind von einem grossen ungebundenen Notenheft alle Blätter einzeln auf das Pedal der Orgel (die einen hübschen Zimmerschmuck bildet) und in die Ecken geworfen hatte. Indem sie das sagte, knieete sie hin und fing an, die Blätter zusammenzusuchen, Prinz Albert half und ich war auch nicht faul. Darauf fing der Prinz an, mir die Register zu expliciren, und während dessen sagte sie, sie wollte es schon allein wieder in Ordnung bringen. Darauf bat ich aber, der Prinz möchte mir lieber erst etwas vorspielen, ich wollte damit in Deutschland recht renom- miren; und da spielte er mir einen Choral auswendig mit Pedal so hübsch und rem und ohne Fehler, dass mancher Organist sich was daraus nehmen konnte, nnd die Königin, die mit ihrer Arbeit fertig geworden war, setzte sich daneben und hörte sehr vergnügt zu; darauf sollte ich spielen und fing meinen Chor aus dem Paulus „Wie lieblich sind die Boten" an. Noch ehe ich den ersten Vers ausgespielt hatte, fingen sie Beide an, den Chor ordentlich mitzusingen und der Prinz Albert zog mir nun so geschickt die Register zum ganzen Stück, erst eine Flöte dazu, dann beim Forte voll, beim c dur Alles, dann machte er mit den Registern solch ehi excellentes Diminuendo und sofort bis zum Ende des Stücks, und das alles auswendig, dass ich wirklich ganz entzückt davon war und mich herzlich freute. Dann kam der Erbprinz von Gotha dazu und es wurde wieder konversirt und unter Anderm sagte die Königin, ob ich neue Lieder komponirt 192 1841. liätte, und sie sänge die gedruckten sehr gern. „Du solltest ihm mal eins vorsingen," sagte Prinz Albert. Sie liess sich erst ein wenig bitten, dann meinte sie, sie wollte das Frühlingslied in b dur versuchen. „Ja, wenn es noch da wäre ) denn alle Noten wären schon eingepackt für Claremont." Prinz Albert ging, es zu suchen, kam aber wieder, es sei schon fortgepackt. „0, man kann's vielleicht wieder auspacken," sagte ich. „Man muss nach Lady N. N. schicken," erwiderte sie (ich verstand den Namen nicht). Da wurde geklingelt und die Bedienten liefen und kamen verlegen wieder, und dann ging die Königin selbst, und während sie fort war, sagte mir der Prinz Albert: „Sie bittet Sie auch, dies Geschenk zum Andenken zu nehmen," und gab mir ein kleines Etui mit einem schönen King, auf welchem V. lt. 1842 gra- virt steht, und dann kam die Königin wieder und sagte: „Lady N. N. ist fortgefahren und hat alle meine Sachen mitgenommen, — ich finde es doch höchst unschicklich." (Du glaubst nicht, wie mich das amüsirte). Nun sagte ich, sie möchte mich doch nicht den Zufall entgelten lassen und irgend was Anderes nehmen, und nach einigen Berathnngen mit ihrem Manne sagte der: „Sie wird Ihnen etwas von Gluck vorsingen." Die Prinzess von Gotha war unterdess noch dazu gekommen und so gingen wir fünf durch die Corridors und Zimmer bis zu dem Wohnzimmer der Königin, wo neben dem Klavier ein gewaltig dickes Schaukelpferd stand und zwei grosse Vogelbauer und Bilder an den Wänden und schön gebundene Bücher auf den Tischen und Noten auf dem Klavier. Die Herzogin von Kent kam dazu, und während die sprachen, krame ich ein wenig unter den Noten und finde mein allererstes Liederheft darunter. Da bat ich nun natürlich, sie möchte lieber was daraus wählen, als den Gluck, und sie tliat es sehr freundlich, und was wählte sie? „Schöner und schöner",f) sang es ganz allerliebst rem, streng im Takt und recht nett im Vortrag; nur wenn es nach „der Prosa Last und Müh" nach d *) Eins der Lieder, welche unter Felix' Namen von seiner Schwester erschienen sind. Felix bei der Königin Victoria. 193 runter gellt und harmonisch, heraufkommt, gerieth sie beide Male nach dis, und weil ich's ihr beide Male angab, nahm sie das letzte Mal richtig d, wo es freilich hätte dis sein müssen. Aber bis auf dies Versehen war es wirklich allerliebst, und das letzte lange g habe ich von keiner Dilettantin besser und reiner und natürlicher gehört. Nun musste ich bekennen, dass Fanny das Lied gemacht hatte (eigentlich kam es mir schwer an, aber Hoffahrt will Zwang leiden) und sie bitten, mir auch eins von den wirklich Meinigen zu singen. „Wenn ich ihr recht helfen wollte, tliäte sie es gern," sagte sie und sang: „Lass dich nur nichts nicht dauern" wirklich ganz fehlerlos und mit wundernettem, gefühltem Ausdruck. Ich dachte, zu viel Complimente müsse man bei solcher Gelegenheit nicht machen und dankte bloss sehr vielmal; als sie aber sagte: „Oh, wenn ich mich nur nicht so geängstigt hätte, ich habe sonst einen recht langen Athem," da lobte ich sie recht tüchtig und mit dem besten Gewissen von der Welt, denn gerade die Stelle mit dem langen o am Scliluss hatte sie so gut gemacht und die nächsten drei Noten auf einen Athem herangebunden, wie man es selten hört, und darum amüsirte mich's doppelt, dass sie selbst davon anfing. Hierauf sang Prinz Albert: „Es ist ein Schnitter, der heisst Tod" und dann sagte er, ich müsste ihnen aber noch vor der Abreise was spielen und gab mir als Themas den Choral, den er vorhin auf der Orgel gespielt hatte, und den Schnitter. Wäre es nun wie gewöhnlich gegangen, so hätte ich zum Schluss recht abscheulich schlecht phantasiren müssen, denn so geht's mir fast immer, wenn es recht gut gelin soll, und dann liätt' ich nichts als Aerger von dem ganzen Morgen mitgenommen. Aber gerade als ob ich ein recht hübsches, frohes Andenken ohne allen Verdruss davon behalten sollte, so gelang mir das Phantasiren so gut wie selten; ich war recht frisch im Zug und spielte lange und hatte selbst Freude daran; dass ich ausser den beiden Themas auch noch die Lieder nahm, die die Königin gesungen hatte, versteht sich; aber es kam Alles so natürlich hinein, dass ich gerne gar nicht aufgehört hätte; und sie folgten mir mit einem Verständniss und einer Auf- Die Familie Mendelssohn. II. 13 194 1841. merksamkeit, dass mir besser dabei zu Muthe war, als jemals, wenn icli vor Zuhörern phantasirte. Nun und dann sagte sie: „Ich hoffe, Sie werden uns bald wieder in England besuchen," und dann zog ich ab und sah unten die schönen Chaisen mit den rothen Vorreitern warten und nach einer Viertelstunde ging die Fahne vom Palast herunter und in den Zeitungen stand: „Her Majesty left the palace at 30 minutes past 5," und durch den Regen ging ich zu Klingemann und hatte zu aller Freude noch die grösste, das Alles brühwarm gleich ihm und Cecile zu erzählen. Es war ein lustiger Morgen. — Noch habe ich nachzutragen, dass ich mir die Erlaubniss ausbat, der Königin die a-mo//-Syinphonie zuzueignen, weil die doch eigentlich die Veranlassung meiner Reise gewesen und weil der englische Name auf das schottische Stück doppelt hübsch passt, und dass sie, als sie eben anfangen wollte zu singen, sagte: „Aber erst muss der Papagei heraus, sonst schreit er lauter als ich singe," worauf Prinz Albert klingelte und der von Gotha sagte: „Ich will ihn selbst heraustragen," und ich entgegnete: „Das erlauben Sie mir zu thun" (wie Cousin Wolf, Erlauben Sie mir, mir, mir!), und dass ich den grossen Käfig heraustrug zu den erstaunten Bedienten etc. etc. Es bleibt noch Vieles für mündlich, aber wenn mich nun Diriclilet für ein Aristocrätchen hält, wegen der langen Beschreibung, so schwöre ich, ich sei mehr radical als je, berufe mich auf Grote, Roebuck und auf Dich dazu, mein Mütterchen, die alle die Details gewiss so amüsiren, wie mich selbst. Da ich so in's Beschreiben gerathen bin, muss ich noch von einem Moment sprechen, wie wir nach schöner Fahrt über's Meer in der Nacht sagen hörten, Ostende sei nur noch eine halbe Stunde entfernt und wie ich aufs Verdeck ging, stille graue See fand, Morgendämmerung mit wunderschönen Sternen und das Schiff schnurgerade auf den Leuchtthurm losfahrend, der hell und weiss strahlte und unter ihm noch ein Paar rotlie und gelbe Lichter, die den Hafendamm bezeichneten, und England lag hinter uns und der Kontinent, wo es auch wohl schön ist, vor uns. — —" Im September fanden sich allmäklig die zerstreuten Fa- Neue Verhandlungen mit Felix. 195 milienglieder wieder in Berlin ein, und sobald Felix angekommen war, gingen auch wieder die ewigen Verhandlungen wegen seines definitiven Wirkungskreises ihren endlosen Gang. Indess war er des langen Wartens müde und fest entschlossen, die Sache auf die eine oder die andere Art zu einem Ab- schluss zu bringen. Dies war um so nöthiger, weil er sich mit grossen Compositionsplänen trug; der Elias, dessen Gegenstand ihn schon früher beschäftigt und angesprochen hatte, lag ihm jetzt sein' im Kopf, und da wollte er wissen, ob e r oder Andere in den nächsten Jahren über seine Zeit zu disponiren haben würden. Er stellte daher den Antrag, ihm nun entweder zu sagen, was er thun solle, oder es endlich klar auszusprechen, dass er nichts thun solle, da sich ein Wirkungskreis vorerst nicht für ihn finde, um dann mit Ruhe und ohne Besorgniss einer plötzlichen Unterbrechung an seine eigenen Arbeiten gelin zu können. Natürlich lautete die Antwort, wie dies bei Behördenantworten zu sein pflegt, weder Ja, noch Nein, sondern es kam wieder darauf hinaus, er solle nur warten, die Thätigkeit werde sich finden, einstweilen solle eiserne 3000 Thlr. Gehalt verzehren. Grade das war ihm aber von Tage zu Tage drückender geworden und so setzte er sich denn endlich mit schwerem Herzen hin und bat um eine Abschiedsaudienz. Damit schien denn nun freilich der entscheidende Schritt geschehen. Massow kam selbst zu ihm, tlieilte ihm den vom König bestimmten Tag der Audienz mit, sagte, die Sache sei mm leider abgemacht, der König sei sehr verstimmt und werde nur in wenigen Worten Abschied nehmen; und so schien sich denn Alles dazu anzulassen, dass Felix im Bösen von Berlin fortginge. Es blieb ihm nun noch die schwere Aufgabe, seine Mutter auf dies traurige Ende all' der schönen Hoffnungen und langen Verhandlungen vorzubereiten. Er verschob es bis auf den letzten Augenblick, den Abend vor der Audienz. Da endlich musste er es ihr mittheilen, ihr sagen, dass er in acht Tagen wieder in Leipzig sein würde und dass Berlin ein schöner Traum gewesen sei. Er that es auf einem Spaziergang im Garten; es griff sie sehr an; gewöhnlich war sie 13* 196 1841. sehr rullig und äusserlicli war ihr wenig anzumerken von ihrer sehr leidenschaftlichen Natur; bei einzelnen Anlässeil brach diese dann um so unaufhaltsamer durch. Es war auch keine Kleinigkeit für sie: Felix war ihr grösster Stolz, ihr Abgott, sie hatte sich daran gewöhnt, ihn wieder nach langen Jahren der Trennung um sich zu haben; sie war alt und konnte nicht mehr auf ein gar zu langes Leben zählen — wie nah ihr Ende sei, konnte sie freilich nicht ahnen. Es gab ehie sehr schmerzliche Scene; Fanny kam dazu, Felix rief ihr entgegen, als sie sich den Auf- und Abgehenden näherte, es sei Alles aus und vorbei, er habe seinen Abschied. Auch er. war sehr bewegt und zu Tliränen gerührt durch den Kummer der Mutter, den sein strenges Pflichtgefühl ihr doch nicht sparen konnte. Der Abend verging höchst traurig. Hensel hatte noch ein langes Gespräch mit Felix und erfuhr denn da erst, dass der Abschied nicht förmlich ertlieilt sei, und bei seiner Kenntniss der Personen und Verhältnisse bildete sich bei ihm und Fanny, mit der er die Sache besprach, die Hoffnung aus, die Audienz beim König könne möglicherweise im entgegengesetzten Sinne entscheidend werden. Hensel ging noch spät Abends, als Alle sich getrennt hatten, zur Mutter hinüber, ihr Muth einzusprechen; zwischen furcht und Hoffnung schwebend, erwartete man den Ausgang. Am andern Morgen holte Mendelssohn Massow ab, um sich mit ihm zum König zu begeben. Massow, der ihn aufrichtig lieb hatte, nahm in seinem Hause schon im Voraus förmlich Abschied von ihm. — Der König muss bei der Audienz besonders guter Laune gewesen sein; denn statt ihn „böse" zu finden, wie Massow prophezeiht hatte, fand ihn Mendelssohn so liebenswürdig, so vertrauensvoll, wie noch nie. Er sagte Mendelssohn auf dessen Abschiedsrede, er könne ihn zwar nicht zum Bleiben zwingen, aber das müsse er ihm sagen, dass es ihm herzlich leid tliue; alle Pläne, die er, der König, auf seine Anwesenheit in Berlin gebaut habe, seien dadurch gescheitert und es risse ihm eine unersetzbare Lücke. Auf die Entgegnung, warum unersetzbar? ■— liess sich der König darüber weiter aus, wie grosse Stücke er auf Mendels- Entscheidende Audienz "beim König. 197 söhn halte und wie er keinen Andern wisse, der seine Pläne so wie er ausführen könne und auch er werde ihm wohl schwerlich einen nennen können. Das brachte ihn denn abermals auf eine Auseinandersetzung dieser Pläne, die über Nacht in dem fruchtbaren Gehirn des Königs schon wieder eine andere Gestalt angenommen hatten; und diesmal glücklicher Weise eine solche, dass sie allenfalls ausführbar und dadurch annehmbar erschienen. Es sollte sich nun darum handeln, dem König eine Art von wirklicher Kapelle zu bilden, d. h. einen kleinen Chor von etwa dreissig ausgezeichnet guten Sängern (dem nachherigen Domclior) und ein kleines Orchester (aus der Elite des Theaterorchesters bestehend), die die Verpflichtung hätten, Sonn- und Festtags Kirchenmusik, ausserdem auch wohl noch Oratorien und dergl. aufzuführen und die er nun dirigiren, dafür Musik komponiren sollte u. s. w. — Mendelssohn, dem wohl hauptsächlich der Kummer der Seinigen am Herzen liegen mochte, ergriff sofort diesen Anhaltspunkt, der die Möglichkeit eines Ausweges bot und erwiderte lebhaft, wenn davon gleich die Rede gewesen, wenn das zu Stande gekommen wäre, das wäre ja gerade der streitige Punkt, die praktische Wirksamkeit, die er vermisst hätte. Nun war die Sache im besten Gang zu gegenseitiger Verständigung. Der König antwortete, wie er sehr wohl wisse, dass ein Musiker ein Instrument haben müsse, um darauf Musik zu machen, und ein solches Instrument von Sängern und Spielern anzuschaffen, sei seine, des Königs, Sorge. Aber wenn er es nun angeschafft hätte, so müsste er auch wissen, dass Mendelssohn bereit sei, darauf zu spielen. Er müsse gewiss sein, dass er auf ihn rechnen könne, wenn er ihn brauche,, und das wäre nur dann zu machen, wenn er in seinem Dienste bleibe. Bis dahin solle er aber thun, was er wolle, nach Leipzig zurückgehen, nach Italien reisen, „Es scheint, Sie lieben das Reisen", sagte er mehreremal, kurz, vollkommen unbeschränkt und nur seines dereinstigen Rufes gewärtig sein. Eine Erklärung verlangte der König nicht auf der Stelle: er solle sich alle Schwierigkeiten gehörig überlegen und Massow Antwort sagen. Damit war die Audienz zu Ende, deren Ausgang also Hensel 198 1841 richtig geahnt hatte. Haasow, der dem über eine Stunde währenden Gespräch beigewohnt hatte, war ganz rotli vor Freude, konnte sich gar nicht fassen und wiederholte immer „Nein, wenn Sie nun noch an Fortgehen denken!" — Und Felix dachte hauptsächlich an die Freude, die er seiner Mutter bereiten konnte; er kam ganz angegriffen, ganz erschöpft, aber auch ganz entzückt von der bezaubernden Liebenswürdigkeit des Königs (die ihm allerdings, nach dem Urtlieil Aller, die in seine persönliche Umgebung kamen, eigen sein konnte) nach Hause zurück und erzählte das Ergebniss der Unterredung, welches Alle sehr beglückte. Namentlich seine Mutter war ebenso leidenschaftlich in ihrer Freude, in der Aussicht auf ein langes Zusammenleben mit Felix, wie vorher in ihrem Schmerz über die bevorstehende Trennung. Vorsichtig fasste Mendelssohn die ganze Unterredung noch einmal in einem Brief an den König zusammen, fixirte so die geschehenen Verhandlungen, sprach ihm seine Absicht aus, „bis das Instrument, auf dem er zu spielen berufen sei, fertig sein würde", nach Leipzig zurückzukehren und verzichtete für die Zeit, wo er also gewissermassen nur zur Disposition des Königs stände und zu keiner öffentlichen Tliätigkeit in Berlin verpflichtet sei, sondern nur einzelne Arbeiten in seinem Auftrag zu machen hätte, auf die Hälfte seines Gehalts. Es soll nicht geleugnet werden, dass, sobald er die Sache mit kaltem Blut überlegte, ihm sehr grosse Zweifel aufstiegen, ob dieser Plan nicht ebenso, wie alle früheren, sich in Nichts auflösen würde; indessen war er doch praktisch möglich, und wenigstens war so der Faden, der ihn an Berlin knüpfte, nicht durchgerissen; und durch die Verzichtleistung auf das halbe Gehalt befreite er sich von dem ihm unerträglich drückend gewordenen Be- wusstsein, Geld zu empfangen, ohne entsprechende Leistungen. Denn die ihm verbleibenden eintausend fünfhundert Thaler konnten wohl nur als ganz angemessene Bezahlung für die grossen Arbeiten angesehn werden, die er von Leipzig aus für den König machte und die vorläufig in der Komposition der Athalia, des Sommernachtstraumes und des Oedipus bestanden und als Entschädigung für die Unmöglichkeit, in Geburtstagsbrief. 199 Hie er (locli durch diese Fortdauer des Berliner Provisoriums versetzt war, andere Anerbietungen zu dauernder Stellung, z. B. die sehr liberalen des Königs von Sachsen, welche um diese Zeit an ihn herantraten, anzunehmen. Ende Oktober verliessen Felixens Berlin, er selbst mit der Absicht, schon am 14. Novbr. zu Fanny's Geburtstag wieder in Berlin zu sein. Statt dessen kam folgender Brief: Leipzig, 16. Novbr. 1842. Liehe Fanny! „Leider konnte ich den 14ten nicht mit Dir zubringen •und nicht einmal schreiben konnte ich zu dem Tage, weil ich am 13ten ganz unvermutliet nach Dresden niusste und nicht schreiben wollte, ohne heiliegenden Cherubini, den Du Dir ja gewünscht hast, mitzuschicken. Nimm ihn denn nun noch als Nachzügler freundlich auf und erinnere Dich meiner hei allen schönen Stellen, d. h. ziemlich von Anfang bis zu Ende. Ich wollte die Partitur statt des schlechten Auszuges haben, aber sie ist in Deutschland nicht zu bekommen. Meinen Gliick- wnnsch aber, liebste Fanny, sende ich Dir heut so gut, wie vor vier Tagen, morgen so gut wie heute und eben alle Tage, die ich lebe und an denen ich Gott danken kann, dass er mir eine Schwester gegeben hat, wie Du bist. Ich nrasste nach Dresden, um das bekannte, schon lange ausstehende Legat für uns vom Könige loszueisen (was mir, wie ich hoffe, gelungen ist) und ihm zugleich für seine freundlichen, wohlwollenden Anerbietungen, von denen Du ja weisst, zu danken und ihm auseinanderzusetzen, warum ich sie nicht annehmen könnte. Das ist nun geschehen, ich bin von ihm aufs Liebenswürdigste empfangen worden, habe nun die Gewissheit, dass die ewig lange Angelegenheit meines hiesigen oder Berliner Engagements ohne Zwist und zu allseitiger Zufriedenheit entschieden ist, habe mich drüben mit Hiibner's, Bendemann's und Franck's und etc. etc. die Paar Tage amüsirt wie ein Kaninchen, und wenige Stunden nach meiner Rückkehr ging ich wieder an die Eisenbahn, wartete zwei Stunden auf 200 1841. Cecile und endlich kam sie und ist so munter und gesprächig' und wohl wie nur möglich, und ich danke dem Himmel und freue mich ihrer Gesundheit und unseres Glücks. Die Kinder sind prächtig. Uehermorgen denken wir wieder in unser altes Logis zu ziehen; dass Cecile gar nicht hinüber darf, bis Alles wieder fix und fertig ist, versteht sich von selbst. Sag Paul, ich wäre neulich Abend wieder mit W. im Tunnel gewesen und der hätte ihn zurückgewünscht; ich hätt's auch gethan. Es gab Schoten mit Talg, und Blumenkohl mit Seifenschaum. Ferner Pastetenteig, wo gar nichts drin steckte,, und eben solche Reden und Toaste. Und nun lebe wohl: sei so gesund, so glücklich, so froh üi dem ganzen Jahre und in allen Jahren Deines Lehens, wie Du alle die Deinigen glücklich und froh machst, und wie ich's Dir vor Allen zu danken habe und niemals genug danken kann. Auf baldiges Wiedersehn." Dein Felix. Es war anders bestimmt, und das Wiedersehn wurde ein trauriges; denn Felix fand seine Mutter nicht mehr am Leben, als er zurückkehrte. Die Jahre 1842 und 1843. Felix hatte sofort wieder tüchtig Arbeit in Leipzig gefunden, und man merkt dem Ton seiner Briefe an, wieviel behaglicher er sich dort fühlte, als in Berlin. Von speciell Leipziger Geschäften lag ihm wieder die Direktion der Gewand- haus-Koncerte, die wöchentlich stattfanden, nebst der verschiedener extraordinären ob; daneben hatte der König von Sachsen jenes Legat zu einem Leipziger Conservatorium bestimmt und die Einrichtung dieser Anstalt leitete er. Dann hatte er für Berlin, wie bemerkt, die Atlialia, den Sommer- naclitstraum und den Oedipus zu komponiren; zugleich arbeitete er die Walpurgisnacht vollkommen um und komponirte die Yioloncell-Sonate in d-dur und verschiedene Lieder mit und ohne Worte, Korrekturen der Antigone und der a-moll-Symplionie r die zur Herausgabe vorbereitet wurden, kamen dazu, seine Zeit vollauf in Anspruch zu nehmen. Ausserdem die Unmasse von Fremden und Einheimischen, die ihn besuchen, befragen, um Rath und Hülfe angelin wollten, die er examiniren sollte und die noch viel grössere Unmasse von Briefen, die er stets eigenhändig und mit der grössten Ausführlichkeit beantwortete. Daneben schien die Berliner Angelegenheit jetzt wirklich einen Kuck vorwärts zu kommen. Am 4 ten December lief ein Schreiben des Königs ein, der ihn zum Generalmusikdirektor ernannte und ihm die Oberaufsicht und Leitung der kirchlichen und geistlichen Musik als Wirkungskreis anwies, nebst einer 1842—1843. durchaus im Sinn der damaligen mündlichen Unterredung und ganz seinen Wünschen gemäss sehr klar und zweckmässig ahgefassten Kabinetsordre, die offenbar unter Massow's Einfluss und mit dem Willen, die Sache wirklich und wahrhaftig in's Werk zu setzen, die Specialien regelte. Es ergab sich denn auch daraus, dass eigentlich gar keine erheblichefi Schwierigkeiten obwalteten und dass bei wirklich ernsten Absichten Alles ziemlich leicht zu machen war. Zugleich schrieb Massow und forderte Mendelssohn auf, zu den mündlichen Schlussbesprechungen einen oder zwei Tage nach Berlin zu kommen. Dieser bestimmte den 17 ten December zur Heise und nahm sich vor, eine Woche dort zu bleiben. Ein grosses Unglück, das schnell und ganz unerwartet die Familie traf, rief ilm noch früher dahin. Lea war die ganze letzte Zeit ausserordentlich wohl, sehr heiter und fröhlich gewesen. Noch niemals hatte sie so eifrig wie diesmal die Besorgung ihrer Weihnachtsangelegenheiten betrieben, und wer sie so ruhig einen Tag wie den anderen ihr gewohntes Leben führen sah, immer gleiclimässig, immer guter Laune, dem konnte kein Gedanke einer nahen Gefahr beifallen, der musste das Ende dieses Lebens noch für sehr fern halten. Sonntag den 11 ten Decbr. hatte sie die Nichten von Yarnliagen, Frl. Assings, zu Tisch, nebst der Familie, welche immer Sonntags bei ihr vereinigt war und Woringen's, die eigentlich vollkommen zur Familie zählten; man war sehr heiter, sie freute sich und lachte herzlich und legte im Laufe des Gesprächs auf AVoringen's für die nächsten zehn Jahre zu Weihnachten Beschlag. Abends war ihr Salon mit einer ausnahmsweise zahlreichen Gesellschaft gefüllt. Mitten im lebhaftesten Gespräch wurde sie unwohl und musste zu Bett gebracht werden. — Nach einiger Zeit schlief sie ein, anscheinend ganz ruhig, in ihrer gewöhnlichen Lage, mit warmen Händen, und die Kinder konnten den Gedanken nicht fassen, dass sie wirklich am Sterbebette der Mutter ständen; so dauerte es bis gegen halb zehn am Montag den 12ten December, dann kam ein kurzer, leichter Kampf, und es war vorbei. — Tod von Lea Mendelssohn Bartholdy. 203 Und es war wieder ein reiches und glückliches Leben durch einen schnellen, eigentlich schmerzlosen Tod geschlossen, ohne jede vorhergegangene Krankheit. Fanny schreibt in ihrem Tagebuch: „Man hätte sich für sie kein glücklicheres Ende ausdenken können. Es war wörtlich wie sie im vorigen Sommer "einmal zu Albertine sagte, dass sie es wünsche: ohne Bewusstsein und ohne Arzenei aus der Mitte des Lehens hinweg, das sie liebte, in voller geistiger Lebendigkeit, die immer ihr Erbtlieil war." Die Vossische Zeitimg des nächsten Tages brachte — wahrscheinlich aus der Feder Varnliagens -— folgenden Nachruf: Lea Salomon. Ein Charakterbild. Berlin, den 12ten December 1842. Heute verlor Berlin eine semer achtungswürdigsten, edelsten und in jedem Betracht vortrefflichsten Frauen. Die ver- wittwete Stadträtliin Lea Mendelssohn Bartholdy, Mutter des Königl. Kapellmeisters Felix Mendelssohn Bartholdy, starb Vormittags in Folge eines Anfalls von Brustkrampf, der sie Abends vorher getroffen hatte. Seltene Eigenschaften des Herzens und Geistes, der reinste Edelsinn und die tiefste Liebenswürdigkeit verbanden sich in ihr mit allen Tugenden der liebevollen Gattin, der treuen Mutter. Ihre Wohlthätigkeit wirkte im Stillen mit besonnener Zweckmässigkeit so ausgebreitet als segensreich; der Anmutli ihres Charakters entsprach die Festigkeit desselben, und in den Zeiten der Stürme und Gefahr, in welchen ihr Gatte sich als glaubensvoller und treuer Vaterlandsfreund erwiesen, bewährte auch sie die mu- tliigste Seelengrösse. Was ihre begabten Kinder und nächsten Angehörigen, was die grosse Zahl ihrer nahen und fernen Freunde in ihr verlieren, ist nicht auszusprechen. Sie war der Mittelpunkt einer ausgewählten, belebten, sowohl traulichen als glänzenden Geselligkeit, aus deren Mitte sie, inmitten heiter verständigen Gesprächs, wie das ihre immer war, unvermuthet entrückt wurde. Ihr Andenken wird Allen, die sie je kannten, innigst wertli bleiben, und noch in späten Zeiten in Ehren stehen! — 204 1842—1843. Das Weihnachtsfest verging natürlich ungefeiert und traurig; es war eine Art Erleichterung, als die Festtage vorüber waren. Am Montag nach Weihnachten reiste Dirichlet mit seinem ältesten Sohn auf einige Tage nach Leipzig hinüber. Felix schrieb bald nach diesem Besuch an Rebecka: Leipzig, den 5ten Januar 1843. Liebste Schwester! „Diese Zeilen sollen Dir unsern Dank bringen für die grosse Freude, die uns Dirichlet und Walter bereitet haben; und da Du Dich in dieser Zeit ihrer Anwesenheit beraubt hast, so bist Du es, der wir mit ihnen diese Freude verdanken. Wie wohl mir ihre Gegenwart getlian hat, will ich Dir mal mündlich besser auseinandersetzen, als jetzt schriftlich; die bitteren Thränen kamen mir wieder in die Augen, als ich mit dem Dampfwagen endlich doch nicht Schritt halten konnte. Dass und wie sehr ich mit Dirichlet harmonire, weisst Du schon längst; aber dennoch war es mir fast unerwartet, wie leicht und natürlich er sich in unser hiesiges Leben fand, da ich ihm niemals eigentlich so was recht für ihn Passendes hier zu bereiten gewusst hätte und in dieser Zeit weniger als je. Er war ganz und gar auf uns beschränkt; nicht einmal unsere nächsten Freunde sehen wir jetzt häufig; weil uns am wohlsten ist, wenn wir ganz allein sind. So schien es ihm aber auch zu sein, und wenn ihm die Zeit nur halb so wohlthuende Erinnerungen zurücklässt, wie uns und Allen, die mit ihm hier zusammengekommen sind, so hoffe ich, dass er sein Versprechen hält und uns bald noch einmal besucht. Mit Dir aber, Beckchen, Du musst doch einmal unsere Wohnung gesehen haben! Ueber Walter hätte ich Dir eigentlich ein ganzes Buch zu schreiben; Du kennst den Jungen nicht halb so gut, wie ich. (Hier moquirst Du Dich über mich.) Aber gewiss, ich glaube nicht, dass ich mich in dem Jungen irre, wenn ich ihn in Allem, was er hat und nicht hat, ist und nicht ist, ein wahres Muster und ein herrlich und glücklich begabtes Kind nenne. Ich weiss keinen Knaben, der mir mehr Felix an Rebeoka. 205 an's Herz gewachsen wäre, auf den ich innerlich grössere Stücke hielte, und keinen, dem ich die mehligen in den Jahren ähnlicher linden möchte, als Deinem Walter. Gerade die Fehler, über die Du oft geklagt hast, und Dirichlet auch hier manchmal, die rechne ich mit zu seiner Musterhaftigkeit, und so gewiss manches vorlaute und überflüssige Wort, manche furchtsame und weichliche Handlung mir bei einem jungen Mann tadelnswertli erscheinen würde, so natürlich erscheint sie mir bei einem Knaben, dessen Gedanken sich lange vor seinen Körperkräften entwickeln, der immer im elterlichen Hause und gerade in diesem Hause gewesen ist. Nur einen einzigen Wunsch, fortdauernde Gesundheit, habe ich für ihn, — alles Andere findet sich nach unseren Wünschen bei dem von selbst und, ich glaube, über unsere Wünsche und Erwartungen. Wie schöne Anlagen habe ich in den wenigen Tagen an dem Knaben bemerkt und welche schöne und gesunde Biegsamkeit. Ich werde nicht fertig, wenn ich Dir erzählen will, was mir darüber alles aufgefallen ist, nur das noch einmal, dass ich bei dem nicht wie bei Andern denke, dass er einmal ein guter Mensch werden wird, sondern es ist mir immer so, als wär' er's schon. Von seinen Malereien hat Dir Dirichlet und er selbst gewiss gesprochen, denn er war sehr stolz darauf. Aber wie schnelle Fortschritte machte er auch, ich habe die Sachen aufgehoben und numerirt; Du wirst Dich wundern, wenn Du die Folge einmal durchsiehst, wie da neben vielem Kindischen und ganz Verrücktem zuweilen, plötzlich halbe Figuren, namentlich bei den Pferden, vorkommen, die ganz prächtig gezeichnet und erdacht sind, und wie er die ganze Probe des Abonnements-Konzerts mit allen Instrumenten auswendig behalten hat, aber nicht ahnt, dass man ein Gesicht anders als entweder ganz en face , oder scharf en profil sehen kann, und desswegen einen rechts hinsetzt, den anderen links. Und wie er sich Liitzow's wilde Jagd so gut gedacht hat, und zugleich den lieissesten Wunsch nach einer Schachtel bleierner Soldaten hegt. Und wie er für Karl eine Taufkutsche zeichnete, die leider alle meine Versuche der Art für immer überflügelt. Mit der Musik ging es auch über alle Erwartung gut; 206 1842—1843. Du hast ihn sehr verleumdet; er hat ein. ganz gutes, musikalisches Ohr, aber es fehlt ihm an aller Uebung, und das ist hi seinen Jahren schon schwerer zu erwerben und nachzuholen, als bei vier oder fünfen. Daher denkst Du gleich, er begreift es nicht, wenn er einen ganz anderen Ton singt, aber Du vergissest, dass der ganze Hör- und Sing-Meclianismus einrostet, wenn er nicht von Anfang an immer gebraucht wird. Gehen noch zehn Jahre hin, so würde es ihm unsägliche Mühe kosten, gut musikalisch zu werden; jetzt, bin ich überzeugt, kostet es nur ein wenig Geduld des Lehrers beim ersten Anfang. Dass nachher der einmal geübte Mechanismus nicht wieder einrostet, davon kannst Du das deutlichste Beispiel im Spiegel sehen. Walter konnte, als er von hier abreiste, das durchstrichene C sicher treffen, wenn ich's auf dem Klavier anschlug, dann die höhere Oktave allein dazu nehmen, und endlich D und G treffen; die übrigen Töne noch nicht. Auch jene verfehlte er zuweilen, besonders wenn er zu schnell zufahren wollte, aber ich brauchte dann nur den Ton wieder anzugeben, ohne etwas dazu zusagen, und er drückte so lange hinauf oder herunter, bis es rein wurde. Mach doch diese Uebungen auch zuweilen mit ihm, aber schnauze ihn niemals dabei an, sondern präge ihm die beiden C's fest ein, dann den Unterschied, der im Gehör zwischen der Scala (den neben einander liegenden) und dem Dreiklang (den auseinander liegenden, aber zusammenklingenden Tönen) liegt. Er fasste ihn hier ganz leicht, wird ihn aber gewiss wieder vergessen haben, die C's auch vielleicht; aber sie werden gewiss gleich wiederkommen, wenn Du sie ihm anschlägst. Und wenn er dann statt C etwa As singt oder auch Ges z. B., so wundere Dich nicht, sag auch nicht „aber Walter!" — sondern schüttele Deinen Kopf, und schlage das C noch einmal an und lass es ausklingen und lass ihn ruhig zuhören. So wird er Tenoroder Basssänger. — Was sagst Du zu dieser Predigt? Aber ich habe es Dirichlet vorher gesagt, ich würde Dir einen grossen Brief über Walter schreiben, — das ist er nun. Was könnte uns auch in dieser Zeit mehr Theilnahme erregen und Freude an der Gegenwart geben, als solch ein lieber, hoffnungs- Felix an Paul. voller Knabe? Griiss- ihn und Dirichlet tausend Mal und danke ihnen in unserm Namen. Das nächste Mal schreibe ich nun an Fanny, sag' ihr das." Die Mutter war den vier Geschwistern ein Mittelpunkt gewesen, den sie zwar für ihre gegenseitige Liebe und Stellung zu einander nicht brauchten, der aber doch für tausend kleine Vorkommnisse des Lebens wichtig war. Sie war eben eine ohne Frage Uebergeordnete, um die sich alles Andere natürlich gruppirte; es verstand sich ganz von selbst, dass alle Sonntag die Familie bei ihr ass, alle Sonntag Abend bei ihr zubrachte, dass die Weihnachtsbesclieerung Jahr für Jahr bei ihr stattfand, dass Felix, wenn er nach Berlin kam, meist ihr Gast in ihrem Hause war. Das war nun anders, und die Geschwister mussten sich mit Vielem anders einrichten. Sie hatten auch das lebendige Gefühl davon, das Felix in einem Brief an Paul bald nach der Mutter Tode ausspricht:*) Leipzig, 22sten December 1842. Mein lieber Bruder! „Dass wir Alle hier gesund sind und traurig hinleben, wie wir können, eingedenk des Guten, was uns früher zu Theil wurde, das habe ich den Tag nach meiner Ankunft an Euch geschrieben; es war an Fanny adressirt, aber an Euch Alle geschrieben. Allein Du hattest nichts davon gehört, und auch in dieser Kleinigkeit spricht sich wieder aus, was sich tagtäglich mehr und mehr aussprechen wird, tiefer und fühlbarer: dass der Vereinigungspunkt fehle, in welchem wir uns immer noch als Kinder fühlen durften. Waren wir es nicht mehr den Jahren nach, so durften wir es dem Gefühle nach sein. Wenn ich an die Mutter schrieb, so hatte ich damit an Euch Alle geschrieben, und Ihr wusstet es auch; aber Kinder sind wir nun nicht mehr und haben es genossen, was es heisst, das zu sein; es ist nun vorbei. — *) Felix'sche Briefe. mmmmm 208 1842—1843. Man hält sich in solcher Zeit an Aeusserlichkeiten, wie in einer finstern Stube, wo man den Weg sucht — von einer . Stunde zur andern. Sag' mir, oh wir es so einrichten wollen, dass ich einen Tag der Woche abwechselnd an Jeden von Euch schreibe und Antwort bekomme, sodass wir wenigstens alle drei Wochen von einander hören, unbeschadet des Oefteren, oder ob Dir eine bessere Einrichtung einfällt? Habe auch tausend Dank für Deine liebe Frage wegen der Wohnung. Es war mir schon eingefallen, Dich darum zu bitten und nun bietest Du es mir an. Aber ehe wir es so festsetzen, möchte ich doch, Du brächtest die Sache einmal in Gegenwart der Schwestern und Schwäger behutsam auf's Tapet. Merkst Du, dass denen irgend ein unangenehmes Gefühl daraus erwächst, wenn ich jetzt zum ersten Mal in Berlin mit ihnen nicht unter demselben Dache wohne, und sprechen sie dies Gefühl auch nur durch ein Wort oder eine Bemerkung aus (Du wirst dies leicht verstehen können und ich verlasse mich ganz auf Dich), so müssen wir es aufgeben. Im andern Falle würde ich Deine Güte dankbar annehmen. Schwer wird mir der nächste Besuch in Berlin fallen; — schwer fällt mir eigentlich Alles, was ich thue und treibe und was nicht ein blosses Uebermicliergelien- lassen ist. Doch habe icli wieder angefangen zu arbeiten und das ist das Einzige, was mich ein wenig beschäftigt. Zum Glück hatte ich eine halb mechanische Arbeit: Schreiben von vielen Bogen, Instrumentirung u. dergl. zu machen. Das ist so halb und halb ein thierischer Instinkt, dem man nachgeht und wobei es Emern doch wohler wird, als ohne das. Aber gestern habe ich dirigiren müssen; das war schrecklich. Sie sagten, das erste Mal würde immer schrecklich sein und ich müsste einmal durch; ich glaube es auch, aber doch wollte ich, ich hätte ein Paar Wochen warten können. Mit einem Liede von Roclilitz fing es an; aber wie in der Probe die Altstimmen piano sangen: „Wie der Hirsch schreit," so wurde mir so schlecht, dass ich nachher auf den Flur hinausgehen musste und mich ausweinen. Heute habe ich, Gottlob, einen Tag, wo ich keinen Menschen sehen und sprechen brauche und mit dem Husten Felix an Fanny. 209 geht es ancli besser. — So schleicht die Zeit fort, aber was wir gehabt haben, wird nicht weniger lieb, und was wir verloren haben, nicht weniger schmerzlich mit der Zeit. —" Natürlich war es das Bestreben der Berliner Familie, Felix in dieser für Alle schweren Zeit so oft als möglich zu sehn, und so hatten auch Hensels eine Eeise nach Leipzig geplant, zu der den äusseren Anlass eines der Gewandhaus- concerte geben sollte. Felix schreibt darüber: Leipzig, d. Ilten Februar 1843. Lie b e Fanny! „Diese Zeilen schreib ich, um Dir zu sagen (nicht ohne Ingrimm), dass das nächste Abonnements-Concert eines der schlechtesten, wo nicht das "schlechteste wird, das wir den ganzen Winter gegeben haben. Erlass mir die schriftliche Erzählung aller Umstände, die uns zwingen, statt der d-rnoll- Symphonie von Beethoven, die a-dur-Symphonie von Pape und statt der Bacli'sclien h-moll-Messe eine Cavatine von Donizetti aufzuführen — genug, es ist so und ich liab's nicht ändern können. Nun entscheide Du, ob Du lieber zu einem schlechten Concerte, aber recht bald (was auch sein Gutes hat), oder zu einem besseren Concerte, aber eine Woche später kommen willst (was sein Unangenehmes hat). Ist der Dieb heraus?*) In der Leipziger Allgemeinen Zeitung steht ein Artikel man habe einen frechen Einbruch in der Wohnung des Professor D. . . bei Nacht gemacht: die Polizei habe ihn acht Tage zuvor gewarnt und acht Tage lang habe man alle Vorsichtsmassregeln angewendet, aber da Niemand erschienen sei, so habe man am neunten die Wächter verabschiedet und in derselben Nacht sei der Einbruch verübt worden. Ich habe die Geschichte aus guter Quelle anders gehört und erzählt; auch verlängere und verkürze, verdicke und verdünne ich das Brecheisen fortwährend nach Umständen. — Mit oder ohne Spass bleibt die Sache aber höchst abscheulich.' 1 — *) Es hatte kurz vorher ein äusserst frecher Einbruch in der DiricMet'schen Wohnung stattgefunden. Die Familie Mendelssohn. II. 14 210 1842-1843. Am 21 steil Februar wurde die Reise ins Werk gesetzt und Hensels verlebten in Leipzig aclit angenehme Tage. Fanny bemerkt darüber in ihrem Tagebuch: „Es wurde viel Musik gemacht: wir hörten die c-moll. Symphonie von Gade, sein Erstlingswerk, das zu grossen Erwartungen berechtigt. Felix war auch ganz entzückt von diesem Werk und studirte es mit der grössten Liebe ein. Zu gleicher Zeit mit uns war Berlioz in Leipzig, der mit seiner bizarren Art viel Anstoss bei den Leipzigern erregte; Felix hatte viel zu begütigen und zu vertuschen. Zum Schluss bot Berlioz ihm einen Tausch ihrer Taktstöcke an, „wie die alten Krieger ihre Rüstungen tauschten," — und als Letzterer ihm sein nettes leichtes mit weissem Leder überzogenes Fischbein- stöckchen schickte, sandte er ihm einen unbehauenen, mit der Rinde versehenen, ungeheuren Lindenknüppel, mit einem offenen Schreiben, das anfing: „Le mien est grassier, Je tien est simple."' Ein Freund, dem Berlioz dies zur Besorgung übergeben und der es übersetzt hatte: „Ich bin grob und Du bist simpel," war in tödtlicher Verlegenheit, wie er diese vermeintliche Beleidigung Felix verheimlichen solle. — Auch die Schumann hörten wir viel, sie spielt entzückend schön." — Das Berlioz'sche Billet ist in Nohl's Musikerbriefen veröffentlicht, und lautet folgendermassen: Au cli e f Mendelssohn! Grand olief! nous nous sommes promis d'echanger nos Toma- welcs! voici le mien, il est grossier, le tien est simple! Les Sqijaws seules et les visages päles aiment les armes ornees. Sois mon frere, et quand le grand esprit nous aura en- voye's chasser dans le pays des ämes, que nos guerriers suspendent nos Tomaweks unis a la porte du conseil. II e et o r Berlioz. Leipzig, 2 Fevrier 1843. In den letzten Tagen des April kam Gounod nach Berlin, und blieb bis zum löten Mai. Fanny schreibt über ihn: „Er war diese Zeit über immer hier und ist von der ganzen Familie sehr freundlich aufgenommen worden, hat aber auch Gounod in Berlin. 211 richtig von ganz Berlin nichts gesehn, als unser Haus, unsern Garten und unsere Familie, und nichts gehört, als was ich ihm vorgespielt habe, so sehr wir ihn auch aufgefordert haben, sich umzusehn. Die Tage vergingen wirklich sehr angenehm mit ihm; wir haben ihn seit Rom sehr entwickelt gefunden, er ist überaus begabt, von einer musikalischen Auffassung, einer Schärfe und Richtigkeit des Urtheils, die kaum weiter gehen können, dabei von dem feinsten und weichsten Gefühl. Diese lebhafte Auffassung ist ihm auch über die Musik hinaus eigen, so dass ich ihn z. B. nicht ohne wahres Vergnügen konnte deutsch lesen hören, und mich wundern musste über das Talent, womit er das Wesen der Sprache sich zu eigen zu machen wusste. So hat er einige Scenen aus Antigone gelesen und zu meiner grossen Verwunderung verstanden. Was mich nun auch eben nicht gegen ihn einnimmt, ist die wahre Liebe und Verehrung, die er für uns hat und durch seine Reise nach Berlin wirklich thätig bewiesen, da er sie einzig und allein unternommen, um uns zu besuchen. Seine Anwesenheit war mir eine sehr lebhafte musikalische Anregung, da ich erstlich sehr viel gespielt und sehr viel über Musik mit ihm gesprochen habe während der manchen Nachmittagsstunden , die ich mit ihm allein zubrachte, da er gewöhnlich von Mittag ab bei uns blieb. Wir haben auch über seine Zukunft Manches gesprochen, und ich glaube nicht geirrt zu haben, indem ich ihm das Oratorium als die nächste musikalische Zukunft Frankreichs dargestellt habe; er ist auch so wohl darauf eingegangen, dass er sich hier schon sehr ernstlich mit dem Texte beschäftigt hat; er will Judith wählen. Kurz, er hat uns in jeder Hinsicht vollkommenes Vertrauen bewiesen, und so war die überaus freundliche Aufnahme, die er bei uns und, wie ich mit Dank anerkenne, auch bei den Geschwistern gefunden, eine durchaus verdiente. Er hat auch allgemein gefallen." Im Juli 1843 machte sich nun Rebecka mit ihren beiden Knaben Walter und Ernst zu der grossen lange geplanten italiänischen Reise auf, vorerst nach Freiburg im Breisgau ? wo Woringen sich etablirt hatte, und nach Badenweiler, um 14* 212 1842-1843. dort in Ruhe und schöner Natur Dirichlet zu erwarten, der erst nach Schluss der Vorlesungen nachkommen konnte. Einige Augenblicke hatte im Frühjahr, als der Entschluss zu der Reise gefasst wurde, die Lust mitzureisen bei Hensels ernste Erwägung gefunden, indess hatten sie es doch wieder aufgegeben. Wir werden sehn, durch welche Verkettung von Umständen sie später gezwungen wurden, nachzureisen. Da von dieser Reise wieder die beiderseitigen Briefe vorliegen, sowohl von Hause als nacli Hause, so werden die Betheiligten das Leben dieser Zeit am Anschaulichsten selbst schildern. Reise- und Heimathbriefe. Kebecka an Fanny. Kehl, 15. Jnli 1843. „ — — Ich habe sehr gute Fahrt gehabt, herrliches Wetter, besonders von Darmstadt nach Heidelberg, welchen Prachtweg wir im offenen Wagen am schönsten Morgen durchfuhren. Ich habe wenigstens zwanzig Häuser gesehn, in denen ich Professor sein möchte. Beschreibung dieser Euch allen bekannten Gegend, sowie aller unbekannten kann ich mir wohl schenken: bei den Namen Heidelberg, Weinheim, Handschuhs- heim muss Einem schon das Herz warm werden, und es ist so hübsch, dass Alles dort „heim" endigt, man möchte gern da heim sein. Wir fuhren nach Tisch auf den Wolfsbrunnen, nach den Forellenteichen, Du weisst, wo die wohnen, ist's gut sein, dann aufs alte Schloss, wo wir nass wurden. Die ganze Einfahrt in Heidelberg war sehr lustig; kurz vor der Stadt begegneten uns Omnibusse mit spazierenfahrenden Studenten in Staubkitteln und mit langen Barten; in der Stadt war Alles mit Kränzen und Fahnen geschmückt; ich war schon ganz beschämt über die Ehre, bis ich erfuhr, es sei nicht allein mir, sondern zwei badischen Prinzen zu Ehren. Freitag fuhren wir per Eisenbahn nach Karlsruhe in sieben viertel Stunden; da wollte ich mir einen extra guten Tag machen und fuhr nach Baden, um den Nachmittag da zu bleiben, das war aber ratlier misslungen; wir bekamen Stuben nach einer engen Strasse, Reise- und Heimathbriefe. icli war trotz der wenigen Meilen sehr erschöpft, legte mich auf den Soplia, war zwar nach einigen Stunden so ausgeruht, dass ich auf's neue Scliloss ging, um die Sonne untergehn zu sehn, statt dessen kam aber ein Gewitter vom alten Scliloss auf uns zu und ging viel schneller als wir, so dass wir abermals durchweicht nach Hause kamen. Heut bis zwei Uhr habe ich auf gut Wetter gewartet, um die Geroldsau und Kloster Lichtentlial zu sehn, es kam aber nicht, und da fuhren wir im Regen hierher; hinter den Bergen wurde es besser und der Münster lag prächtig in der Abendsonne vor uns. Morgen früh gehe ich mit Walter hinüber, mir ist wie am Vorabend eines Ereignisses. Wie luftig und leicht steigt er schon in der Ferne an den Bergen herauf; er scheint viel höher als die Berge. Hier in Kehl habe ich weit über meine Erwartung ein gutes Wirthshaus gefunden, sehr still, reinlich, ungeheure Betten, Forellen und Pfirsichkompott, dabei habe ich an Dich gedacht, liebe Fanny, wie bei Allem, was mir gefällt oder auch nicht gefällt. Ueberhaupt gefällt mir's hier sehr schön, obgleich keine Gegend ist, nach dem prätensiösen, vornehmen Baden mit den grossen Hotels mit fünftausend Kellnern und ebenso viel Klingeln, die den ganzen Tag bimmeln. Hier läuten die Glocken, ein Haufen Bauern in weissen Jacken und Pelzmützen kannegiessert vor dem Hause, Andere kommen mit Lasten auf dem Kopfe vom Felde herein, und Alle sagen guten Abend, das ist etwas für mein idyllisches Gemütli, und man merkt schon der Luft an, dass die Berge nahe. Eben läutet es aber zehn, sehr spät für einen Kleinstädter. Gute Nacht; morgen mehr. Freiburg. — — Ich gratulire zu Felix*) und freue mich sehr, obgleich ich nichts davon habe, solches Pech habe nur ich, dass das den ersten Winter geschehen muss, wo ich nicht zu Haus bin. Indessen hoffe ich, es wird ihm gefallen und wir verleben dann noch mehr Zeit zusammen; gefällt es ihm, Gott behüte, nicht, dann beneide ich Euch gerade nicht. *) Nach der Nachricht seines bestimmten Uebersiedelns für den Winter nach Berlin. Freitrarg im Breisgau. 215 In Leipzig war er diesmal zu liebenswürdig. — Mit Jean Panl's Bestimmung*) bin icli höchst einverstanden, wie mit Allem, was Ihr tliut, seid es auch mit mir; ich habe noch immer eine kindische Angst vor Schelte, wenn ich auch mich nicht rühmen kann, je deren von Diriclilet bekommen zu haben. Nun in meinem Beisetext weiter. Freiburg ist ein Paradies, der ganze Weg von Kehl an prächtig. Deutschland ist ein schönes Land, wenn man drin ist und wenn man nicht drin ist. Gestern früh fuhr ich mit Walter und Schuhmacher**) nach Strassburg, verweilte drei Stunden in, auf und um den Münster herum. Schuhmacher wunderte sich, dass der Münster keinen Krahnen auf hat, wir hörten die Messe, die Orgel, sahen eine Prozession die Kirche umzielin — erlasst mir die Worte darüber ■— es war zu schön. Auch Erwin's Haustreppe sind wir bis oben hinangeklettert, von der Du soviel erzählt hast, Nachmittag um zwei sassen wir wieder im Wagen und fuhren im schönsten Land, unter dem schönsten Himmel hierher, und wo es am schönsten ist, in allen alten Schlössern und neuen Landhäusern, wohnen Engländer. Eine halbe Stunde vor dem Thor begegnete uns schon Franz, ob wir uns gefreut haben, na ob! — Sie wollten durchaus^das Unmögliche möglich machen, uns bei sich ein- quartiren, ich widerstand aber und brachte Ernst zu Bett im Zähringer Hof und ging dann zu Angelika, da stand der bekannte Theetisch und der alte bunte Soplia und die alten lieben Gesichter. — — Ich freue mich Süddeutschland noch recht zu gemessen, ehe ich durch die Schweiz und Italien vielleicht verwöhnt und vornehm geworden. Für die hiesige Kirche ist es nicht vortlieilhaft, dass man den Strassburger Münster vorher sieht; dagegen ist sie kleinlich boiuloir-Ä\mlic\\ und zu com- fortalle , um vor Zerknirschung katholisch zu werden. Ein hiesiger Glasmaler hat die mangelhaften Fenster im Dom sehr geschickt restaurirt, ganze Fenster neu gemacht, zum Danke ist er Hungers gestorben und seine Familie lebt noch in tiefem *) Die Werke desselben Woringen's zu schenken. **) Der Qiftner. 216 Reise- und Heimathbriefe. Elende; ich hätte nicht gedacht, dass so etwas noch heut vorfallen kann. — Politisches hör' ich genug; es ist ein schrecklich aufgeregtes Nest; Musikalisches gar nicht. Habt Ihr denn die Viardot-Consuelo gehört? Die verdammte Sand; ich muss hei jedem Krautgarten an sie denken. Bitte, schreibt Alles, jedes Butterbrod interessirt mich." Rebecka an Paul. Badenweiler, d. 28sten Juli 43. „Ich benutze einen Regentag, leider giebt es deren viele, um meinen wöchentlichen Bericht an Dich, wahrscheinlich Strohwittwer, zu richten. Du wirst wohl schon gehört haben, da ich hoffe, Du bist in Verbindung mit der Leipziger Strasse No. 3, das ich hier bin hängen geblieben und ich bereue es keinesweges, es ist ein reizendes Eckchen Welt hier, wirklich „das holde Thal", wovon Fanny singt, so grüne Matten voll der schönsten Bäume, so viel Quellen, und dabei liegt es ganz hoch in den Bergen; und ist doch so laue windstille Luft, in den Gärten wachsen Lorbeer und Oleander im Freien, die obligaten Burgruinen mit Eichen fehlen auch nicht, und wenn man glaubt, die grüne Bergaussicht könnte man einmal satt werden, so sieht man anders herum, da liegt der Rhein, rive droite et rive gauclie mit allem Elsass und Vogesen. Es ist gerade ein Aufenthalt, wie ich ihn liebe, nicht nur schöne Punkte, sondern jeder Schritt ist schön, bis auf die sorgfältig gekiesten Wege hinab, die von bunten Krystallen glänzen, ich wollte schon eine Fuhre für unsern Garten schicken; und jeder Kulistall, jeder Pfahl hat einen dicken Kranz von den schönsten Schlingpflanzen. Hieraus kannst Du Dir gar keinen Begriff davon machen, wie schön es ist, aber Dir doch denken, dass es schön ist, wenn nur besser Wetter wäre. In der Schweiz soll es gar arg sein, in Lauck, in Baden liegt dicker Schnee, und so lang der Basler Wind weht, ist keine Hoffnung auf Beständigkeit. An der Table d'hote ist hier eine Heringsdorfer Wirtli- scliaft, meist Frauen mit Kindern, sogar Ernst speist unten. Badenweiler. 217 Schuhmacher nimmt sehr an Weisheit und Erkenntni'ss zu, zeichnet, führt Tagebuch und macht den französischen Kammermädchen stark die Cour. Franz hat mir ein Buch eingerichtet, Schulimaeheriana und Verwandtes und mit Vignetten versehn, darin soll ich die unzähligen Geschichten, die mein Gefolge liefert, einschreiben, an denen sich Franz sehr erbaut hat. Wunderschön ist es, wie Schuhmacher überall für den Herrn gilt und die Täuschung so lange als möglich unterhält; in Heidelberg haben sie ihn gefragt, ob er zwei Stuben mit zwei Betten beföhle. Mine ist wie verdutzt von Allem, was sie sieht, und in fortwährendem Entsetzen über alle katholischen Bilder am Wege: „Ach sehen Sie, Frau Professorin, da hängt schon wieder unser Herr Christus im Eegen." — Von vielen Unbequemlichkeiten, die mich in Italien erwarten, habe ich schon auf der Reise bedeutenden Vorgeschmack erhalten, mehr geprellt als in Leipzig und Heidelberg werde ich schwerlich, Flöhe wachsen überall, und schwerer verständlich wert' ich mich auf italiänisch nicht machen, als hier auf deutsch; neben der wirklich schweizerischen Natur hier herrscht auch das schöne schweizer Deutsch. Meine Baseler Tischnachbarin frag mich, ob ich das Deutsch sprechen nicht gewohnt wäre; das einzige Deutsch, das sie ordentlich verstehn, ist- französisch. Die sehr willkommene Essglocke unterbrach den Fluss meiner Feder!" Fanny an Eebeeka. Berlin, den 27sten Juli 1843. „Also in Badenweiler. Gar nicht übel; ich halte Angelika's*) Augen für ebenso blau wie den Genfer See, ganz so hoch wie die Berge ist sie zwar nicht, aber wozu wäre das auch? In einem sehr schönen Moment kam Dein gestriger, sehr angenehmer Brief aus Freiburg, erstens lief uns die Kinderfrau damit in den Garten nach, als wir eben Jakoby durch denselben zum Thor hinaus begleiteten, zweitens hatte ich bereits drei Seiten an meinen Mann geschrieben,**) um *) Frau v. Worihgen war mit nach Badenweiler gefahren. **) Hensel war auf einer Reise nach England begriffen. 218 Reise- und Heimathbriefe. ihm um den Bart zu gehen, er solle mir erlauben, Schuhmacher zu nehmen, den Du laut der vorletzten Note zurückschicken wolltest! Ich hätte mir also denken können, dass Du ihn mitnehmen würdest, desto hesser für Heinrich; dieses Zwitter von Schwein und Esel ist gar zu. gutmüthig; ich glaube, ich bringe es nicht über mein Kieselherz, ihn wegzuschicken. Ich werde ihn als umgekehrten Ring des Poly- krates am Finger behalten. Jakoby*) hat uns in den letzten Wochen viel besucht. Was kann der grob sein! — Eigentlich haben die groben Leute ganz recht, wenn sie, wie Jakoby, doch noch etwas daneben sind, denn wenn sie sich einmal zu anderer Leute Alltagshöflichkeit herablassen, kann sich ihr Auditorium gar nicht vor Wonne fassen und sperrt Maul und Nase auf und bedankt sich schönstens. Ich hätte ihn wohl mit Schönlein zusammen sehen mögen, wer da das gröbste Wort behalten hätte. An Vornehmheit hat der es dem Andern zuvor getlian, denn Jakoby hat wohl zehnmal auf ihn gewartet und er hat ihn immer sitzen lassen und ihn zuletzt gezwungen, sich noch einmal nach dem Thiergarten zu bemühen. Gott bewahre mich, so krank zu werden, wie ich es sein mlisste, um Schönlein zu consultiren. Meiner Hände wegen thu' ich es nicht, von denen hast Du doch eine zu schlechte Meinung, wenn Du glaubst, ich könne nicht mehr damit schreiben. Das Absterben hat sich fast ganz gegeben, mit der Schwäche ist es abwechselnd. Das Galvanisiren könnt' ich nicht gut vertragen, nun soll icli's mit Branntweinstrankbädern versuchen und da ergiebt sich die wunderschöne Thatsaclie, dass in Berlin, wo der dritte Laden ein Schnapsschank ist, gar nicht gebrannt wird und ich nun erst zusehen muss, wo ich das Zeug herkriege. Neulich hier einmal habe ich recht gut gespielt, den Tag darauf bei der Decker unter allem Nachtwächter, kurz, ich habe jetzt wieder so wenig Sicherheit, als da ich vierzehn Jahr alt war und da ich noch nicht einmal die umgekehrte Zahl habe, will ich mich durchaus nicht in die Unfähigkeit ergeben. — Mit Felix ist es noch immer beim *J Der Mathematiker, der auch nach Italien reiste. Fanny an Kebecka. 219 Niclitkommen, Dochkommen, icli fange nachgrade an, gar nickt mehr daran zu denken. Einstweilen kommt er Mittwoch auf acht Tage und hat auf die tausendjährige deutsche Freiheit einen Choral komponirt, der liier, glaube ich, im Dom gesungen werden wird. Höchst symbolisch für'seine, ebenfalls tausendjährige Angelegenheit. Wohl glaube ich, dass Du Consuelo in jedem Krautgarten siehst; dass Du aber ihr Urbild nicht auf der Bühne siehst und hörst, ist wirklich sehr schade. Das ist eine einzige Person! Und viele Ziige von ihr sind wirklich sehr getroffen, wenn ich sie so reden höre, finde ich sie ganz wieder. Schade nur, dass gerade unser vortrefflicher Intendant Küstner anderer Meinung ist, und sie durch Grobheiten aller Art verhindert, hat, ein drittes Mal aufzutreten (wofür sie morgen noch ein Concert giebt), und sie überhaupt nicht engagiren will, obgleich sie Lust hätte, hier an der deutschen Oper zu singen, womit uns einigermassen geholfen wäre. — Die alte Hofräthin Herz hat eine nicht üble Probe von Unverwüstlichkeit abgelegt: sie ist von ihrer Treppe, sechszehn bis siebenzehn Stufen, über das Geländer auf den Steinboden gestürzt, wo jeder andere Mensch sich todtgefallen hätte; hat noch ein Stück Geländer mitgenommen; unten angekommen hat sie sich gewehrt, als die vor Schreck lialbtodten Anwesenden sie aufheben und hinauftragen wollten, Dieffenbach fand einige blaue Flecke an ihr und drei Tage nachher war sie wieder vollkommen wohl. — — — Leb wohl, reise weiter so glücklich wie Du mit Gottes Hülfe angefangen, und schreibe mir immer sechsmal, ehe Du den Andern einmal schreibst, so will es die poetische Gerechtigkeit. — —" Aus einem Brief von Kebecka an Fanny. Badenweiler, den 3ten August. Könnt' ich Dir nur etwas von den Felderdbeeren schicken, womit die Berge hier bedeckt sind, und die, mit wenig Ueber- treibung, so gross sind, wie bei uns die Ananaserdbeeren. Und die Forellen — ach die Vergissmeinnicht, ach die 220 Keise- und Heimathbriefe. Forellen! — Hier ist die rechte Forellengegend, überall rauscht's und plaudert's und überall sind fingerbreite Bäche, mit grossen steinernen Brücken. Ich habe auch vom Blauen aus (die dritthohe Spitze des Schwarzwalds) das Wiesenthal von Hebel gesehn. Ein anderer Kerl heisst der Schau-in's- Land. Und alle Tage denk ich, wie wüthend Hensel über die grünen Flatschen sein würde, an denen ich mich gesund und froh sehe. Schon weniger würde er über drei schöne Mädchen wütlien, eine Sammlung Haare, Zähne, Farben und Augen isst da unten Mittag, dass es eine Freude ist. " Dieselbe an Dieselbe. • Freiburg, den 11 teil August. „Gestern früh habe ich mich ganz allein auf die Schnellpost gesetzt und bin hierher nach Freiburg zu Woringen's gefahren, um Diriclilet zu überraschen. Bis dato ist er aber noch nicht da, wohl aber traten eine Stunde nach meiner Ankunft Jakoby und Borchardt herein, und brachten Griisse von Euch und Felix und sind nun auf den ganzen Tag bei Woringen's etablirt. Die Kinder sind in Badenweiler nicht nur in Gottes Schutz, sondern in dem von Mine, Schuhmacher, der ganzen Wirthsfamilie und der ganzen Badegesellschaft, deren grosse Lieblinge sie sind. Die Fahrt hierher war sehr hübsch, ich war in der besten Gesellschaft, ganz allein, und fand es ganz besonders pikant, abgesehn von Woringen's, zu denen ich immer gern zurückkehre, die mir schon bekannte Gegend noch einmal zu sehn, mir war als käme ich nach Hause, wie ich den Münster wieder in die Luft hinein springen sah. —■ —• Sonnabend, den 12ten. Heute ist ein lustiger, oder wie sie hier sagen, ein lusclitiger Morgen. Gestern Abend war ich so unausstehlich, wie nur ich sein kann; Diriclilet war nicht gekommen, Nachrichten von den Kindern hatte ich mir nicht bestellt, da ich bestimmt dachte, heut wieder zurück zu sein; von einem sehr weiten Spaziergang, wo uns der Kegen überfiel, wo ich dicke Bauerschuhe anziehn musste, war ich übermüdet zurückgekommen, lag auf dem Sopha in Angelika's Schlafrock; nun kam mir plötzlich der Gedanke in den Kopf, Diriclilet sei gar nicht über Freiburg gereist, sitze in Badenweiler und Abermals Freiburg. 221 schimpfe auf mich, und das Wiedersehn würde mit einer Explikation anfangen — hätte ich nur Ein Glied rühren können, ich wäre in der Nacht nach Badenweiler gereist;. Franz und Angelika in ihrer unendlichen Liebenswürdigkeit, und Jakoby mit seiner Ironie, hatten alle Mühe mich wieder einigermaassen ruhig zu kriegen. Heut früh um fünf höre ich an der dritten Thür von meiner Stube einen Klopf, springe wie ich bin aus dem Bette aiif den Flur, und es war wirklich Dirichlet; der war von der Post in den Zäliringer Hof gegangen, um auszuschlafen und dann Visite bei Woringen's zu machen, zufällig quartieren sie ihn neben Jakoby ein, zufällig wacht der auf und erkennt Diriclilet's Stimme, macht Spektakel, Borcliardt muss im Hemde zu Dirichlet, und natürlich läuft dieser gleich, ohne Frühstück und Schlaf, hierher. Um sieben habe ich ihn geschickt, Woringen's wecken und die Allegria ist gross; nun sind schon alle möglichen Reisepläne gemacht und wieder aufgegeben, Jacoby ist urplötzlich abgezogen, auf Wiederselin in Genua, oder Nizza, oder Florenz, auch eine schöne Gegend. Eure lieben Briefe sind gelesen, Dirichlet ist zu seinem Kollegen hier gegangen, und in der Zeit schmiere ich an Dich. Jakoby verehrt Dich, wie sich's gebiilmt, und hat gestern eine Rede über Deine Augen gehalten, ganz schwärmerisch. —" Fanny an Rebacka. 12. August 1843. Felix war acht Tage hier, und die Sache steht nun so, dass eigentlich nur noch die Unterschrift des Königs unter den Kontrakt fehlt. Er hat am Sonntag hier das 1000jährige Reich im Dom dirigirt, ist dann nach Potsdam zur Generalprobe der Medea von Taubert und Hofconcert gefahren, hat Nachts in einer schrecklichen Kneipe geschlafen, von der er die schönsten Geschichten erzählt hat, u. A. sprang ein Pudel aus dem Bett, in das er sich eben legen wollte, grade wie bei uns in Ricorsi unseligen Andenkens, den andern Tag nahm ihm Lenne das Versprechen ab, künftig nur bei ihm zu wohnen. Montag also war Medea, Dienstag kam er her Orgel spielen und -bei Lord Beefsteak zu Mittag essen, wo er nach Tisch mit der Viardot ein Paar Stunden Musik machte, er floss wieder über von Ge- 222 Heise- und Heimathbriefe. schichten, und Mittwoch früh segelte er ab. Es ist also nun so gut als entschieden, dass er herkommt, die Symphonie- concerte im Winter dirigirt, ausserdem, glaube ich, zwei Oratorien und die Dom-Musik." Felix an Rebecka. Leipzig, lOten August 43. „Unsere Correspondenz habe ich nicht ordentlich angefangen, verzeih' mir's; aber ich hatte konfuse geschäftige Zeit, und ein Bischen bist Du selbst mit Schuld. Dein erster lieber Brief kam und sagte, Du seiest im Begriff, von Freiburg wegzureisen (was mir leid tliat), Du wolltest den Bedienten wegschicken (was mir auch leid that), und ich möchte Dil' nach Vevay schreiben (was mir ganz recht war). Aber zwei Tage nach diesem Brief kam Jakoby aus Berlin, dem wollte ich alle diese Neuigkeiten mittheilen, der lachte mich aber aus und erzählte, bei seiner Abreise sei ein Brief von Dir angekommen, mit der Mittheilung der veränderten Pläne, über die ich mich sehr freute. Nun hätte ich freilich gleich nach Freiburg schreiben sollen, aber da musste ich zum 1000jährigen Reich nach Berlin, gerieth in eine weitläufige, unangenehme Correspondenz mit Herrn von Massow, die mir meinen guten Humor für acht Tage verdarb, sah in Berlin Dirichlet zu Dir abreisen und dachte nun auch zu warten, bis ich über den nächsten Winter etwas Bestimmtes wiisste, und bis ich von Leipzig her datiren könnte. Gestern bin ich nun hier wieder angekommen und schreibe heut und grüsse Dich im Wunderland. Genehmigt der König von Preussen die Anträge des Herrn von Massow, mit denen ich nun ganz zufrieden bin, so werde ich im Oktober nach Berlin und für's Erste dort bleiben müssen. Mir scheint diese Genehmigung jetzt selbst höchst wahrscheinlich, und so habe ich mit Paul schon vorläufige Rücksprache wegen der Wohnung genommen, und er versicherte mich, dass es Dir recht sein würde, wenn ich die Deinige bezöge. Da schreit freilich jeder Winkel und jeder Fussbreit nichts anderes, als: „Vergangenheit, Vergangenheit!" — Aber dennoch ist mir's, als wäre es unziemlich, wenn ich das scheuen wollte und unser Felix in Berlin. 223 Haus nicht bewohnen uncl ein anderes lieber. Sonderbar, wenn ich nun den Winter nach Berlin komme, wo Du uns gerade fehlst. — Zum nächsten Juni habe ich ein Musikfest in der Pfalz (in Zweibrücken) angenommen und denke also mit Sack und Pack gegen Ende Mai nach Frankfurt aufzubrechen. Am Ende treffen wir uns da noch im guten Wehl- und Obstland. Du wirst den Kopf schütteln über meine Reisepläne und Un- stätigkeit. Aber Gottlob! Cecile und die Kinder sind kerngesund, und mir schmeckt das Reisen noch so süss, wie nur jemals, — warum soll ich da nicht einmal den vornehmen Herrn spielen und den Winter da zubringen und den Sommer dort? Wird endlich nichts daraus, so waren doch die Pläne schön. — Und nun genug von mir. Eben kommen Cecile und Karl in's Zimmer, und Karl trägt einen lebendigen Krebs in der Hand und lässt ihn am Boden herumkriechen, und Marie und Paul kommen dazu, und Alle schreien vor Freuden. Neulich brüllte Paul im Nebenzimmer unsäglich, und dabei höre ich Karl immer rufen: „Nochmal! Nochmal!" Und dann brüllt der wieder und der andere schreit: „Nochmal! Nochmal!" — Wie Cecile kommt und nach der Ursache fragt, so sagt Karl: „Mama, ich wollte gern merken, was Paul für eine Stimme hat, wir machen Probe." Und Marie steht dabei und sagt ganz ernsthaft: „Paul kann doch sehr stark singen." So sind sie Alle lieb und gut und ein Gottessegen, und selbst der Allerkleinste schaut schon aus seinen blauen Augen recht gut und vernünftig heraus. Montag hab' ich die Aufführung der Medea von Euripides in Potsdam miterlebt; Tags zuvor hatte ich schon die Generalprobe auf Einladung mit anhören müssen („Ich war in die Probe befohlen" würde sich ein feiner Mann ausdrücken). 0 Gott! wemi man nur nicht täglich die Geschichte von der Cassandra aufführen sähe und selbst mit aufführte! Wie recht hatte ich wieder prophezeit! Wie sehr haben sich sogar die Leute entsetzt und gelangweilt! W T ie schlecht, ja wie erbärmlich sind die meisten Scenen dieses Stücks! Taubert hatte sich mit der Musik alle erdenkliche Mühe gegeben, aber was 224 Reise- und Heimathbriefe. liilft's? Der Grund, auf dem Alles rulit, ist faul und schlecht, da führt man sein Lebtag keinen hübschen Thurm darauf auf. Mit dem Griechenthum werden die Berliner nun wohl für's Erste fertig sein. Jetzt will ihnen Tieck den Sommernaclits- traum einflössen. D a bin ich dabei und habe einige Mnsik dazu gemacht, die ich Dir gern einmal vorspielte. Ausserdem habe ich einige Capricen für Quartett vor und diverse Lieder mit und ohne Worte, vierstimmig für das Freie etc., auch eine Symphonie marschirt wieder langsam herbei. Das Lied von Eichendorff: „Durch schwankende Wipfel schiesst goldener Strahl, tief unter den Gipfeln das neblige Thal; fern hallt es vom Schlosse, das Waldhorn ruft, es wiehern die Rosse, in die Luft, in die Luft, etc." wollten sie nebst den übrigen in's Englische übersetzen; aber sie haben mir geschrieben, sie hätten ein neues Gedicht untergelegt, denn das Deutsche verstände kein Engländer; auch einige dortige Deutsche seien gefragt worden, die verständen es aber auch nicht! — Ob ich Badenweiler kenne! — Und Du empfiehlst mir, das Gedicht von Hebel zu lesen, das seit unserer Hochzeitreise sprichwörtlich bei uns ist! Aber so lieisst es nicht „Zu Basel in der Stadt," sondern so heisst's: ,,Z' Möllen in der Post," und richtig steht auch auf Deinem Briefcouvert ein rothes Postzeichen „Mühl- lieim", das Du allerdings noch nicht drauf geselm hast, das mir aber mit der Handschrift zugleich in die Augen fiel und zu denken gab. Heut vor einem Jahr war ich mit Paul auf der Flegere vom Prieure de Cliamounix aus, da ist es überhaupt schöner als im Küchengarten Leipzigerstrasse 3 oder selbst auf der Milchwiese in Leipzig. Das bedenke! Und griiss jeden Nussbaum und jede Edeltanne vielmals. Am allermeisten aber die Bäche, die so sprudeln und stolpern, wie ich, wenn ich was Schönes erzählen will. Ich glaube darum höre ich sie so gern. Mitunter schluchzen sie auch. —" Fanny an Rebecka. Berlin, den 19ten August 43. „— — Ich muss Dir ein Berliner Ereigniss mittheilen, das heut schon durch die Zeitungen in alle Welt geht. Unser Brand des Berliner Opernhauses. 225 schönes Opernhaus ist in dieser Nacht den Weg aller Schauspielhäuser gegangen, das lieisst in Flammen auf. — Die Mauern stehn als traurige Ruinen da, das ganze Innere ist ausgebrannt, die Umgegend aber gerettet worden, wozu wohl die schöne windstille Nacht das Beste gethan hat, doch stand der Luftzug nach der Bibliothek hinüber, alle Anstrengungen wurden denn auch dahin, sowie auf das Palais des Prinzen von Preussen gerichtet. — Die letzte Vorstellung gestern bestand aus zwei Kotzebue'sehen Lustspielen, in denen Döring auftrat, und einem Ballet, der wahrscheinlichen Veranlassung des Unglücks. Vorgestern Abend hatten wir mit Paul's verabredet, zusammen hinzugehen, gestern früh liess ich es wieder absagen, weil es mir zu lieiss war und nun thut es mir doch leid. Um halb elf hörten wir den ersten Feuerlärm, ich war die halbe Nacht auf dem Hofe mit Mmna, Sophie und dem Wächter. Wir erfuhren sehr bald, wo das Feuer wäre und ich kann wohl sagen, es that mir recht herzlich leid und es war mir, als verlören wir einen guten Bekannten, denn dass an Rettung nicht zu denken sein würde, konnte man selbst von hier aus schon beiirtlieilen. Da habe ich recht den Mangel an männlichem Schutz empfunden, ich wäre gar zu gern zu Paul's*) gegangen, wollte aber doch den Wächter nicht vom Hof nehmen und wagte mich nicht allein. Heut früh ging ich schon vor acht hin, Paul hatte wirklich das Comptoir ausgeräumt und die Papiere nach seinen andern Zimmern bringen lassen; dass jener Stadttheil bedroht gewesen wäre, wenn die katholische Kirche Feuer gefangen hätte, leidet wohl keinen Zweifel. Ich ging mit Albertine um die ganze Brandstätte herum. Die FaQade steht noch an allen Seiten, Stücke der Balustrade fehlen, die Statuen aber wurden von den schwarzen Feuermännern mit grossen Haken abgelöst und fielen mit Geprassel; Rauch, Qualm, Wasserstrahl, Gebälk und Schutt erfüllen das ganze Innere in gräulichem Mischmasch, Du kennst ja alle die Schrecken, die solcher Catastroplie folgen; *) Dieselben 'wohnten in der Jägerstrasse 51. Die Familie Mendelssohn. II. 226 Reise- und Heimathbriefe. dabei ist die Jahreszahl 1743 in allen goldenen Buchstaben über dem Haupteingang stehn geblieben und die beiden Zettelkasten mit Drahtgittern hängen mit den unversehrten Anzeigen der letzten Vorstellung neben der Eingangsthür. Der Platz war natürlich gepfropft voller Menschen, aber Alles ruhig und anständig, so dass wir überall hingehn konnten. Neben dem Graben stand die grosse Dampfspritze und war in Thätigkeit, deren Bekanntschaft habe ich denn auch bei dieser Gelegenheit gemacht. — So ist nun der schönste Platz von Berlin, der eben jetzt noch durch Gartenanlagen geschmückt werden sollte, auf Jahre hinaus verwüstet und zerstört, und wer weiss, ob er jemals wieder so schön wird. Wenn ich wie der König wäre, ich liesse es nach dem alten Plan wieder aufbauen, natürlich mit andern neuern Einrichtungen. Anders werden sie es wohl machen, aber besser schwerlich. Mir war das Opernhaus immer das liebste Theater, das ich kannte. •— Ich finde es sehr symbolisch, dass das Opernhaus abgebrannt ist, die Oper war es schon lange; wozu ein Haus für etwas, das nicht mehr existirt? Nun lebt wohl; es bleibt doch für heut bei dem Brande, wenn ich nicht aufhöre. — Griiss Deine ganze Karavane, die lange Mathematik soll auch mal von sich hören lassen. —" Rebecka an Fanny. Vevay, den 29sten August. „ Schon das Datum dieses Briefes wird Dir ein heiteres Lächeln abgewinnen, liebe Fanny, denn siehe, wir kleben noch immer hier, während in Nizza wahrscheinlich die schönsten Briefe auf uns warten, nach denen mich dürstet. Am Sonnabend war alles zum Fortreisen gepackt, es scheint aber, als hätte sicli's Emst zur Regel gemacht, jedesmal beim Abreisen uns einen Streich zu spielen, er bekam in der Nacht starkes Fieber, am andern Morgen mussten wir zum Arzt schicken und das Kind ein Paar Tage pflegen. Wahrscheinlich hat er sich hei einer überaus schönen aber heissen Fahrt nach Montreux, Chillon etc. (Paul wird den Küster für die ganze Vevay. 227 Fahrt machen) etwas zu sehr erhitzt. Diese Fahrt brachte uns auf unsere weitere Reise in dem Gespräch mit dem Arzt, und da hat uns der auf das Entschiedenste widerrathen, vordem Oktober nach Nizza zu gehn, überhaupt stimmen Alle darin überein, es sei nur ein Winterauf enthalt, und im Herbst namentlich zugleich glühend und stürmisch. Da ich mich nun durchaus nicht krank genug fühle, den ganzen Winter dort zuzubringen, so haben wir denn wieder die Köpfe zusammengesteckt und einen weisen Rath gepflogen, während sich Ernstchen ganz wieder erholt hat und so rosig und schelmisch ist, wie je, und da ist herausgekommen, wir könnten den Aufenthalt in Badeiiweiler und hier als hinlängliche Villegia- tura für mich betrachten (dieses in den Tag hineinleben bekommt mir sehr gut, besonders fange ich schon wieder an aufzugehen wie ein Kuchen, die Schleifen in meinem Hut stehen schon ein ganz Ende von der Nase ab, in Berlin stiessen sie dran) und den direkten und allbekannten Weg über den Simplon und die Seen einschlagen, und so zu guter Zeit nach Florenz und Rom kommen, wenn wir nicht wieder irgendwo eine Ewigkeit hängen bleiben. Mittwoch. Ich habe mich gestern unterbrochen, um eine Wasserfahrt auf dem See zu machen; wie ruhig der sein muss, wenn ich mich ihm anvertraue, das kannst Du denken, es war aber höchst wunderschön, sehr südlich, die Abende sind überhaupt das Allerscliönste hier, so sternhell, jetzt Mondschein, und alles im See wiedergespiegelt, gestern fuhren mehrere Boote mit Fackeln, gerade wie bei Euch üi Neapel, ich kann mir nichts auf der Welt schöner denken, und nun kommt Jemand vom Corner See und versichert, der sei noch schöner, und erzählt so viel von den Myrtlienhecken, wie wird's uns da gehen, da werden wir doch gar nicht fort können, wie soll man alles vereinigen, und doch mit Ruhe und langsam gemessen? Für die Spötter folgende schöne Nachricht: Dirichlet bearbeitet einen Banditenbart, die deutsche Bevölkerung hier interessirt sich sehr lebhaft dafür, und wirklich nimmt sich der grosse Bart auf Dirichlet's ehrlichem Gesicht ganz komisch aus. 15* 228 Heise- und Heimathbriefe. Musik hör' ich hier gar nicht, man miisste denn das so nennen, was die Engländer auf dem Klavier im Lesezimmer trommeln; da liegt ein Klavierauszug von Robert dem Teufel ohne Worte, den spielt jeder Ankömmling zwanzigmal ab. Felix theilst Du wohl unsern zum 99sten Male geänderten Reiseplan mit. Ich schäme mich eigentlich vor Euch wegen unserer Unentschlossenlieit, und besinne mich auf grosse Männer in der Weltgeschichte, denen es nicht anders ging, finde aber nur den sage Memnon, oder Peter in der Fremde. Letzterer passt vielleicht am besten. — Ein alter Schotte hier erzählte mir als grosse Neuigkeit, der König von Preussen habe Mendelssohn engagirt für die sacred musie. Indeed — sagte ich." Fanny an Rebecka. den 27. August 1843. „— — Felixens lange, lange Geschichte ist nun endlich ratificirt, der König hat unterschrieben, und wir werden, will's Gott, schöne Musik diesen Winter hören. Da ihn, unberufen, sein Glück noch nie verlassen hat, so kann man es für seinen Anfang nur eine günstige Fügung nennen, dass in diesem Jahr von wegen Opernhaus das Orchester wenig beschäftigt sein wird; Du weisst doch nämlich, dass er die Orchestersoireen dirigiren wird. Lass es Dir nicht leid sein, dass Du den ersten Winter versäumst, keine Symphonie kann Dir den blauen Himmel ersetzen, den Du sehen wirst, und keine schöne Stimme das Meer, Neapel ist die grösste Bravourarie, die der liebe Gott komponirt hat, und Pompeji das schönste Requiem; das hört man sich nie satt. Ich bin gar zu neugierig auf Deine ersten Briefe aus dem Wunderland, ich glaube, Wenige werden das so empfinden, wie Du, von wegen Empfindung überhaupt. Mir wird alle alte Sehnsucht wieder rege werden, die diesen Sommer ziemlich geschlummert hat, denn ich hatte doch nicht so viel Reiselust, als dazu gehört, nach Charlottenburg zu fahren. Der Garten ist aber auch unbeschreiblich schön; nie habe ich ihn so gesehen, das anhaltend kühle und nasse Wetter, das wir Anfangs hatten, hat Alles so frisch Häusliches. 229 und „trotzend" erhalten; der August war durchweg warm und schön, zehn trockene Tage hatten schon das Gras und Laub gedörrt, da kam der Stralauer Fischzug und mit ihm ein obligates Gewitter mit einer Art Wolkenbruch; Du kennst das, wenn der Regen in Wellen die Terrasse herabströmt; seitdem wieder das göttlichste Wetter, eine so wunderbar milde sanfte Luft, dass Du in diesem Augenblick kaum eine schönere atlimen kannst; und alles Grün neu erfrischt, und für seine Ende- August-Jalire merkwürdig konservirt, fast noch gar keine kahlen Stellen. Diese Woche geht denn auch mein nettes Woringen- leben zu Ende, ich sage wie Du, ich hätte nicht gedacht, dass ich die Mädchen noch einmal wieder lieber gewinnen könnte, aber es ist wirklich so; Du solltest einmal sehen, was die fleissigen Dinger in diesen noch nicht zwei Monaten alles geschafft haben; besorgt, gelaufen, geschrieben, genäht, gemalt, eingerichtet, wirklich in's Unendliche, und diese Ordnung in allen Dingen. Wenn der Korff die Rosa nicht über alle Massen glücklich macht, schlage ich ihn todt! —■ Schuhmacher wird gewiss bei Felix ankommen; der kann es ja garnicht bequemer haben, als mit einem Fuss in Deine Wohnung und mit dem andern in Deinen Bedienten zu treten. Jetzt wäre alles schön, wiisste ich nur erst eine Nähe, die mir nahe genug wäre, um Dich drin zu haben; das beschäftigt mich so, dass ich neulich geträumt habe, ich hätte Dir eine sehr schöne Wohnung gegenüber gemietliet, die nur den einzigen Uebelstand hatte, dass man iiber's Dach in die Zimmer steigen musste. Soll ich die nehmen?" Rehecka an Fanny. Genua, löten September 43. „— — Nun also, liebe Fanny, ich reiche Dir die Hand über den Apennin, den Po, den wir diesmal ohne alle Schwierigkeit und ohne Erlaubniss des Legaten passirten, den Tessin, den Simplon — das liegt wieder alles zwischen uns, seit wir uns nicht gesehen, und wie viel Herrlichkeit, das weisstDu ja. Aber die Wahrheit muss heraus: Ich kann noch garnicht in die italiänische 230 Reise- und Heimathbriefe. Stimmung hineinkommen. Schrei' nicht gleich los, es wird und soll kommen, es ist auch erst Oberitalien, das zwar mit schönen Momenten, aber auch mit schrecklichen ganzen Tagen auftritt. — Aber historisch, obgleich ich unsere Reise schon an Felix berichtet habe: Am 31 sten rissen wir uns sehr mühsam von Vevay los, wo in den letzten Tagen das "Wetter, der See, die Beleuchtung so über Alles schön war, dass es auch mehr zu empfinden, als zu schreiben ist. Wir fuhren nach Martigny; ich konnte den ganzen Weg über nicht verschmerzen, dass Vater damals hei Bex umkehrte und den Lago maggiore nicht gesehen hat. Am andern Morgen, den 1 sten, machten wir ein Wagestück und gingen (d. h. ich ritt) Morgens um fünf auf den Col de Balme, um doch etwas Schnee gesehen zu haben; ich wusste noch nicht, welche Herrlichkeit von Schnee und Eis uns den Tag drauf hei der Reise durch's Wallis und über den Simplon bevorstand. Es war, da ich zu Fuss hinuntergehen musste, eine höchst fatigante Parthie, aber wundervoll und jetzt, da es überstanden, all' die Schmerzen in den Kniekehlen werth, die ich vier Tage ausgestanden. Und nun, da Hensel hoffentlich glücklich zurückgekommen, muss er Schelte bekommen. Wie kann man von der Schweiz nur sprechen, wenn man das Wallis und den Genfer See nicht kennt? Es wäre ebenso, als wollte ich von Italien sprechen, ehe ich Florenz wenigstens gesehen habe. Was habe ich, nur auf der grossen Strasse durch's Wallis, für ganz fertige Bilder gesehen, mit historischem Ton und verbranntem Ton und Linien und Motiven und wie all die Kunstroba lieisst. Sowohl Bilder, die Einer nur getreu zu copiren braucht, um sie interessant zu machen, als solche, die freilich nicht Jeder malen kann, aber Calame lcann's und Güdin kann's auch und die Alten konnten's! Und Du „musst hinjeh'n und sie Dir ansehen." Da ist so eine Ecke bald am Fuss des Simplon, wo man umbiegt, auf eine Brücke kommt und da liegt so ein „olles Nest" mit grauen Thürmen vor einem Bergvorhang und dahinter der ganze Monte Rosa, ich sage Dir, o Du Sünder Hensel, das ist „erliabben". Und der Simplonpass auf der Schweizerseite, das ist wieder eine Simplonpass. 231 wahre Bravourarie der Natur, o Fanny de my alma, und der Wegebauer zugleich; mit solcher Koketterie und Kühnheit ist die Strasse da an Abgründen vorbeigeführt, eine Gallerie mit Bogenfenstern geht unter einem Wasserfall durch, auf der Seite ist noch, wie unabsehbar man hinunter oder hinauf blickt, Alles grün, bewachsen, bebairt, die Strasse in bester Ordnung, gleich hinter Simplon, wo wir Eure Gesundheit in Tino d'Asti tranken, kommt tolle, kahle Felsenwirtliscliaft, wo seit Ewigkeit nicht ausgefegt worden, die Strasse im schlimmsten Zustand, sanfte Lüfte wehten von der ersten Dogana*) der Keise her, — für zwei Zwanziger waren die Leute aber gnädig, Diriclilet sagte zu ihnen: „J'espere que vous serez humains worauf der Erste sagte: „Et nous aussi, nous esperons que vous serez humain." — Diriclilet hatte sich und uns den ganzen Tag über gequält, wie er ein Packet Cigarren durchschmuggeln wollte; wie es dazu kam, declarirte er sie dem Douanier, der sah sich um, ob Niemand da wäre, dann sagte er: „ Mettez-les vite dans votre poche afin qiion ne les voie pas! u — Dann die Bettler mit der ganz eigenen krummen Beinstellung, die ich nur hier zu Lande gesehen habe, die malerischen Weingehänge, die wie Weinbäume aussehen — Domo dossola, wo wir übernachteten, war schon ganz italiänisch, lauter Balcons, der Cameriere schloss uns wenigstens zwanzig Säle für die eine Nacht auf, Betten, in denen ein geschiedenes Ehepaar mit Anstand zusammen schlafen könnte, Biilletin: Sechs Todte, zwanzig geheilt entlassen, Bestand unzählige. Ich brauche nicht zu sagen, dass das Flöhe sind. Ohne Spass aber, es war ein allerliebster Abend, wir sassen sehr lange im Flügelkleide auf dem langen, schmalen Balkon. Tags darauf fuhren wir nach Baveno, Diriclilet ging auf den Monterone, um die Schneeberge noch einmal zu sehen, und ich fuhr mit den Kindern und Mine in einer Gondel auf die Inseln, die Isola bella ist wunderschön und gerade im Anfang ist dies Compendium, dies kurz gefasste Italien in einem Garten, ganz besonders poetisch. Die Rückfahrt im schönsten Yollmondschein. Andern Tages (den 4 ten) *) Zollamt. 232 Reise- und Heimathbriefe. schifften wir den Wagen und uns selbst ein, über den See nach Laveno, dort erlebten wir italiänische Komödie. Es war Markt, natürlich hatten Alle nichts Besseres zu thun, als- unsern Wagen ausschiffen zu sehen, und als die hundertzwanzig - faquini , wie sie sich selbst nennen, mit der maneia nicht zufrieden waren, bildete sich eine Parthei im Volk für Dirichlet und schalt die faquins aus. Von da über Varese am See, ein hübsches, kühl gelegenes Städtchen, wo die Mailänder grasen, nach Como, ins beste Wirtlishaus, den Angelo, eine schmutzige Kneipe. Ne Fanny! Einzelne Artikel sind zu grässlich! z. B. alle Thiiren, die kann man nicht mit der Zange anfassen, von Unaussprechlichem gar nicht zu sprechen. In den ersten Tagen habe ich zur Reisekur noch eine förmliche Ekelkur gebraucht und mehrere Male des Tages geweint und mich übergeben von Allem, was ich sah und roch. Jetzt geht's schon besser. Am 5 ten machten wir eine Dampfbootfalirt auf dem See nach der Villa Serbelloni und Sommariva, sahen die ersten Pinien und Cypressen, erfreuten uns an dem schönen Blick auf den Lago- di Lecco, frühstückten unter den Platanen ip der Cadenabbia; Abends in Como trafen wir Jakoby, der aber gleich nach Mailand wieder zurückging und den 7 ten Nachmittags fuhren wir auch dahin. Es ist jetzt Mode, den Corner See über Alles zu erheben; ich mache sie nicht mit, mir gefällt der Lago Maggiore viel besser und beide lange nicht so, wie der Genfer See. Der Abend nach Mailand war wieder schön, überhaupt haben wir vierzehn Tage lang ein Wetter gehabt, für das man Gott nicht genug danken kann; wir fuhren grade unter so einem Glockenthurm vorbei, als es Ave Maria läutete. In Mailand kamen wir zuerst hi eine Mördergrube von einem Wirtlishaus; da es spät und dunkel war, die Kinder schläfrig, stiegen wir da ab.. Andern Tages aber bei Licht besehen war es so, dass wir aus und in Jakoby's Wirthshaus Albergo reale ziehen mussten, wo wir eine niedliche Wohnung mit einer Terrasse am Salotto bekamen, auf der Ernst sich herumtreiben konnte, da sah die Welt gleich anders aus. Natürlich war der Dom unser erster Gang und zwar das Dach des Doms; das ist wirklich unbeschreiblich schön, ein weisser Cypressenwald. Ich blieb eine Mailand. 233 Stunde mit Walter und Jakoby im Dom und liess ganz ruhig die Schönheit auf mich einwirken. So müsst' ich eigentlich Alles sehen, in Florenz denk' ich es auch zu thun. Es war Fest der Maria, ewiges Kommen und Gehen in der Kirche, alle Bilder im Schmuck und erleuchtet. Mit Jakoby und Borcliai'dt gingen wir auf die ambrosianische Bibliothek, wo sich den Membres de l'acade'mie alle Schränke mit seltenen Manuskripten und Vignetten öffneten; von da nach den Ueber- resten der cena von Leonardo, da sah ich einen ganz kleinen Kupferstich von einem Profil-Christus, den ich gleich nach dem Umriss in Hensel's Buch erkannte, und darauf ging's zu Ro- bescelli, der hält neben seinen Bildern eine Kaffeekneipe, wo wir schlecht frühstückten und schworen, wenn die Bilder nicht selbst für uns Laien schön wären, würden wir Hensel die Rechnung unfrankirt schicken. Aber der Christuskopf von Leonardo*) wirkte mächtig selbst auf die mathematischen Ge- müther und statt der unfrankirten Rechnung wurde eine Dankadresse votirt. Diesen Christus und eine Murillo'sche Madonna mit einem liässliclien aber interessanten Kinde hat ein Engländer gekauft; ausser dem und manchem Schönen brachte er ein Portrait von Velasquez heraus, von dem ich zum allgemeinen Ergötzen fand, es sehe Borchardt frappant ähnlich. Der Bilderhändler erzählte, ein Prussiano wäre bei ihm gewesen, ein vero conosciutore und der wahre Begeisterung für die Kunst hätte, il signore Uensele. Da waren wir in pays de connaissance und ich habe versprochen, seine unterthänigsten Griisse zu bestellen. Montag den Ilten reisten wir nach Genua, ich erlasse Dir viele rückständige Klagen über Pass - Scheererei, über einen schmierigen Vetturin, über den langweiligen Weg von Mailand bis Novi und suche lieber die schönen Momente heraus, der nothwendig einfache Bogen naht sich schon sehr seinem Ende. In der Certosa bei Pavia sah ich die ersten Altäre von Florentiner Mosaik, von der Du, liebe Fanny, so *) Er hatte Hensel entzückt, der ihn gern für das Berliner Museum gekauft hätte. 234 Reise- und Heimatkbriefe. viel erzählt liast. Der liebe Gott ist da überhaupt höchst brillant eingerichtet. Bei Novi sahen wir zuerst die Apenninen, vom Sonnenuntergang glühend erleuchtet, und meinten, es wäre doch kein Yorurtheil mit der italiänisclien Färbung. Heut machten wir einen Ritt um die Stadt, das mittelländische Meer war dunkelblau, das ist so einer von den Momenten, für die man Geld, Schmutz und Ermüdung nicht scheuen darf. — —" Fanny an Rebecka. Berlin, 22sten September 43. „— — Felix hat Deinen ganz Nicolai'sehen Brief aus Mailand mitgebracht, voller Notli und Flöhe. Ich würde mich über Deinen italiänischen Unmuth betrüben, wenn ich nicht zu gewiss wiisste, dass das vorübergeht und das Entzücken bleibt. Potz Kuckuk! So kann doch unser Geschmack nicht differiren, dass Gestank und Flohstiche Dich hindern, Dich kannibalisch wohl zu fühlen. Was den Gestank betrifft, der ist übrigens nach meinem Geschmack im Mailändischen schlimmer , als anderswo. Ich bin sehr neugierig, wann Dein Schimpfen hi eine ganz andere Tonart Übergehn wird; dass es am Corner See nicht geschelin, nimmt mich Wunder. Wie sehr billige ich Euer Schweifen oder Hängen, wie Du willst; wären die fatalen Briefe von Hause nicht, die den reisenden Menschen doch immer in eine Art von geordneter Bahn treiben, er könnte ja nichts Besseres thun, als abzureisen, ohne zu wissen, ob er in Konstantinopel oder in Lissabon ankommen wird. — —" Rebecka an Fanny. Florenz, den 23steil September 43. „Liebste Fanny! Ich habe heut wieder so viel zu erzählen, dass ich nicht weiss, wo anfangen. Von Genua an Genna bis Florenz. 235 haben wir in den paar Tagen so viel Interessantes, Herrliches gesehn, dass ich noch ganz angegriffen bin, und obgleich schon vorgestern Abend hier angekommen, noch gar nichts gesehn habe, als Wohnungen. Die über Alles göttliche Natur muss sich erst sacken, ehe mein armes bischen Geist fähig ist, das Höchste der Kunst einigermassen in sich aufzunehmen. Also wir fuhren den 17ten Mittags von Genua ab, die berühmte Kiviera di Levante entlang; umsonst ist nicht alle Welt über Etwas einig; dieser Strich Landes ist, wie Friedrich sagt, „übernatürlich". Bald hart am Meere, dann durch Dörfer mit den schönsten Landhäusern in Orangen- und Oleandergärten, zwischen allen Mauerritzen grosse Aloes, dann wieder wendet sich der Weg in's Gebirge hinein, wieder um die Ecke auf einen hohen Damm über dem Meere, dabei die tollste südliche Feigen-, Cypressen-, Pinienvegetation; Chiavari, wo wir übernachteten, liegt auf einer weiten Fläche am Meer, ganz im Orangengarten. Da schliefen wir zuerst unter Butter- und Käseglocken, gegen die Mücken. Von da an geht der Weg in's Hochgebirge, eine schöne Strasse mit Gallerien und herrlichen Rück- und Seitenblicken auf's Meer, und welches Meer und welcher Himmel drüber! Das ganze Gebirge besäet mit Villen, Dörfern mit den hohen Glockentürmen, Klöster wo es am schönsten ist — in la Spe%ia nennen sie die Frati „man- giacanti " •— die Reise ist so spannend, wie ein Roman, nur ist die Entwicklung diesmal die Hauptsache, der Golf von la Spezia. Das ist wie Zauberei; Alles so duftig und leicht hingehaucht, es ist nicht zu glauben, dass Erde und Stein so verklärt erscheinen können. Freilich sind die hohen Gebirgs- massen, die sich links über dem Golf aufthürmen, die Marmorfelsen von Carrara. Ach! was hilft all' mein Entzücken schwarz auf weiss, Ihr wisst doch nicht, Ihr ahnt nicht diese Wunder; wie könnt Ihr Hensels nur von Italien sprechen, ohne den Golf von la Spezia zu kennen. Schon deswegen müsst Ihr noch einmal hin. — Das Wirthsliaus da war göttlich, echt italiänische Wirtschaft, ein alter Palast Doria mit ungeheuerm Portal, Marmortreppe, ein Saal von wenigstens vierzig Fuss Höhe, Fenster noch dreimal so gross wie unsere 236 Reise- und Heimathbriefe. 81 in der Leipzigerstrasse, — mit Mistbeetsclieiben in Blei gefasst, die vielleicht seit Andreas Doria nicht geputzt worden, vier kahle schmutzige Wände und hoch über der Thür eine Copie von der Himmelfahrt von Tizian. Die andern Zimmer in ähnlichem Geschmack. Zu Mittag Hummer und Seefische. Von der Stadt zum Meer führt ein kleiner Garten mit Alleen von Oleander- und Orangenbäumen, durch Rosengehänge verbunden. Nach Tische wollten wir spazieren gehen, ein Schifferjunge beredete oder vielmehr zwang uns, auf dem Golf spazieren zu fahren und amiisirte uns königlich durch seine Narrenspossen. Ueberhaupt, welch' ein Aitfwand von Witz, Betrug, schönen Augen und Redensarten hier gemacht wird, um noch ein paar Pfennige mehr zu bekommen, das weiss auch nur, wer's gesehn hat. Am andern Tag fuhren wir, auch zu Kahn, nach Porto Venere, das liegt im Meere drin, wie in der Tausend und Einen Nacht, oder, was gleichbedeutend ist, nach allen Bildern ähnlich wie Amalfi. Gegenüber Porto Venere liegt eine Insel Palmaria, ein Felsen mit Wein, Pinien, Oelbäumen, nur von Fischern bewohnt, da hat in einem ganz einsamen Hause eine englische Familie zehn Jahre lang Sommer und Winter gewohnt. Auch Lord Byron hat lange am Golf gelebt. Napoleon ist dort der Mann des Volks; was der gesagt, pro- jektirt, angefangen hat, weiss und erzählt Alt und Jung, ma e morto , sagen sie. — In unserm Wirthshaus hatte ein deutscher Prinz die Zimmer nach der See inne; den nannten sie den Principe di Ups ; er ist der Erbprinz von der Lippe, der wie der alte Gans incognito reist, unter dem Namen Schwanthaler. — Leider wurde ich auf der Rückfahrt von Porto Venere beim ruhigsten Meere seekrank, doch brachten mich zwei Stunden Schlaf dann wieder soweit auf die Beine, dass ich mich Nachmittags auf dieselben machen und einen Berg hinter la Spezia erklettern konnte, wo wir den Abend erwarteten; zwar nicht auf deutschem Rasen sitzend, aber dafür hatte ich einen Strauss von Lorbeer mit Früchten, der feinsten Erica und blühenden Myrthen von den Hecken gepflückt und der Golf lag zu unsern Füssen. Leider blieben wir nur anderthalb Tage da. Carrara war noch ein Glanz- Carrara. 237 punkt der weiteren Reise nacli Lncca; das ist das wahre Marmoreldorado; dass Häuser, Steine, Alles Marmor ist, ist bekannt. Zu den Marmorbrüchen, die sich von la Spezia so reizend ausnahmen, führt ein schattiges, grünes Thal, durch das ein wirklich krystallheller Bach über weisse Marmorkiesel rinnt, grosse, unbehauene Marmorblöcke führen als Brücken herüber, mir war es ganz unheimlich, mit staubigen Reise- scliuhen dieses kostbare Pflaster zu betreten. Das ganze kleine Nest ist natürlich ausschliesslich auf den Marmor basirt, lauter Bildhauer-Ateliers mit grossen offenen Tliüren, da steht Alles in schönster Eintracht, kolossale Könige und Erzherzöge, vier Venüsse von Medicis, mehrere neue Modelle von Bosio, die hier dutzendweise kopirt werden, Kamine, Tische, Citronen und Kartoffeln (ich glaube das Weissbrod, das wir uns kauften, war auch aus Marmor, hart genug war es wenigstens); vor einem Hause lagen mindestens zwanzig Badewannen, ein ganzer Wagen voll Mörser stand zur Abfahrt bereit, ungeheure Blöcke schleppen sie auf Karren mit Ochsen bespannt unter entsetzlichem Schreien und Fluchen aus den Brüchen herunter in die Säge- und Schleifmühlen. Mich haben die Paar Stunden dort, trotz der glühenden Mittagshitze, sehr interessirt. Schon mit einem Fuss im Wagen wurden wir plötzlich von einem Fremden sehr cordial deutsch angeredet, der sich als den, uns ganz unbekannten, Bildhauer W. zu erkennen gab und uns zwang, auch sein Atelier zu besuchen. Dann brachte er uns an den Wagen und schwor uns Freundschaft, bis auf Wiedersehn in Rom. Meinerseits wird sie nicht sehr heiss sein. Soll ich Dich und besonders Hensel nun noch kränken und erzählen, wie sie uns in Modena und Lucca (Carrara ist Modena, in der Hauptstadt waren wir nicht) das Fell über die Ohren zogen, vier Pferde vorspannten, und drei Postillone dazu? Wir waren nämlich von Mailand bis Genua mit einem Yetturin gefahren, dem wir uns, Leib und Seele, verdungen hatten; und da hier zu Land die letzte Art zu reisen immer die schlechteste ist, so hatten wir von Genua hierher Extrapost genommen; sechs Pferde rechneten sie uns wenigstens an und spannten anderthalb vor; auf jeder Station zankte sich 238 Reise- und Heimathbriefe. Dii'ielilet im schönsten Italiänisch mit dem Postmeister, berief sich aufs Reglement, das er bei sich führte, dann bedauerte der Postmeister sehr, dass er nicht lesen könnte und liess doch anspannen und bezahlen, was er wollte; so ging's ganz leidlich, jeder Zank war eine italiänische Stunde, bis in's Modenesische; da trieben sie's zu toll; und auf der letzten Station vor Lucca hatten wir einen Postillon, der gewiss schon Jemanden todtgesclilagen hatte; ich dankte Gott, dass er uns lebendig nach Lucca brachte. Dort war in keinem Wirtkskaus Platz, von wegen Naturforscherkongress; wir wollten eben, mit den grässliclisten Flüchen des Postillons, weiter in die Nacht hineinfahren, da trat ein Mann aus dem Volke hervor, den sie Signor il Professore nannten, und bot uns eine Wohnung in seinem Hause an. Der Wirth, vor dessen Thür wir hielten, redete uns auch sehr zu, hinzugehen, es wäre dort sehr pulito. Pulito ist überhaupt das dritte Wort hier, man redet am meisten von der Tugend, die man nicht hat. Wir gingen hin, fanden eine recht hübsche Wohnung, eine sehr hübsche Frau, wunderbar naiv an- oder vielmehr ausgezogen; der Signor Professore war ein Wundarzt, und aus dem pikanten Anfang entwickelte sich weiter gar nichts, als dass ich am andern Morgen aussah, als hätte ich das Scharlachfieber, so war ich von Wanzen und Mücken zerfleischt, noch heut sind Gesicht und Hände in einem traurigen Zustand, und besonders schön nehmen sich die rothen Beulen auf dem dunkelbraun verbrannten Grunde aus. Unterdessen ist der Abend herangekommen, morgen werde ich uns nach Florenz bringen. Den 2 6 s t e n. Wir sind schon lange da und zwar in einer eigenen Wohnung (darum hat der Brief so lange brach gelegen, verzeih' auch das viele Ausstreichen; Ernstchen reitet in der Stube herum und sagt alle Augenblick il passaporto /), was gar nicht so leicht zu finden war, da fast Niemand, der eine gut eingerichtete Wohnung hat, sie anders, als für ein halbes Jahr vermiethet; indessen wir haben eine, pas si dore, que j'avais esperd, sagt Figaro, indessen pulito, mit Fussdecken und bei sehr guten Leuten, die Frau Wirthin war früher Florenz. 239 Köchin bei Marschall Maison und hat uns ganz entreprenirt. Ich sehe pianissimo, gestern waren wir eine Stunde im Palast Pitti, da hin ich dumm geworden; ich war's aber schon vorher in der Loggia auf der Piazza del Gran Duca mit dem sterbenden Patroklus. Heute gehen wir auf die "Offizien, und so wird's wohl jeden Tag werden, Nachmittags spazieren. Jacoby haben wir diesmal zurückgelassen, er scheint sich sehr gut in Pisa zu amüsiren, denn er könnte schon hier sein. Ein Talent, das Du schwerlich in ihm vermuthet hast, ist das, mit einiger Prätention, aber sehr gut vorzulesen. Es geht mit ihm [auch ein Bischen, wie mit Italien; man hat viel zu überwinden, um zu einem ausgezeichneten Geist zu gelangen, aber das ist er wirklich in jeder Hinsicht. — In einer Entzückung bin ich über die Schönheit der Menschen hier; ich wollt' alle zehn Schritt, ich war' ein Maler, so viel Bilder seh' ich an jeder Ecke. Wie glücklich muss Hensel hier gewesen sein, mit seinen Millionen Skizzenbüchern. Und der Humor dabei ist so göttlich, wie sie in den erhabensten Stellungen sich kämmen, wie sie Augen machen, um einen ganzen Berliner Salon in Flammen zu setzen und damit doch nur einen Quattrin erbetteln wollen; grosse Mittel für kleine Zwecke. Könnt' ich doch eine Auswahl der Postillons von Genua hierher in Uniform stecken und nach Berlin auf einen Ball schicken, wehe Damen! — Besonders Sonntags, wenn sie gewaschen sind. Die Reinlichkeit ist hier beinahe ärger, wie der Schmutz. Weisst Du noch, wie es thut, wenn man eben über nassen Schmutz glücklich mit zusammengenommenen Röcken gelangt ist, und es kommt ein Kerl entgegen und kehrt hei hellem Mittag Einem die Strasse in's Gesicht hinein ? oder wirft den Kehricht vom Haus hinaus Dir vor die Fiisse ? Nun wieder was Hübsches: von Genua hierher ist es allerliehst zu sehn, wie jede Stadt fast ihre eigne Industrie hat; in den Orten an der Küste sitzen Alle vor den Häusern und klöppeln Spitzen, weiterhin sticken sie weiss, von Pistoja an sind sie Alle, Alt und Jung, am Strohflechten, und mit welcher Grazie das Alles geschieht, und wie lebhaft sie bei der Arbeit immer sprechen und gestikuliren. „ Prendono qui 240 Reise- und Heimatlibriefe. moglie in tenera etd" , sagte uns ein Schifferjunge in la Spezia, icli frug Diriclilet, oh bei uns die Droschkenkutscher so sprächen? — Liebe Fanny, nimm ja die Wohnung, wo wir über's Dach steigen müssen, die will do, lass Hensel dazu träumen, Ihr wohntet auf dem Daclr, und macht ein Duett daraus. Viel Aufsehen macht hier eine Statue von einem bisherigen Holzschneider, Dupre aus Siena, der sterbende Abel. Wir haben sie gesehn, es ist wirklich eine fast unglaubliche erste Arbeit. Der Hann hat bis jetzt mit Frau und Kind gehungert, nun hat er Bestellungen auf zehn Jahre, wird gemalt, in Kupfer gestochen, in Siena haben sie ihm die Pferde ausgespannt, er soll nahe daran gewesen sein, den Verstand zu verlieren. Ein grausam Ding, das Publikum! Nun endlich Adieu, Ihr lieben Geschwister Alle, schreibt recht viel und oft, das gehört zu allererst zu meinem Plaisir." Rebecka an Fanny. Florenz, den 6ten Oktober. „Ich warte eene Stunde, ich warte zwee Stunden", es kommt kein Brief von meiner Fanny, jedoch gestern einer von Paul und Albertine, welche behauptet, Du schriebst mir alle acht Tage, das halte ich für eine Ausgeburt ihrer Phantasie; denn vierzehn Tage sind wir nun hier und haben, ausser den von Nizza nachgeschickten, keinen von Dir bekommen, grade darum richte ich den Brief wieder an Dich, denn ich halte es für das beste Mittel, spätestens morgen einen von Dir herzubeschwören, wie wir die Suppe bestellen, um Paul Sonntag Mittag zu citiren. Aus Paul's Brief sehe ich, dass meine armseligen Episteln cirkuliren, das rührt mich tief, besonders da ich so sehr von der Leber weg Alles geschrieben habe, was mich in der ersten Zeit „gepuzzled" hat. Nun bin ich aber durch uud danke Gott alle Tage, dass es mir vergönnt ist, diese Wunder hier zu sehen, und staune denn auch mit offenen Augen und Herzen. Du weisst ja, wie pianissimo Italien anfängt, und wie es crescendo al fortissimo immer zugeht, je länger Florenz. 241 man drin bleibt. Zwei seiner Hauptelemente fehlen in Oberitalien, Heer und Kunst; das erste haben wir von Genua aus in seiner ganzen Herrlichkeit gesehen, und das zweite — wir sind eben in Florenz, was braucht's da weiter Worte? Ich finde jetzt, dass ein Monat viel zu wenig ist, und dazu hat die Woche hier wenigstens neun Festtage, an denen die Gal- lerien geschlossen sind, und mir ist es schon ganz zur Gewohnheit geworden, jeden Tag wenigstens sechs Raphaels zu sehn, und noch jedes Mal, wenn ich die "Offizien oder den Palast Pitti betrete, überfällt mich ein freudiger Schauer und das lebhafte Gefühl einer fiir's Leben wichtigen Gegenwart. Das erste Mal bin ich mit einer wahren Scheu in die Uffizien getreten und habe wohl über eine halbe Stunde in der Loggia des Orcagna verweilt, ehe ich mich entschlossen habe, diesen Moment zu erleben. Zu meiner Freude kehrt er aber jeden Tag stärker wieder in der Atmosphäre ewiger Schönheit, die einen hier umgiebt. Seit dem lsten Oktober ist unglaubliches Wetter für unser einen, warm, hell, ungeheuer blau und so prächtig frisch dabei; am 29 sten September dagegen hat es Jiorribile dictu\ geschneit, die ersten niedrigen Hügel waren ganz mit Schnee bedeckt und um Mittag war die schönste Berliner kalte Sonne und Ostwind, der zwar vento grecale heisst, aber drum nicht minder kalt ist. Ich habe schön renommirt, dass das bei uns im Norden unmöglich wäre. Deine Rathschläge habe ich alle befolgt, liebe Fanny, mich in die Herzogin von Urbino verliebt, ich glaube aber, sie war mehr in ihn verliebt, als er in sie. Eine ganz besondere Liebe habe ich aber für die Madonna del Cardellino, und dann für die Portraits der Päpste, und dann für die Seggiola, und dann für das Portrait einer schönen Frau mit iibereinandergelegten Händen, und dann für alle Andern und die Disputa von Andrea del Sarto mit den fanatischen Heiligen, ach! und die Venus von Medicis. Und was meinst Du zu dem Familienbild der Niobe ? 0 Jeses, sagt Frank. — Vorgestern waren wir im Theater, in einer Loge mit rotlien Sophas und Marmortisch und Spiegeln; diese Herrlichkeiten habe ich auch hier zum ersten Mal gesehn, mit deren Hülfe Die Familie Mendelssohn. II. 16 242 Reise- und Heimathbriefe. es möglich ist, eine Oper von Donizetti zwar nicht anzuhören, aber doch zu verplaudern. — Auch eine Converscmone haben wir mitgemacht bei der Gräfin S., der letzten der Hedicis, die genau ist, wie die Grossmutter von Göthe's Prinzesschen, klein, quirlig, sclinabbrig, wirklich die Letzte der Hedicis, aber sein - freundlich, wie überhaupt Alle, zu deren Bekanntschaft wir zufällig gelangt sind. Solche Conversazione sieht ganz genau aus, wie Tante Levy's Sonnabend mit Fresken und Marmor. Mine kann sich garniclit zufrieden geben, dass man in Gesellschaft nichts zu essen kriegt, und für mich ist's ein Jammer, dass es gar keinen Ort in der Umgebung giebt, wo man sich einen Tag lang im Grünen aufhalten und was essen kann, a Tallemande. Danach sehnt sich meine Seele in dem herrlichen Wetter. Aber überall sind Villen und alle vermie- thet; Du siehst, mir schwebt Eure Villa Wolchonsky vor. — Der Arno präsentirt sich uns nicht so gewaltig, wie Euch; er hat mehr von einem Rinnstein; überhaupt sind alle Flüsse ausgetrocknet, was die Gegend nicht eben verschönert. An Hensel denke ich, so oft ich tale quäle oder irgend einen seiner Ausdrücke im Ernst gebrauche, die bei uns nur als komische Figuren cirkulirten. Ueberliaupt ist es ganz eigen, wenn etwas in's Leben tritt, das wir schon lange aus Bildern und Erzählungen kennen. So begegnete mir neulich, als ich mich mit den Kindern im Boboli verspätet hatte und ziemlich im Dunkeln nach Hause kam (Du weisst, das kann Einem liier passiren, wo die Nacht unmittelbar dem Sonnen- untergange folgt), ein Zug weisser, verkappter Mönche, mit den bekannten Löchern vor den Augen, die mit Fackeln und singend im Sturmschritt eine Leiche zur Ruhe brachten; ehe das geläufig wird, muss man es auch öfter gesehen haben. Das ist aber auch das einzige Graulige hier, wir sind schon bis Mitternacht auf der Strasse gewesen und es ist nicht einmal mir eingefallen, mich [zu graulen. Schon der schlechte Zustand der Schlösser spricht für die Sicherheit der Stadt. Deine Engel von Luca della Robbia habe ich noch nicht gesehn, aber schöne Basreliefs in der Accademia delle helle arti und ein wunderschönes frommes Bild von Giovanni in der Florenz. 243 Santa Croce, dem hiesigen Pantheon, wo Dante, Micliel Angelo, Galilei und das übrige Federvieh Monumente hat. Widerwärtig ist der Götzendienst, den sie jetzt mit Galilei treiben, um ihre früheren Sünden vergessen zu machen — und stände lieut ein Galilei unter ihnen auf, sie machten's ihm ebenso. — Sehr rührend war mir der Garten in Bellosguardo, wo er gewohnt und, da ihm sogar wissenschaftliche Gespräche verboten waren, das Land gegraben hat. — Neulich im Pitti trat ich mit Di- richlet vor ein Bild von Perugino, und nachdem wir immerfort mit Italiänern itäliäniscli gesprochen hatten, sagte er auf Deutsch zu mir: „Der Perugino hat doch dem Raphael gut vorgearbeitet." — Da dreht sich der das Bild eben kopirende Haler um, sieht uns erst eine Weile an, ob wir der Mühe werth wären, und sagt dann: „Da haben Sie sehr Recht," und war ein sehr netter Hannoveraner. Auch auf den Uffizien sahen wir einen freundlichen deutschen Maler, sonst aber fühlen wir uns ganz Italiäner. Um neun, nach eingenommenem Frühstück en famille , kommt Herr Paperini, ein Italiänischlehrer, den wir Anfangs nur für Walter angenommen, der aber so wunderbar schön italiänisch spricht, dass wir meinten, auch wir könnten sogar von ihm lernen und auch Stunde nehmen; übrigens eiii sehr netter gebildeter Mann, der gut Englisch und Französisch spricht, Deutsch lernt, und so schöne Böcke darin macht, dass ich mich gar nicht über meine italiänischen schäme. Es geht mir ziemlich gut mit dem Sprechen, nur muss ich kein Englisch hören oder sprechen, sonst kommt mir immer wieder yes dazwischen. Dirichlet spricht mit mehr Anstrengung, aber grammatischer, klassischer; ich stehe noch mit Indicativ und Conjunctiv und besonders mit Passato determinato auf sehr gespanntem Fuss. Ausser mir haben wir schon alle lastimento für „Gebäude" gebraucht und sind dafür ausgelacht worden. Wir sind Jakoby und Borchardt mit, Ersterer bricht mehr italiänisch als er es spricht. Dirichlet sagt regelmässig mais für ma und lontano für „lange". Aber Kühnheit besitzen wir Alle hinlänglich, nur ist es schrecklich, wenn Einer dem Andern nachrechnet, wo er jede neue Gelehrsamkeit her hat. Weiss- brod heisst hier Semmeli e Kiffeli; ist das nicht sehr komisch ? 16* 244 Reise- und Heimathbriefe. Grüss Garten und Gartensaal; bis jetzt habe ich keinen schöner angelegten gesehen. —" Fanny an Rebecka. Berlin, d. 18ten Oktober 1843. „—• — Diesmal habe ich Dir auch hübsche Sachen zu erzählen, der Sommernachtstraum ist im neuen Palais geträumt und wenn ich den Brief erst morgen abschicke, so geschieht es nur, um Dir den Erfolg der ersten öffentlichen Vorstellung zu melden, die heut Abend stattfindet. Es war wunderschön, und besonders ist die Musik das Zauberhafteste, was man hören kann. Ich muss aber weiter ausholen. Vorige Woche kam die Leipziger Musik an, um dem Feste beizuwohnen, Hiller, David, Gade (der nächstens in Rom mit einem Empfehlungsbrief vor Dir erscheinen wird) und ein allerliebster zwölfjähriger Ungar, Joachim, der ein so geschickter Violinspieler ist, dass ihn David Nichts mehr zu lehren weiss, und ein so vernünftiger Junge, dass er allein auf der Eisenbahn herreist, allein im rheinischen Hof wohnt und Einem das ganz natürlich vorkommt. Mit diesem lustigen Volk, wozu sich noch Eckert gesellte (der nächstens in Rom ohne Empfehlungsbrief vor Dir erscheinen wird), hatten wir, da die Aufführung um zwei Tage verschoben ward, ein Paar sehr amüsante Abende, namentlich einen bei Paul, wo Alles, was geigen konnte, geigte (gog, würde Ernstchen sagen), und Alles, was spielen konnte, spielte, und uns leider die kleinste Stimme zu dem kleinsten Liede fehlte; wir waren lauter instrumentale Seelen. Am Sonnabend ging die grosse Auswanderung vor sich. Wir hatten noch ein Billet erobert und nahmen Antonie mit. Im Einsiedler, wo kern Zimmer zu haben war, setzten wir uns, sieben Mann Damen hoch, in Felixens Stube die Köpfe zurecht und begaben uns dann in die königlichen Hallen. Ich sass neben der Tieck, die Dich herzlich grüssen lässt und mir eine sehr angenehme Nachbarschaft war, und vor Kugler's Schwester, die mich aus Glückseligkeit den ganzen Abend förmlich maltraitirte mit Drücken und Kneifen. Dn weisst, so etwas lässt man sich Sommernachtstraum. 245 gern gefallen. Mich hat die Vorstellung übrigens sehr angegriffen, denn fast noch nie ist mir Mutter so gegenwärtig gewesen, ich meinte immer, ich miisste sie lachen hören, und auch Du hast mir gar zu sehr gefehlt. — Das einzige Störende im Aeussern der Darstellung waren die Kostüme, die nach Tieck's eigensinnigem Beharren spanische des 17ten Jahrhunderts vorstellten, was störender war, als ich es selbst gedacht hätte. Dagegen waren die Rüpel meist vortrefflich, selbst Gern, der zu aller Elfen Schrecken den Zettel spielt, besser als ich erwartet hätte. Die Elfen, einige dreissig Kinder der Tanzschule, allerliebst; wenn sich zuerst mit dem reizenden Marsch das Theater mit ihnen füllt, ist es wirklich ein zauberhafter Moment. Das Schönste aber im ganzen Stück, das Einzige, was mir beim Lesen niemals einen so ergreifenden Eindruck gemacht hatte, ist . die letzte Scene, nachdem der Hof sich mit dem prächtigen Iiochzeitsmarsch entfernt hat, der nun immer leiser und ferner wird und plötzlich in das Thema der Ouvertüre fällt, während zugleich Puck und die Elfen wieder den- leeren Kaum betreten — ich sage Dir, das ist zum Heulen schön. Die Zwischenakte sind wahre Meisterstücke, — und wurden in der grössten Vollkommenheit ausgeführt. Nie habe ich ein Orchester so pianissimo spielen hören. Die drei mittleren Akte sind nur durch Musik getrennt; der Vorhang fällt nicht, nach dem zweiten kommt ein wunderschönes Stück, das Suchen Hermia's nach Lysander ausdrückend, und dann plötzlich in's tolle Burleske umschlagend, während zugleich die Rüpel auf der Höhe im Walde erscheinen, durch lustige Geberden ihr Wohlgefallen an der schönen Natur ausdrückend; das ist ein unwiderstehlich lächerlicher Moment. Alle Kinder Berlins werden noch ihre Lust an dem Stück haben, denn Löwe und Esel sind herrliche Bestien. Der Esel sperrt das Maul auf und steckt die Zunge heraus, und wenn das allerliebste Bolinenblüthchen mit einem rothen Mützchen auf und das kleine Senfsamenkind ihm den Kopf kratzen, Walter! ich versichere Dich, das ist schön! Das Kostüm des Löwen muss ich auch noch für Dich beschreiben: er trägt eine gelbgraue Flausjacke und Hosen, eine Perrücke von Hobelspänen, die bis 246 Heise- und Heimathbriefe. an die Erde reicht, und anstatt des Schweifs einen endlosen Strohwisch, der unanständig - natürlich angebracht ist. Thisbe ist mir zu toll angezogen ; sie trägt einen herabhängenden Strumpf, den sie heraufzieht, als Jemand vom Hofe bemerkt, Pyramus könne sich an ihrem Strumpfband aufhängen, und hat nichts Weibernes an sich, als ein drappirtes Handtuch. Der Trauermarsch, der bei ihrem und Pyramus' Tode ertönt, ist wirklich ein stupendes Motiv; ich habe bis zuletzt nicht recht daran glauben wollen; es ist eine zu kolossale Unverschämtheit, ihn vor's Publikum zu bringen; so wie Felix zu präludiren pflegt, wenn man ihn nicht dazu bringen kann, ordentlich zu spielen. Ich bin sehr neugierig auf diesen Abend, es wird drei Tage hinter einander gegeben, et pas plus de billet, que sur ma main. Donnerstag. Die erste Vorstellung war sehr brillant, ging vortrefflich und ist höchlich goutirt worden. Felix wurde mit Lärm gerufen, kam aber nicht, sondern die Hagen entschuldigte ihn. Die Musikstücke wurden alle einzeln bemerkt und applaudirt, die Ouvertüre ging wieder prächtig, wie alle Musik. Die Hagen spielt Puck, und so unangenehm mir ihr Sprechen zuweilen ist, so fein und geistreich spielt sie manche Stellen. Das Huschen über das Theater und hier und dort und überall sein, hat Keine los wie sie. Dass das Theater voll von Bekannten war, versteht sich von selbst; wir hatten nicht vier zusammenhängende Billets bekommen können und so war ich mit Sebastian allem im Parquet, ringsum Steffens, Tante Levy, Friedheims, oben auf dem Balcon zwei imposante Reihen Mendelssohns und Zubehör. Paul behauptet, als Mendelssohn gerufen worden wäre, hätte er sich mit der grössten Freundlichkeit vorn auf dem Balkon gezeigt, aber die Leute hätten garniclit darauf geachtet. Nachher tranken wir bei Paul Thee und Champagner. Heut und morgen dirigirt es Felix noch, morgen werden wir wieder hingehen, Sonnabend reist er ab. Ist es nicht wieder ein merkwürdiges Glück (ttt davor) dieses merkwürdigen Menschen, dass sein erstes Jugendwerk, welches seinen Ruf gegründet und verbreitet hat, nun von Neuem verherrlicht und in dieser Form gewiss durch ganz Deutschland gehen wird ? Gestern rekapitulirten wir, wie Sommemachtstraum 247 der Sommemachtstraum zu allen Zeiten durch unser Haus gegangen, wie wir in verschiedenen Altern alle verschiedenen Rollen gelesen, von Bohnenblüthe bis zu Hermia und Helena, „und wie wir's nun zuletzt so herrlich weit gebracht." Wir sind aber auch wirklich mit dem Sommernachtstraum vollkommen verwachsen und namentlich Felix hat sich ganz denselben eigen gemacht; allen Charakteren ist er gefolgt, alle hat er gleichsam nachgeschaffen, die Shakespeare in seiner Unerschöpflichkeit hervorgebracht. Von dem prachtvollen, wahrhaft festlichen Hochzeitsmarsch bis zu der kläglichen Musik bei Thisbe's Tode, die wunderschönen Elfengesänge, Tänze und Zwischenakte, Alles, Menschen, Geister, wie Rüpel, hat er vollkommen auf gleicher Linie mit Shakespeare in seiner Kunst hingestellt. — Es wird aber Zeit sein, den Sommernaclitstraum endlich zu verlassen, „und nun sich also Brief hinwegbegeben thut." —• Wand war auch wunderschön. Mondschein hatte in Potsdam einen leibhaftigen Hund bei sich, der fuhr aber auf den Löwen zu und biss ihn, sodass er gestern mit einem ausgestopften unter dem Arm erschien. Er ängstigt sich bei seiner Rede und weint zuletzt, und das macht eine wunderschöne Wirkung. „Und mit diesem Lied und Wendung sind wir wieder bei Hafisen." Du wirst Gott danken, dass der Bogen voll ist. Dass Mutter das nicht erlebt hat! Das ist mein ewiger Gedanke. Ich sage nicht, dass Du es nicht hörst, denn Dich kann ich nicht bedauern für irgend etwas, das Du hier versäumst; und ausserdem wird der Sommernachtstraum wohl hier eingebürgert sein, wenn Du zurückkommst. Nun wird es Zeit, dass ich anfange aufzuhören, Duweisst, das geht bei mir nicht so geschwind. — Ach! Du wirst gewiss so italiäniscli sprechen, wenn Du zurückkommst, dass ich mich künftig geniren werde Allegro ma non troppo zu sagen. — Das hat Dir auch noch gefehlt. —" Felix an Reb ecka. Leipzig, 29steil Oktober. „— — Von Morgens früh bis Abends spät habe ich am Schreibtisch gesessen und Partitur geschrieben, dass mir der Kopf brannte, und so habe ich einige Sonnabende müssen vergehen lassen, ohne meinen Posttag pünktlich zu halten. Mein 248 Reise- und Heimathbriefe. vorige? Aufenthalt in Berlin war mir auch eine anstrengende Zeit, ich hatte elf grosse Proben und vier Aufführungen in vierzehn Tagen, bekam dabei zuletzt ein bischen Heimweh und habe seit «ieiner Rückkehr vor acht Tagen nichts getlian, als mich-davon erholt; und nun kann der Mensch wieder kor- respondiren. Hiermit meine ich diesen Brief nicht, der zählt unter dem mir vei'liassten Titel Korrespondenz nicht mit, sondern die vorhergehenden und nachfolgenden. Zu erzählen weiss ich eigentlich nichts, als von Hoboen und Trompeten, und die nehmen sich in der Erzählung am wenigsten aus. Zwölf Nummern hat der Sommernachtstraum, und die Trauermusik bei Tliisbe's Tode ist ganz in der Art, wie meine Präludien, über die Du sonst so lachen konntest, vorgetragen von einer Clarinette, einem Fagott und einer Pauke, aber wie gesagt, es nimmt sich schlecht erzählt aus. Ob ich es Dir in Rheinbayern nächsten Sommer werde vorspielen können? Ziemlich zugleich mit diesen Zeilen wird Eckert in Rom eintreffen, von dem lass Dir nur alles Mögliche über uns und auch über den Sommernaclitstranm erzählen, er kann's gewiss besser als die Zeitungen. Ich versichere Dich, dass ich in jeder Probe und jeder Aufführung Deine Abwesenheit noch ganz extra ein Paar Mal regrettirt habe. Es wäre so recht was für Deinen Schnabel gewesen und Du würdest Dich von Herzen über das Gelungene mitgefreut und über das Verfehlte mitgeärgert haben. Lustig ist es aber, dass die Berliner sich so unglaublich wundern und entzücken über unser altes, liebes Lieblingsstück von William; gestern war es in Berlin seit den letzten zehn Tagen zum siebenten Male und Morgens nirgend ein Platz mehr zu bekommen, wie mir Paul schreibt. Neulich sassen plötzlich in unserer blauen Stube Gustav Magnus mit seiner Frau und seinem Bruder Eduard und Madame Türrschmiedt, und wie Du das kennst, wenn man sich in Berlin entweder garnicht oder alle Jubeljahr einmal sieht, so begriffen wir Alle nicht, wie wir es einen Tag lang ohne einander aushalten könnten; sie gaben hier von ihrem Dresdener Aufenthalt einen Tag zu und wir amüsirten uns sehr gut mit einander. Heut war Schubring aus Dessau da, der Felix au Bebecka. 249 kommt zum Essen wieder, ich mache aber Feierabend uncl schreibe erst Dir und dann spiele ich Billard im Cafe. Gestern habe ich dem Marqueur vier Partien abgenommen (er mir freilich fünf). Ich möchte gern wissen, ob dieser Brief das Postgeld nach Born werth ist. Sage es mir doch umgehend, ich richte mich später danach ein. Der ganze Brief sollte überhaupt erhaben sein, er wandert nach Born. Aber er ist doch immer aus Leipzig, und das Datum kann nicht fehlen, und mein Name auch nicht, und ich esse jetzt täglich Lerchen mit Apfelmuss, spiele wie gesagt Billard im Cafe und schnappe die himmlische, warme Sommerluft, die seit einigen Tagen die ganze Welt belebt, indem ich den ganzen Tag spazieren laufe. Freilich broceoli, passeggiata, cafe greco! — Cette de'licieuse Rome, sagte Berlioz. Der schreibt jetzt Artikel über seine deutsche Beise im Journal des JDebats, über die ist die musikalische Klatschwelt ausser sich. Alles lässt er darin abdrucken; mich wundert nur, dass er Christel und Jette*) bis jetzt unerwähnt gelassen hat. Aber Cecile ist selig darüber, David brachte ihr das französische Journal neulich mit, und wie sie meinen französischen Brief mit all' seinen französischen Fehlern darin abgedruckt fand, wusste sie sich nicht zu lassen vor Lachen. Die ist auch unberechenbar, wie Du immer von Vater behauptet hast. Aber sehr wohl und blühend und munter ist sie, Gottlob! jetzt, und trägt wieder ihre Locken und alle Menschen freuen sich, wenn sie sie ansehn. Der Himmel erhalte sie und die vier Kinder gerade so; sie haben uns noch keinen trüben Augenblick gemacht. Das heisst, heute habe ich Paul geprügelt, aber es ging gar nicht anders. Er hatte Jette geprügelt und wollte sie durchaus nicht um Verzeihung bitten, trotz Cecile's Vorstellungen; da musste ich mich leider in's Mittel „schlagen". Aber wir haben keine rancune gegen einander behalten und ich konnte es ihm nicht ersparen. Bist Du in Italien nicht auch der Meinung? Heut Abend haben wir einige Leute, da hat Cecile von mir verlangt, ich sollte ihr etwas Anders angeben, was man zu Bouillon herumreichen *) Die Dienstboten bei Felix. 250 Reise- und Heimathbriefe. lassen kann, als kleine Pasteten. Ich habe den ganzen Morgen drüber nachgedacht und nichts herausgebracht; sinne Du doch einmal in einem Orangenwäldchen darüber nach. Ich glaube, nun habe ich Dir nonsens genug hingeschrieben. Geht es Dir ganz gut? Ist Diriclilet italiänisirt? Zeichnet Walter Alles? Singt er? Was macht Ernst? Zuzulernen braucht Mine nichts in Italien, aber vergisst sie auch die braunen Saucen nicht? —• Unsere Hanne hat ihren Schneider längst gehei- rathet und lebt glücklich und in Frieden mit ihm. Zuweilen kommt sie Nachmittags zu uns und isst sich wieder einmal recht satt. Wenn Du die beiden Weisen in der . Schule von Athen ansiehst und wenn Dir Landsberg mit seinem Orden begegnet, so denk an mich. Du kannst Dir überhaupt dazu eine jede Gelegenheit vom Zaun brechen. Und Jakoby bestelle, sobald er die blaue Grotte differenzirt, werde ich die Marmorfelsen von Carrara in Musik setzen; eher kann er mir es nicht zumnthen. Es wird heute nichts Vernünftiges. Lebe wohl." Aus einem Brief von Rebecka an Fanny. Florenz, den 21sten Oktober 1843. „ Es bedurfte auch dieser guten Nachricht, um den Anfang Deines Briefes mit Sebastian's Ellbogenausfallen zu kompensiren. Der arme Kerl! er muss auch Alles durchmachen. Schafskopf, nimm Dich künftig besser üi Acht! wozu hast Du denn Deine Seiltänzerbeine und die berühmte Pul- cinellnatur, wenn Du immerfort solche dumme Streiche machst ? Aber es ist immer besser, durch's Reisig zu fallen, als durch's Examen, und somit gratulire ich zur Versetzung, wenn ich auch überzeugt bin, dass eigentlich Deine Lehrer hätten versetzt werden müssen und Deine Mutter dazu. Heut früh habe ich vom Vetturin die Caparra erhalten, um über Perugia und Foligno Mittwoch den 25sten nach Rom abzufahren. Ich muss Vieles ungesehen lassen, was ich mir für die letzten Tage verspart hatte. Die Kirchen schenk' ich; eine habe ich gesehen, mit Fresken, wie Albreclit Dürer sagt, ehe die Italiäner die Malerei erfunden hatten, und einer unge- Florenz. 251 heuren Madonna von Cimabue; das liat mich hier sehr interessirt zu sehen, wie die Kunst anfängt, aber nun habe ich an einer genug. Das nächste Mal schreibe ich an Albertine einen Brief mit lauter Missgeburten, besonders ein Männchen in Pavia werde ich nie vergessen, das war nicht grösser wie Ernst, hatte einen ungeheuren Kopf mit einem sehr vergnügten Cretingesiclit und lief mit einer ganz kleinen Violine neben dem Wagen her und kratzte gottesjämmerlich. Und dann einen in Mailand, der ohne Beine auf einem Leder herumhüpfte, wie ein Frosch. Neulich Sonntag auf dem Wege nach Poggio Cajano hatten wir noch ein herzerhebendes Schauspiel; da sassen vor allen Häusern Frauen und Mädchen, den ganzen Weg entlang zu beiden Seiten und Hessen sich kämmen, aber so recht con amore , für die ganze vergangene und zukünftige Woche mit. Freilich im letzten Ort, wo die Toilette beendet war, sahen sie gut genug aus und dort waren Trauben und Vino Santo, die schmecken mir noch heut. Rebecka an Fanny. Castiglione, ein Juxnest im Apennin. Den Tag nach meinem letzten Brief muifelte sich das Wetter etwas heraus, da machten wir uns gleich nach dem Frühstück auf, in einige Kirchen, S. Lorenzo mit der Kapelle der Medicis von Buonaroti, wo ich mich schrecklich ärgern musste über die Tanzmusik, mit der sie den lieben Gott rega- lirten, S. Marco, Baptisterio und zuletzt den Dom, um den wir lange Zeit ringsherum gingen und die Kuppel und den Glockenthurm in der reinen blauen Luft gar nicht genug sehen konnten, flanirten unter den Arkaden der Uffizien, am Lungarno herum, blieben auf allen Brücken stehen, bis Mittagszeit herangekommen war und gingen Nachmittag noch nach Boboli, p. p. c. Wir sind entsetzlich kunstverständig und müssen auch alles zur Kunstgeschichte Wichtige kennen lernen; Jeder hat seinen Maler, den er wiedererkennt; Dirichlet hat sich Perugino angeschafft und ich glaube bloss des Namens wegen 252 Heise- und Heimathbriefe. haben wir den Vetturin aus Perugia genommen, Jakoby reist auf Verkündigungen, womit er sehr geneckt wird, und ich laufe dem alten Fiesole nach; Borchardt findet Alles [schön, ausser Cimabue, vor dem kriegen wir Alle noch einen Schreck; wahrscheinlich werden wir nächstens auch für die ungeheuren grossen Zehen der Dreieinigkeit schwärmen; hier ist das Land der Wunder und Bekehrungen, wir haben auf der Akademie schon angefangen, einzulenken. Mittwoch um halb fünf wollte ich eben aufstehen, da kam zu guter Letzt ein kleines Erdbeben, auch das erste, was ich erlebt; unser Bett bebte, das Licht ging beinahe aus, es ist eine ganz kuriose Empfindung. Trotz dem bösen Omen fuhren wir ab, bei Santa Croce und den schönen Hügeln von Florenz im glühendsten Morgenroth vorbei und verliessen es Alle ungern. Es ist unglaublich, wie man sich an Häuser und Bäume und Bilder und Umgebungen überhaupt gewöhnt; von Menschen haben wir doch Niemand dort zurückgelassen, die Mathematik kommt in einigen Tagen nach. Und mit was man alles Freundschaft scliliesst! Die Keller sehe Reisekarte nach der Schweiz einzupacken, war mir ganz schmerzlich und nun wieder der ausgediente guido, ein Abschied! — Nach dieser Reflexion fahre ich fort, nämlich nach Incisa, im schönsten Wetter. Da futterten wir, ich wollte schon anfangen, Dir zu schreiben, aber „die Lage von des olle Loch" ist so schön, dass wir lieber spazieren gingen, bis das pranzo fertig war. Pauls bitte ich einmal für alle Mal um Entschuldigung wegen aller italiänischen Wörter und Redensarten, sie sind nicht affektirt; Ihr wisst ja selbst, wie leicht man sich Sprache und Ausdrücke der Umgebungen der letzten acht Tage angewöhnt; und Italiänisch ist so schrecklich bequem, und dabei manchmal so skurril und so jüdisch. Poverino ist doch entschieden nebbicli. A propos von Juden, in Incisa haben wir in derselben Stube uns die Hände gewaschen, wo Pius VII. auf der Durchreise nach Frankreich sich die Fiisse küssen liess. Die ganze Tagereise war sehr schön, immer im Gebirge, sernpre salita und auf der Höhe viele deutsche Eichen. Wir übernachteten in einem einsamen Hause oben im Gebirge, da Florenz bis Rom. 253 ärgerte icli micli wieder einen Theelöffel voll, denn eine Post weiter liegt Arezzo mit einem Bischof, aber es war dem Vet- turin zu dunkel. Indessen er ist ein Galantuomo, und das Wirthsliaus war viel besser wie das in Treuenbriezen. Heut früh fuhren wir in Regen, Sturm und Gewitter fort. (Es wird angespannt, morgen mehr). Perugia, den 27sten. Fehlte nur schön Wetter, und es wäre heut einer der allerinteressantesten Reisetage, leider aber regnet es unablässig und ist so kalt, dass der Berliner November noch was lernen könnte. Gestern Nachmittag klärte es sich noch einmal auf und wir hatten am Trasimenischen See einige schöne Lichteffecte, die zur apenninischen Landschaft sehr nothwendig sind. Wir blieben die Nacht in Passignano, hart am See, mir wurde ganz schweizerisch zu Muth bei dem Rauschen des Sees und den frischen Fischen. Es war ein schöner, lauer Abend, aus einer weissen Wolke wetterleuchtete es immer, der Himmel klar und voller Sterne und der Mond im ersten Viertel. Heut um sieben fuhren wir aus, mit Ochsenvorspann, eine Strecke den See entlang, dann in's Gebirg; eine wilde romantische Gegend mit vielen Ruinen von Thiirmen und alten Schlössern; der Vetturin erklärte mir, zu Hannibal's Zeiten hätten in den alten Thiirmen die Kanonen gestanden. Um Mittag kamen wir hier an, gingen im Regen herum und besahen Kirchen und Bilder, leider im Dunkeln. Im Cambio sind an der Decke des Saals die Planeten von Raphael, aber etwas geschmackvoller arrangirt als Eure in der Schlafstube, inmitten der zierlichsten Arabesken.*) Ueber dem Saal ist eine kleine Capelle, ganz von Perugino's Schülern gemalt, Holzschnitzereien nach Raphaels und Perugino's Zeichnungen und alles so klein und nett und geschmackvoll. Es ist ein Jammer, dass es immerfort regnet; Perugia ist so ein alter prächtiger Rauchfang, so recht, um in alle Winkel drin herum zu kriechen und liegt so ganz originell hoch auf einem Bergrücken, von wo aus die ganze Geographie zu über- *) Fanny hatte diese Stiche alle übereinander in einen Rahmen bringen lassen, womit sie unendlich geneckt wurde. 254 Reise- und Heimatkbriefe. sehen ist. Dirichlet ruhte nicht, bis wir auf einen der höchsten Punkte kletterten und unter Regenschirmen die vista goäeten, die wirklich bei hellem Wetter stupend sein muss. Eine ganz reizende Madonna von Raphael, auch so was zum Verlieben, ist liier in einem Privathause. Ich übergehe manche Kirchen und Schmöker, unter Andern die Kathedrale, und komme um fünf Uhr sehr müde, nass und hungrig an, und wir lassen uns das Mittagbrod nicht wenig schmecken. Und auch dieses Plaisirausstehn ist mir ganz gut bekommen. Das Wirtlisliaus hier ist wieder ein alter Palast, unsere Zimmer ungefähr so, wie Walter Scott die der Gräfin Amy beschreibt; etwas sehr hübsches, mir ganz Neues und Empfehlenswerthes zum Nachahmen smd Fensterladen und Thüren mit lauter kleinen Landschaften in Oel. Unser Schlafzimmer ist mit roth und weiss damastnem Atlas tapezirt, dito Betthimmel, dito Stühle, Mosaikmarmortische und Spiegel mit Ungeheuern Bronceralimen etc. etc. und gar kein Aber dabei, alles ist frisch und wohlerhalten, der Salon al fresco , sie sagen von Caracci, jedenfalls schön; die Kinder und Mine schlafen in rothem Damast. Für diese Herrlichkeiten wollten sie zwanzig Paul, ich bot zehn, wir vereinigten uns auf zwölf. Si parla, si fa conoscenza. Und da wären wir zum Schlafengehn. Ach! es pladdert immer, ich fürchte mich sehr, wir müssen morgen Assisi dran geben, Mine hat mir lieut verratlien, dass sie in Florenz mit Ernst mehrere Male statt spazieren zu gelm, auf den Uffizien war, das hätt' ich eigentlich Jemand anders mehr gegönnt. Temi, den 29sten. Hier erwartest Du einen grossen Wasserfall, der kommt aber erst morgen früh. Das Terni hab' ich gar nicht so bestellt, ich dachte, es wäre auch so ein verfallenes Nest, wie die meisten auf diesem Wege, aber nein! Ein heiteres, freundliches Städtchen, wunderschön gelegen in einem weiten, fruchtbaren, bebauten Thale von der romantischesten Bergkette eingeschlossen; wir haben eben dem Cameriere versprochen, im Frühjahr auf Grasung wieder zu kommen. Wo haben wir Assisi. 255 das niclit schon versprochen! Gestern kam ich nicht zum Schreiben, wir haben nämlich Assisi nicht laufen lassen, sondern haben uns selbst müde drin gelaufen, eine wundervolle alte Kirche gesehn, über und über bemalt mit den wunderlichsten Dingen. Das ganze Assisi liegt, furchtbar katholisch, auf einem Felsen, alle Häuser und Thore bemalt, in einer allerliebsten Kapelle sass eine Schusterbude. Göthe hat mir die Mühe des Beschreibens abgenommen, über den Minerven- tempel soll er viel gesprochen haben, es ist mir nicht gegenwärtig.- Mich hat am meisten dran der Vorplatz mit den zu beiden Seiten herunterführenden Treppen aus Antigone gerührt, obgleich sie nicht antichissime, sondern erneuert sind. An einer ehemaligen Schule stehen auch noch sechs reizende antike Säulchen, früher Tempel. Von dort aus weht römische Luft, überall Reste von Amphitheatern, Bogen, Wasserleitungen, Kirchen über ehemaligen Tempeln, an den Bauerhäusern Fragmente zertrümmerter Herrlichkeiten; ich finde es höchst erstaunlich, dass wir nun so nahe an Rom sind und Mittwoch bei Papstens essen werden. Historisch habe ich nicht viel zu berichten, wir fuhren gestern nach Sonnenaufgang von Perugia fort, bedauerten sehr, nicht länger dort gewesen zu sein, kamen zuerst nach Maria degli Angeli. Ernstchen sagt, das ist eine neumodische Kirche, wollen wir da auch hinein? und hatte Recht; ein wunderthätiges Bild des „Overbekke" war nicht der Mühe wertli. Von da im herrlichsten frischen Herbstwetter mit Ochsen di rinforzo den Schneckenweg um den Berg herum nach Assisi hinauf, unter immerwährendem Glockengeläut in allen Tönen. Ich käme gar nicht aus der Rührung heraus, miisste ich nicht dazwischen mich halbtodt lachen, wenn einer mit der Büchse für die Seelen im Fegefeuer bettelt, oder wenn die Bettler sich mit ihren Mänteln aus tausend Lumpen zusammengeflickt, drappiren, als wäre es ein Purpurgewand. All das italiänische Zeug ist so hundertmal abgebildet, und verfehlt doch im Komischen und Ernsthaften nie seine Wirkung. Wir gingen dort in S. Francesco, zwei grosse Kirchen übereinander, von denen besonders die untere höchst geheimnissvoll und merkwürdig, uralt, düster. 256 Heise- und Heimathbriefe. Da hörten wir die Messe; anfangs imponirte mir der Schall in dem ungeheuren Gewölbe sehr, nachher ärgerte ich mich über das eintönige Geplärr; dann in eine kleine Kapelle Sta. Catlierina, auch ganz gemalt, über der Thür zwei reizende Englein. Der Dom ist vor Erfindung der Baukunst gebaut. Die andern Kirchen Hessen wir übrig und gingen auf die Festung, um, wie Jakoby sagt, die Geographie zu sehn, über schlechte steinige Wege, durch tiefen Schmutz, den giebt's denn in Assisi was das Herz begehrt, Papstens sollen nicht gedacht werden. Unser Vetturin sagt es auch, überhaupt sie sprechen sehr offen über ihre Regierung. Von Bologna wissen sie gar nichts, ausser dass Soldaten über Soldaten lmigeschickt werden, in Foligno liegen noch Truppen bereit. Fuori werden Sie es wohl wissen, sagt der Cameriere. Dirichlet nimmt bei jedem Cameriere itaüänisclie Stunde, Walter macht recht gute Fortschritte durch die Lektionen der verschiedenen Kutscher, mit denen er auf dem Bock sitzt. Walter habe ich in Assisi höchst glücklich gemacht, indem ich ihm eine Madonna auf Goldgrund auf Holz gemalt für fünf Paul kaufte. Hütt' ich nicht das Bilderkaufen verschworen, aus Furcht, mich lächerlich zu machen, so liätt' ich mir da eine ganze Galerie für ein Paar Scudi gekauft. Von allen Thaten war ich so müde, dass ich gestern Abend in Foligno und heut Mittag in Spoleto alle Aquaedukte und Ruinen habe einen guten Mann sein lassen, und auf dem Sopha gelegen habe — in Foligno war nur keins — während Dirichlet und Walter ausgingen. Heut früh habe ich mich unter der Zeit an einer Nichtantike erfreut, an einer wunderschönen, zwölfjährigen Römerin im Wirths- liaus in Spoleto. Auch heut Abend waren sie wunderhübsch auf der Promenade von Terni. Ich muss Dich da aber erst hinbringen, durch ein enges Felsenthal mit Eichenwald, überall Fusswege in die verschiedenen Seitentliäler, unten leider ein ausgetrocknetes Flussbett; ich werde immer durstig davon; die Bäume scheinen es nicht so zu empfinden, alles ist frisch und grün, nur so viel herbstHch gefärbt, um noch schöner zu sein. Morgen früh nach dem Wasserfäll. Seit undenklichen Zeiten hat ein undenklicher Papst dem hiesigen Postmeister Wasserfall von Terni. 257 ■das Privilegium geschenkt, die Fremden dahin zu fahren ; natürlich lässt der sich seine Kareten nicht wenig bezahlen. Sette vene, ein einzelnes Haus in der Campagna, den 31 sten Oktober. Du siehst, wir haben mehr Geduld, als Ihr, hier sitzen wir vor der Thürs Roms, und es ist erst 6 Uhr, eine halbe Stunde nach Ave Maria. Paul's Geburtstag haben wir sehr brillant gefeiert, Morgens bei der Cascade von Terni, Abends unter dem noch stehenden Bogen der Römerbrücke über die Nera bei Narni. Seit fünf Tagen ist das Wetter so warm, dass selbst die Einwohner erstaunt sind. Noch ein paar Tage so in Rom, und Vollmond dazu, und Gesundheit, das kann brillant werden. Ich glaube, über das gefürchtete ce n'est que cela sind wir hinweg; diese Strasse führt uns so pian piano in's älteste Alterthum, und wir sind auf jeden alten Stein erpicht. Die Spazierfahrt nach dem Wasserfall war sehr gelungen, nur wird Einem da die Freude durch Schaaren von Bettlern verdorben, wie ich sie in ganz Italien noch nicht getroffen; und wir haben doch schon ein gut Ende Kirchenstaat durchmessen. Was dabei hilft, ist, dass man nicht so viel Mitleid mit ihnen zu haben braucht, als bei uns, wo ein abgewiesener Bettler uns den ganzen Tag verdirbt. Sie frieren nicht, und brauchten nicht zu hungern, wenn sie nur halbwegs die Hände aufhöben; die Erde wünscht nur bearbeitet zu werden, um mehr als alle Einwohner zu ernähren. Es ist ein Jammer, anzuselin, wenn man einmal von den Ruinen wegsieht, welche Strecken des schönsten Landes hier wüst liegen, und wie viel kräftige, arbeitsfähige Menschen noch wüster darauf herumliegen und von den Trümmern ihrer Vorfahren leben. Heut in Civita Castellana haben wir die Nachkommen der alten römischen Soldaten in Pantoffeln herumlaufen sehen, wir machten nnsern Mittagspaziergang nach der Festung, der Kommandant war sehr artig, pflückte mir Blumen aus seinem Garten und zeigte uns ganz freundlich den Thurm, in welchem über Die Familie Mendelssohn. II. I i * • v.-.t v • 258 Reise- und Heimathbriefe. hundert politische Gefangene, viele lebenslänglich, sitzen. Mü* wurde ganz übel. Indessen ich kann's nicht ändern, und wir müssen uns daran halten, was die Alten gethan und was der liebe Gott noch täglich für dies Wunderland thut. Unser gestriger Cicerone sagte uns: öurio Dentato, papa cmtico, habe den Wasserfall geleitet. Das ist übrigens auch nicht wenig pikant, dass dieser Wasserfall, einer der aüerschönsten, von Menschenhänden fabrizirt ist. Jetzt will ich noch ein bischen campagna im Mondschein goileren. Also morgen Roma\ — Rom, den 2ten November. Also auch wir! — Was Pferde und Wagen nicht alles möglich machen. Ich hah's bis zuletzt 'nicht recht geglaubt, dass wir nach Rom kommen würden, bis Dirichlet gestern um halb zwölf etwa den Vetturin fragte, was für ein Thor da vor uns läge, und der antwortete: non e porta, e ponte Molle. Da wurde uns doch etwas sonderbar. Auch schon vorher, als ich die Engelsburg schon in der Ferne erkannte, als die Stadt mit den vielen Kuppeln vor uns lag und wir gelehrt stritten, welche, der Lage nach, St. Peter sein miisste, und dann zuletzt der wahre St. Peter hinter'm Berge vorkam und den Streit entschied. Den ersten Mittags am Tage Aller Heiligen zogen wir ein, passirten am Thore die Revue über die geputzte Welt, die aus Santa Maria del Popolo herauskam, drei Paul vertraten die Stelle des Lascia passare, den wir uns in Florenz nicht hatten geben lassen, und so fuhren wir nach dem französischen Hotel Santa Maria sopra Minerva, wo wir sehr schön logirt sind, etwas Schmutz mit einbegriffen, Cornelius wohnt auch hier, neben uns an. Die erste Stunde in der Weltstadt verging wie immer bei der Ankunft, wir wuschen uns, zogen uns rein an, was uns sehr Notli that, frühstückten, was uns auch sehr Notli that, dann ruhte ich auf meinen Lorbeern (hätt's wörtlich tliun können, da ich einen Strauss Lorbeern von Temi bei mir hatte), und Dirichlet und Walter gingen zu Kaselowsky, kamen bald mit ihm und Horkel wieder, und wir gingen alle nach Wohnungen, en passant in's Pantheon. holten uns ein bischen Ablass. auf den Monte Pincio. Kom. 259 an Casa Bartlioldy vorbei, bis nach der französischen Akademie, sahen durch die immergrünen Eichen durch, nahmen uns auf dem spanischen Platz einen Fiacre und fuhren nach Haus essen. Abends kamen Moser, Kaselowsky, Horkel und der alte Geheimerath Link zu uns, und der erste Tag in Rom verging sehr angenehm. Um neun ging Dirichlet noch mit Horkel im Mondschein durch's alte Rom und kam ganz begeistert zurück; ich ging nicht, sondern fiel in'.s Bett und in den Schlaf. Heut früh zogen wir wieder mit Kaselowsky nach Wohnungen herum, sehr gern hätten wir den dritten Stock der Casa Bartlioldy genommen, wollten bis sechszig scudi monatlich geben, damit Ihr nicht glaubt, unser Geiz verhindere uns, aber da ist wieder das alte Unglück wie bei den meisten Wohnungen, sie wollen nur auf sechs Monat vermiethen und so lange wollen wir uns doch nicht binden, sonst geht Venedig verloren. Aber eine Aussicht ist da oben! — Ehe wir nicht wohnen, kann ich keine alten Steine oder Menschen, Zwerge oder Riesen sehn. Den 4ten. Gott sei gelobt und gedankt und getrommelt und gepfiffen, wir haben gemiethet, Via Capo le case, 45, drei Treppen. Aber sehr sonnig, gute Luft, Balconfenster am Sa- lotto und ein sicheres, für hier recht behagliches Haus. Sei wohl und froh mit allen Deinen, vorläufig in diesem Jahr, hoffentlich braucht im nächsten mein Glückwunsch nicht so weit zu reisen. Ich habe noch immer mezzogiomo im Kopf, was bei den römischen Vermiethern einen sehr ausgedehnten Begriff hat, unsere Wohnung ist aber wirklich mezzogiomo. 11 Fanny an Rebecka. Berlin, 31 sten Oktober 43. „Also willkommen in Rom, auf der Post an der Piazza Colonna, wo Du diesen Brief wahrscheinlich in Empfang nehmen wirst. Da ich sehe, dass Dein Gedächtniss, welches über Gute und Böse scheint, auch unsere Reise sehr treulich bewahrt hat, so wird es Dir jetzt nicht an Gelegenheit fehlen, unserer zu gedenken. Lass Dir Rom wohl bekommen, dass es 17* 260 Eeise- und Heimathbriefe. Dir gefallen wird, darüber habe ich nur geringe Zweifel; vor allen Dingen, grüss das Albaner Gebirge mit den weissen Häuserchen dran, die wie Kinderspielzeug ausselm, und dem gelben Streifen, der Walter interessiren wird, weil Hannibal gesagt wird, da gestanden zu haben, und freue Dich sehr, wenn Du es unvermuthet zu sehn bekommst, ach! und alles andere Schöne und Ernsthafte und Unvergessliche sei Dil' herzlich gegönnt. Unsere öffentlichen Zustände schwanken noch immer hin und her. Jetzt scliliesst sich Hannover vor der Hand partiell dem Zollverein an, was man für sehr wichtig hält. Inmitten aller Hindernisse geht doch der Geist der Nation unaufhaltsam vorwärts, das ist nicht zu verkennen. Ach! was geht Euch der Zollverein und der Geist der Nation an; Ihr geht auf dem Pincio spazieren und zählt jedes Fenster im Vatikan und lasst den lieben Gott einen guten Mann sein. Ist nicht die südliche insouciance erstaunlich ansteckend? Christus hat wohl gewusst, wo er den Leuten sagte, sie sollten so wenig sorgen wie die Lilien auf dem Felde und die jungen Haben; hier soll man das hübsch bleiben lassen, ohne zu verhungern. Wenn aber der Berliner Prediger das seiner Gemeinde teile quäle ebenso befiehlt, so weiss man nicht, ob man diese Albernheit lächerlich oder ärgerlich finden soll. Ich habe nämlich, um für Sebastian zu wählen, einige Prediger gehört; da ich aber jeden gehörten auch sogleich unbedingt verwarf, so kam ich am Ende zu dem Schluss, wenn ich sie Alle hörte, würde ich ihn zu keinem schicken; und da es mein Mann mir ganz überliess, so habe ich am Ende zu dem gegriffen, der im Gymnasium unterrichtet, der Prediger Eyssenliart, ein einfacher, freundlich ernsthafter Mann, ohne alle Salbung, der mir ganz gut gefällt. Bei dem hat nun Sebastian zwei Stunden schon genommen. Time is, time was. —• Und nach anderthalb Jahren habe ich auch vorgestern zum ersten Male wieder eine musikalische Morgensoiree gehabt, mit Felixens neuer Cellosonate, in der Ganz einen grossen Bock zu schiessen nicht unterliess, meinem Stück aus Faust, Felixens Altsolo mit Chor etc. Es hat mir eine grosse Ueberwindung gekostet, dies Hailoh wieder Sommernachtstraum. 261 anzufangen und zwar nur für ein Paar Mal, denn vor dem December will ich wieder schliessen, aber Hensel wünschte es. —• 0 Dir ichigt! wie vermisse ich Borchardt's Tenor! Von dieser Hungersnoth hat man keinen Begriif; die schönsten Brummbässe muss ich ungesungen lassen, von wegen Gleichgewicht. Drei kleine Piepvögelchen sind Alles, was ich aufbringen kann „für einen Pfennig Brod zu dieser unbilligen Menge Sekt!" — Ad vocem Shakespeare, von den Urtheilen," die man über den Sommernachtstraum hört, wünscht' ich Dir auch von Zeit zu Zeit ein Pröbchen zu gemessen. Wir haben uns noch gestern bei Steifens im Chor darüber verwundert, soviel Ausgaben von soviel UeberSetzungen werden alle Jahre gedruckt und verkauft, — und wieviel Leute das Stück nicht kennen, das glaubst Du garnicht. Dabei wird es in Einem fort gegeben und ist nie ein Platz zu haben. Magnus hörte neulich in einer Restauration lebhaft darüber streiten von einem Tisch voll eleganter junger Herren, ob Shakespeare oder Tieck der Verfasser wäre. Ich glaube, Einer hat behauptet, Shakespeare hätte es in's Englische übersetzt. Feine Leute sind übrigens sehr empört über die gemeinen Handwerkspossen und den Eselskopf, und selbst die Autorität des Königs, der doch diesen Unsinn mit seinem Hermelinmantel deckt, kann sie nicht hindern, ihren Unwillen laut zu äussern. Das war auch das Erste, was Felix darüber hörte, als er nach der Vorstellung im neuen Palais beim König soupirte; ein gesternter, aber nicht gestirnter Herr sagte ihm: „Wie schade, dass Sie Ihre wunderschöne Musik an ein so dummes Stück verschwendet haben." Heut ist mein Mann nach Potsdam eingeladen, wo er sein Bild des Prinzen von Wales vorstellen wird; er hat zum Glück sein' schönes Wetter zu dieser umständlichen Parthie Ehre. Fanny an Rebecka. Berlin, den löten November 43. Unser Haus ist jetzt ziemlich gefüllt, Pourtales ist mit seinem fürstlichen Haushalt eingezogen, neunzehn Personen ; 262 Reise- und Heimathbriefe. wie würde sich Mutter über den Meldezettel am'dsirt haben; er war wirklich zum Studiren. Die Pflegetochter lieisst Aminka, Ziillich von Zühlborn. Einer der Hausgenossen hat neulich ein sehr schönes Quiproquo veranlasst. Zu Hensel kommt Heinrich und sagt, es stände ein Herr draussen, der nicht Deutsch sprechen könnte und den Herrn zu sehn verlangte; herein tritt ein eleganter junger Mann und sagt: „ Monsieur, j'ai ete eliez M. le pre'vöt de l'eglise, et il via dit que vous voud/riez lien me confesser". — Ueber dem Atelier wohnt nämlich der Hauspater (nicht Kater) der Gräfin. Ist das nicht der wahre friar Tack? Wir haben ihn sehr gescholten, dass er nicht dem jungen Herrn die Beichte abgenommen und, durch kein Gelübde gebunden, uns seine Geheimnisse mitgetheilt hat; und gestern Abend brachte er einen Toast im Geiste seiner neuen Würde aus. Schreibe doch, ob in Eurem Hause Capo le case der holländische Maler T. wohnt oder gewohnt hat; er ist daran kenntlich, dass er die Langeweile erfunden und ein Patent auf Lebenszeit darauf genommen hat; wenn es nämlich das Haus ist, wie ich fast vermuthe, so kennen wir es und das wäre doch sehr zweckmässig. Ueberhaupt schreibe Alles, jeden Floh, der Dich anspringt, Lord und Pöbel, zwei und mehrbeinig; ich kann Dir nicht oft genug wiederholen, wie uns Alles interes- sirt. Vergiss nicht das Bosco in der französischen Akademie zu besuchen, den Garten eine Treppe hoch, überhaupt, lass Dir von Kaselowsky alle Schwärmereien zeigen und schwärme zweite Stimme, man wird auch dessen in Rom fällig, wenn Einem auch ein ganzer Mephistoplieles im Nacken sitzt. Meine zweite Morgensoiree ist so schlecht gegangen, dass, wenn die dritte und letzte vor Weihnachten die Scharte nicht auswetzt, ich mich sehr besinnen werde, ob ich jemals wieder anfange. — Kocht Mine? — Wirthschaft führen in Rom habe ich erfunden. — " Rebecka an Fanny. Rom, den lOten November. „— — Die ersten Tage dieser Woche sind natürlich mit Häusliches aus Rom. 263 häuslichen Einrichtungen vergangen, mit Lectionen vom Koch, Milchmann, Bäcker etc. In Florenz hatte unsere Wirthin für Alles gesorgt. Einige wunderschöne Mondscheinspaziergänge haben wir aber schon gemacht, nach dem Colosseum und zurück iiber's Capitol, und einen andern nach Monte Cavallo, ich denke, das schlägt genug* ein, und hegreife das ce n'est qwe cela nicht — allenfalls hei St. Peter, dessen ungeheure Grösse man wirklich erst in Zahlen erfahren und zu Fuss" durchmessen muss, um gehörig zu erstaunen. 0 Fanny, hier erwacht wieder der ganze Nicolai in mir und muss erst durch sehr viel Entzücken in den Schlaf gewiegt werden. Vorgestern war ich hei Veit's*) und hatte leinene Stiefel an, die kamen gut zurück aus der schönen Gasse. In Berlin wäre mir's zwar schwerlich eingefallen, weisse Schuh am 8ten November anzuziehen.. Born war auch früher besser als jetzt; unfehlbar ist der Durchgang hei Veit's ein Rückschritt gegen die Cloaca maxima , die ich noch nicht gesehen habe. Aber ohne Spass, muss Einem nicht das jetzige Rom neben dem alten das Herz empören? Sage ja! Was werde ich gut königlich preussisch gesinnt sein, wenn ich lange bei Papstens bleibe! Ein Verdienst hat unser König unstreitig, das, Felix auf die Bühne gebracht zu haben, — Diriclilet liest den ganzen Tag Boccaccio, ich, wenn ich zum Lesen komme, Götlie. Vor Diriclilet's Italiäniscli hast Du viel mehr Grund, Dich zu fürchten, als vor meinem; er treibt es mit derselben Hartnäckigkeit, wie Alles, was er grade vorhat. Jakoby sagt, er zwingt die Lehrer mit der Hetzpeitsche, ihn was zu lehren, und jeder Vorübergehende ist ihm ein Lehrer. Lebewohl, liebe Fanny, grüsse Mann, Kind, Geschwister, das ganze Haus, die Hühner und Caro, grüsse alle Mendels- sohn's in der Jägerstrasse, wenn sie auch Oppenheim oder Warschauer lieissen und in der Behrenstrasse wohnen." Fanny an Rebecka. Berlin, 24sten November 1843. Erfreue doch Diriclilet und Jacoby durch die Nachricht, *) Philipp Veit, der Sohn von Dorothea Mendelssohn aus erster Ehe. 264 Reise- und Heimathbriefe. warum die Studenten an Böckh's heutigem Geburtstage ihm kein Ständchen gebracht haben; sie hatten diesmal einen Fackelzug damit verbinden, es überhaupt besonders feierlich einrichten wollen, auch bereits die hohe polizeiliche Erlaubniss eingeholt; da liess sich der Polizeipräsident die Liste der Theiluehmer vorlegen und strich zehn Studenten aus, worauf die übrigen natürlich zurücktraten und ihn nun diesen Abend nur durch eine Deputation begrüssen und ihm den Hergang vortragen lassen werden. Den Durchgang bei Yeit's haben wir auch kennen gelernt I Habt Ihr denn gleich hinaufgefunden? Ich bin kurz vor der Thür umgekehrt, mit der Ueberzeugung, höher könne kein Mensch wohnen und wir würden mit dem nächsten Schritt aufs Dach gerathen. Ich weiss noch prächtig in Rom Bescheid, besser als in Berlin. Warum amüsirt es einen nur, in einem Brief aus Rom zu lesen ein papetto, via del Babuino, die blossen Namen? Neulich auf einer grossen Geheimraths- und Professoren- Soiree bei Pertz war auch der neue konservative Professor Huber, der mit vielem Unglück debütirt hat, denn schon bei seiner dritten Vorlesung war kein Mensch und die Universität hat in drei verschiedenen Eingaben gegen seine Berufung pro- testirt. Siehe Böckh. Habe ich Dir denn schon erzählt, was für eine lächerliche Zeitung wir Böckh zu Gefallen lesen, der ein unwiderstehliches Gelüste darnach hatte? Die Barmer und den Wuppertlialer Lesekreis (Krähwinkel), der dazu gehört. Schon zwanzig Menschen haben mich gefragt, wo Barmen liegt? worüber ich allerdings ebenso verwundert bin, wie über das Incognito, worin der Sommernachtstraum bis jetzt gereist ist. Rebecka an Fanny. D. löten December 43. „Als ich Deinen Brief bekam, kehrten wir eben zurück aus einigen Ateliers, ungelesen steckte ich ihn in die Tasche, wir packten die Kinder auf, setzten uns in einen Fiacre, fuhren nach dem Lateran, vergassen nicht den wunderschönen Kreuz- \ Häusliches aus Horn. 265' gang und gingen von da liacli der berühmten Villa Wol- chonsky, Hensel'schen Angedenkens, über die ich ganz Deiner Meinung hin und gehörig zweite Stimme schwärmte. Dort auf klassischem Boden, wo die Büste des Alexander steht, setzte ich mich auf das Postament mit Diriclilet, Kaselowsky und die Kinder, die tvie Kletten an ihm hängen, auf die kleine antike Bank daneben, und trug die vortragbaren Stellen aus Deinem Brief vor. Wie abgeschmackt und dumm sind die Polizei- Chicanen! Ach Gott! Wer denkt hier an Freiheit! Ungenirt- heit vertritt die Stelle! Wie weit die geht und worin die Alles bestellt, brauche ich wohl nicht auseinanderzusetzen. Was braucht man auch weiter für Freiheit, wenn man die hat, unter blauem Himmel spazieren zu gehn und sich von der warmen Sonne bescheinen zu lassen. -— Ich hoffe, Du nimmst dies nicht für haare Münze. — Uebrigens bitte ich Hensel, nicht böse zu sein, dass wir Kaselowsky viel Zeit nehmen ich glaube, es kann ihm jetzt nur dienlich sein, in dem schönen Wetter sich in der Luft herumzutreiben und ein Spaziergang in der Umgegend, oder ein Besuch mehr heim Violinspieler oder bei den Tizianinnen kann auch einem Künstler nie schaden. ■— Unser Haus ist jetzt acht römisch montirt; drei Ab- bates, die uns besuchen; der padrone des Hauses hat grossen Respekt vor uns. Einen pennesso zur Villa Ludovisi haben wir durch den jüngern Bruder der Villa, den Principe Buon- compagni, der sich mit Mathematik beschäftigt, erhalten; das arme jüngste Söhnchen hat nur 70,000 Scudi Revenüen, kam aber gestern mit einem Pack Bücher in ein Schnupftuch gewickelt, zu Fuss an. Die ganze Familie ist wegen Geiz berüchtigt. — Landsberg's Soireen haben angefangen; Ouvertüre aus der Zanberflöte, von vier Damen, darunter Mme. Vanutelli; Sonate für zwei Pianos von Franck und Mme. Nerenz, Salve Regina von Pergolese, von Signora Sciabatta, die eine prächtige Altstimme hat. Ihr Bruder, den ich Dich öfter habe nennen hören, entzückt jetzt Petersburg durch seine Schönheit und Stimme. Das Beste war, nachdem die Meisten fortgegangen waren, die c-moll-Sonate von Beethoven, von Franck und Eckert; das hatte doch einen andern Zug, als vierundzwanzig Dilettanten." 266 Reise- und Heimathbriefe. Fanny an Rebecka. Berlin, 5ten December 1843. „Dass Jakoby angekommen, sagt die heutige Zeitung; Privatnachricliten fügen Steiner hinzu, ich bin also um Deine Fortschritte in der Mathematik nicht bange. Du wirst ebenso gerne wissen wollen, wie es bei uns hier zugeht; und da ist denn in dieser Woche soviel zu- oder vorgegangen, dass ich es nächstens vergessen habe, wenn ich es nicht heut aufschreibe. Dreimal waren wir bei Paul mit Musik und Gesellschaft; Mittwoch war das erste Abonnementskonzert unter Felixens Direktion*) mit der a-dur-Symplionie, sehr schön, es ist zum Ersticken voll und man riskirt mit jedem Schritt einen Bekannten todt- zutreten; die ganze Anstalt ist sehr amüsant. Donnerstag Abend war grosses Ständchen, Wiepreclit mit seinem Männergesangverein und einem Militairclior; da sehr schlechtes Wetter war, hatte ich den Gartensaal erleuchten lassen, das Ganze nahm sich sehr gut aus und Felix hätte auch bis zum letzten Augenblick Nichts erfahren, wenn der Hasenfuss Woringen den Mund hätte halten können; der hatte es ihm aber schon am Vormittag gesteckt. Gestern letzte Sonntagsmusik in diesem Jahr, die sehr gut ausfiel, die Decker sang zum ersten Mal wieder und sehr schön, ich spielte das es-dur-Trio von Beethoven und mit Felix die Polonaise von Beethoven und die Zwischenakte zum Sommernachtstraum zum grossen Jubel der Leute. Felix ist sehr guter Laune bis jetzt und sehr liebenswürdig; ausser Allem, was ich von Musik namhaft gemacht habe, hat er natürlich noch eine Masse von Concerten, Proben, Theater und alles Mögliche geschluckt, morgen ist nun der Sornmernachtstraum, Mittwoch das zweite Concert und so leben wir, so leben wir alle Tage. Für Woringens ist es mir sehr lieb, dass sie es gerade so treffen, auch schwimmt Ferdinand in Wonne und will gar nicht wieder nach Liegnitz zurück. — Gestern waren wir Alle zusammen auf einem kleinen Diner *) Mendelssohn war mit seiner Familie am Ilten November in Berlin eingetroffen. Felix in Berlin. 267 bei Webern,*) wo einige Flaschen Champagner, ein sehr ungeschickter Bedienter (der mir einen wahren Respekt vor Heinrich eingeflösst hat) und die tolle Ausgelassenheit der Männer uns nicht aus~dem Lachen kommen liessen." Fanny an Rebecka. Berlin, den Ilten December 43*). „Vor Ablauf des heutigen Tages will ich mich doch mit Dir unterhalten, wie Du gewiss auch heut mit Deinen Gedanken wirst hier gewesen sein. Sehr erheitert und erfreut hat mich Dein lieber Brief, den ich heut früh erhielt. Dieses ganze Jahr würde Mutter nur Freude gebracht haben, wenn sie es erlebt hätte, wie namentlich jetzt Felixens Umzug. Nun es gerade jährig ist, haben wir uns neulich bei ihm im Saal versammelt, der freilich so verändert ist, dass man ihn kaum wieder erkennt. Felix ist unbeschreiblich liebenswürdig, sehr guter Laune und so prächtig, wie Du weisst, dass er in seinen besten Tagen sein kann; ich bewundere ihn noch jeden Tag, denn ein so ruhiges Zusammenleben ist mir noch wieder neu, und sein Geist ist so vielseitig und in jeder Art so einzig und interessant, dass man es nun .und nimmermehr gewohnt wird und immer von Neuem darüber erstaunt. Aucluglaube ich, dass er mit den Jahren immer liebenswürdiger werden wird, so wie A. gestern mir das Kompliment machte, ich sei erst im Alter liebenswürdig geworden. Rechne ich nun dazu, dass ich neulich in einer Gesellschaft von einer Fremden für die Ministerin Savigny bin angesprochen worden, so fange ich an, unser Alter, o Dirichlet! sehr respektabel zu finden. Den 12ten. 'Ich komme heut schon vom Kirchhof, wo ich unsere Gräber besucht und in bester Ordnung gefunden habe. Alle Bäume wachsen und gedeihen, der Tag ist wunderschön, *) Der bekannte Veteran aus dem Freiheitskriege General von Webern. **) Am 12. December des Vorjahres starb die Mutter. 268 Reise- und Heimathbriefe. wie voriges Jahr um diese Zeit, eine milde, frische, kräftige Luft, sehr gelinder Frost, alle Bäume bereift, der Gang war ordentlich erquickend." Felix an Rebecka. Berlin, 23sten December 1843. „Heut ist der Vorabend zum Weihnachtsfest, den will ich dazu benutzen, mit Dir zu plaudern, mein Schwesterlein. Eingekauft ist; angeordnet auch; die paar Bildchen, welche noch in der Eile fertig werden sollen, können bei Licht nicht weiter gebracht werden, also ist Plauderzeit. Wär's doch wirkliche! Die.Bescheerung wird bei uns sein; die Krone in der blauen Stube wird eben mit Lichtern besteckt, da soll morgen der Christbaum stehn. Das Doppelfenster ist jetzt am mittleren, dafür schenke ich morgen Cecile sechszehn Blumenstöcke, grosse und kleine, ausserdem ein schwarzes Atlaskleid, einen Hut, einige Kleinigkeiten und eine von meinen wohlbekannten, allzugrünen Landschaften, auf solchem gepressten Kartonpapier; für Paul eine Landschaft vom Kunsthändler Sachse, die er sich besonders gewünscht hatte, für Fanny eine Tischdecke zur blauen Stube, für Hensel einen Ungeheuern Schinken mit Rothwein, für Sebastian eme Arbeitslampe, Möbelchen für die Kinder,(sie hatten sich Möbel gewünscht) u. s. w. Na, wie sich dies Verzeichniss in der Nähe von Ära Cceli ausnehmen mag, darauf bin ich auch neugierig. Am ersten Weihnachtsfeiertag habe ich früh zum erstenmal Kirchenmusik mit Orchester, im Dom einen neuen Psalm von mir, dann „uns ist zum Heil" aus dem Messias, dann noch ein Paar neue Kleinigkeiten von mir und einige Choräle mit Posaunen. Am Neujahrstag ist dieselbe Couleur in Grün, d. h. ein anderer neuer Psalm von mir, das Halleluja aus dem Messias und einige Choräle mit Posaunen. Ich sage Dir ganz unter uns, dass ich bis jetzt wenig Vortreffliches von der Sache erwarte, sag's aber nicht weiter. Wir leben sehr ruhig und still, mein horreur gegen vornehmen Umgang hat sich womöglich noch vermehrt, seit wir hier Weihnachten in Berlin. 269 wohnen, und es ist ganz lustig, den absonderlichen Sprüngen zuzusehn, die ich mache, um den Netzen des englischen Gesandten zu entgelin. Zu einem Diner hat er mich doch gefischt, aber zu keinem zweiten, das schwöre ich. Nun, und ausser Excellenzen rmd einigen Baronen, weisst Du ja selbst, wie wenig Leute ich kenne, die Einen einladen und auch wieder besuchen mögen, und so bleiben wir zu Hause und in der Familie, und das ist das Beste. Von den Konzerten der Kapelle, deren drei schon vorüber sind, behauptet Rellstab, sie seien beinahe so gut, als die des Pariser Conservatoire-Orcliesters; ich versichere Dir aber das Gegentheil; wenn sie nicht noch viel besser werden, so taugen sie sehr wenig. Jetzt stehe ich mit der Londoner philharmonischen Gesellschaft in Korrespondenz, die mich als permanenten Conducton engagiren wollte (schönes Deutsch) für nächste Saison; ich habe die grösste Lust, es anzunehmen, weil die Sache so verzweifelt (künstlerisch) vornehm aussieht, aber ich weiss noch nicht, ob es möglich ist, namentlich wegen Cecile und der Kinder, die nicht gut drei Monat in England zubringen können, von denen ich aber noch weniger gut drei Monat getrennt sein will. Das musst Du aber auch ganz unter uns lassen, es ist noch ein grosses Gelieimniss und der Morning Herald erfährt jedes Wort wieder, das Du in Koni im Schlafe sprichst. Also sprich gar keins davon. Merkst Du nicht, dass ich diesem Briefe eine neue Form geben will, weil Du Dich über meine alte so mo- quirst ? Herrlich ist's, dass Dir Italien so gut bekommt, dafür soll es und sollst Du gelobt sein. Wenn ich denke, dass jetzt die Pifferari schnarren und wie es in Ära Cceli morgen aussieht, und wie manche Blumen in der Villa Pamfili blühen mögen, und dass Du das Alles mit einem kleinen Spaziergang haben kannst —- weiss Gott, da gäbe ich gleich die Waldteufel und den Weihnachtsmarkt in der Breiten Strasse preis und ginge nach Rom, wenn es sein könnte. Ich kann Dir nur empfehlen, was mir Klingemann vor meiner ersten englischen Keise einschärfte: „Essen Sie sich noch einmal an Birnen und Klössen recht satt, hier giebt's keine nicht!" So sage ich Dil' auch, und verstehe unter Birnen und Klössen 270 Reise- und Heimathbriefe. natürlich den Vatikan und Tasso's Eiche. Ueherhaupt S. Ono- frio! Und morgen S. Maria Maggiore! Ueherhaupt!! — Indem ich so überlege, dass vorgestern der kürzeste Tag war und dass ich vielleicht nach England gehe, und dass ich dort vielleicht ausserordentlich viel Geld verdiene und ausserordentliche Anstrengungen habe, und einer ausserordentlichen Erfrischung bedürfen werde, möchte ich eigentlich ein bischen nach der Schweiz, wenn das Musikfest in Zweibrücken am Isten August abgehalten ist. Da blieben so delikate sechs bis acht Wochen für die Schweiz! Am Ende träfen wir auf der Grimsel zusammen, oder auf den Diablerets, oder sonstwo, wo es hübsch ist. — Sind das Luftschlösser?" Rebecka an Fanny. (Mit einer Vignette des Weihnachtsbaumes von Kaselowsky.) Rom, den 27sten December. Felicissima festa, Ihr Lieben alle! Und Dir besonders, liebe Fanny, herzlichen Dank für Deine prächtigen beiden Briefe, die mir das Fest erst recht froh gemacht haben. Mein Lorbeer hat viel von Eurer Tanne geträumt, hier ist er und diese Seite soll ihn näher erläutern. Also ein Lorbeerbaum, der bis an die Decke des Zimmers reicht, mit Rosen, ellenlangen Trauben, Apfelsinen und den bekannten römischen Zuckerfrüchten sehr reich geschmückt, um den Fuss des Topfes ein Kranz von Aepfeln, Nüssen und Lorbeerblättern, ringsherum die Geschenke, eine Zeichnung von Ernstchen, die mir Kaselowsky gab, eine Vase von Giallo antico zum Aschenbecher für Dirichlet, daneben ein Scheiterhaufen von Cigarren, dessen Erbauung Kaselowsky und mir erstaunliches Kopfzerbrechen gekostet, er fiel immer wieder um. Der bekannte Vestatempel als Tintenfass und die bekannten drei Säulen in Bronze, ein Malkasten mit wirklichen und Zuckerutensilien gefüllt, den wir Kaselowsky schenkten, dahinter der floren- tiner Eber als Briefdrücker, das ist die Hauptsumme der prachtvollen Geschenke. Denke Dir dazu einige Schälchen aus rosso, giallo und allen möglichen antiken Farben, Weihnachten in Rom. 271 mit Streusand, Zuckerwerk und allen möglichen Narrens- possen, alles glänzend erleuchtet, denke Dir unsern Hofstaat, wie Du ihn zu nennen beliebst, bestehend aus Jakoby, Steiner, Borcliardt, Hoser, Kaselowsky, Geyer*) und Julius Elsasser,*) da hast Du unsere WeihnachtsVersammlung. Der Baum war wirklich ein Meisterstück. Nachher Schellfischsalat, Butterbrod mit Fleisch, Kuchen und Punsch; wie haben Heusers Verse uns gefehlt! Indessen habt Ihr üi Prosa sehr hoch gelebt; ich habe eine Rede voller Empfindung g espeakt, und um die Art von Rührung zu vertreiben, die Jeder beim Andenken an die Seinigen empfinden musste, habe ich darauf einen Toast auf die zukünftigen Frauen der anwesenden Junggesellen gesetzt, wodurch die allegria bald hergestellt wurde. Vorgestern bekam ich noeh nachträglich eine wunderschöne Sepiazeichnung von August Elsasser, den ich übrigens noch garnicht gesehen habe, der Aermste muss noch immer das Zimmer hüten und wir dürfen ihn auch nicht eher besuchen, bis sein Bild fertig ist, das er mit seinem Herzblut zu malen scheint. Es ist nach allen Berichten wenig Hoffnung für ihn, Gott gebe ehi Wunder; seit Kaselowsky's Heilung ist Alles möglich. — Ich frene mich schon auf die Relation davon, weniger auf den Tag, denn da ist Felix schon fort, und das fängt mir schon jetzt an, ganz abscheulich vorzukommen. An's Gute und Beste gewöhnt man sich so leicht, und wenn ich auch von mir nicht sagen kann, dass ich's dann so hinnähme, als miisste es so sein, so weiss ich doch nicht recht, wie es anders sein soll? Ende August kommen sie erst wieder, Ihr dann hoffentlich auch, und so will ich mich den ganzen Sommer auf die Zeit freuen, die gut sein wird. Es ist so unruhig und zerstreut hier, dass ich nicht recht zum Schreiben kommen kann. Wir haben Abends nach dem Kirchenkonzert einige Leute zum warmen Essen hier; da wir nun bei Paul's essen und Dir Heinrich's Geschicklichkeit im Anordnen gewiss noch im besten Andenken ist, so wirst Du Dich nicht wundern, wenn ich Vormittags den Abendtisch decken lasse, dazwischen in den Garten laufe, die schöne Luft zu gemessen, Besuche und Geschäfte, die dem morgenden Ersten vorspuken, ungerechnet. Nun ist Montag der erste April; Israel, Souper und Alles ist vorüber, jedes war in seiner Art vortrefflich; ich will Dir aber von der ganzen musikalischen Woche erzählen, die Proben zu dem Oratorium und der Chor - Symphonie kreuzten sich so, dass Felix rasend zu tliun hatte und einen Tag erst um sieben Mittag essen konnte. Die Symphonie am Donnerstag war ganz herrlich und ward mit der grössten Begeisterung ausgeführt, wenn ich nachher auf dem Korridor Einem vom Chor begegnete, der war in einer Art Exaltation, nie ist mir das gewaltige Werk so klar und lieb geworden; man muss aber auch sehn, wie Felix es dirigirt und wie er es dem Orchester begreiflich gemacht hat; es ging wundervoll, und ich erinnere mich keines glücklicheren musikalischen Abends. Die beiden letzten Proben von Israel dagegen liessen so viel zu wünschen übrig, dass ich mit einigem Zagen in die Kirche ging, die bis in den letzten Winkel gefüllt war. Für uns und den andern hohen Adel waren Plätze am Altar aufbewahrt worden. Es begann auch gleich mit einem dicken Fehler in den Bässen, beim ersten Recitativ, dann aber ging es schön, die drei gewaltigen Massen, Chor, HHBHHHHHHBHBBHHHHHK' ■ Reise- und Heimathbriefe. Orchester und Orgel waren in wundervollem Einklang, und namentlich thut die Orgel eine so wunderbare Wirkung, dass ich nie wieder ein Oratorium ohne sie hören möchte. Nachher versammelte man sich bei uns zu einem Ungeheuern Fisch, einem dito Puter und einer sehr gelungenen Bowle, Felix war vergnügt, Bimsen selig, Alles zufrieden, wenn nur nicht die Nachricht von Thorwaldsen's Tode uns im Kopf gesteckt und namentlich HenSel so verstimmt hätte, dass ihm kein Toast gelingen wollte. Die interessanteste Nachricht aus dem Hause ist, dass Caro seine Sporen verdient hat. Er und unser Wächter Winter haben ein Individuum arretirt und auf die Wache gebracht, das sein Nachtquartier im kleinen Keller am Garten aufgeschlagen hatte und wahrscheinlich zu einer Gesellschaft Gentlemen gehörte, die in derselben Nacht in No. 1 bedeutend gestohlen hatte. Felix hat sich todtlachen wollen, dass ich Winter einen Tlialer und Caro einen Hammelbraten dekretirt habe: und ich bin ganz vergnügt, dass wir doch unser vieles Geld nicht vergebens bezahlen, sondern einem wahrhaften Diebe durch unsere Vorsichtsmassregeln entgangen sind. Auf dem Rasenplatz des Hofes, der Dein Werk ist, wurden heut für Felixens Kinder vier Obstbäumchen gepflanzt, die mein Werk sind, im Garten wird auf Mord gearbeitet, es sieht reizend aus. — — Ein Paar unserer ältesten Bekannten verlassen auch in diesem Monat Berlin, Devrient's. Er hat eine Stelle als Oberregisseur in Dresden, von der er sich goldene Berge verspricht. Es ist wirklich wahr, in Mitten eines ungeheuren Bekanntenkreises, der sich täglich vermehrt, um Leute, die einen nichts angehen, wird man an Freunden immer verwaister, darüber klagt Hensel, klagt Felix und klage ich." Rebecka an Fanny. Rom, den 13ten April 1844. „Die ganze Woche habe ich mich gefreut, dass der 11 te auf den Donnerstag, Posttag, fiel und wer nicht kam, war ein Brief von zu Hause und das war ein grosser Druckfehler an Osterwoche in Rom. 297 dem sonst sehr vergnügt zugebrachten Geburtstage. Ich habe auch noch die ganze heilige Woche nachzuholen, die ich mit Gott seiner Hülfe auch überstanden und dadurch wieder einen grossen Fortschritt meiner Gesundheit bewiesen habe, da ich wie alle Menschen, sehr erschüft und angegriffen, aber ganz gesund geblieben bin. Mitgemacht habe ich am Donnerstag leider Gottes die Fusswaschung, das ist eine grässliche Parthie, aber Walter hat den Schmutz auf jedem Nagel jeder grossen Zehe gesehn und war sehr glücklich. Die Tavola haben wir dran gegeben und dafür unsere eigene auf dem Hof einer kleinen Osteria gedeckt, wo wir uns erst selber Messer und Gabeln putzen mussten; dann gingen wir so früh nach dem Vatican zurück, dass die Sixtina noch nicht geöffnet war, ruhten uns eine halbe Stunde in der beleuchteten Paolina aus, da konnte man sich zu einiger kirchlichen und charwöclientlichen Stimmung sammeln, was in dem unanständigen Gedränge in der Sixtina und St. Peter ziemlich unmöglich ist. Dann zogen wir mit der Menge in die Sixtina und arbeiteten uns durch vieles Warten und unendliche Psalmen bis zu den wunderschön gesungenen Lamentationen und leider dem Miserere von Baini durch, vor dem Du mich gewarnt hattest und das noch dazu ganz abscheulich unrein gesungen wurde. Sehr merkwürdig war mir, dass mir der grosse Moment des stillen Paternosters nach dem Erlöschen des letzten Lichtes, den ich in keiner Reisebeschreibung, in keinem Eurer Briefe habe ohne Tliränen lesen können, in der Wirklichkeit ganz spurlos vorübergegangen. Es kam zu keiner Stille vor Husten, Schnauben, Scharren und Plaudern der Inglesi; und das Ganze hat so sehr den Anstrich einer Komödie für die Forestieri. Cliarfreitag haben wir auf Deinen wie immer weisen Rath den Frühgottesdienst mit der Passion und den Improperien angehört; das ist bitterschön. Hab' ich Unrecht, wenn mich Palestrina oft an Fasch erinnert ? Nachher gingen wir den beliebten Weg über die Wiesen nach Haus, assen Mittag, ruhten eine Weile aus und fuhren dann ziemlich spät nach der Sixtina, da musste ich stehend noch acht Lichter auslöschen, bis zum Miserere von Allegri. Dank meinem Büchlein, in dem ich mich schon in den 298 Keise- und Heimathbriefe. Improperien Vortrefflich zurecht gefunden, habe icli mich nicht einmal ennüjdrt. Nachher gingen wir, auch am Donnerstag in St. Peter, sahen den Papst beten, sprachen eine Menge Bekannte, u. A. Delaroche, der uns zur Pflicht machte, auch am Sonnabend früh die Messe von Palestrina zu hören, das fand ich sehr grausam, er sagte aber: Je vous plains, Madame, mais ü le faut aisolument, da machten wir uns wirklich am Sonnabend wieder auf und arbeiteten uns durch eine Menge lezioni und tratti zu einem einzigen Gloria durch, nachdem vorher der Charfreitag höchst uncharfreitaglich in ziemlich grosser und zuletzt sehr animirter Gesellschaft bei uns beschlossen war. Wir haben noch zu guter Letzt eine recht angenehme Franzosenbekanntschaft gemacht, ein Herr Cassas, der Sohn des grossen Kupferwerks*), früher Consul in Palermo, in Lissabon, jetzt auf seinen Lorbeern ruhend und eben mit seiner sehr schönen und recht angenehmen Frau von der ersten Katarakte des Nil angekommen. Die wohnen in unserm Hause, kamen des Abends herauf, das gewöhnliche Herrenpublikum hatte sich zahlreich eingefunden und war erst in getlieilter Stimmung zwischen malerischer Bewunderung der schönen Frau und Grimm über Französisch sprechen, der sich, nachdem die Franzosen fortgegangen waren, in einem ungeheuren Sturm auf das Butterbrod und unglaublicher Ausgelassenheit Luft machte. Am Ostersonntag haben wir uns das Hochamt geschenkt, uns bei der Benediktion auf den Stühlen am Obelisk ganz Volk gefühlt und sind Abends enfamille mit Ernstchen zur „goldnen Kirche" gefahren. Das ist wieder aus Tausend und einer Nacht, diese Knppelbeleuchtung." Vorgestern waren wir früh bei Cornelius, der zwei Wände Campo Santo fertig hat, dann auf dem Vatican, von den Ca- mere und der Bildergallerie Abschied nehmen, nach Tisch fuhren wir den kranken Elsasser spazieren, da konnte ich also nicht *) L. F. Cassas gab 1799 seine „Vot/ßge pittoresgue de la.ßyrie de la PMnicm de la Palestine et .de la Bctsse-Egypte" und 1808 seine „Vogage pittoresgue de l'Istrie et de la Dahnatie" in Kupfei'tafeln mit Text von de la Porte heraus. Das Campo Santo von Elsasser. 299 schreiben und gestern waren wir in Tivoli, da konnte ich also gewiss nicht schreiben. (Potz Schock! da kommt Santini, der gestern dreimal hier war!) — Die Sitzung währte ziemlich lange, der schöne Piaristenmöncli Chelini, der uns oft besucht, und Madame Nerenz kamen dazu, und da haben wir am hellen Mittag eine Soiree musicale für die Padri extemporirt. Und nun muss ich mich kurz fassen, denn ich habe noch schrecklich viel zu erzählen: Vorerst Elsasser's Bild, das Campo Santo di Pisa im Mondschein ist fertig und über allen Ausdruck schön. Ausgeführt, wie der fernste Niederländer, und darüber eine Poesie, eine Wahrheit, — Dr. Braun nannte es die Philosophie des Mondscheins, aber das ist's auch noch nicht. Man muss „liinjehn und sich's ansehn" und zwar mehr als einmal, ehe man das Auge gewöhnt, im Mondschein alle die Details zu sehen; wenn man nämlich so glücklich ist, ein Auge trocken zu behalten. Am Sonntag hat der arme Mensch seinen Kirchgang zu uns hin gethan, er war den ganzen Winter nicht aus der Stube gewesen und war wenigstens drei Stunden bei uns, trotz „mir" und „mich" und trotz aller Komplimente sehr interessant. Nun kommt aber die Prosa der Poesie des Mondscheins. Dieses Bild, an dem er drei Viertel Jahr gearbeitet, mit der grössten Aufopferung, das eins der allerschönsten Bilder der neuern Zeit ist, ist ihm vom König von Württemberg für siebenzig Friedrichsd'or bestellt und er ist nicht dazu zu bewegen, mehr zu fordern. Ich hahe an dem Bruder alle meine Beredsamkeit verschwendet, aber umsonst, und an ihn selbst wage ich mich nicht heran, weil er gar zu reizbar ist. Hensel weiss ja für Alles Katli und kennt Alle Menschen, kann er nicht dem Könige vorstellen lassen, dass ein kranker Mann unmöglich davon leben kann ? Ich rede nur von der Zeit, die er darauf verwandt und die er wenigstens bezahlt haben muss. Das Bild ist nach dem allgemeinen Urtlieil eins, das späterhin mit Golde aufgewogen werden wird, wenn der Künstler nichts mehr davon hat. Wäre ich nur Hausfreund bei Preussens, ich ruhte nicht, bis ich dem armen Mann für die Paar Jahre, die er noch zu leben hat, eine Pension verschafft hätte. Ich weiss nicht, ob Sie mir verstehn, sagt der Professor Niedlich. 300 Heise- und Heimathbriefe. Dass es noch solche Paradiesesmensclien giebt, wie die beiden Elsassers, das muss man auch sehn, um es zu glauben, in dieser verderbten Welt. Das ist nun Elsasser; hätte ich noch Platz, so schrieb' ich die Geschichte von dem Kissen, das ich ihm gearbeitet, und wie Mine es hingetragen hat, um das Bild zu sehen und höchst beleidigt einen Scudo ausgeschlagen, dafür aber sich die Erlaubniss ausgebeten hat, mit Cornelius' Köchin noch einmal wiederzukommen. Das Kapitel Mine Dirichlet und Julie Cornelius in Rom verdient allein einen Brief. Bei Cassas trafen wir neulich den Sekretair der französischen Akademie, der machte mir das grösste Kompliment, das mir je gesagt worden; als ich Klavier gespielt hatte, sagte er mir nämlich, er hätte schon die Ehre gehabt, mich vor vier Jahren auf der französischen Akademie zu hören. Das ist doch ein rother Adlerorden mit Eigenlob. Ueber Derne musikalischen Freuden freue ich mich sehr, weniger über das Zusammenschmelzen unseres Freundeskreises. Wenn Ihr und Felix nicht angenehme Leute leicht versammeln könnt, so muss es gar keine geben, oder es muss in Berlin unmöglich sein, sich zu befreunden. Uniäugbar bringt eine Spazierfahrt im Freien in Kom die Leute näher, als das ewige Stubenzusammenhocken. Dabei fällt mir. ein, dass ich noch garnichts über unsere Abreise geschrieben habe. Je nun, wir reisen eben nicht, es wird uns Allen schwer, es war ein Winter, für den wir Gott nicht genug dankbar sein können, Alles gesund und froh, Dirichlet soll sehr glücklich gearbeitet haben und war gegen die Künstler sehr liebenswürdig, besonders die Elsassers hat er sehr in Affektion genommen. — — Indessen wir müssen die schwere Pflicht erfüllen, Neapel und Sicilien zu sehn." Fanny an Rebacka. Berlin, den 3Osten April 1844. „Bei uns ist es, trotz des trockenen und harten Frühjahrs und des dörrenden Ostwindes, der die Erde in Puder verwandelt, sehr schön grün , das Gras prächtig, die Nachtigall bei Stimme, und ich befinde mich in diesem Augenblick in einer Sehnsucht nach Rom. 301 der wenigst erquicklichen Phasen der Lenzentwicklung, nämlich in der, wo die Decken herausgenommen, die Fussböden noch nicht gehöhnt, die Vorhänge hei der Wäscherin, und Schrubber und Borstwisch in lebhafter Aufregung sind. Alle diese irdischen Dinge gehen in diesem Jahr an Deinem idealen Leben spurlos weiter. Du fragst, wie sich manche Bekannte von dort hier ausnehmen werden? Gewiss nicht zu ihrem Vortheil, denn das ist einer der Vorzüge dieses merkwürdigen Himmels, dass er alles nur einigennassen Verschönerungsfähige in's beste Licht setzt, freilich aber auch das ganz Hässliclie, die vollendete Narrheit, und die grenzenlose Pliilisterei sich in der hellen Sonne aufs Breiteste darstellen lässt. Findest Du das nicht auch, dass man sich selbst milder, harmloser zeigt, und dass die Fähigkeiten, die man hat, zu einer höheren Entwickelnng kommen ? So nimmt man's auch mit seinen Nebenmenschen, wenn sie's nicht gar zu arg treiben, nicht so genau, die gemeinschaftliche Freude am Schönen verbindet die jedesmaligen römischen Zeitgenossen, es kommt mir vor, wie eine Art von Freimaurerorden, Ihr werdet's darin besser haben nach Eurer Rückkehr, als wir, die wir mit unserem Entzücken überall anrannten, ich freue mich schon auf unsre papistische Konven- tikel. Was Du von Elsasser schreibst, hat mich sehr gerührt, weil ich das Alles von- hier sehe. Hoffentlich wird es nicht auf einen steinigen Boden fallen, Hensel wird wenigstens ungesäumt Schritte thun, ihm auf eine oder andere Art nützlich zu sein. Habe ich Dir das nicht auch immer gesagt, dass alles „mir" und „mich" und „gnädigste Dame" ihm nicht schadet? Und dass er ein wahrhaft idealischer Mensch ist ? Ich wollte, ich könnte ihn noch einmal wiedersehen, ich hin ihm gar zu gut. Sein Bruder war damals noch sehr in der Mauser, mich freut, wenn er ein ebenso vortrefflicher Mensch wird. Wie werden sie sich gefreut haben, hei Euch zu sein, was sind das für dankbare Gemüther für jede kleinste Freundlichkeit, die man ihnen erweisen kann. Felixens sind nun bald drei Wochen fort und ich bin so melancholisch wie ein Brummkater. Seine letzte musikalische Tliat hier war für diesmal die Direktion des Faust bei Rad- 302 Reise- und Heimathbriefe. ziwill; es ging - selir hiibscli und war eine schöne Soiree wie immer in diesem nobeln Hause. Dass wir seit dem Abzug der lieben Felicier keine kleinen Kinder im Hause haben, ist ein wahrer Jammer, die niedlichsten jungen Ziegen sind da, Walter's weisse hat ein sclmeeweisses Junges^ Gärtners zwei allerliebste grau, schwarz und weisse, die mir selbst Spass machen. An meines grossen Bengels namenlosem Glück kann ich mir denken, wie entzückt das kleinere Volk erst sein würde. Da sich aber leider die Ziegen an uns andern in der Familie ein Beispiel genommen und lauter Böckchen produzirt haben, auch die Heerde am Ende ihre Gränzen haben muss, so ist die liebe Jugend dem Tode geweiht, ich werde Walter seine ehrlich nach dem Marktpreise bezahlen, auch mit gutem Gewissen versprechen, meinen Magen nicht mit dieser Sünde zu beflecken, ich mochte die capretti schon in Italien nicht, und ein mir persönlich Bekanntes könnte ich nun und nimmermehr über die Lippen bringen. Hier gehn grosse Ministerialveränderungen vor, kein Mensch weiss warum ? Der Oberpräsident Böttcher aus Preussen wird Justizminister an Mühler's Statt, Alvensleben tritt auch ab, und wer an seine Stelle kommt, darauf können wir uns alle Beide jetzt nicht besinnen, ein eigenes Handelsministerium wird errichtet, und die Königliche Kabinetsordre soll unterzeichnet sein, die den Berliner Dombau nach einem Anschlag von neun Millionen befiehlt. Ich glaube noch nicht, dass es zur Ausführung kommt, so wenig als der Schwanenorden, der ruht auch auf seinen Lorbeeren, ehe er welche gewonnen. Sie versuchen zuweilen dergleichen anzukündigen, und wenn dann die öffentliche Meinung Zetermordio schreit, und das erlaubt sie sich wirklich jetzt zu thun, so unterbleibt es wieder. Im Ganzen geht es vorwärts quancl meme! da s ist keine Frage; schon die Art, wie öffentliche, und sociale (verzeih'! ich weiss nicht gleich ein ander Wort) Fragen in den Zeitungen besprochen werden, bezeugt es, es ist sogar sehr merkwürdig, wie gewisse Gespenster, vor denen man noch bis vor Kurzem ein Kreuz schlug, jetzt am hellen Tage auftreten und sich ganz Avohlerzogen benehmen. Dahlmann hat ein schönes Buch Berliner Politik. Römische Ausflüge. 303 herausgegeben, seine Vorlesungen über die englische Revolution. Der ist wenigstens bis jetzt nicht aus der Rolle gefallen, wahrscheinlich weil er keine spielt. Glasbrenner hat wieder einen brillanten Guckkasten für 1844 geschrieben, u. A. die Stelle: „Hier sehen Sie die grosse Ordensvertheilung — dumme Jungens, drängelt euch nich so!" hat mir sehr gefallen in Tendenz und Styl." Rebecka an Fanny. Rom, den lsten Mai. (Mit einer Vignette.) „Wenn das nicht melancholisch ist, die zerbrochene Tasso-Eiche mit untergehender Sonne, so verstehe ich mich nicht auf Melancholie. Drum ist es auch der letzte Brief aus Rom. Am Sonntag geht's unwiderruflich fort per Vetturin nach Neapel, die Spitzbuben sind gefangen und werden gehangen, und die Strasse ist daher sicherer als je. Jetzt bin ich so weit, die Reise beinahe zu bereuen, man hat schon bittersiisse Erinnerungen genug, ohne sie aufzusuchen, warum ladet man sich einen ganzen Pack Sehnsucht so mutli- willig noch dazu auf! Basta! Dein Stück „Ponte molle" drückt alle die infamen Gefühle aus, die ich Dir nachfühle, und die Andern lachen einen so lange darüber aus, bis sie es selbst gelernt haben. Wir haben wieder einige Tage erlebt, wie sie eben nur in Rom möglich sind, einen in Albano, mit einem Wetter, das der liebe Gott selbst in Italien nicht oft herauskriegt. Diesmal haben wir nicht zusammengesprochen und das Albaner- gebirg ganz anders eingerichtet, Bouletten aparte und Haare aparte, erst einen Tag, wie Du weisst, für Frascati und Grotta ferrata; dann Dienstag vor acht Tagen Albano, um den See herum, auf den Monte Cavo, oben gefrühstückt, nach dem Nemi-See herunter und über Nemi, Genzano, Aricia nach Albano zurück. Ich habe mich aber weniger lieldenmiithig benommen, wie Du, denn schon beim Herunterreiten vcm Monte Cavo könnt' icli's nicht mehr aushalten und ging zu Fuss von Nemi nach Genzano, wo mich Borchardt mit einem corricolo 304 Reise- und Heimathbriefe. überraschte, das uns wieder nach Albano brachte. Der See von Nemi ist von allen meinen Schwärmereien die grösste; die Lage von dem dunkeln Nest, gegen den duftigen See, mit seinem reizenden, einfachen Umriss und darüber weg das Meer und der Frühling überall. Eine besondere Verzierung des Tages war auch, dass wir auf dem Monte Cavo den ersten Waldmeister fanden, daraus habe ich in Albano zum Diner den klassischesten Maitrank gebraut, der angesichts der im Meer untergehenden Sonne unsere schon erhöhte Stimmung noch steigerte. Diesmal kamen aber Brunis und Beilays nicht und wir verbrachten den Rest des Abends mit Elsasser, Kaselowsky und Borchardt ganz. ruhig, die Alle die Parthie mitgemacht hatten. Noch ein sehr hübscher Tag war Kaselowsky's Geburtstag, am 26sten. Wir hatten ihn recht hübsch beschenkt, mit einem Strohhut, einem Ring mit einem geschnittenen Stein, den er schon lange im Auge hatte, und Blumen für seinen Balcon; Borchardt hat ihm ein Doppelperspektiv geschenkt, beide haben bei uns gegessen, Nachmittag sind wir nach der Villa Pampliili und Abends war das Atelier, Hallmann und Lehmann um einen von Moser geschenkten Kuchen und eine Bowle versammelt. Ueber Alles das war Kaselowsky in einer Art Glückseligkeit, die schwer zu beschreiben ist und das war das Hübscheste an dem Tage. Borchardt hat bei beiden Elsassers und Kaselowsky sehr grandiose Bestellungen gemacht und sich namentlich gegen Elsasser sehr hübsch benommen; es freut mich, dass wir das noch hier erlebt haben. Morgen ist nun die vielbesprochene Cerväratour, gestern waren wir den ganzen Tag im Vatikan, ün etruskischen Museum, in der Bibliothek mit der aldohrandini'schen Hochzeit, in dem wunderschönen Zimmer mit den Copieen der Arabesken aus den Loggien und haben uns bei den Fresken und der Madonna di Foligno empfohlen. Jetzt gehe ich zu August Elsasser und spiele dem mit Borchardt Sommernachtstraum und Hebriden vor (wenn wir einmal zusammen lierreisten, würde mich der kleine Elsasser nicht immer so schrecklich quälen, ihm was vorzuspielen, und Du weisst, das ist wirklich für mich eine HBHHI ttwHH Palermo. TEierquälerei), dann essen wir im Leprej dann gehen wir auf die Gallerie Corsini, dann nach Pietro in Montorio, dann wollen wir uns hei Delaroches empfehlen, hei denen hatten wir neulich einen sehr amüsanten Abend, sie waren quasi allein, ich habe mit der Frau unter tausend Narrenspossen vierhändige Sonaten von Mozart gespielt und zum Schluss schenkte sie mir ihr Portrait, Kupferstich für Freunde von ihrem Mann. Von August Elsasser habe ich auch noch eine sehr schöne Aquarelle bekommen, ich bringe ganz unschuldiger Weise ein fertiges Album mit. Du schreibst von Reflexionen in Deinem Tagebuch; auch zu dieser Weisheit kann ich mich durchaus nicht aufschwingen, mir selbst etwas zu erzählen. Die Versuche dazu in meinem Tagebuch sind äusserst kinderlieb ausgefallen; ich begnüge mich, die wichtigen Begebenheiten zu notiren; Du bist eigentlich mein Tagebuch. Und nun lebt wohl aus Rom; ach! es ist schwer, zu scheiden! —" In Neapel hielten sich Dirichlet's für jetzt nicht lange auf, es kam bald ein Brief, datirt: Palerm o. „Diese Uebersclirift sagt vieles. Drum will ich nur mit Wenigem sagen, dass wir hier glücklich, wenn auch mit einigem Katzenjammer angekommen sind, aber dass Palermo allen Katzenjammer der Welt werth ist. Ich will versuchen, Dir von unseren Tliaten Rechenschaft zu geben, obgleich meine Gedanken noch etwas verwirrt durcheinander laufen; Vesuv, Seekrankheit, indianische Feigen, alles mit einer Sehnsuchtssauce nach Rom getränkt, geht mir wirr im Kopf herum. In Neapel hatten wir kein Glück mit Wetter, jeden Morgen schwüle Sciroccoliitze, jeden Nachmittag Gewitter. In der Villa di Roma hatten wir leider keinen Platz gefunden, und wohnten daher Euch gegenüber, Santa Lucia 31. So schön wie in der Villa di Roma war die Aussicht zwar nicht, die Kasernenbäckerei lag vor den Inseln, aber sie war Die Familie Mendelssohn. II. 20 306 Eeise- und Heimathbriefe. docli schön genug, der Vesuv mit seiner Wolke sah uns gerade in die Fenster. Das liegt aber Alles schon so weit hinter mir, dass ich gar nicht mehr Lust habe davon zu schreiben. Dienstag Mittag brachte uns Jakoby an's Schiff, wo wir Abschied für die Eeise nahmen, er gellt Ende der Woche nach Eom und dann zurück nach Deutschland und wir bestiegen unseren Ercolano. Um eins sollte es abgehen, wir mussten aber bis drei warten, weil Ihre Durchlauchten, die Pferde des Grafen .von Syrakus, die mitreisten, auf sich warten Hessen. Ernst und Walter waren unterdess schon mit der ganzen Gesellschaft, bei der sich auch Deutsche befanden, auf Du und Du. Das Meer war sehr ruhig; unser Diner auf dem Deck ganz amüsant, Niemand krank, so lange auch der Ka- pitain darauf wartete. Bis nach Mitternacht war ich auf dem Verdeck, sah das Meer leuchten, die unzähligen Sterne verbreiteten fast Tageshelle, Ernst war glückselig über die kleinen Betten, ich schon weniger und legte mich angezogen auf's Soplia, wachte aber sehr bald sehr miserabel auf, und quälte mich wie ein armer Hund, bis wir in Palermo an's Land stiegen, nach Deinem Eecept legte ich mich platt auf eine Bank hin, einige Versuche, das dunkelblaue Meer und die Küste von Sicilien anzusehen, fielen sehr unglücklich aus; dicht vor Palermo zwang mich Dirichlet noch einmal aufzu- stehn, und da überfiel mich doch trotz allen Jammers ein wahrer Schauer vor der fremdartigen Schönheit. Das ist himmelweit erhaben über Neapel. Nun kam noch eine grässliclie Wirthscliaft auf dem Schiff mit der ersten Douane Italiens, die der Stimme der Vernunft kein Gehör gab, eine Ueberfahrt auf dem bewegten Wasser im kleinen Boot, wobei mir auch nicht besser wurde, und dann hatten wir wieder festen Boden unter den Füssen und sassen in einem recht behaglichen Wirthshaus, leider nicht am Meer, ein wunderschönes Hotel Trinacria- am Quai wird erst im Juli eröffnet, und nach einer Stunde Schlaf, Waschen, Anziehen und einem guten Mittagessen waren alle Leiden vergessen und der Nachmittag wurde in den Gärten der Villa Butera und des Duca di Serra di Falco sehr angenehm zu- Palermo. 307 gebracht. Ihr könnt mich also bei Gropius*) besuchen, und dazu im Goethe lesen. Jetzt ist's Abend, wir kommen eben von dem öffentlichen Garten, der Marine und den Sorbetti zurück. Es ist zu schön, es wird einem ganz morgenländisch und zugleich Homerisch zu Muth. Die Vegetation ist schon halb afrikanisch, wie auch die Menschen, aus allen Dächerritzen kommen indianische Feigen heraus, Catalpas so gross wie bei uns die Buchen, ganz besonders habe ich einen ganz gemeinen Baum in Affection genommen, der auf allen Plätzen steht und ungeheure dunkelrotlie Blüthen trägt. Dabei ist das Frühjahr so galant gegen uns, drei Wochen zurück zu sein gegen sonstige Jahre, alles steht in der blühendsten frischesten Frische. Die Orangen- und Citronenbäume sind sclineeweiss und duften im Verein mit Akazien und Posen so wundervoll, dass ich's vor Kopfschmerzen gar nicht aushalten konnte gestern Abend. Ich liab's aber doch ausgehalten. Und nun die Formen und Farben der Berge, und das Meer. Wenn Du einmal wieder in's gelobte Land reisest, dann gehe ja hierher, dann brauchst Du Dich nicht mehr nach Syrien zu sehnen, hier ist die schönste Ouvertüre zum Orient. Heut früh waren wir in der von Elsasser gemalten Pogerskapelle, und in Santa Rosalia. Siehe Hensel's Skizzenbücher. Aber ich rnuss mir nachsagen, ich habe in Rom gut sehen gelernt, mir entgeht kein altes Fenster, kein beschmutztes Säulenportal. Du schriebst, Du hättest sechs Wochen vor Eurer Abreise täglich esslöffelweise geweint, ich habe mich ganz anders eingerichtet, ich habe bei Albano angefangen zu weinen und fange erst jetzt an aufzuhören. Aber der sinnverwirrende Lärm in Neapel thut auch vieles dazu; hier ist es stille, ernster, ach! es ist göttlich hier. Heut Nachmittag schlief ich ein bischen ein, und als ich aufwachte, ging es mir wie Paul in Brüssel, ich konnte mich durchaus nicht besinnen, mit welchem Land ich die Ehre hatte zu sprechen. Zu aller der Geographie, die man selbst durchfährt, kommen noch Fremde *) In der seiner Zeit viel besuchten Panoramenausstellung von Gropius. 20* 308 Reise- und Heimatlibriefe. aus allen Weltgegenden, und Jeder erzählt von der seinigen, das macht meinen dummen Kopf noch konfuser. — Bis gegen den 1. Juni denken wir hier zu bleiben, die Umgegend Selinunt, Segest, Taormina und Cephalu zu besuchen, dann mit dem Dampfschiff nach Messina zu gehen und von da zurück nach Neapel. Verzeih diesen verdrehten Brief, ich hoffe mich bald etwas zu sammeln, und mich von meiner Verwunderung zu erholen, dass ich in Sicilien bin, im Lande Homers, der Sarazenen, der Hohenstaufen, und wo Gott die Welt erschaffen hat. Hütt' er nur nicht dabei so sehr viel Flöhe erschaffen. Die Hitze ist sehr massig, die Abende sogar kühl, alle Gartenwege sind mit Orangenbliitlien und herabgefallenen Citronen bedeckt. Nun genug Blüthen, Berge, Sonne, nun leb wohl und gönne mir das Glück, den Traum des Lebens einmal schön zu träumen." Aus einem Brief von Fanny an Rebecka. Berlin, 18. Mai 1844. „Dein gerührter und verdriessliclier Abschiedsbrief aus Rom mit der schönen Vignette der zertrümmerten Tasso-Eiclie war uns sehr verständlich. 0 Diriclilet, wie freue ich mich drauf, mit Dir nicht mehr zu disputiren, sondern Dich in volle Entzückung über das unbekannter Weise von Dir geschmähte Italien ausbrechen zu hören. Wenn uns nur nicht das Italiänisch sprechen auf alle Zeiten versalzen ist, Hensel fürchtet sich schon jetzt vor Deiner grimmigen Kritik seiner unkritischen, ungrammatischen Praxis. Vor allen Dingen will ich Euch etwas erzählen, was Euch Vergnügen machen wird, wenn ich auch fürchte, dass es zu nichts führt. Angesichts Demes Briefes über Elsasser's Bild hat sich Paul nach einiger Be- ratliung mit uns kurz entschlossen, einen Wechsel von hundert Louisdor an Valentini zu schicken, der gleich ausbezahlt werden soll, wenn ihm das Bild überlassen wird. Nun fürchte ich zwar, der krankhaft gewissenhafte Mensch wird sich nicht dazu entscliliessen, den König von Württemberg später zu entschädigen und das Bild herzuschicken, aber vielleicht dient es wenig- Berliner Allerlei. 309 stens dazu, ihm von jener Seite mehr zu verschaffen, wenn man den König- wissen lässt, dass von Privatleuten ein weit höheres Gebot ergangen ist. Ich würde mich gar zu sehr freuen, wenn Paul das Bild bekäme. Montag ist des alten Schadow's einundaclitzigjähriger Geburtstag, der wird durch ein ungeheures Diner bei Kroll auf dem Exercierplatz (diese Ueberraschung erwartet Dich auch hier) gefeiert, wozu ich mich vu les circonstances verstanden, und, da es mir an aller eleganten Sommertoilette fehlt, gestern in Eil Kleid, Haube, Kragen, Alles besorgt habe. Da es nun aber unstreitig eine höchst seltene Begebenheit wäre, mich bei einem public dinner zu sehn — Sonnenfinsternisse und Schalttage ereignen sich viel öfter — so vermutlie ich, es wird mich irgend etwas daran hindern. Der Garten ist schöner als je, alles frisch gesäete Gras funkelt wie Smaragd, das Wetter ist unbeschreiblich fruchtbar, ich fürchte nur, wenn Du zurückkommst, wird man das Grün mit der Brille suchen müssen, die Fliederblätter sehen dann aus wie Taback, die Grasplätze sind verklungen wie Kinder- mälirclien und Du glaubst, ich habe Dir was vorgeprahlt, es ist aber doch wahr. Walesrode behauptet in einer neuen Schrift, die Spree sei das Sinnbild eines ruhigen, besonnenen Fortschritts, darüber habe ich drei Stunden lang gelacht. Der Minister hat wieder eine Verfügung über Universitäten von sich gegeben, die sich sehien übrigen Meisterstücken anreiht, Diriclilet soll künftig mit seinen Zuhörern disputiren. Das ganze Geschreibe ist wieder so unglaublich nichtig, sich selbst aufhebend, in sich selbst zerfallend, mit einem Anlauf zur Korruption und Bestechung der jungen Leute und auch dazu nicht einmal der rechte Mutli, dass einem wirklich der Unwillen über solche Erbärmlichkeit das Blut vergällt. Ueberliaupt giebt's im öffentlichen Leben wenig Erfreuliches. Ungeheure Aktienschwindelwutli für Eisenbahnen, namenlose Noth der schlesisclien Weber, der jetzt auf alle Weise zu steuern versucht wird, Grimm's Erklärung in öffentlichen Blättern, dass ihnen an ihrem Geburtstag Hoffmann von 310 Heise- und Heimathbriefe. Fallersleben ein unwillkommener Gast gewesen, Versuche zu einem lebendigem, gemeinsamen Verkehr auf allen deutschen Universitäten mit Carcer und Consilium bestraft, täglich Verbote, Kräkeleien der Regierung und Polizei nach allen Seiten hin, nur nicht nach denen der öffentlichen Sicherheit und Reinlichkeit. Sonst geht gar nichts vor; unser Leben fliesst ruhig dahin, nichts knallt als die Bocciakugeln, und Albertine und ich sitzen jeden Abend dabei, etablirt auf zwei neuen, hübschen Gartenstühlen, und amüsiren uns über die Kindereien der Grossen." Felix an Fanny. 4, Hobart Place Eaton Square, 13ten Mai 1814. Liebste Fanny! „Ich hätte Dir längst schon schreiben müssen, wenn ich mein Lebenlang so könnte wie ich wollte. Dafür nahm ich mir aber wenigstens vor, Dir meine glückliche Ankunft in London zuerst zu melden und Dich zu bitten, sie Paul mit- zutheilen, und so tlme ich denn hiermit. Es wurde mir freilich sehr schwer, von Frau und Kindern wegzugelm, Gottlob empfange ich heut früh indess gute Nachrichten von dort und hoffe auch, bei meiner Rückkehr wird die Ruhe und die Landluft besser gewirkt haben, als alle Medizin, das gebe der Himmel; Du glaubst nicht, welch schlimme Tage ich in Leipzig auszuhalten hatte. Die Reise hierher war so glücklich, wie sie nur sein konnte, namentlich die Ueberfalirt. Klingemann fand ich wohl und gut und lieb wie immer, er will sich anhängen. Wäre Cecile mit mir, so könnte es gewiss einen englischen Aufenthalt geben, so schön, wie ich ihn nur je gehabt habe; denn alle Freunde sind so unverändert und liebreich und zuvorkommend, dass es mich wahrhaft rührt. Freilich fehlt bei jeder Freude das Beste, wenn die Cecile nicht daran Tlieil hat; so sind mir denn die vielen Beschäftigungen willkommen, die jeder Augenblick hier mit sich bringt, Felix in England. 311 und lioffentlicli soll meine Arbeit nicht ohne Frucht bleiben; wenigstens höre ich sehr erfreuliche Nachrichten vom Philharmonie, und geht es so weiter fort, wie vorgestern in der ersten Probe (wo meine A moll-Sy mphonie wirklich vortrefflich gespielt wurde), so hoffe ich dieser Sache einen Dienst leisten zu können. Davon aber später mehr, nun kommt der Doppelbrief: Klingemann: Und so kommt denn wieder ein Doppelbrief und uralte Zeiten stehen wieder auf. Himmel, wären es nur die uralten und wir, d. h. ich, der Urjunge! Felix finde ich unverändert, ja wir Alle finden ihn kräftiger und gesünder aussehend, als vor zwei Jahren — er ist munter und guter Dinge und man hat an dem ganzen Menschen seine innerliche Freude. Niemand steht sich aber bei dem Handel besser, als ich; für einen Einsamen, dem die Häuslichkeit verhagelt ist, giebts gar nichts Lieberes, als solch ein bequemes, behagliches Zusammenleben, und das obendrein mit der Aussicht auf Monate. Die arme Cecile dauert mich, dass sie so lange von ihrem Manne getrennt sein muss und er von ihr — wie gerne hätten wir sie hier — aber ich muss doch einmal mein Glück gemessen und preisen. Es liegt Schickung darin, für den ganzen Sommer bin ich verwaist von den Benecke's und habe nuu meinen grandiosen Ersatz. Ferner musste es sich treffen, dass B. den Winter über bei mir wohnte, und mit seiner Nachbarschaft, mit späten Stunden, Unpünktliclikeit, und was dem guten Menschen sonst für bürgerliche Laster ankleben, alle meine Junggesellen-Ecken auf's Schönste abgeschliffen hat, ich rühme mich jetzt, ein Muster der Duldung und Gelassenheit zu sein, und habe es nun beim Felix gar nicht einmal nötliig! ■— Er wird Ihnen in seiner Bescheidenheit seine Successe nicht schreiben, aber sie sind gross und mannigfaltig — sein Empfang hier, seine Aufnahme sind herzlicher wie je, und können es nicht mehr sein. Kein Wunder, dass die Zuneigung so gegenseitig ist. In der Philharmonie-Probe am Sonnabend war es schon recht hübsch, aber gestern im Konzert war es 312 Reise- und Heimatlibriefe. prächtig- — eine Wärme und ein Leben drin, wie wir es lange nicht gekannt — und Alle wussten und fühlten, warum. Dabei hätten Sie die empfindsamen Blicke sehen sollen, die sich die Eingeweihten, die Freunde in weite Fernen hin, über den Saal,, zuwarfen. — Ich schreibe Ihnen vom Bruder, weil ich weiss, dass Sie das doch am liebsten hören, aber von mir diesesmal nichts als nur Dank, und zwar von allen Arten. Die Decke, die Fussdecke, die weiche, warme, blühende Fussdecke habe ich gleich mit Stolz ausgebreitet, und wenn ich ein so liebes Geschenk auch mit Füssen trete, so liegt das nur daran, dass ich nicht die Courage gehabt habe, mir eine Weste daraus machen zu lassen. Und es passt wieder wie eine Schickung; ich hatte mir gerade meine Gemächer tapezieren und anstreichen lassen, nur den Teppich hatte ich nicht renovirt ■—■ aus Geiz —, nun frischt die Decke seinen abgelebtesten Fleck auf. Und dann haben Sie mir so schön geschrieben! und zweimal! Ihr erster Brief verdient ein besonderes Dank- und Denkmal; wäre man nur kein Faulthier und schriebe man gleich, wenn es Einem warm und bewegt um's Herz ist, so hätte man das Rechte gethan und die Andern hätten einen guten Brief. Er — Ihr Brief, Ihr unbeantworteter Brief fiel in die rechte Zeit, ich brauchte ihn gerade und er tliat mir sehr wohl und zog mich in Ihre wohlthuende Nähe, wie ich mich gerade recht allein fühlte. Der Himmel vergelt's! —■ Und nun wie ohne Anfang, so auch ohne Schluss — Ihr getreuer Klingemann." Felix an Rebecka. London, ISten Mai 1844. „Von Klingemann's Kamin aus soll dieser Brief nach Neapel wandern und Dich aufsuchen und Dir meinen Gruss bringen. Es brennt tüchtiges Kohlenfeuer in dem Kamin, denn es ist bitterkalt und wir frieren sehr, darüber wirst Du Dich weniger beklagen, wenn Du den Brief erhältst. Mögen wir uns bald in demselben Sonnenschein, oder wenn es nicht Felix in England. 313 anders sein kann, in demselben kalten Nordwind wiedertreffen. Eigentlich schreibe ich hauptsächlich deshalb; Du hattest in dem letzten Brief an Fanny geäussert, Du wollest uns am Rhein, vielleicht gar beim Musikfest in Zweibrücken zuerst wiedersehn, nun möchte ich Dir gern aus allen Kräften zureden, diesen schönen Plan auszuführen, möchte Dich bitten, Dir nichts dazwischen kommen zu lassen, möchte Dir sagen, wie schön es wäre, wenn wir Dich zuerst, und bald, und am Rhein träfen! Aber wie herrlich das wäre, und welch' eme einzige Freude, davon sag' ich lieber kein Wort (Du weisst's ohnehin), und rede nur im Allgemeinen zu, und sage „thu's und komm." Du weisst wohl schon über Berlin, dass wir fortwährend mit mancherlei Ungemach zu thun hatten, also ist von uns eigentlich wenig zu erzählen, was den Vergleich mit Deinem dortigen blauen Himmel, Sonnenschein und Meerwesen aushält. Cecile wurde in Leipzig recht sehr unwohl, hauptsächlich wohl aus Erschöpfung über den langen sorgenvollen Keuchhusten- Winter. Die Kinder waren auch immer noch nicht ganz hergestellt. Clarus sprach von Ems und Schwalbach für Cecile, das wollte der Frankfurter Arzt, nicht zugeben, und verordnete nichts als gute Landluft und vollkommene Ruhe, nun wurde eine angenehme Wohnung zwei Stunden von Frankfurt gemietliet, wohin Cecile mit ihrer Mutter und den Kindern ziehn sollte; da schreibt sie mir gestern, dass der dicke Paul die Masern bekommen hat, und wahrscheinlich werden sie nun alle daran glauben müssen, und es ist ganz unbestimmt, wann Cecile liinausziehn kann. Ich hatte die Tage bis dahin gezählt, weil ich so viel Gutes von der guten Luft erwartete, und nun kommen wieder neue Sorgen statt der Erholung von den alten. Ein fataler Husten, nervös und trocken und unangenehm und grosse Mattigkeit sind die hässlichen Feinde, die Cecile in Leipzig heftig überfielen, und ich glaube, sie müssen sehr ernstlich bekämpft werden, damit nicht später einmal etwas Schlimmeres daraus werden kann. Gottlob! es war in Frankfurt bei meiner Abreise schon viel besser, und bei rechter Sorgfalt und Aufmerksamkeit brauche ich, so Gott will, weder 314 Eeise- und Heimathbriefe. für jetzt noch für die Folge mir schlimme Gedanken zu machen. Aber diese Sorgfalt ist gewiss nothwendig, und Du kannst Dir denken, dass ich Alles anwende, um es daran nicht fehlen zu lassen. — Der Aufenthalt hier ist unter diesen Umständen freilich mit dem vorigen nicht zu vergleichen, wo Cecile mit hier war, und so fröhlich und Alles so heiter glänzte. Aber die Freundlichkeit meiner Freunde ist so gross, und die Art, wie mich das Musikpüblikum aufnimmt, so ausserordentlich theilnelnnend, und der eigentliche Zweck, den ich dabei hatte, nämlich den Philharmonischen Concerten aufzuhelfen, scheint so vollständig in Erfüllung zu gehen, dass ich allerdings nur mit Freuden daran zurückdenken werde — wenn ich erst wieder heimgekehrt bin und Frau und Kinder wieder wohl und gesund gesehen habe. Dass ich bei Klingemann wohne, weisst Du; er will sich anhängen und ich rede ihm sehr zu, im Juli mit nach Deutschland zu kommen. Weisst Du auch schon, dass ich, auf der Eisenbahn in einem Tage von Cöln nach Ostende fahrend, doch in Aachen noch Zeit genug behielt, um Herrn Meyer zu besuchen, den ich nach Mama Dirichlet fragen wollte? Und siehe, ich fand Mama selbst heim Frühstück, und so prächtig wohl sah sie aus und so jugendlich munter und frisch, dass es mir die allerherzlichste Freude war, und wir fielen einander nicht wenig um den Hals! Die muss freilich auch beim Rheinischen Rendezvous mit einbegriffen sehi und die Hauptrolle dabei spielen. Grüss Dirichlet (gestern shoolc ich hands mit Herrn Babbage), grüss Walter (er soll maniclie di Cortello fressen, und überhaupt frutti di mar), grüss Ernst, den Pausilippo und Amalfi. Nachschrift von Klinge mann. 0! wiissten Sie nur, immer noch jüngste Freundin, wie oft ich in den besten, und sehnsüchtigsten Augenblicken, nach meiner schönsten Jugendzeit zurückschauend, die Gedanken habe zu Papier bringen und Ihnen schreiben wollen, ordentlich schreiben, Sie verziehen mir schon eher, ich könnte hier schon eher als blosser fragmentarischer Anhang erscheinen. Haupt- Felix in England. 315 sclmld an Allem liat aber immer das Schicksal, das mir nun seit mehr als sechszehn Jahren nicht vergönnt hat, Sie wiederzusehen; mit Anderen traf icli's hesser, wie dieser Anhang beweist, London hat mir den Felix eigentlich erst recht gegeben, und so streicht denn der erquicklichste Sturmwind von Zeit zu Zeit und immer zu rechter Zeit durch mein grauwerdendes Haar, und thut mir jedesmal unendlich wohl. Warum kommen Sie nicht auch einmal als schönster West, hier ist doch auch Allerlei für Leute Ihrer Art, ausser Bab- bage und Rule Britannia, und Sie würden sich erbauen. Felix, Gottlob! fühlt den alten Zauber wie er ihn übt, — trotz der Frau, die nicht da ist und die uns Allen schrecklich fehlt, sieht er munter und frisch aus, und freut sich an Lobster und Fies und den Engländerinnen, und wundert sich wie sonst, dass man hier so viel Engländer sieht, und so viel Englisch spricht, und ist guter Dinge — komponirt er nicht die schönsten Werke, so liegt's eben an dem tollen Treiben, das den „Lion" anders nicht, als Morgens früh und Abends spät loslässt. In den Morgen- und Abendstunden aber ist er mein Ilausgenoss, und wir leben und reden menschlich von den ünsrigen; ich stehe mich bei dem Allen freilich am besten. Als Künstler hat hier nie ein Fremder eine Stellung gehabt, wie Felix, sie ist so nobel und rein und sein mächtiger, stiller AVille trägt ihn so sicher und triümpliirend durch allen Rauch und allen Nebel in die klaren Regionen; alle, auch die Philister, fühlen das, und Alles respectirt und würdigt, Jeder in seiner Art und Weise die Kraft, die Jeder erkennt. Wir, John Bulle wie wir sind, sind darin überhaupt kindlicher und reiner, als der vielschreibende Kontinent, gescheuter nebenbei wie Ihre bequemen Maccaroni-Esser, wir haben das „ Organ of Generation ", und bewundern ehrlich und gern. Warum sind Sie nicht einmal dabei gewesen, wie Felix empfangen wird, es würde Ihr schwesterliches Herz erquicken, und thut einem simpeln Zuschauer wohl. So war es im ersten Philharmonie- Konzert, was er dirigirte. Alles, Orchester wie Zuhörer, hatte solches Leben bekommen, sie spielten seine A-moll-Symplionie schöner wie je vorher, und die Andern hörten andächtiger und 316 Reise- und Heimathbriefe. genossen jauchzender wie je. Ich will gar nicht, dass das Volk überall meinen Felix schon so inne haben soll wie ich und wie Einer oder der Andere mehr; dafür wird das Beste nicht gemacht, dass es dem Haufen gleich mundgerecht zwischen die Zähne wächst; aber sie mögen den Propheten und Magier merken, und sich mit leisem Schauder, unbewusst, zu ihm hingezogen fühlen. Der Platz hört auf, meinen Brief bin ich Ihnen immer noch schuldig, und Sie mir immer noch die Möglichkeit, Ihnen zu begegnen; und endlich Diriclilet's leibhaftige Bekanntschaft zu machen, und mich wieder in Ihr Leben einzuleben. Wo wird das sein, und wie? Felix spricht v5m Rhein, möge es so werden." Fanny an Rebecka. Berlin, den 23sten Mai 1844. „— — Nun bin ich sehr neugierig auf Derne Nachrichten aus Neapel. Ach! denke einmal an mich, wenn der Vesuv gluthroth beim Sonnenuntergang wird, dann blassroth, und einen Moment später bleigrau und todt. Ich fürchte sehr, Santa Lucia hat einen grossen Theil ihres Reizes durch Civili- sation eingebüsst, man war daran, die Lazzaroni auszukehren. So recht mit Freude, wie das erste Mal, werde ich doch Italien schwerlich wiedersehen; denn wenn Hensel und ich hingehen, werden wir doch Sebastian dahinten lassen müssen, und das ist schwer. Der beharrt noch dabei, Naturforscher zu werden, und hat den bedenklichsten Appetit nach fremden Welttlieilen. Neuholland führt er im Munde, als wenn es Potsdam wäre. Was finge ich arme Klucke wohl an, wenn solche Pläne zur Ausführung kämen ? Da ist doch meine Henne besser dran, die sechs Junge ausgebrütet hat. Wie reinlich kommt so'n Vogel auf die Welt, und wie geschickt sind die neugeborenen Tliiere. Könnte der Mensch nicht davon etwas lernen ?" Fanny an Rebecka. Berlin, 3ten Juni 1844. „Bravo, mein Beckchen! Wie freue ich mich über Deinen Unternehmungsgeist. Ich musste laut aufschreien, als ich das Berliner Festlichkeiten. 317 Datum zu Gesicht bekam und Hensel ging es nicht besser. Aber Du wirst es komisch finden, zu gleicher Zeit .habe ich mich gefreut, dass mich damals meine Trägheit und mein Baieon an Neapel gefesselt hatten, und dass mir, will's Gott! für meine Vierzige nun noch eine so grosse Erschütterung übrig ist. Für die Dreissige hat mir Italien genug gethan. Du bist übrigens schreiend ungerecht gegen Neapel, das denn doch so ganz unerhört schön ist, dass ihm in gewissen Punkten kaum etwas in der Welt gleichen kann. Der Vesuv, die Inseln, Pompeji, was kommt wohl gegen diese Haupttodtschläger auf? Die blaue Grotte ungerechnet, die Vormittags keine Besuche annahm, als wir ihr unsere Aufwartung zu machen wünschten. — — Wir haben einstweilen sehr viel Zweck gegessen, und Lebendige und Todte mit Festklängen gefeiert. Ich schrieb Dir, glaube ich, schon neulich, dass Devrient eine Trennungsfreude bereitet werden sollte; der grosse R. stellte sich von diesem Abschiedsfeste nichts Geringeres vor, als dass es Devrient in Zukunft wieder hierher zurückführen und seine Stellung für alle Zeiten und Zukunft hier sichern würde (wenn ich doch so glücklich wäre, so ausserordentlichen Werth auf meine Einfälle und Unternehmungen zu legen). Dazu hatte R. denn auch so unsinnige Anstalten getroffen, dass, wenn man ihm seinen Willen gelassen hätte, das ganze kunstliebende Berlin sich sechs Monate lang die Augen ausgekratzt haben würde. Durch Hensel's vernünftige Vermittelung gelang es denn endlich, diese Fete in das Geschenk einer sehr schönen Porzellanvase zu verwandeln, an deren Fuss die Namen der verschiedenen Geber prangen werden. Mittwoch trat er zuletzt als Tasso auf: nach dem Theater versammelten sich seine Freunde und Freundinnen (kerne Schauspieler) im Hotel de Russie, wo er seit einigen Tagen wohnte, und die Vase ward ihm mit einer einleitenden Rede von Werder, der darin stecken blieb, überreicht, dann folgte ein frugales Mahl, dessen Leitung sich aber doch R. zu bemächtigen gewusst hatte, und wobei der Champagner auf gemeinschaftliche Kosten so floss, dass ich in Todesangst vor der Rechnung lebe, welche noch, 318 Reise- und Heimathbriefe. wie das Schwert des Damokles über unseni Häuptern hängt. Devrient war übrigens selig; am folgenden Tage gaben ihm die Schauspieler noch ein Diner und ein Geschenk, und die zwei letzten Tage seines Hierseins waren sehr hübsch. Vorgestern haben wir nun wieder Thorwaldsen angefeiert und dabei sind solche Schöppenstädtereien vorgekommen, dass es kaum zu glauben ist. Die Feier bestand in einer sehr schönen Dekoration des Akademiesaals, in der Mitte eine Kolossalstatue Thorwaldsen's, von Kiss sehr geschickt, theils modellirt, theils drappirt, so dass es eine ganz schöne Wirkung machte. Eine von meinem schönen Freunde Reumont geschnarrte Rede, ein schwungvoller Dithyrambus unseres genialen Rungenhagen und eine sehr bedeutend antigonisirende Kantate von Kopisch und Taubert machten die Feier aus, deren Pointe darin bestand, dass aus Versehen der König und der ganze Hof nicht eingeladen worden, zu welchem Entsetzen unseres unabhängigen künstlerischen Berlins kannst Du mitfühlen. Von sonst „Vergessenen" habe ich bis jetzt Beuth und Humboldt erfahren. Wie findest Du das ? Denke Dir den Schreck der Herren Anstifter, die in der königlichen Loge keine Maus, nicht einmal einen Kammerherrn erblickten und denen da erst ihre Sünden beifielen. Zufällig waren die Maler nachher bei uns zum Essen, und da habe ich mein Müthchen an "Wach und den Andern gekühlt und sie unbarmherzig ausgelacht, während ihnen Allen der Jammer viel näher stand. Es half aber nichts, sie mussten gegeisselt werden, wer heisst sie mit solcher Ostentation eine Tliorwaldsenfeier in's Leben treten zu lassen und sich so gottesjämmerlich ungeschickt dazu anstellen ? — Von Cecile habe ich keine ganz neuen Nachrichten; nach den letzten hatten die drei andern Kinder (Paulchen war schon fertig), sowie ihre Mutter, ihre Tante, im Ganzen achtzehn Personen der Familie die Masern. Sie selbst hat wieder eine Halsentzündung gehabt, von der sie freilich wieder hergestellt war, aber ich gestehe Dir doch, dass ich über ihre Gesundheit im Allgemeinen viel weniger ruhig bin, als es Felix zu sein scheint. Gebe Gott, dass ich mich irre und zu ängstlich bin. Von Felix sind die Nachrichten sehr gut, er Palermo. 319 ist vergnügt, zufrieden mit der enthusiastischen Aufnahme die er findet und die ihm den Kontrast mit der frostigen Art der Leute hier freilich immer fühlbarer machen muss. Von ihrer eigenen Krankheit hat «ihm Cecile nichts geschrieben und mir verboten, es ihn wissen zu lassen." Rebecka an Fanny. Neapel, Villa di Roma, 31sten Mai 44. „Ich soll von Euerm Balkon grüssen, den ich leider nicht bewohne, denn die Wohnung wird reparirt, dem ich aber eben eine Abendvisite gemacht, und den drei Fischerbarken, und dem Vollmond im Meer Eure Griisse bestellt habe. Wieder eine Aelinliclikeit, liebste Fanny, ich sitze liier als Strohwittwe. Unsere sicilischen Pläne, mit Kindern weitere Ausflüge zu machen, scheiterten an der Unmöglichkeit der Ausführung; weder zu Pferd, noch zu lettiga , noch zu Schiff mit Seekrankheit machte sich's gut, sogar Cefalii habe ich aufgeben müssen, weil ich die Wahl hatte zwischen sechs deutsche Meilen reiten oder im Kahn fahren. Darum gräme ich mich aber nicht, denn über Palermo kann nichts gehn; da sich aber Dirichlet schon sehr auf den Aetna und Arcliimedes Grab gefreut hatte, habe ich ihn halb gezwungen, sich diese Erinnerungen nicht entgehn zu lassen und bin mit Reisebekannten in dem grossen Schiff „Palermo" wieder hergefahren; ich fürchtete die Hitze und die kleinen Postdampfschiffe, die sehr schlecht sein sollen, und da habe ich mich denn mit schwerem Herzen von der poetischesten Poesie von Palermo getrennt und mich in der Villa di Roma etablirt. In der Nähe von Palermo habe ich Alles gesehn: Monte Pellegrino mit Göthe's Rosalienkapelle, wo ich wie er Orgel und Gesang gehört habe, Honreale — hat Hensel vielleicht den Reitweg von S. Martino nach Mon- reale gemacht, der ist zu empfehlen, Baggaria, wo wir den Duca di Serra di Falco besucht haben, alle Tage mehrere Mal die Marine, ach! was ist das Alles schön, und maurisch, und poetisch, und welch gutes Wirthshaus nebenbei, und Erdbeeren und nespoh japanese. Und die Ziza nicht zu vergessen 320 Reise- und Heimathbriefe. mit ihrer maurischen Halle und welthistorischen Aussicht. War ich nur noch da, liier hin ich ein wenig ausgesperrt, und die Zeit, bis Dirichlet kommt, wird mir schrecklich lang. In Palermo hatte ich doch Doi^ Romeo — es ist unglaublich, dass Du Don Romeo nicht kennst, und der ist doch jetzt in jedes Dirichlet Mund. Romeo ist der Palermitaner Scliapse und Cousin Wolf in einer Person, nur, wie sein Name besagt, in's Palermitaniscke übersetzt, d. h. ein sehr hübscher junger Mann. Mit Cousin Wolf hat er eine kleine Rente, sehr weisse Wäsche und gentilite in die Begebenheiten gemein; mit Schapse, dass er Alles weiss und Allen Alles verschafft. Dieser ist uns von einem Offizier vorgestellt worden, an den Dirichlet einen Brief hatte, und seitdem ist er uns nicht von der Seite gegangen, hat unsere Partien arrangirt, den patto mit Kutschern und Schiffern gemacht, mir Nähseide gekauft, Dirichlet einen Knopf angenäht, und es war die dickste Freundschaft , ein wahrer Amico. — Nun bin ich aber sehr müde, gute Nacht! Uebermorgen mehr von Romeo, morgen will ich nach Sorrent, Nerenzens besuchen. — Den 5ten. Evivaü! Aus der Form dieser Ausrufungszeichen siehst Du schon, dass ich Pauls Töchterchen begriisse. Eviva! welch ein Stein ist mir vom Herzen. 0 war ich jetzt bei Euch und könnte die neue Mutter begrüssen! Bei solchen Gelegenheiten reicht der Vesuv und das Meer nicht aus, einem die persönliche Anwesenheit zu ersetzen. Tausend gute Wünsche dem Vater, der Mutter und dem Kinde. Am 24sten haben wir feierlichst ihre Gesundheit am Fusse des Monte Pellegrino getrunken, und ich dachte eigentlich, nun müsste es losgehn, aber da war ja Alles schon überstanden. Ich datire dies aus Sorrent, wie Du vorhergesagt, liebe Fanny, aber die Sache hat einen Haken. Ich habe mir die passende Zeit ausgesucht, wo Dirichlet nicht da und ich fast ganz fremd in Neapel war, um gleich, nachdem ich aufhörte zu schreiben, recht krank zu werden; nachdem Dr. Zimmermann die Sache eine Weile angesehen hatte, befahl er mir peremptorisch, aus dem Bett aufzustehen und stehenden Fusses nach Sorrent zu wandern, wo ich seit einigen Tagen weile Rebecka krank in Sorrent. 321 und wirklich ziemlich hergestellt hin. Wie ich höre, hin ich nicht der Erste, der in Neapel nervenkrank geworden, und in Sorrent wieder seine Gesundheit gefunden hat. Ich habe mich in einer sehr hübschen Wohnung etablirt und erwarte nun Diriclilet in aller Ruhe in einigen Tagen zurück. Dieser Aufenthalt stört unsere weiteren Pläne ein wenig, indessen wo man hier bleibt, ist es schön und herrlich und die Sorrenter Luft wirklich balsamisch und erquickend. Sehr viel Sclrald an meinem Unwohlsein hatte auch die Seekrankheit, wir hatten eine stürmische Ueberfahrt und da hab' ich fürchterlich gelitten; nun ist aber Alles überstanden. Mein Walter hat sich in dieser Zeit wie ein ganz erwachsener, vernünftiger Mensch und dabei wie das liebenswürdigste Kind benommen. — Solche Farben wie heut, sind, glaub ich wieder, noch nie dagewesen. Wenn ich in unsere Halle hinaustrete und das Meer durch die Bogen sehe, packt mich immer ein gewaltiges Verlangen, Farben zu nehmen und ein blaues Meer, einen grünen Vorgrund, weisse Bogen und einen lila Vesuv zu schmieren. Wäre das nicht ein schönes Bild? Man glaubt wirklich in Italien, Landschaftsmaler zu sein, wenn man die Gegend recht viel ansieht, und dadurch, dass ich Walter's Zeichnungen schulmeistere, sehe ich recht genau hin. — Ach! ich kann gar nicht mehr schreiben, ich freue mich viel zu sehr aufs Wiedersehen und Wiederzusammenleben mit Dir. Es hat uns zwar bis jetzt noch nicht an Stoff zum Plaudern gefehlt, aber jetzt soll es erst losgehn. Hier verlerne ich ganz mein sauer errungenes Italiäniscli und lese drum ziemlich geläufig und sehr gewissenhaft das befreite Jerusalem. Sonderbar ist es, wie einem plötzlich und unerwartet zuweilen ein Sinn aufgeht; so ging mir in Rom eines Tages Göthe's Tasso auf, wie eine ganz neue Bekanntschaft, und es vergehen seitdem nicht viel Tage, ohne dass ich eine oder die andere Scene d'raus mit grösster Rührung lese. Wer nichts selbst produziren kann, lernt wenigstens in dem Wunderland besser auffassen und verstehn; im Lande, wo die Poesie auf allen Bäumen und Zäunen wächst, muss doch etwas davon im Ge- miitli hängen bleiben. —" Die Familie Mendelssohn. IT. 21 322 Reise- und Heimathbriefe. Eebeeka an Fanny. Sorrent, d. 19ten Juni 44. „Meine liebe Fanny, hier liegt Dein letzter Brief und klagt mich grosser Sünden an, erstens dass ich so lange nicht geschrieben, obgleich Du nieine Briefe so freundlich aufnimmst und dann, dass ich dem armen Neapel so Unrecht thue. Dem ersten helfe ich hiermit ab, dem zweiten — ja, warum hat sich unser Reiseglück in Neapel gewandt? Warum bin icli daselbst krank geworden ? Warum bin ich in der Villa di Roma, die ihren Padrone gewechselt hat, so unsinnig geprellt worden? Warum waren unter vierzehn Tagen nur höchstens vier, dass man ausgehen konnte? Warum bekommt mir das Klima durchaus nicht? Und besonders, warum liegt es zwischen Rom und Palermo eingeklemmt ? Du hast uns übrigens berufen, erst schriebst Du, es ginge uns Alles so glatt, ohne Krankheit, und Tags darauf lieg' ich zu Bett, dann schreibst Du, wir richteten Alles so gut ein und da hatten wir eben den Fehler begangen, uns zu trennen und Palermo zu verlassen, wo wir lebten, wie die Götter in Italien. Du siehst aus diesen philosophischen Betrachtungen, dass ich nicht viel Historisches zu berichten habe; und so ist es, wir leben ganz still, Nachmittags sitzen wir oben auf der Terrasse, die die schönste Aussicht von ganz Sorrent hat, sehen die Sonne hinter Cap Misen untergehen, fühlen uns nicht recht genussfähig mehr und grämen uns doch, Italien in vierzehn Tagen zu verlassen. So läutet Italien leise aus, der Winter in Rom war ein rechter alter Weibersommer, wenn Ihr mich wiederseht, werdet Ihr nicht begreifen, wie ich so lustig habe sein können, denn äusserlich bin ich sehr alt und besonders sehr grau geworden." Fanny an Rebecka. Berlin, den 19ten Juni 44. „Mein liebes Beckchen, was hat mir Deine Krankheit für einen Schreck in die Glieder gejagt! Dein Brief fing so schön lustig an und überhaupt waren die Nachrichten bis jetzt so überaus prächtig und durchweg erfreulich, dass ich wahrlich Jakoby. 323 nicht darauf gefasst war. Es bedarf wirklich keiner Befürchtung und Sorge um Dich, mir das Bewusstsein lebendig zu erhalten, dass Du der Reiz meines Lebens bist; das weiss ich ebenso wohl in guten Tagen, darum musst Du aber gar nicht mehr krank sein; es war doch wohl ein Bischen viel für Dich, diese Reise nach Sicilien. Eine grosse Freude haben wir in diesen Tagen durch Jakoby's Ankunft gehabt, der so prächtig erzählt, und so viel von Euch weiss, und auf jede Frage augenblicklich Antwort giebt, was doch der beste Brief nicht thut. Es war mir ordentlich ein Yorschmack von Eurer Rückkehr. Ich meine, jetzt, wo Ihr das Herrlichste genossen, wird allmählig die Reisemüdigkeit eintreten, und die Lust, zu Hause auszuschlafen, „wir wenden uns, wie auch die Welt entzücket." Jakoby hat so prächtig gesehn und erlebt, wie es bei diesem bedeutenden Manne zu erwarten ist, und ist wohl und heiter. —- •— Sonntag ist die letzte Musik für diesen Sommer, die will ich mit Felixens Männerchor „Wer hat dich, du schöner Wald" mit Hörnern und Posaunen beschliessen. Von Felix sind die besten Nachrichten, wenn ich Dir sage, dass er sich einen grossen Baumkuchen nach London bestellt hat, so wird Dir das. das beste Zeichen sein. In London ist die Musik zum Sommernachtstraum mit grossem Beifall gegeben worden, in Paris die Antigone, hier ruht beides gänzlich, dagegen wird jetzt Atlialia. mit Felixens Musik einstudirt. In jenen Stücken müssen nun auch Devrient's Rollen wieder besetzt werden, was wahrscheinlich durch Hendrichs geschehen wird, einen jungen Schauspieler, um den sich Berlin und Hamburg reissen." Rebecka an Fanny. Sorrent, den 30sten Juni. „Liebe Fanny, schamroth ergreife ich die Feder, um Dir zu gestehen — dass wir noch einen Monat hier bleiben. Ich habe angefangen, Seebäder zu nehmen, und die bekommen mir, trotzdem, dass ich mit dem grössten Widerwillen daran gegangen bin, ganz vortrefflich. Da haben wir uns denn nach 21* 324 • Reise- imd Heimathbriefe. langem Hin- lind Herreden, denn mir lag das Musikfest doch sehr in den Gliedern, eine luftige Wohnung gemiethet, und wollen noch den Juli hier grasen. Es ist hier ganz göttlich schön, allein, ich weiss nicht, meine Reisewonne ist vorüber, und ich sehne mich schrecklich nach Dir und den Geschwistern. Es geht mir eigen mit Neapel, es ist mir von allen italiänisclien Schönheiten am wenigsten simpatica , und nun müssen wir so lange in der Gegend bleiben und doch am Ende die Hauptsachen ungesehen lassen; es ist unmöglich, in dieser Hitze Plaisir auszustehn; lieut sind 28 Grad hier, in Neapel 31. Doch ist es, die paar Mittagsstunden abgerechnet, nicht drückend, die Morgen und Abende kühl und frisch , das Bad zwischen den grossen Felsstücken erquickend und dabei auf eine Weise naiv, die unglaublich ist. Man zieht sich auf dem Strand am Wasser aus und geht hinein, Angesichts aller Fischerkähne, und ebenso wieder hinaus. Der Glanz aber und die warme Frische des Wassers sind von unbeschreiblicher Schönheit. Hier zu Lande wird einem der Homer erst recht mundrecht, mit allen Grotten und heiligen Hainen. Bei Meta, nahe bei Sorrent, stelm zwei uralte Olivenbäume, von denen gesagt wird, sie seien dieselben, zwischen denen sich Odysseus bettete, als er das Land der Phäaken betrat. Andere verlegen die selige Insel nach Sicilien. Du wirst einen grossen Unterschied finden zwischen meinen Römerbriefen und diesen hier, die gar nichts enthalten; aber Du glaubst nicht, wie dieses Nichtreisen — doch Reisen — doch Baden — doch Bleiben — diese Ungewisslieit über unsre nächste Zukunft mich preoccupirt und nun liegt mir der Umzug , die Zeit, ehe man ein wenig eingewohnt, dann wieder Ginpacken, noch in Neapel ein paar Tage besorgen, sehen etc., dann die grosse Reise in den Gliedern. Die Kinder sind sehr vergnügt hier, nur hat Walter den Kummer, dass er nicht baden soll, weil er sich neulich auf einer Parthie nach der blauen Grotte rothe Augen geholt hat, und Ernst den, dass er baden soll, was alle Morgen ein Zetergeschrei setzt. So ist der Mensch nimmer zufrieden, was hätt' ich in Berlin drum gegeben, mit den Meinigen einen Sommer in Sorrent zu sein, Sorrent. 325 und nun ich hier bin, sehne ich mich mit aller Macht nach Hause. Und wieviel wird mir da fehlen, wenn ich nicht wieder in's Haus ziehe. L. hatte doch Recht, als er gern seine verfluchten Jefiihle auf des infame Instrument ausdrücken wollte. Ihr glücklichen Musiker macht aus solcher Stimmung und Umgebung ein Lied ohne Worte, zur Freude der Menschen; ich muss garstige Prosa mit Worten schreiben und mich am Ende noch von Euch auslachen und undankbar schelten lassen, gegen mein Schicksal, das mir nach vielen Jahren Plackerei und Sorgen vergönnt, eine Zeit gesund ganz nur für unser Vergnügen zu leben." R e b e c k a an Fanny. Sorrento, Villa grande Guerracina 6ten Juli. „Dem neugeborenen Fünfziger*) Gruss und Glückwunsch. Hab' ich Euch jemals hergewünscht, so. ist's jetzt. Denkt Euch nur, wir vier Dirichlet's in einer Wohnung, ungefähr wie Felixens in Berlin, mit einem Saal, in dem fünfzig Paare tanzen könnten, neun verliältnissmässige Stuben daran, eine Halle mit Arkaden längs der ganzen Wohnung, die mit einer bedeckten Loggia schliesst, die wieder die ganze Wohnung überflüssig macht, denn ich habe Sopha, Tisch und Stühle heraussetzen lassen und nun wird draussen gegessen, getrunken, gelehrt, geschlafen, Besuch angenommen (gab' es dergleichen), Wäsche getrocknet, wie z. B. jetzt, wo Dirichlet's Badehandtuch sich sonnt; es fehlte nur, dass wir auch in der Loggia badeten, doch dazu müssen wir erst ein Stück Weges gehn und dann hundert Fuss herabsteigen durch Grotten der Nymphen, um uns dann in der Unendlichkeit auszuziehen und den Fischerbarken ein Schauspiel für Götter zu geben. Und aus jeder der Arkaden ist eine Aussicht! Ich sage Dir, ich gönne sie mir nicht; könnt' ich Euch nur mit dem Telegraphen holen lassen und in meine drei unbesetzten Betten legen. Von einer dieser unbesetzten Stuben führt eine Thiire in den oberen *) Wilhelm Hensel. Heise- und Heimathbriefe. Garten; es sind zwar nur ganz gemeine Citronen- und Weingärten, in denen die Kinder mit herabgefallenen Citronen Ball spielen und die Limonade jeden Tag frisch gepflückt wird; ausserdem aber enthalten diese Gärten auch noch höchst klassische Früchte, von denen uns der alte Padrone jeden Morgen eine Schüssel voll sehr zierlich arrangirt und uns immer vertröstet, die Feigen würden nun jeden Tag besser werden — überhaupt weiss ich erst jetzt, was ein Padrone di casa ist, er sorgt wirklich väterlich für uns. Hühner mit Eiern und Kühe mit Milch sind auch im Hause; von den Gärten aus fülirt eine heimliche Thür auf den Berg, von dessen Spitze man beide Meerbusen von Salerno und von Neapel sieht, und zwar führt der Weg ausnahmsweise nicht zwischen Mauern, sondern Angesichts des Meeres und des ganzen, in Grün fast erstickenden Piano von Sorrent (hätt' ich nur ehis in der Wohnung!) und durch ein kühles, schattiges Kastanienhölzchen, kurz, von solchem Schlaraffenleben hat man keinen Begriff. Als Zugabe liegt das Haus sehr hoch und es weht uns das erquickendste fritto misto von Berg- und Seeluft um die Nase, so wenig heiss, dass ich meiner Kleidung, die wirklich bis auf eine Hülle zusammengeschmolzen war, noch eine zugelegt habe. Und als ■ Staffage erwarten wir Herrn Kestner im violetten Sammt- schlafrock, der DiricMet portraitiren will, Herz, was verlangst Du noch mehr? Als würdige Beschäftigung der Bewohnerin dieser fürstlichen Räume stricke ich seidene Strümpfe für Walter, da ich neulich ganz Neapel vergeblich nach Strickbaumwolle durchlaufen habe, und flicke, Angesichts des Vesuv, unsere, von der gestern jährig gewordenen Reise ziemlich invalide Wäsche, lese Boccaccio, Götlie, Homer und Robinson suisse, denn ein Tag, der um sechs anfängt, dauert wenigstens sechsundzwanzig Stunden, Abends kann man gar nicht zu Bette gehen, denn bei klarem Wetter liegt Neapel mit seinen Lichtern bis zum Posilipp wie ein Brillantdiadem gegenüber, und durch's ganze Piano schimmern die Lichterchen die Berge hinan, bis wo die Sterne anfangen. Die Beleuchtung am Tage ist leider so brillant, dass Walter noch immer kauzige Augen hat und vonDirichlet nach dem Gehör unterrichtet wird. Sein Campo Santo von Elsasser. 327 Geburtstag ward durch einen herrlichen Eselritt mit Nerenzens Kindern, Kuchen und Aprikosen gefeiert; wir haben ihm Darstellungen neapolitanischer Scenen geschenkt, die Euch auch sehr amlisiren werden, und einen Zeichenkasten aus Olivenholz; man macht hier nämlich sehr hübsche Tischlerarbeiten, ausserdem ernährt sich die Bevölkerung von Gartenbau, Seidenzucht, Prellerei und rohen Gurken. Nun genug Narrenspossen! Vor einigen Tagen habe ich einen Brief von August Elsasser bekommen; der ist überglücklich, dass Paul das Bild gekauft hat, bittet mich, ihm seinen Dank zu sagen für die „grossmüthige" Art und Weise, wie Paul ihn „beglückt" hat, und zugleich um Verzeihung zu bitten, dass er das Bild nicht gleich abschicken kann, weil er für den König von Württemberg erst eine Kopie anfertigen will. Er hat aber durch Kaselowsky auf der Rückseite des Bildes bezeugen lassen, dass das für Paul das wahre Original ist. Das ist doch ein ächter Elsasser! Ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich mich freue und Paul danke, dass er sich und uns den Genuss dieses wundervollen Bildes verschafft hat. Elsasser wollte Paul selbst schreiben, bereite ihn doch darauf vor, dass er kein richtig Wort schreiben kann, so wenig als sprechen, und dass man sich nicht darüber moquire. Vielleicht hilft ihm auch Julius Elsasser dabei, der war gerade in Arricia, um Studien zu malen. Eigentlich war auch unser Sinn nach Arricia und Frascati gerichtet, nun müssen sich die pauvres hommes mit Sorrent beliehen. Die Antwort auf diesen Brief erbitte ich nach Zürich poste restante. Das andere Bündel Heu, das Musikfest in Zweibrücken, kann der Esel noch gar nicht eigentlich verkneifen. Indessen Italien ist eine schöne Gegend und wer weiss, ob wir so jung, oder viel älter wieder hinkommen. Wir machen zwar schon wieder Pläne über vier Jahre! —" Felix an Rebecka. Soden bei Frankfurt a./M., den 2 2 sten Juli 1844. (Mit einer Vignette von Cecile.) „Dies sind Feldblumen 328 Reise- und Heimathbriefe. aus dem Taunus, von Cecile nach der Natur gemalt. Orangen und Citronen giebt es hier nicht, aber solcher Blumen viel r wenn Du es nicht glaubst, so komme und sieh sie Dil- an. Das ist eigentlich das Thema dieses Briefes. Gar zu prächtig wäre es, wenn wir hier zusammenstiessen, und ich halte es nun wirklich für wahrscheinlich. Diese rulligen Tage und dies herrliche fruchtbare Land machen mir gar zu viel Freude; so lange ich nur irgend kann, bleibe ich, und wenn Ihr zum Schluss noch erscheint, giebt's ein wahrhaftes Bouquet (in allen Sinnen). Schmecken wird Euch die Gegend nach Palermo und Sorrent nur wenig, — und doch sollte man das eigentlich nicht sagen und glauben. Wer das eine Schöne wahrhaft fühlt, wen es wahrhaft beglückt, dessen Sinn wird gewiss nicht enger, nur weiter dadurch, und muss sich an Allem freuen, was ächt schön ist. Es ist mein ewiger Aerger, wenn die Einen nur Beethoven und die Anderen nur Palestrina, und die Dritten nur Mozart oder Bach gut finden, — entweder alle vier oder keiner, woraus hervorgeht, dass Dir der Fussweg von Soden nach Altenhain gefallen muss. Aechte Kastanien und Nüsse die schwere Menge — aber die seid Ihr besser gewöhnt — tausendjährige Eichen und Kornfelder und Brombeeren —■ die haben wir wieder besser — und Rhein und Main dazu im Hintergrund, und unglaubliche Aepfel- und Birnbäume. Palmen haben wir nicht, dafür aber sehr gute Mehlspeisen. Schätzest Du das gering, so frage Walter, der schlägt sich auf Seite der Deutschen. Dass hingegen der Vesuv besser klappt, als es das Musikfest in Zweibrücken thun wird, glaube ich selbst eigentlich; Breiting singt auf Letzterem wahrscheinlich, — ob er aber so gut konservirt ist, wie Pompeji in seiner Art, weiss ich nicht. Der Conditor verkauft hier auch Hemdenknöpfe, die Polizei ist der Mann der Kochfrau, in der Kirche zu Neuenheim ist um acht katholischer, um neun protestantischer Gottesdienst, der Feldberg ist zwei Stunden Weges, es giebt auch viel Esel hier — auch eine Herzogin — Hoffmann von Fallersleben wohnt uns gegenüber, Freiligrath in Kronthal, Lenau ist in Frankfurt, — das Alles sind Anziehungspunkte für Dirichlet, wenn er sich noch ein deutsches Herz im Busen Felix in Soden. 329 bewahrt hat (eine Redensart, über die Cecile ausser sich ge- räth, „es ist so liochmiithig", sagt sie). Sie hat sich von ihrer Krankheit gut erholt und sieht wieder gesund aus, auch die Kinder sind wieder braun und prächtig. Nach meinem tollen, allertollsten Leben in England (denn es ist noch niemals so arg dort zugegangen wie in dieser Saison), nachdem ich keine Nacht vor halbzwei zu Bett gekommen war, drei Wochen voraus keine freie Stunde an keinem Tag hatte, nachdem ich in den zwei Monaten mehr hatte Musik machen müssen als im ganzen übrigen vergangenen Jahr, — da thut das Sodener Leben, Essen und Schlafen ohne Frack, ohne Klavier, ohne Visitenkarten, ohne Wagen und Pferde, aber auf Eseln, mit Feldblumen, mit Notenpapier und Zeichenbuch, mit Cecile und den Kindern, doppelt wohl. Die letzten Nachrichten von Paiü's und Fanny lauteten auch ganz gut; welche Freude ist das Töchterehen für uns Alle! Ich wette, es giebt auch noch Geschwister für das Kind und Neffen für uns; darüber will ich noch mit Dirichlet das Nähere besprechen. Herr Babbage hat mir eine Broclitire für ihn mitgegeben, sie ist hier in Soden und handelt von der analytischen engine; er giebt unglaublich grosse Soireen mit indischen Prinzen, Herrn von Gerlach, wunderschönen Frauen, Lord Ossulstone und mir. Kann man solch einen Brief nach Mailand an das Sposalizio schicken? Nein, aber an Dich daselbst poste restante; bekomme ihn in Heiterkeit und Wohlsein, sag' all den Deinigen unsere herzlichsten Grüsse, und besuch uns im Taunus oder in Frankfurt (hier sind wir nur eine Stunde davon), da's nun einmal nicht Zweibrücken sein kann. „Sie kann nicht enden" — ich muss aber. Dein Felix." Fanny an Rebecka. Berlin, 29ten Juli 44. „Heut erhielt ich Deinen lieben Brief vom zwölften, indem Du wie die Heiden trachtest, was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? und habe somit 330 Reise- und Heimathbriefe. zwei zu beantworten, nämlich auch den sehr schönen von Hensel's Geburtstag. Es freut mich sehr, dass ich Deine meisten Kommissionen schon auswendig gespielt habe, wie ich Dir sogleich berichten werde. Vorerst muss ich nur bemerken, dass ich es äusserst pfui von Euch finde, dass Ihr erst Ende September wiederkommen wollt, wo Kuckuck wollt Ihr Euch denn noch so lange herumtreiben? Ich dachte, einmal aus Horn, würde das geliebte Vaterland ziehn, es scheint aber nein! Dass Du See badest, billige ich höchlich. Ein Musikfest in Deutschland kannst Du jedes Jahr haben, ein Seebad in Sor- rent schon weniger; von den Seebädern dort schwärmt Hensel noch immer, er behauptet, Menschenfleisch noch nie in einer ähnlichen Verklärung gesehn zu haben, als in jenen Grotten, und doch war es nur Kopisch's Menschenfleisch, was er sah. — — Ich glaube, ich habe immer vergessen Dir zu erzählen, was vielleicht schon die Augsburger Allgemeine gethan hat, dass die Antigone in Paris mit immer steigendem Beifall immerfort gegeben wird, und sogar auch schon in den Provinzen. Jetzt soll eine Aeschylei'sche Trilogie an die . Reihe kommen, wie mir wenigstens Bunsen sagt, ich bin aber so modern, dass mir Sophokles zehnmal besser gefällt als Aescliylos, der ist mir zu gruselig. Wenn Ihr jetzt noch die lieisseste Zeit unter Dach bleibt, wird das vielleicht die Folge haben, dass Ihr dann zu Lande zurückkommt, und das wäre mir sehr lieb, denn ich fürchte die See für Dich. Aber dann kommt Ihr ohne Aufenthalt nach Hause, nicht wahr?" Eebecka an Fanny. S o r r e n t, d. 3ten Aug., mit einem Fuss fort. „Ich glaube, Du hast was vom Propheten an Dir, liebste Fanny; wer hat Dir denn gesagt, dass ich neulich auf einer Fahrt nach Capri so elend und noch Tage lang nachher so miserabel war, dass wir die Seefahrt entschieden aufgegeben haben und uns zu Lande bei langsamem Feuer braten lassen werden. Nun ist aber eine schöne Geschichte. In der festen Rückreise bis Rom. 331 Voraussetzung-, zur See zu gelien, haben wir unsern ziemlich knackscliälig-en Wagen in Neapel für hundert und zwanzig Ducati losgeschlagen, und müssen uns also nun von Konstantinopel nach Adrianopel und dann weiter hopeln und popeln bis Berlin. Es ist aber nicht so sehr arg. Angrisanis Nachfolger, Parete, der a deux mains als Post und Vetturin zu brauchen ist, stellt etwas theurer als die Andern sehr gute Wagen, Pferde und Fütterung von einem Ende Italiens zum andern, und Deutschland ist ja in dem Jahr ehre wahre Flickendecke von Eisenbahnen geworden. Schön ist eine Bückreise von Italien doch nicht, ich wollte, wir könnten mit einem Kuck Oberitalien, die Schweiz und den Bhein überspringen und bei Euch sein. Vor Rom grault mir förmlich, und ich umginge es gern, wenn's irgend möglich wäre. Antigone in Paris h'abe ich schon durch die Allgemeine erfahren, es haben sich sogar einige Staatszeitungen bis hierher verirrt. Hab' ich Euch denn nie aus Born geschrieben, wie Antigone in Paris debiitirt hat? Im Atelier des Malers Henri Lehmann unter Direction von Julius Stern. Lehmann hatte für sechsunddreissig Thaler Blumen geliehen, sem Atelier damit dekorirt, halb Paris eingeladen und die Antigone aufgeführt. Das habe ich damals durch den Bruder Lehmann brühwarm erfahren; es soll ein wahres Zauberfest gewesen sein. Bimsen soll ja nach der Allgemeinen die Tri- logie des Aeschylos in eins zusammengezogen haben, zum Schluss wird die Königlich preussisclie Liturgie gesungen. Euer schlechter Sommer betrübt mich, die Neapolitaner nennen diesen liier auch schlecht und können sich in den Betten nicht erwärmen und setzen die Seebäder aus, Du kannst also denken, wie schön das für forestieri oder „Ingresi" ist.*) Rom, den 12ten. Bis hier habe ich diesen Brief mitgenommen, in Neapel war mir's nicht möglich, zu schreiben, das Klima oder die Stadt haben wieder ihren alten Zauber auf mich ausgeübt, dass ich jämmerlich war und weder aus- *) Neapolitanischer Dialect für „Inglesi". 332 Eeise- und Heimathbriefe. gelin noch etwas thun konnte. So bin ich nnn dreimal in Neapel gewesen und habe nicht einmal die Studii gesehn und alle Korallen und Lava angekauft lassen müssen. Gottlob, dass ich's hinter mir habe! Wir sind Extrapost in zwei Tagen hergefahren, haben wenig von der Hitze gelitten, es war immer luftig, in den Sümpfen sahen wir die grün und gelben giftigen Dünste aufsteigen, in Velletri begegneten wir einem heftigen Platzregen, dem ersten seit zwei Monaten, den wir mit Wonne begriissten, das ganze Gebirge und die Campagna fanden wir durch den Regen erfrischt, der Lateran begrüsste uns im glühendsten Sonnenuntergang — Schöneres giebt es doch in der Welt nicht. Kaselowsky war uns bis halb Wegs Albano entgegengekommen, hatte uns Wohnung bestellt, wir wohnen uns grade gegenüber, also im Schatten. Moser fanden wir in der Wohnung, wo er uns seit Mittag erwartete, übrigens reisen wir incognito, es igt auch kein Mensch hier. Ihr habt unterdess schöne Geschichten gemacht, auf Landesvatern geschossen? Kommt Ihr auf die Sprünge? Die Mode ist ja längst in Frankreich und England vorbei. Addio! Auf baldiges Wiedersehri! —" Rebecka an Fanny. Motto: „Ich bin nicht schwarz von Gemüth, obschon gelb an den Beinen. —" Rom, den 22sten August. „Das passt aber eigentlich nicht auf mich, denn ich bin allerdings schwarz von Gemüth, und das kommt davon, dass ich nicht nur gelb an den Beinen, sondern auch an den Armen, im Gesicht, in den Augen, kurz, wo Du willst, bin, kurz, dass ich mir, tun das angenehme Andenken an Neapel vollständig zu machen, eine recht ausgebildete Gelbsucht von da mitgebracht habe, und dass wir darum, sehr verdriesslich, hier festsitzen; gestern hat endlich die Fakultät, Alerz und Caspar, den Ausspruch getlian, in vierzehn Tagen würden wir reisen können. Gott gebe es, ich brenne seit Palermo auf zu Hause. Eebeoka krank in Rom. 333 Das hab' ich aberzieht gewusst, dass die Gelbsucht, lieben der äussern Schönheit, die ich wahrscheinlich unbeschädigt nach Hause bringe, denn die Spuren sollen sehr lange bleiben, eine so sehr fatale und schmerzhafte Krankheit ist, Du glaubst nicht, was ich in den letzten vierzehn Tagen in Sorrent ausgestanden habe; seit vorgestern geht es etwas besser, Mine behauptet, weil sie und die Wirthin mir eine Sympathie beigebracht haben, worin die besteht, darf ich aber nicht wissen. Ein Glück bei allem Pech ist, dass wir hier sind, — unter guten Bekannten, in einem rulligen Hause, wo ich mir mein bischen Essen kann zu Haus kochen lassen, denn ausser einem Brunnen giebt es nur sehr schmale Kost, wo bleibt all mein schönes Fett? Jetzt sind sie Alle so klug, es vorher gesagt zu haben, Alerz versichert, hätte ich ihn vor der Reise nach Neapel könsultirt, so würde er sie nicht zugegeben haben; Caspar ist auch in einem höchst jämmerlichen Zustand von Castellamare zurückgekommen, hat mich aber, trotz meiner Unseligkeit, gestern sehr zu lachen gemacht, indem er mir ganz genau vormachte, wie mir zu Mutlie wäre, er hat auch lange an diesem infamen Uebel gelitten. Ich kann gar nicht ausgehn und befinde mich am erträglichsten lang auf dem Sopha ausgestreckt, so verbringe ich die Zeit in der ewigen Roma, gestern ist's mir wie ein Stein auf die Seele gefallen, dass wir nun zu spät kommen, um Bohnen für den AVinter einzusalzen, und ohne die weiss ich wirklich nicht, wie ich Grossmutter Dirichlet satt kriege. AVenn es noch Zeit ist, so bitte ich Dich flehentlich, opfere Minna und Sophie einen Tag auf, und lass mir einen Scheffel einsalzen. Töpfe, Steine, Lappen etc. müssen sich unter meiner Küchenroba befinden. AVir können jetzt schwerlich vor Ende Oktober in Berlin sein, o pfui, es ist recht eklich, dass die schöne Reise ein so klägliches Ende nimmt. —" ... Fanny an Rebecka. Berlin, den 4ten Septbr. 1844. „Ich habe Dich für viel zu originell gehalten, als dass Du uns Alles nachmachen und nun noch zum Scliluss und 334 Reise- und Heimathbriefe. Ueberfluss wie der arme Sebastian a la limonaäe zu Hause kommen solltest; Du armes Kind! Wie leid tliust Du mir und wie fatal, dass Deine Rückreise nun abermals verschoben worden. Dass Du aber dann noch sechs Wochen dazu rechnest und dass sie Dich nach überstandener Krankheit noch vierzehn Tage da behalten wollen, begreife ich nicht recht. Ich glaube mich übrigens zu erinnern, dass nach der Appetitlosigkeit, die während der Gelbsucht stattfindet, das gerade Gegentheil eintritt und hoffe, Du wirst wieder Fleisch ansetzen, wenn Du welches einnimmst. Lass es Dich nur nicht ärgern, wenn Deine Epidermis etwas angegriffen ist, wir wollen alles auf das südliche Klima schieben. —■ Du findest jetzt Deinen Weg mit alten verwelkten Briefen bestreut. In Zürich schlage ich Dir vor, Mama mit Minna, die am Rhein ist, zurückkommen zu lassen. In Mainz erfährst Du, dass Ernstchen, wie ich hoffe, eine brauchbare Bonne in Gestalt eines netten französischen Schweizer-Bedienten vorfinden wird, in Freiburg habe ich Nachrichten für Euch an Woringen's gerichtet. In Mailand findest Du einen Brief, der, wenn ich nicht irre, zur Zeit der Erfindung der Buchdruckerkunst geschrieben ist und Neuigkeiten aus dem Jahrhundert seiner Absendung enthält, die ich nicht mehr weiss. Noch eine Uebereinstimmung zwischen unsern beiden Reisen ist die, dass Europa wieder dieselben höchst unangenehmen Gesichter schneidet wie damals, und dass England jetzt singt: „Sie sollen ihn nicht haben, den freien Deutschen" — ach nein, Tanger ist ja nicht deutsch und England singt nicht a capella, sondern mit Begleitung von so und so vielen Brummdampfböten; so Gott will werden sie noch einig, ehe es zu spät ist. Aber die Sache sieht bedenklicher aus, denn je. Ach! wärt Ihr doch erst wieder hier, die Zeit wird mir doch recht lang! Und Deine Möbelpolitur wird wieder blind und auf den gewaschenen Sopha setzen sich die Fliegen und der schöne grüne Platz vor Deinem Fenster, der die Aussicht so freundlich macht, wird ja alt und grau, wenn Ihr so lange macht. Gestern hat die Kimstausstellung angefangen; diesmal sind den alten Senatsperrücken, die das Aufhängen und Würgen, Kunst- und Gewelbeausstellung. 335 kurz das Abschlachten der Bilder in jedem Sinn zu besorgen haben, ein Paar jüngere Zöpfchen von Mitgliedern angehängt worden, welche als die rechten braven fünften Räder am Karren denselben noch etwas tiefer desselben Weges geführt haben, den er gewöhnlich zu gehn pflegt. Hensel war gewählt, der Kommission beizutreten, hat es aber abgelehnt, was mir sehr lieb ist, denn obwohl er sich so schon genug ärgert und mit vollem Recht über die Art, wie Dies und Jenes placirt ist, so würde er sich doch noch zehntausendmal mehr haben ärgern müssen, wenn er sich viele Tage lang hätte mit diesen ledernen, mit Kalbshaaren ausgestopften Puppen, die sich Herr Künstler so und so schimpfen lassen, umherbalgen müssen. Und da er eben einmal solche ehrliche Haut ist, so würde er sich nicht, wie diese Herren Ledermänner, begnügt haben, für sich und die Seinigen zu sorgen, sondern sich für jeden Kollegen herumgebissen und gebalgt haben. Das Bild von Riedel ist so ziemlich das Schönste oben, eine schöne kleine Landschaft von Elsasser, Vieles ist noch nicht da. Da Du doch wahrscheinlich, so wie Du zu Hause kommst, darauf brennen wirst, die Merkwürdigkeiten von Berlin in Augenschein zu nehmen, so ist es gut, dass wir dann zwei Ausstellungen haben werden. Die Gewerbeaussteilung ist übrigens sehr amüsant, höchst bedeutend und bringt eine grosse Lebendigkeit hervor. Es sollen zahllose Fremde deswegen hier sein, sehr viele auswärtige Regierungen, Zeitungen u. s. w. schicken Berichterstatter her, zu der Lotterie, welche die Vorsteherschaft aus Gegenständen veranstaltet, die von der Ausstellung selbst gekauft werden, sind zwanzigtausend Loose schon jetzt verkauft, und bei dem Allen ist es ein halb improvisirtes Unternehmen, da die Regierung bei ihren ersten Bekanntmachungen ungefähr sagte: „Wir wollen eine Ausstellung machen, wer sich aber einfallen lässt, etwas dazu herzuschicken, kriegt ein Paar Maulschellen". Ziemlich so einladend waren die Bedingungen. Erst als sie sahen, dass wirklich Niemand schicken wollte, fingen sie an, gute Worte zu geben. Wenn ein solches Unternehmen einmal gehörig vorbereitet stattfinden wird, kann es überaus glänzend werden. Auch 336 Reise- und Heimathbriefe. die gleichzeitige Blumenausstellung, obgleich nicht einmal sehr ausgezeichnet, war von zwölf- bis vierzehntausend Personen besucht. Berlin wird eme grosse Stadt. — Der Wilhelmsplatz ist die schönste Marzipantorte geworden, schauderhaft steif, aber schöne, feste Kieswege, und das ist nicht Etwas, sondern Viel. Ueberhaupt ist Deutschland jetzt wirklich sehr blühend, desto erbärmlicher sieht es aber in den inneren politischen Zuständen aus. Dieser Mensch, der Eichhorn, scheint wirklich jeder freien geistigen Bewegung den Tod geschworen zu haben, vor jeder Maus fürchtet er sich. Gott! was muss der preussisclie Staat für ein erbärmliches Gebäude sein, wenn er wirklich Gefahr läuft, zu wackeln, sobald drei Studenten einen Verein bilden, oder drei Professoren eine Zeitschrift herausgeben. Er ist aber selbst nur ein Werkzeug, leider kommt der Aerger von oben. Das ewige Verbieten, sich in Alles Mischen, Argwöhnen, Vorbeugen ist wirklich jetzt im tiefsten Frieden und bei den ruhigsten Dispositionen der ruhigen Deutschen auf eine Höhe gekommen, die ganz unleidlich ist. —" Verlassen wir auf einige Zeit die Korrespondenz, um Manches nachzuholen, was sich aus den Briefen nicht ergiebt. Mendelssohn's Verhältniss zu Berlin nahete sich im Herbst 1844 der entscheidenden Krisis. Er selbst allerdings hatte sie schon vorhergesehn und war wohl schon bei seinem Fortgang im Frühjahr 1844 fest entschlossen, nicht wieder dauernd dahin zurückzukommen. So erklärt sich auch sehr leicht, was Fanny wiederholentlich in Briefen und Tagebüchern bedauert und was ihr unzweckmässig und schlecht eingerichtet vorkommt; das Weggehen von Cecile und den Kindern, was allerdings unter der Voraussetzung, dass im Herbst die Familie wieder nach Berlin zurückkehren würde, ein reines Räthsel gewesen wäre. Mendelssohn hatte sich im Winter 1843 bis 1844 überzeugt, dass er in Berlin nicht dauernd erspriesslich würde wirken können. Die Verhältnisse waren zu kraus und verschroben; an allen Ecken, karambolirte er mit andern „Ressorts"; bald gab es Reibereien mit der Singakademie, und deren Dirigenten, bald mit der Bühnendirektion, bald mit der Felix verlässt Berlin. 337 hohen Geistlichkeit. Und da sich immer klarer herausstellte, dass diese Hemmnisse nicht zufällige, sondern nothwendig begründet in dem Umstand waren, dass seine Stelle eine künstlich geschaffene war, eingeschoben zwischen andere, die sich breit und naturgemäss entwickelt hatten, so war auch keine Hoffnung vorhanden, dass mit der Zeit die Schwierigkeiten sich vermindern würden; im Gegentheil, je energischer, je gewissenhafter und vollkommener er seinen Platz ausfüllen wollte, desto stärker mussten die Reibungen von allen Seiten werden. So war's denn hei ihm schon heim Weggehn beschlossene Sache, nicht dauernd wieder zurückzukehren. Bestärkt wurde er gewiss in diesem Vorsatz durch die warme, ja enthusiastische Aufnahme in England. Seine künstlerische Wirksamkeit war dort auf den höchsten Grad gesteigert, und dabei wurde ihm Alles so leicht gemacht, nichts von den kleinen Hindernissen, die sich in Berlin so unangenehm fühlbar machten, — der Vergleich fiel allerdings sehr zu Ungunsten Berlins aus. Bestärkt wurde er ausserdem durch die Korrespondenz mit Bunsen über die Komposition der Aeschyleischen Trilogie *), die ihm, wie er am Schluss sagt, aufs Neue bewies, dass seines Bleibens auf so gefährlichem Boden, unter so schwierigen Verhältnissen, nicht sein könne; ein „kühler, zweifelhafter, heimlich verdrossener Arbeiter" wollte er dem Könige nicht sein, und so musste denn der Sache ein Ende gemacht werden. Zu diesem Beliufe kam er am 3 Osten September, nachdem er sich nur denselben Morgen angemeldet, allein nach Berlin. Er stellte dem König abermals, wie im Jahre 1843, den Antrag, sein Gehalt zu vermindern, ihn von bestimmten Leistungen und der Verpflichtung, in Berlin zu wohnen, loszusprechen und ihm nur einzelne Aufträge zu geben. Barauf ging der König ein, das Gehalt wurde auf 1000 Thaler festgesetzt und er war nun wieder frei, liinzugehn, w r o es ihm beliebte, wozu er sich vor der Hand Frankfurt ausersehn hatte. Fanny bemerkt bei dieser Gelegenheit im Tagebuch: „Wenn ich ihn darüber höre, kann ich wirklich nicht umhin, *) Briefe, Bd. II, Seite 401 ff. Die Familie Mendelssohn. II. 22 338 Heise- und Heimathbriefe. ihm Recht zu gehen, seine Motive als durchaus edel und seiner würdig anzuerkennen, aber es ist und bleibt Schade; es ist eine harte Entbehrung für mich, die ich das Glück) in seiner und der Seinigen lieben Nähe zu leben, so sehr genossen habe. Und alle Musik, auf die ich mich so gefreut hatte! Ihn selbst werden wir am Ende kaum weniger sehn, denn wenn er, wie er denkt, ein paarmal im Jahre auf einige Zeit herkommt und dann unser Gast ist, wie jetzt, so geniessen wir ihn allerdings mehr, als wenn er, hier wohnend, doch die meiste Zeit abwesend ist, und den übrigen Tlieil verdriesslicli. Aber Cecile und die Kinder sind nun ganz für uns verloren, und ich habe sie doch gar zu lieb. — Felix ist jetzt wieder überaus liebenswürdig und sein Spiel, glaube ich, herrlicher als je. Der ganze Dilettantenplunder wird Einem wirklich ekelhaft verächtlich , wenn man wieder einmal sieht, was Kunst ist. Wenn ich nicht Alles liegen lasse, so kommt das einestheils daher , dass ich mir, wenn Felix nicht da ist, doch gar nicht so plunderig vorkomme, sondern mich schon mehr achte, dann aber kann ich es meinem Mann nicht zu Leide thun, der ausser sich sein würde. — Wie sie sich hier bemüht haben, vom ersten Dompfaffen bis zum letzten Orchesterdiener, Felix Hemmschuhe anzulegen (freilich mit einigen Ausnahmen), und wie so ganz die kleinen Rücksichten und Gefälligkeiten, an die er überall gewöhnt ist, hier wegfallen, das ist eine lange und unangenehme Geschichte. —" Mendelssohn difigirte noch einige Concerte und musste schliesslich, auf speciellen Wunsch des Königs, noch vierzehn Tage zugeben, um den Paulus noch einmal aufzuführen. In diesen vierzehn Tagen malte Hensel das durch den Stich bekannte Portrait von Felix, welches, ursprünglich für den russischen Obersten Lvoff bestimmt, als es recht ähnlich wurde, von Paul Mendelssohn genommen ward. Fanny an Cecile (tlieilweis). Berlin, den 19ten November 1844. „ Was Dich betrifft, liebe Cecile, so glaubst Du wohl nicht im Ernst, dass ich Dir jemals einen Vorwurf daraus Felix verlässt Berlin. 339 machen würde, dass die Sachen so gekommen sind, wie sie jetzt sind. Dass dazu nichts zu thun war, weiss ich wohl. Oh es mir im Herzen weh thut, ist eine andere Sache, und darüber hast Du wohl auch keinen Zweifel. Was mich aber wirklich überrascht hat, war diese schnelle Auflösung, denn dass Ihr noch diesen Winter hier sein und Eure kaum eingerichtete Wohnung noch bis Ostern benützen würdet, bezweifelte ich nicht. Natürlich, in dem Augenblick, wo ich über Horchheim hörte, Du würdest nicht mitkommen, war mir auch gleich Alles klar. Es ist wirklich traurig, dass das Leben so hingeht, ohne dass man es miteinander geniesst, besonders nachdem so alle Aussicht und Hoffnung dazu war. Bei dieser jetzigen Einrichtung gehst Du und die Kinder mir erstlich ganz verloren, glaube mir, dass ich noch jetzt nicht ohne Thränen daran denken kann, nachdem ich schon soviel daran gedacht, und dass ich Euch viel mehr liebe, als ich aussprechen kann, zweitens glaube ich, das Ganze beruht auf einer Täuschung, so vage, unbestimmte, in der Luft schwebende Verhältnisse können auch nicht von Dauer sein, und ich werde mich nicht einen Augenblick wundern, wenn diese Probe nicht länger dauert, als die frühere. Ich glaube, ich würde mich leichter darin finden, wenn irgend ein wirkliches greifbares Hinderniss vorhanden wäre, aber diese innerlichen Anstösse sind nicht zu überwinden und schwer zu verstehen. Was ist, ist vernünftig, das muss wohl wahr sein, ich kann aber gar nicht einsehen, warum es nicht viel vernünftiger wäre, wenn wir unser Leben zusammen abspinnen, und uns einander alt, und die Kinder jung werden sehen könnten, es wird wohl so recht sein. Du wirst Dich natürlich darüber nicht beklagen, denn Du bleibst vor der Hand bei Deiner Mutter, der ich es denn auch von ganzem Herzen gönne, und mich mit ihr freue. Felix wird Dir wohl seine Notli geklagt haben, dass Hensel ihn malt, er findet sich aber ganz leidlich in dies Unglück. Ich muss ihn überhaupt bewundern, wie er sich bei der Trennung von Euch in guter Laune erhält, und wie liebenswürdiger ist. Ich wollte nur, er hätte sich und uns nicht dieses Opfer auferlegt." 22* 340 Eeise- lind Heimathbriefe. Am 30 sten November verliess Felix Berlin, nachdem die Paulusaufführung sich noch zu einer Art Abschiedsfest gestaltet hatte. Nach der Generalprobe brachten ihm nähere musikalische Bekannte ein sehr hübsches Ständchen, das mit „Es ist bestimmt in Gottes Rath" schloss; nachher gab es, wie Fanny schreibt, „Butterbrod und Baumkuchen und Punsch, und Lustigkeit und viel Thränen, alles durcheinander." In der Aufführung war Alles bis auf die äussersten Winkel dicht besetzt, das ganze musikliebende Publikum Berlins hatte sich eingefunden, Alles war bewegt und betrübt über sein Fortgehen, während doch Alles oder fast Alles dazu beigetragen hatte, dieses Fortgehen herbeizuführen. Mendelssohn musste seine Reise sehr beschleunigen, denn er bekam die Nachricht, dass sein jüngstes Kind, der kleine Felix, der schon die Masern am schwersten durchgemacht hatte, in Frankfurt heftig erkrankt sei. Das Kind erholte sich nach banger, sorgenvoller Zeit zwar wieder, war aber nie recht gesund und starb früh, wenn auch erst nach des Vaters Tode. Als die ersten Krankheitsberichte aus Rom von Rebecka ankamen, schienen ernstliche Besorgnisse ungerechtfertigt. Allerdings standen die Dinge schlimmer, als man ahnte. Die Krankheit, an welcher Rehecka litt, war die Schwarzsucht, eine höchst potenzirte Gelbsucht, die gewöhnlich einen tödt- lichen Ausgang nimmt. Zugleich war sie seit Sorrent in anderen Umständen, ohne dass dies erkannt worden wäre; im Gegentlieil, läugneten die römischen Aerzte ganz entschieden diese Möglichkeit und kurirten auf Gelbsucht allein, wodurch sie der Kranken die entsetzlichsten Qualen bereiteten. Indess war das Alles noch zu ertragen, so lange Dirichlet's in Rom bei Bekannten wohnten und, von Freunden umgeben, die Nachtheile der Fremde nur halb fühlten. Da aber trat eine höchst unglückliche Complication der Verhältnisse ein: Dirichlet erkrankte sehr heftig an dem schnell dahinraffenden römischen Fieber. Die Aerzte bestanden auf sofortiger Luftveränderung, und so wurden sie krank von Kaselowsky eingepackt und nach Florenz begleitet. Von dieser Reise hat Rebecka stets vermieden, zu sprechen; auch in den Briefen gleitet sie über die Beide Dirichlets krank. 341 erlittenen Schrecken nur leise hin; doch sagte sie später einmal mit Schaudern, dass sie dem Wahnsinn nahe gewesen sei, und keinem Menschen schildern könne, was sie in jener Zeit gelitten. In Florenz blieben sie liegen, denn Diriclilet's Zustand verschlimmerte sich. Kaselowsky blieb einige Wochen dort, mietliete eine Privatwohnung, musste aber, als er sie in dieser etablirt hatte, wieder nach Born zurück. "Nach Berlin schrieb Bebecka in dieser Zeit nur kurze, wenig erklärende Briefe; namentlich erwähnte sie ihrer eigenen sehr bösen Krankheit und des Zustandes, in welchem sie sich befand, gar nicht, so dass die Familie monatelang nicht recht wusste, woran sie war. Unterdessen liefen von andern Seiten, wie es bei solchen Gelegenheiten zu gehn pflegt, allerlei widersprechende Nachrichten ein, bald der beunruhigendsten Art, bald doch auch wieder viel bessere; die Ungewissheit, das Hin und Her, dauerte fort. Fanny gab sich alle Mühe, ruhig und heiter klingende Briefe nach Florenz zu schreiben, obgleich die Aufzeichnungen im Tagebuch ganz anders lauten. Und als sei es an den schon vorhandenen Gründen der Angst und Sorge nicht genug, erkrankte Ende Oktober das Töchterchen von Paul sehr heftig und war mehrere Tage aufgegeben. Und gerade in dem Moment der höchsten Angst um das Kind kam der Absagebrief von Dirichlet, sie miissten seiner Krankheit wegen den Winter noch wegbleiben! — Es wurde nun sofort mit seinen Freunden berathen, was zu thun, wie namentlich schwere pekuniäre Opfer von ihm abzuwenden seien. Hierbei zeigte sich vor allen Jakohy als treuer, zuverlässiger Freund; er übernahm ohne irgend welche Entschädigung die Hauptvertretung für Dirichlet an der Kriegsschule und Universität, so dass wenigstens nicht zu den bedeutend gesteigerten Ausgaben noch erheblich geschmälerte Einnahmen kamen. Ein sehr beunruhigender Brief von Kaselowsky, den er gleich nach seiner Bückkehr nach Born an Fanny Hensel geschrieben hatte, steigerte die Besorgnisse und brachte den Entschluss, auf alle Fälle zur Hülfe hinzureisen, zur Eeife; ein Entschluss, der vollkommen befestigt wurde durch die erste genaue Kunde 342 Reise- und Heimathbriefe. von Rebecka's Zustand, die durch einen Brief der Köchin an ihre Freundin nach Berlin kann Nun war der einzuschlagende Weg (wenn sich die Nachricht bestätigte), klar, und Fanny schrieb daher sofort, verlangte ganz genaue Nachricht über Alles, und schloss folgendermassen: „Ich mache Dir heut' im Verein mit Hensel folgenden Vorschlag. Unser Hinkommen zu Euch, im Fall Eure Krankheiten es wiinschenswertli gemacht hätten, war keine flüchtige Anwandlung, sondern ist unsäglich erwogen, mit den Brüdern hin und her besprochen und allerseits gut geheissen worden. Tagelang haben wir darüber zugebracht und Nächte nicht geschlafen. Für Hensel wäre eine solche Reise kein Querstrich, eher das Gegentheil, da er mehrere italiänische Bilder zu malen hat; dass es Sebastian nicht schaden würde, darüber ist auch Alles einig, Diriclilet würde ihm wohl im Latein etwas nachhelfen können, und wenn er ein Jahr später eingesegnet wird, schadet das nichts. Nun kommt aber die Hauptsache: Eure Gesundheit scheint, Gott sei Dank! ein schleuniges Kommen nicht mehr zu erfordern, bist Du aber wirklich gesonnen niederzukommen, so wäre es Dir vielleicht lieb, mich da zu haben (ich bin so frei, mir das einzubilden), und dann schreibe uns ein Wort, bestimme möglichst genau die Zeit, damit wir uns die möglichst wenig unbequeme zum Reisen aussuchen können, und wir machen uns auf und helfen niederkommen und taufen. Wünschenswerth wäre es freilich, dass Ihr dann nachher nicht die schrecklichste Eile nöthig hättet, zu Hause zu kommen, denn sind wir erst einmal so weit, so möchten wir uns auch wohl noch ein Wenig (nicht lange) umsehn; und mit oder vor Dir wieder hier sein müssen wir auf jeden Fall. Du siehst, es kommt Alles auf eine prä- cise Antwort auf diesen Brief an. Möglich aber, dass die ganze Sache eine Pliantasmagorie ist, und an gar kein Kind zu denken ist, und dass Ihr uns mit dem ersten Frülilingswind frisch und froh hergeweht werdet, und das wäre freilich das Beste. Nur Rückhalten, siehst Du, geht nicht mehr, also bitte, schenke uns klaren Wem ein. Ist es Dir selbst zu beschwerlich, Dirichlet zu langweilig, Walter gar unmöglich, so Anerbieten zur Hülfe zu eilen. 343 lass Mine erst eine Gans rupfen und dann ihren Kiel führen, sie ist ja dessen mächtig', und auf eine oder die andere Art lass mich Genaues wissen. —• Was mich betrifft, so kannst Du glauben, dass die Winterreise mir kein Opfer und kein Hinderniss sein würde, um Dich früher wiederzusehen, und Dir vielleicht nützlich sein zu können, und Hensel denkt ebenso und hat Dich wohl beinahe so lieb als ich. Gestern, an meinem Geburtstag, war die zweite Sinfonie- Soiree, die letzte, die Felix dirigirt hat, und worin die c-moll von Beethoven, Coriolan und Euryanthe sehr schön gegeben wurden. Nachher ging es mir schlecht, es stürzten so viele Bekannte auf mich zu und bejammerten mich, dass Ihr nicht kämt, und Felix wieder ginge, dass ich meine etwas lose sitzenden Thränen nicht halten konnte, und mich schrecklich in Acht nehmen musste, keine Scene zu machen! — Fange auch wieder an, mir Ernstgeschichten zu schreiben, ach! so kinderlos bin ich lange nicht gewesen, denn mein langer, mir über den Kopf gewachsener Junge ist kaum noch ein Kind, aber ein lieber, guter, angenehmer Burscli. Adieu, mein geliebtes Herz, wann werden wir einmal so au fait über Euch sein, dass wir nicht mehr jedem folgenden Brief mit der ängstlichsten Spannung entgegensehn? —" Innerlich war Fanny, als sie diesen Brief schrieb, schon ganz auf die Reise vorbereitet, jetzt machte sie, während sie die Antwort erwartete, auch alle äusseren Vorbereitungen; ebenso Hensel. Dieser hatte ein Bild für eine Engländerin schon vor längerer Zeit übernommen, eine römische Scene, das er in Italien auszuführen beschloss. So harrten nun Alle begierig der entscheidenden Antwort aus Florenz, die Mitte Deeember eintraf: Rebecka an Fanny. Florenz, den 25sten.November. „Ich weiss zwar lange, wie wir miteinander stehn, und dass ich's ebenso machen würde, aber jede neue Bestätigung Deiner Liebe rührt und erfreut mir doch das Herz auf's Neue. So Dein gestriger Brief, dass Ihr Euch entschlossen habt, im 344 Eeise- und Heirnathbriefe. Winter die grosse Reise zu machen, um mir Trost und hoffentlich Glück zu bringen. Zum ersten Male freue ich mich nun beinahe über meine wahrscheinliche Lage, denn recht gewiss kann ich noch immer nichts entscheiden, sonst hätt' ich's Euch ja lange geschrieben, anstatt Euch über meine Krankheit zu ängstigen. Dirichlet hat Felix eine Relation meiner ganzen Krankheit geschickt, ich will Dir in aller Kürze noch einmal die gräuliche Geschichte erzählen, überlegt dann selbst, wie viel Aussicht zu einer fröhlichen Kindtaufe ist, sowie den grossen Entschluss, mitten im Winter als Krankenwärter von Berlin nach Florenz zu reisen." (Folgt ein Bericht, der im Wesentlichen das oben Erzählte enthält.) — — „So befinde ich mich nun in dem Fall, den ich immer für unmöglich gehalten habe, nicht zu wisssen, ob ich seit wenigstens fünf Monaten in andern Umständen bin, oder nicht. Gestehe, dass dies allerdings eine kuriose Geschichte ist; was ich gelitten habe, das schreibt sich nicht, das sagt sich kaum. Dass ich alle diese Zweifel, dieses nicht -— doch — diese verrückte Reise nicht so ruhig ertragen habe, als ich jetzt davon schreibe, sondern vielmehr Agitato ma troppo , und auch zu Zeiten Furioso ma non tanto, das kannst Du wohl denken! — Geht Alles von jetzt an gut, so rechne ich auf die Katastrophe spätestens Anfang April. Ich werde mich so ruhig als möglich halten, es kann vielleicht noch Alles besser werden, als ich denke, und welch ein Trost, welche Hülfe Du mir in jedem Falle wärest, das kann ich nicht ausdrücken. Ich fange jetzt an zu begreifen, dass Ihr vielleicht herkommt, zuerst konnte ich den Gedanken gar nicht klein kriegen, und fange an, mich rasend auf Augenblicke zu freuen. Heut Nacht wachte ich auf und ging in Gedanken Hensel's ganzen Esskatechismus durch; ich weiss ihn noch sehr gut und kann alle Artikel pünktlich befolgen, also vielleicht auf Wiedersehn in Florenz, ich fange an zu hoffen." Fanny an Rebecka. Berlin, den 13ten December 44. „Mein liebes Beckchen, da habe ich nun endlich einmal Wird angenommen. 345 Dein pater peccavi. Warum dies nicht schon längst erfolgt ist, warum Du uns nicht wenigstens die Möglichkeit hast durchblicken lassen, davon wollen wir nicht weiter reden, da ich mir zu einer neuen Lebensregel gemacht habe, über geschehene Dinge kein Wort zu verlieren, genug, die Fabel kehrt sich um, Apollo flieht und Daphne setzt ihm nach, Ihr könnt nicht kommen, also werden wir kommen und falls nicht ganz unberechenbare Kunden von Euch (denn bis jetzt war noch alles unberechenbar, was in den letzten drei Monaten geschehen ist), oder ganz unvorhergesehene Ereignisse uns abhalten, so denken wir zwischen Weihnachten und Neujahr aufzubrechen, so dass also eine Antwort auf diesen Brief uns nicht mehr liier treffen würde. Kaselowsky wird wohl dort sein*) und ein wenig nach einer Wohnung sich umsehen, conditio sine qua non ist natürlich möglichste Nähe, sonst braucht sie wenig Eigenschaften zu haben, denn ich nehme mir vor, nicht viel zu Hause zu seüi und desto mehr bei Dir. Hensel wird malen, er bringt ein angefangenes Bild mit (dafür wird Kaselowsky wohl auch Rath wissen) und Sebastian, nun, der kriecht wohl unter. Dagegen wünschen wir nicht,' dass Ihr eher mietliet (es miisste denn ein ganz besonderes Paradies verloren gehen), als bis nach meinem nächsten Brief, der hoffentlich den Tag unserer 'Abreise bestimmen wird. Möglich, dass sich auch nach Weihnachten das ganz entsetzliche Bärenwetter ändert, das wir seit vierzehn Tagen haben, selten ist doch ein ganzer Winter hier so übermässig streng. Also Beckchen, halte Kriegsspiel und Mühle in Bereitschaft, schaffe entsetzlich viel zu essen an, stelle drei Stühle mehr an's Kamin, denn wir kommen. Hörst Du? Wir kommen. Wenn Du's nicht glaubst, so wirst Du's sehen. Und das ist diesmal mein Weihnachtsgeschenk an Dich; hoffentlich kommt dieser Brief gerade zu Weihnachten an. Hensel grüsst, in Erwartung baldigen Sprechens wird ihm das Schreiben noch schwerer als sonst *) Derselbe war nach Besorgung seiner nothwendigsten Angelegenheiten mit einem zu malenden Bilde wieder nach Florenz geeilt, um Dirichlet's dort behiilflich zu sein. 346 Reise- lind Ileimatlibriefe. und ebenso wird es mir. Gebe Gott, das alles nach Wunsch gelingen und wir alles bei Euch gut und vortrefflich finden mögen. Grösse Mann, Kinder und Kaselowsky. Hätte ich mir nicht zur Regel gemacht, keine „hätte" und „wäre" mehr zu sagen (eine Kegel, von der ich mir jeden Tag einige Ausnahmen gestatte), so würde ich wie ein Kachelofen seufzen, dass Ihr nicht in Rom geblieben seid; da wären wir wie zu Hause, o Rom, mein Rom! und in Florenz sind wir die Mädchen aus der Fremde. Sprich mir nur niemals mehr von Deiner Gesundheit; wenn nach Allem was vorgegangen, Alles jetzt gut geht, so hast Du eine so unerhörte Pferdenatur, wie sie, glaube ich, nicht oft vorkommt. Es gehe und werde Alles gut! —" Felix an Rebecka. Frankfurt, den lOten Januar 45. „Liebe Schwester! diese Zeilen bringt Dir Fanny. Damit ist schon gesagt, welche Zeit zwischen unsern letzten Briefen liegt. Fanny wird Dir erzählen, in welchen schweren Sorgen wir die letzten Monate zugebracht haben; da tauge ich wenig zum Briefschreiben und wollte Dir auch zu Deinen vielen ernsthaften Besorgnissen nicht noch die meinigen aufbürden. Gott sei Dank! es geht, wenn nicht alles täuscht, mit unserm lieben, kleinen Kindchen zur Besserung; der Arzt sagt es, der Augenschein lehrt es und wir dürfen wieder hoffen. Dafür danken wir dem Himmel täglich und stündlich. Cecile hat der Sommer in Soden, wie es scheint, ganz wieder hergestellt; sie ist wohl, sieht munter und blühend aus und hat mich in den schweren Tagen gleich nach meiner Ankunft (wo das Kind schon verloren schien) durch ihr liebes, stilles, gutes Wesen aufrecht gehalten, sogar erheitert. Die drei ältesten Kinder gedeihen nach Wunsch. Carl lernt, Marie näht, Paul tobt, dass ihnen und uns der Kopf kracht. Ich denke, Du würdest Freude an ihnen haben. Ich selbst bin, wie Du mich kennst, nur was Du nicht an mir kennst, dass ich seit einiger Zeit das Bedürfniss nach äusserer Ruhe (nach Felis an Rebecka. 347 Nicht-Reisen, Nicht-Dirigiren, Nicht-Aufführen) so lebhaft empfinde, dass ich ihm nachgeben rnuss, und so Gott will, meine Lebenseinrichtung in dem ganzen Jahr darnach zu treffen gedenke. Daher ist mein Wunsch, Winter, Frühjahr und Sommer hindurch hier ruhig zu bleiben, sans Reise, sans Musikfest, sans every tliiny und wenn wir nicht der Gesundheit wegen in ein Taunusbad müssen, so wird auch das schwerlich geschehen. Deshalb habe ich schon alle Einladungen der Art ausgeschlagen (darunter eine, die mir ausserordentlich schmeichelte, nach New-York zu einem Musikfest). Das ruhige einförmige Leben ist mir den Sommer in Soden so lieb geworden und die Tage, an denen jetzt mit dem Kinde sich Besserung zeigte und wir wieder freier athmen konnten, haben mir wieder so wohl getlian, dass mir jene Absagungen wahrlich kein Opfer waren, und dass ich eigentlich glaube, zu solch einer stillen ruhigen Existenz geboren zu sein. Wenigstens fühle ich mich dann gesünder und ileissiger, und mehr an meinem Platz, als sonst wo. Dass ich die Berliner Stelle aufgeben musste, hat Dir Fanny geschrieben. Es war mir nicht möglich, mit gutem Gewissen an der Spitze eines öffentlichen Musikwesens zu bleiben, das ich für schlecht halte, und zu dessen Besserung die Macht nicht in mir, sondern dort allein in dem Könige liegt, der freilich an andere Sachen zu denken hat. Mündlich mehr davon, so viel Du nur irgend wissen und still halten willst. Und lass uns in dem neuen Jahre hier am Rhein wieder zusammenkommen; froh und glücklich und unverändert, das gebe der Himmel! Fanny wird Dir meine Idee vom Familien- Kongress am Rhein erzählen; Paul kommt gewiss; denkt daran, Gott lasse es gelingen. Auf frohes Wiedersehen, liebe Schwester!" Dein F elix. Wiedersehen in Italien. Um einige Tage wurde die Abreise aus Berlin verschoben durch den ersten Anfall eines Uebels, das Fanny an demselben Tage befiel, an dem sie ihre Absicht zu reisen gemeldet hatte. Es bestand in heftigem unstillbaren Nasenbluten, was„ Tag und Nacht ununterbrochen bis zu 36 Stunden dauerte, und für die Umgebung etwas sehr Aengstliclies hatte. So sehr ihre Angehörigen diese Anfälle fürchteten, so hat sich doch schliesslich gezeigt, dass sie eigentlich keine Krankheit waren, sondern eher das Gegentheil. Nach Weihnachten legte sich die grosse Kälte, und am 2ten Januar 1845 fuhren Hensels per Eisenbahn nach Leipzig, von da Extrapost im eigenen Wagen. Bis München machten sie starke Tagereisen, den zweiten und dritten Tag bis Mitternacht, in München fanden sie beruhigende Briefe vor, und beschlossen daher,, da im Gebirge bei Nacht und Glatteis das Fahren gänzlich unthunlich war, kleinere Tagereisen zu machen. Durch Tyrol über Insbruck und Bötzen war das Wetter ebenso günstig. Sie wählten den Brenner-Pass als den niedrigsten und gefahrlosesten; eine halbe Stunde leichten Schnees, des einzigen, den sie auf der ganzen Reise hatten, störte nicht; ein wunderbar herrlicher Anblick aber waren die in ungeheueren Eismassen in den phantastischesten Formen von den Bergen herabhängenden gefrorenen Wasserfälle. Die ganze grossartige Gebirgseinsamkeit sieht noch grossartiger und einsamer aus als in der guten Jahreszeit. Ueber den Brenner im Januar. 349 Mit der Fahrt über die Alpen war das Schwerste, das Einzige, was eigentlich gefährlich an der Reise hätte sein, können, überstanden. An der päpstlichen Grenze machte man Schwierigkeiten — weil das Visa des päpstlichen Nuntius in München auf dem Pass fehlte, und es bedurfte zweistündiger Verhandlungen, um die Erlaubniss, bis Bologna zu fahren, auszuwirken, wo die Reisenden gegen Mitternacht, überhungert und übermüdet, ankamen. Hier musste Hensel, ehe er etwas genoss, in der Nacht zum Polizeidirektor, um die Erlaubniss, am andern Tage die päpstlichen Staaten wieder zu verlassen, auszuwirken. Als der Wagen im Dunkel der Nacht in Bologna einfuhr, schienen die Strassen auf beiden Seiten wie mit hohen Mauern weiss schimmernd besetzt — es war Schnee, der acht Tage vorher so reichlich gefallen war, dass die ganze Kommunikation unterbrochen war. Ein solcher Schneefall in den Alpen hätte die ganze Reise unmöglich machen, und jedenfalls zum Umweg über Frankreich zwingen können. Von Bologna eilten Hensels über den Apennin, übernachteten zum letzten Mal vor dem Wiedersehen in Cavigliaja, und fuhren Sonntag, den 19ten Januar nach Florenz hinab. Ueber Rebecka erschrak alles im ersten Augenblick sehr, so übel sah sie aus, und so entstellt waren ihre Züge. Auch hatte sie eben erst die letzten Anmeldungszeilen aus Verona bekommen, und war sehr aufgeregt. Dirichlet war auch sehr verändert, jene eigenthümliclie Fieberfarbe liess ihn elend aussehen. Sehr bald organisirte sich nun aber ein behagliches Leben. Die Henselsche Wohnung lag der Dirichlet'schen gerade gegenüber, so dass sie sich über die Strasse „guten Morgen" zurufen konnten, und sich auf Deutsch ohne Gefahr die grössten Geheimnisse hätten mittheilen können. Rebecka sammelte in guter Pflege schnell meue Kraft, so dass sich Alles über Erwarten freundlich gestaltete, nur musste leider Hensel die Seinigen bald verlassen. Alle Versuche, sich Kostüme oder brauchbares Modell zu verschaffen, schlugen fehl, und so machte er sich schon nach wenigen Tagen auf und ging allein 350 Wiedersehen in Italien. nach Rom, um dort zu malen. Die Zurückgebliebenen lebten indessen ruhig und in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Ein Klavier, das Rebecka gemiethet hatte, um, wie sie sagte, das Angenehme mit dem Angenehmen zu verbinden, vermehrte die Behaglichkeit sehr und verschaffte ihr lange entbehrte Genüsse. Felix an die Schwestern. Frankfurt, d. 29sten Januar 45. „Nun schreibe ich Euch Doppelbriefe, seit lieut früh die sehr willkommene Botschaft vom 21sten hier ankam. Gottlob, liebe Fanny, dass Du uns beruhigende Nachrichten geben konntest. Seit ich nun Euch Hensels in Florenz weiss, ist mir wieder viel ruhiger, einfacher und natürlicher zu Hutli; es ist wolil wahr, dass Einer dem Andern in allen Hauptsachen nichts helfen kann (das kann der liebe Gott ganz allein), aber die vielen Nebensachen sind eben so verzweifelt wichtig, dass auch eüie Hauptsache daraus wird — und dann betrachte ich Euch jetzt als eine Reisegesellschaft, — und denke, dass Ihr manche vergnügte Stunde dort haben müsst, — und hoffe auch für Euch eine vergnügte, glückliche Rückreise •— und sehe wieder mit recht viel Zuversicht und Hoffnung der Zukunft entgegen, seit ich Euch wieder zusammen weiss. Gottlob, ich kann Dir von uns recht gute Nachrichten geben; der Kleine hat sich seit den letzten drei Wochen sehr merklich gebessert, wir dürfen wieder Hoffnung und Muth fassen und danken Gott täglich und stündlich dafür. Ich habe den dummen Streich gemacht, die letzten vierzehn Tage recht ernstlich unwohl zu sein, daher geht es mit meinem Briefschreiben noch ziemlich schlecht; ich kann jetzt eigentlich nur essen, trinken und schlafen, um das Versäumte wieder nachzuholen. Seit vier Tagen bin ich als geheilt entlassen, gehe spazieren und will sogar Freitag auf einen Ball gelin; Cücile lässt sich ein weisses Kleid dazu machen mit Rosen; und kurz, wenn ich durch Braten und Wein und Schnarchen Alles das wieder gewonnen habe, was ich in Seufzern und Klagen und Felix an die Schwestern. Häusliches aus Florenz. 351 Fluchen ausgehaucht habe, so ist bei uns Alles beim Alten und Alles munter. Wie sehr Cecile Euch grüsst, das wisst Ihr wohl; sie bleibt bei ihrem alten Satz, den sie mir neulich nach Berlin schrieb: „Fanny und Beckchen gehören zusammen", und ich neige mich auch sehr zu dieser Meinung. — Ich soll Euch von unserm Leben hier schreiben ? Morgens früh arbeite ich immer, um zehn setzt sich Carl auf eine Stunde zu mir und liest und rechnet, Nachmittag um fünf versuche ich ihm allerlei orthographische und geographische Begriffe beizubringen — ich nmss aber eine andere Natur haben als Du; während Du beim Griechischen findest, dass Du eigentlich nichts vergessen hast, finde ich bei meinen Lektionen, dass ich nichts behalten habe. Marie lernt die C-dur-Tonleiter. Sogar die wusste ich nicht mehr recht und liess sie beim vierten Finger untersetzen, bis Cecile dazu kam und ausser sich war. Nun lebt wohl, Ihr lieben Schwestern; Du, liebe Fanny, sage mir, wie es eigentlich mit der Zeitrechnung steht, die uns jetzt Alle beschäftigt. —" Wie aber Alles bei dieser Geschichte unberechenbar gewesen war, so sollte es auch diese Zeitrechnung sein. Die Katastrophe wurde Anfangs April erwartet. Am 13ten Februar aber stellten sich die deutlichsten Anzeichen ein, dass der entscheidende Augenblick gekommen sei, und zwar ging Alles so schnell, dass kaum die notlidürftigsten Anstalten gemacht werden konnten. Eine Stunde lang wartete Fanny mit wahrer Todesangst auf den Arzt, und fast mit ihm zusammen erschien Florentinchen (denn mit diesem Namen war das erhoffte Mädchen schon lange, ehe es da war, bezeichnet worden) lebendig und gesijnd am Licht der Welt. Die Ueberraschung, die Freude, aber auch die Verwirrung der ersten Augenblicke war unbeschreiblich. Die von Berlin geschickten Kindersachen waren noch nicht da und es fehlte buchstäblich an Allem. Am andern Tag hatte Fanny alle Hände voll zu thun, das noth- wendigste Zeug für das Würmchen zu machen und anzuschaffen, Briefe nach allen Seiten zu schreiben und die Mahlzeiten einzurichten. Wunderbarer Weise war Kebecka wie mit einem Schlage von allen ihren Leiden befreit und so wohl 352 Wiedersehen in Italien. und vergnügt wie möglich. Nach einigen Tagen kamen nun die erfreuten und überraschten Antwortbriefe, zuerst aus Rom, später von allen andern Seiten; es zeigte sich jetzt, das eigentlich Niemand an die Möglichkeit eines lebendigen, gesunden Kindes gedacht hatte. In einer Beziehung war für Hensels die bedeutend verfrühte Geburt des Kindes sehr wichtig. Fanny beschloss, ihres Mannes Ankunft in Florenz nicht abzuwarten, sondern, als Alles auf das Vortrefflichste ging und Flora am 12ten März getauft war, am löten nach Rom nachzureisen und noch einige Wochen römischen Aufenthalts mitzunehmen. Sie und ihr Sohn fuhren mit der Diligence über Siena. In Rom angekommen, erfuhren und sahen sie zu ihrem grossen Schrecken, dass Ilensel eigentlich die ganze Zeit recht ernstlich krank gewesen war, sein Leiden aber beharrlich verschwiegen hatte, um seine Frau nicht zu ängstigen und zu voreiligem Verlassen der Krankenpflege in Florenz zu bewegen. Jedoch arbeitete sich seine gesunde Natur wieder durch, und da sah auch die Welt gleich ganz anders aus, und Fanny, die während der Krankheit recht niedergeschlagen gewesen war, schrieb an Rebecka auf einem Bogen, der vorne eine allerliebste Randvignette von Geyer und folgendes Gedicht von Hensel trägt: Tausend Blumen auf den Fluren, Sommerwarm und thauerfrischt, Bleichen Winters letzte Spuren Hat ein linder Hauch verwischt. Rings im Grün der Vögel Feier Ob des Lenzes Wiederkunft, Und die Seele stimmt die Leier Zu des Waldes Liederzunft. Alle Sorgen, alle Schmerzen Sind verweht und abgethan: Offen stehn die seel'gen Herzen Um den Frühling zu empfahl!. Bom. 353 „Auf diesem allerliebsten Frülilingsblättchen sollst Du aucli nichts als angenehme Nachrichten zu hören bekommen. ■Gesundheit, schönes Wetter, Alles ist auf einmal wiedergekehrt, und es hat mich ordentlich lachen gemacht, dass Du in Deinem gestrigen Brief für Rom besorgt bist, dass es mir nicht gefalle. Der alte Junge schafft sich schon Recht, und gestern und vorgestern haben wir hands geshaket und Frieden gemacht. Nun muss ich mich aber noch eigens über meine bisherige Missstimmung bei Dir entschuldigen. Hensel's Krankheit, die ein paar Mal recht bedrohliche Gesichter schnitt und mir gleich den Eintritt so verbitterte, schlechtes Wetter, Mangel an weiblicher Bedienung, der mir im ersten Augenblick sehr empfindlich war, woran ich nun aber ganz gewöhnt bin, und Dir sehr schöne Geschichten davon mündlich liefern werde, eine Wohnung im Verhältniss zu unsrer Florentiner so gross, dass sie mir erst wüst vorkam, bis ich nun auch diese Dimensionen gewohnt worden bin, und sie sehr schön finde, wie sie auch wirklich ist. Auch die Strasse war mir erst unheimlich, und jetzt bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, dass sie von der Natur dazu bestimmt ist, eine der schönsten Roms zu werden (Nicolo di San Tolentino), wäre ich Spekulant, ich kaufte alle die Löcher und führte schöne Häuser da auf, und kein Fremder würde wo anders wohnen wollen. Die Lage ist gut, dicht am Pincio und an Fontana Trevi, die elegante Passage geht den ganzen Tag an uns vorüber, nach Porta Pia, es fehlen nur Wagen auf Piazza Barberini, und die Sache ist abgemacht. So wahr ist es, dass dieselben Dinge schwarz und weiss sind, je nachdem man sie betrachtet. Bei uns sieht es endlich aus, wie bei Leuten, die die schönen Künste treiben; ein Flügel steht da, ungestimmt, steht einen halben Ton zu tief, und klingt wie eine Pelzmütze auf einer Friesdecke, und was besser ist, Hensel hat heut angefangen zn malen, Vormittags Modell gehabt, und hat es Nachmittags wieder bestellt, und es geht gut und greift ihn nicht an. Die Modellwirth- scliaft ist jetzt übrigens liier so arg als möglich, Chiaruccia ist bis Ende Mai alle Tage besetzt, Mariuccia gar schon auf den Januar vergriffen, eine andere -uccia will mit, dem Wagen Die Familie Mendelssohn. IT. 23 354 Wiedersehen in Italien. abgeholt sein und bekommt noch ausserdem zwei Scudi für den Tag, kurz, die schönsten sind nicht zu haben. Auch meinem Kiliban muss ich die grösste Ehrenerklärung liefern; er thut alle Arbeit, die bei uns in Berlin Heinrich, Sophie, die Colberg mit vieler Nachhilfe von Minna liefern, ganz allein, hat das Essen pünktlich halb zwei fertig, hält die Zimmer und Sachen sehr gut rein, läuft alle Gänge, holt nach löblicher römischer Gewohnheit jede Apfelsine und jedes Reiskorn apart, rennt wie ein Windhund, so dass er von der Rotonda im Nu wieder zu Hause ist, dazwischen hat er noch immer eine halbe Stunde Zeit, um hochtrabende Reden zu halten. Das hindert ihn aber nicht, in seiner Erscheinung die vollendetste Karrikatur zu sein, ich möchte ihn wohl einmal mit Heinrich zusammen bei Tisch aufwarten sehn, es müsste ein Schauspiel für Götter sein. Felix an die Schwestern.*) Frankfurt, den 25sten März 1845. „Dein soeben angekommener Brief hat den Frühling mitgebracht. Heut ist zum ersten Mal jene bewusste Luft draussen, in der alles Eis und alle Winterkälte schmilzt, und Alles mild und warm und vergnügt wird; wenn Ihr aber keinen Eisgang in Florenz habt, so müsst Ihr uns beneiden, statt umgekehrt, denn es ist ein herrliches Schauspiel, und die Spree kann es bekanntlich nicht zu Wege bringen. Wie das Wasser hier unter der Brücke springt und sprudelt und stürzt, und die grossen Blöcke und Scheiben durcheinander wirft, und sagt: packt Euch, mit Euch ist es für's Erste vorbei. Feiert auch seinen Frühlingstag und zeigt, dass es unter der Eisdecke noch Kraft und Jugend behalten hat, und läuft noch einmal so schnell und springt noch einmal so hoch, als in den vernünftigen Tagen anderer Jahreszeiten; das solltest Du einmal sehen. Die ganze Brücke und der ganze Quai sind schwarz von Menschen, die haben alle das schönste Schauspiel umsonst, und die Sonne bescheint sie dabei noch, auch umsonst. Das *) Tlieilweis in den Felix'sohen Briefen. Brief von Felix. 355 ist ja eben das Elend, dass ich von der Poesie des Frühlings gar nicht spreche, sondern immer nur von seiner Holzersparniss, und Lichtersparniss und Ueberschuhersparniss, und davon dass es überall viel besser riecht,, und dass es soviel gute Sachen mehr zu essen giebt, und dass die Frauenzimmer wieder helle und bunte Kleider tragen, und dass die Dampfboote wieder den Rhein hinunterfahren statt der Schnellpost etc. etc. Aus Obigem ersiehst Du und Fanny ebenfalls (denn Du musst ihr alle meine Briefe, in denen Nichts steht, nach Rom schicken), dass es Gott sei Dank bei uns nichts Neues giebt, d. h. dass wir Alle wohl und munter und Euer eingedenk sind. Gestern Abend kam ich mit Schlemmer um eins aus einer musikalischen Punschgesellschaft, wo ich erst die Beethoven'sclie Sonate 106 aus b gespielt, und dann 212 Gläser Punsch aus ff getrunken habe, wir sangen das Duett aus Faust auf der Mainzer Gasse, weil es so wunderschöner Mondschein war, und heut habe ich ein wenig Kopfweh. Diese Stelle suche aber auszuschneiden, ehe Du den Brief nach Rom schickst, einer jüngeren Schwester kann man schon so was vertrauen, aber einer älteren, päpstlichen bei Leibe nicht. — Eduard Magnus, der eben auf der Durchreise von Paris hier ist, malt uns den Karl, und hat den Bengel schon sehr niedlich und ähnlich untermalt. Karl zeichnet sich aus, sitzt sehr geduldig, springt nur ab und zu mal auf Paul oder Marie los, die auf der Erde sitzen, und mit Bewunderung zusehen, und sitzt dann wieder eine Stunde vernünftig. Ich lese dabei mit allgemeinem Beifall das Rumpelstilzchen. Kennt das Ernst? Und Walter? Und Du? Wo nicht, so lese ich es Euch auch vor, und Ihr müsst es goutiren, Paul macht das Manöver am Schluss, wo Rumpelstilzchen mit dem einen Bein in die Erde fährt und sich beim andern anfasst, sehr schön nach, ich empfehle Ernst ein Gleiches. N. habe ich den ganzen Winter drei Mal gesehen, obwohl er uns gegenüber wohnt; er ist leider gar zu wenig umgänglich , es geht mit dem besten Willen nicht, und ich glaube, es ist schlimmer gerade in dieser Zeit als seit vielen Jahren damit. Wer sich irgend im Mindesten mit den konfessionellen 23* 356 Wiedersehen in Italien. Skandalen des Augenblicks einlassen will, und nicht standhaft alles und jedes abweist, was Skandal giebt und hervorruft, der wird so tief hineingerissen, dass er von Freuden und Freunden getrennt ist, ehe er sich's versieht, und davon fangen in Deutschland die Beispiele in allen Kreisen zu spuken an. Ich schwanke immer in meinem Innern, welches von den beiden Extremen mir widerlicher ist, und kann darüber immer noch nicht in's Reine kommen. — Seht doch zu, ob Ihr Euch dort nicht die Nummer des Punsch vom 18ten Januar verschaffen könnt; darin ist ein Bericht von Antigone im Covent-Garden mit Illustrationen, namentlich mit einer Darstellung des dortigen Chors •— über die habe ich drei Tage lang gelacht. Der Chorführer, dem die schottischen Hosen unten herausgucken, ist ein Heisterstück, und so Alle in ihrer Art, und dabei so lustig. Man schreibt mir Wunderdinge über diese Darstellung und namentlich den Chor, & denkt Euch, dass beim Bacchuschor das ganze weibliche Corps de Ballet erscheint, und hüpft, und springt. Das ist kein Spass. Trotz alle dem haben sie bei mir anfragen lassen, wann sie.den Oedipus ^geben könnten, weshalb ich sie an den König von Preusen verwiesen habe. Meine Partitur ist seit einigen Tagen fix und fertig, und wenn mir die Musik so lieb bleibt, als sie es jetzt ist, so denke ich, sie wird Euch auch gefallen, wenn ich sie Euch in Soden vortrommle. Auch die sechs Orgelsonaten sind fertig; wollt Ihr die auf der Orgel von Ober - Liederbach hören? Der Schulmeister ist ein freundlicher Mann, und erlaubt es recht gern. (Eben holen mich die Kinder, weil sie einen grossen Thurm gebaut haben, und das platte Dach mit ihren Mussstullen verziert. Eine schöne architektonische Idee.) Eine Symphonie und ein Trio sind angefangen — auch ein neuer Oratorienplan, aber alle Leute schreien und plagen mich um eine Oper — ja! wer nur so einen rechten Stoff bekäme oder fände! Aber das will mir bis auf heutigen Tag noch immer nicht gelingen, und ohne den allerscliönsten Stoff, d. h. einen, der mir so erscheint, und mich ganz durch und durch freut, tliue ich es nicht, denn es muss damit, wie mit allen andern Musikstücken gehen, sie müssen nicht für die anderen Leute, sondern für's eigene Ge- Splttgenübergang auf Schlitten. 357 wissen gemacht sein. Gestern hörte ich wieder eine neue Oper, ganz deutsch, wo der Text nach Scribe, und die Musik nach Auber war, und eben deshalb wahrhaftig viel besser als Aloys Schmitt, und die anderen acht deutschen. 0 weh, es ist schlimm damit, aber warum giebt der König von Preussen auch keine Verfassung — kannst Du Dir die Berliner Stände in Musik gesetzt denken? Wohin gerathe ich? (Quo me rapis? würde sich Sebastian ausdrücken), vale, Adieu, mehr Latein kann ich nicht." — Rebecka lebte unterdessen ganz still in Florenz, Dirichlet hatte sie schon Anfang April verlassen müssen, um sich nach Berlin behufs Wiedereröffnung seiner Vorlesungen zu begeben. Die Ueberschreitung der Alpen beschreibt er folgendermassen: „Da wäre ich also in Chur und liefere so den Beweis, dass der Weg über die Alpen wirklich offen ist. Schon in Mailand erfuhr ich, dass Alles, was man in Florenz über die unterbrochene Kommunikation auf der Gotthardstrasse erzählt hatte, nichts als Fabel ist und dass den ganzen Winter hindurch die Diligencen über den Simplon, Bernhardin, Spliigen und Gotthard alle Tage, und der Courier selbst einmal die Woche über den Stelvio gegangen ist. Nachdem ich diese Notiz erhalten, und dass nie ein Unglück, nur zuweilen einige Verspätung in der Ankunft durch frischgefallenen Schnee eingetreten ist, hätte ich gern den Weg über den Gotthard als den kürzeren gewählt , aber zu meinem Glück waren für Freitag schon alle Plätze genommen, und so musste ich mich denn zu dem kleinen Umweg über Chur entscl?liessen. Ich sage, zu meinem Glück, denn wie sich am folgenden Tag zeigte, war am Donnerstag und Freitag so viel Schnee in den Alpen gefallen, dass der Uebergang über den Splügen dadurch um mehrere Stunden verspätet wurde und der Weg über den höheren und rauheren Gotthard wahrscheinlich einen ganzen Tag mehr erfordert haben würde. Eine solche Alpenreise im Winter ist zwar keine Partie de plaisir , aber doch in ihrer Art interessant genug, um die damit verbundene Unbequemlichkeit gern einmal sich gefallen zu lassen. .Von der Masse Schnee, die sich im Laufe des Winters in diesen hohen Regionen anhäuft, hat man wirk- 358 Wiedersehen in Italien. lieh keine Idee. Die Spitzen der Barriere, welche die Strasse vom Abgrund trennen, sieht man nur hier und da achtzehn bis zwanzig Fuss unter sich aus dem Schnee liervorstehn, so dass man also augenscheinlich zwanzig bis fünfundzwanzig Fuss Schnee unter sich hat. Ist dieser ganz fest, so geht die Schlittenfahrt vortrefflich und schneller als sonst mit dem Wagen, aber ganz anders verhält sich die Sache, wenn, wie gestern, auf frisch gefallenem Schnee erst Bahn gemacht werden muss. Da ist man jeden Augenblick in Gefahr, ellentief in den Schnee zu versinken, und man muss sich glücklich preisen, wenn man wie ich nur zweimal umgeworfen wird. Ein Mailänder, den ich heute Morgen hier beim Frühstück traf und der Tags vorher denselben Weg gemacht hat, ist nicht so glücklich gewesen und hat sich nicht weniger als fünfmal tief in den Schnee gelegt. Ein Theil der Fahrt hat mich sehr amüsirt, es ist dies das Hinunterfahren oder vielmehr -stürzen auf der sogenannten Winterstrasse, die mit der gebauten Strasse aber nichts gemein hat und auf der man gerade den Berg hinunter dem Pferde am Schlitten ganz freien Lauf lässt, gerade so, wie man es am Aschenkegel des Vesuv mit seinem eigenen Individuum macht, so dass man auf diesen unendlichen Schneefeldern lebhaft an den Vulkan erinnert wird." Felix an Rebecka. Frankfurt, d. Uten April 1845. „Sehr viel tausend Glückwünsche zum Geburtstag, mein sehr viel liebes Schwesterlein. Wie viel lieber möclit ich Dir's sagen als schreiben. Ja, könnte ich nur bald wieder Dir ein goldnes Nixchen und ein silbernes Warteweilchen zum Angebinde bringen — aber halt, heut habe ich doch ein recht hübsches Angebinde, über das Du Dich gewiss sehr freuen wirst, eine sehr vergnügte Nachricht: Klingemann ist Bräutigam mit Sophie Rosen in Detmold (holt sie im Mai ab, verspricht als Neuver- lieiratlieter dann sogleich hier durchzureisen) und ist überglücklich, und ich habe vor Freuden fünf Minuten lang im Zimmer getanzt, als ich vor einigen Tagen den Brief bekam. Denn ich habe die Braut vorigen Sommer in England kennen Klingemanns Verlobung. 359 gelernt (wo er sie auch kennen lernte) und weiss daher, dass die Partie ganz trefflich und passend ist; sie hat ganz das Still-Liebenswürdige ihres verstorbenen Bruders, ist auch so bescheiden und doch tief- und wahrfühlend, durch und durch gebildet und dabei sehr hübsch und angenehm; sie trägt blonde, glatte Scheitel, hat ganz was man ein echt deutsches Gesicht nennt, rund, blauäugig — da habt Ihr einen wahren Steckbrief. Als Klingemann seine Winterreise machte, kam er durch Detmold, da hat er sie wiedergesehn und sich Mancherlei überlegt, aber keine Andeutung, kein Wort gesprochen; jetzt von England aus hat er geschrieben, und nun ist Kimgemann verlobt! Mir macht die Sache ein ganz unglaubliches Behagen. Jetzt ist der 12te geworden und Dein lieber Brief mit dem von Fanny gekommen, da steht überall zwischen den Zeilen, dass Du wieder munter und gesund bist. Gott sei Lob und Dank dafür! Sympathie giebt es offenbar in der Welt, denn seit vier Wochen sprechen die Kinder von gar nichts als von Rumpelstilzchen, und nun fängt Dein Brief gar damit an! — Eben habe ich eine Stunde Klavier geübt, weil ich morgen in einem Konzert für die Ueberschwemmten privatim Beetlioven's C-dur-Sonate im Cäcilien-Verein spiele. Wir haben jetzt auch eine Frühlingsluft und ein Grünen und Veilchenblühen, das den ganzen Menschen um und um kehrt; das grosse Wasser war aber erschrecklich; ein grosses Stück Brückenpfeiler liegt jetzt noch im Main, und ich habe dem Senat sagen lassen, er möchte es doch bis zum Juli liegen lassen, es würde Euch interessiren. Der Senat antwortete sehr höflich: es würde ohnehin geschehen sehr, also um so mehr. Schoten, die mir zu tlieuer sind, haben wir hier auch, das ist keine Kunst. Aber wohlfeile! Das ist ja der ganze Reiz des Frühlings! Also nun kommt Dirichlet schon? Wir erwarten ihn nicht wenig, das kannst Du wohl denken!" — Felix an Fanny. Frankfurt, d. 20sten April 1845. „Liebe Fanny! Dieser Brief soll an Dich sein, aber er muss doch gleich 360 Wiedersehen in Italien. an Beckchen mit gerichtet werden, nicht bloss weil ich Deine Adresse in Eoni nicht weiss, sondern weil Dirichlet gestern munter und wohl den Rhein herunter gefahren ist, nachdem er einen Tag mit uns zugebracht hatte, und weil er mir auf die Seele gebunden hat, gleich nach seiner Ahreise zu schreiben. Alle seine hiesigen Bekannten wollten ihn gar nicht wieder erkennen, wegen des ungeheuren Bartes und zugleich, weil er so viel wohler, dicker und jünger aussieht als sonst. Er war sehr munter, den Abend brachten wir bei Mme. Jeanrenaud in Gesellschaft zu (für welchen Zweck ich ihm seine Halsbinde anders binden musste), wie wir ihn ausgefragt haben, könnt Ihr Euch denken. Er konnte gar nicht hegreifen, wesslialb ich Deinen Brief, liebe Fanny, nicht bekommen hätte, bis sicli's endlich fand, dass er selbst ihn mir mitbrachte. Tausend Dank dafür. Bleibt Ihr dabei, wie Ihr jetzt sagt, Mitte Juni von Florenz zu reisen, so trifft Alles in Bezug auf unsern Familiencongress- auf das Schönste zu; ein Zimmer, worin man malen kann, wird sich ja wohl in Soden auch finden lassen, d. h. nördlich gelegene Zimmer mit einem Fenster, — an denen fehlt es nicht — auch an gutem Licht nicht. Ich kann freilich kein ordentliches Atelier in Soden anpreisen, aber wie gesagt, kommt nur erst, und dann wollen wir das beste Malzimmer, was dort aufzutreiben ist, gleich in Beschlag nehmen. Der Himmel gebe uns Allen nur Gesundheit und Tage wie heute, wo die warme blaue Luft einem den Schreibtisch, die Tinte und alles Sitzen und Hocken verleidet. Drum miisst Ihr auch mit den flüchtigen Zeilen vorlieh nehmen; ich möchte gern bald wieder hinaus und mir die grünen Blätter und die Blüthenansätze besehn. Die vier Kinder sind schon lange draussen; Nachmittag wollen wir in einem Familienwagen in den Wald. Eben wandert das Manuscript meiner sechs Orgelsonaten zum Notenschreiber, von da zu Breitkopf und Härtel und in Ober-Liederbach will ich sie Euch vorspielen — dass lieisst drei, alle sechs machen mich zu müde, das habe ich neulich erfahren, als ich's versuchen wollte. Ein Heft Lieder ohne Pisa. 361 Worte werde ich wahrscheinlich auch wieder drucken lassen, und Klingemann's Braut zueignen. Das Trio ist ein Bischen eklig zu spielen, aber eigentlich schwer ist es doch nicht: „Suchet, so werdet Ihr linden." — Hensels beschleunigten ihre Rückkehr nach Florenz möglichst, zu der sie den von Dirichlet's eingeschlagenen Weg über Perugia wählten. Am 20sten Mai kamen sie hei guter Zeit in Florenz an, fanden Alle wohl und vergnügt, verlebten daselbst noch einige sehr behagliche Wochen und verliessen es mit Rebecka und den drei Kindern am löten Juni. F a n n y' s Tagebuch. „Am 16ten Juni fuhren wir nach Pisa, woselbst Abends die weltberühmte und nur alle drei Jahre stattfindende Lumi- nara, eine feenhafte Beleuchtung der ganzen Stadt, zu Eimen irgend eines Schutzheiligen stattfinden sollte. Die Stadt soll gewöhnlich sehr ernst und still, beinahe öde sein; wir fanden sie durch die grosse, zur Luminara zusammengeströmte Menschenmasse ausserordentlich belebt. Unser erster Gang war nach dem Domplatz. Der Dom selbst ist ein herrliches Bauwerk, mit uralten Mosaiken und merkwürdigen Skulpturen. Unser Hauptinteresse erregte aber das Campo Santo, der Gegenstand jenes Bildes von Elsasser, das durch Rebecka's Vermittlung in Paul's Besitz gekommen war. So war für uns im Campo Santo viel persönliches Interesse durch Elsasser mit im Spiele. Wir bewunderten lange den schönen Raum; viel stritten wir über den Punkt, von dem Elsasser es aufgenommen und vereinigten uns endlich in der Meinung, dass er nicht streng einer Ansicht gefolgt sei, nicht eine „Vedute" geliefert, sondern aus den ganzen Räumen das Schönste und Interessanteste zusammengestellt und daraus ein eigenes Kunstwerk geschaffen habe. Wie kann man dagegen hart genug über den schiefen Thurm urtheilen, der einen höchst peinlichen Eindruck macht und sonst durch seine reinen edeln Verhältnisse eines der schönsten Bauwerke Italiens sein könnte. Nachmittags erfuhren wir zu unserm grossen Bedauern, 362 Wiedersehen in Italien. dass des unsichern Wetters wegen die Luminarai aufgeschoben worden sei; das gab nun endlose Debatten und Ueberlegungen. Endlich wurde beschlossen, nach Lucca zurückzukehren und am andern Tage, wenn das Wetter günstig wäre, wiederzukommen. Die Rückfahrt war ganz zauberhaft, wie aus Tausend und Einer Nacht. Das ganze Land, jedes Haus auf dem ganzen Wege bis Lucca hin war erleuchtet, Millionen Glühwürmer dazu, und der schönste Mond- und Sternenschein; rings um uns und über uns ein flimmerndes, endloses Lichtermeer. Der andere Tag war schön und klar und Nachmittags ging's wieder nach Pisa. Zuerst nach den Kameelen, von denen sich in Pisa, als dem einzigen Ort in Europa seit den Kreuzzügen, eine Heerde erhalten hat. Wir fanden einige im Stall, man sagte uns aber, eine Viertelstunde weiter im Walde würden wir vielen begegnen. Und so war es denn auch, auf einer offenen Waldwiese mit einzelnen prächtigen Bäumen graste eine Heerde von vierzig bis fünfzig Thieren, es war höchst eigentliiimlich, was man bis jetzt nur in Menagerien, eingesperrt im dumpfen Raum, der freien Bewegung beraubt, kennen gelernt hatte, hier unter freiem Himmel behaglich gelagert und frei zu sehn. Die Tliiere waren äusserst phlegmatisch und zahm, sie rührten sich kaum aus der einmal eingenommenen Stellung, stehend, liegend, knieend, meist wiederkäuend, sahen sie uns mit ihren kuriosen Physiognomien an. Das Ganze hatte etwas so fremdartig Besonderes in der tiefen Ruhe und Abgeschiedenheit des Waldes, dass wir uns nur schwer davon trennen konnten, die Kinder wären am liebsten gar nicht fortgegangen. Und nun in die 'Stadt, auf den Domplatz , auf dem man sich nur mit Mühe durch die dichte lärmende Menschenmenge drängen konnte.* Wir durchzogen noch einmal Dom und Campo Santo, und als wir wieder hinaustraten, war das Dunkel hereingebrochen und die Lampen wurden angezündet, die Luminara begann. Der Hauptschauplatz ist der Lungarno, die Strasse, welche auf beiden Seiten des in einem weiten Halbkreis dahinfliessenden Arno, an schönen Quais, meist aus schönen Palästen bestehend, gebaut ist. Wo grosse Gebäude fehlen, werden zur Luminara mehrere Rückkehr nach Berlin. 363 Häuser durch mächtige davor gebaute Gerüste anscheinend in Palastfagaden verwandelt und diese beleuchtet; die Illumination erstreckt sich auf alle Stadttheile, selbst auf die entlegensten Gassen. Die Brücken, die Quais, die Schüfe und Boote, Alles strahlt im blendendsten Licht, und namentlich von der Mitte des Lungarno aus gesehn ist es der wundervollste Anblick." Von hier ab gingen die Beisenden dann möglichst schnell und ohne Unfall über Genua, Mailand, den Splügen, durch die Schweiz nach Freiburg im Breisgau, wo sie Woringen's trafen; den Tag nach ihnen kamen Felix und Paul zu dem lange besprochenen Geschwisterkongress; Alle zusammen blieben sechs Tage da und reisten dann den Rhein hinunter nach Mainz und nach Soden, wo bei Felixens reizende vierzehn Tage verlebt wurden. Während dieser Zeit entschied sich, dass Felix wieder in seine alte Stellung nach Leipzig zurückkehren sollte. Den 2ten August langten Hensels und Dirichlets wohlbehalten in Berlin an. S c h 1 u s s. Es bleiben nun noch zwei Jahre ruhiger, aber ausserordentlich glücklicher Häuslichkeit zu schildern. Die italieni-. sehe Reise war, bis auf einige Tage in Leipzig, das letzte Mal, dass Fanny das Haus und den Garten verliess. Es war ein wunderschöner und sehr früher Frühling 1846 und Fanny genoss ihn mit vollen Zügen. Schon Anfang März war vollständiger Sommer, am 17 teil März blühten die Mandeln und Ende April schreibt sie: „Jetzt schon den vollen Sommer im Garten zu haben, die Obstbäume abgeblüht, Flieder und Kastanien in Pracht, das ist ganz etwas Seltenes. Mir thut dieser Frühling unbeschreiblich wohl, ich fühle mich wie neugeboren und geniesse die Herrlichkeit unseres Gartens, der immer schöner wird, wie' ein Glück, das uns stets zu entschlüpfen im Begriff steht. Auch haben wir im Winter genug in der Wohnung zu leiden, so dass uns wohl eine Entschädigung zu gönnen ist. Die Musiken haben wieder angefangen und es ist ein paar Mal recht hübsch gelungen. Der Gartensaal in dieser Jahreszeit giebt ihnen wirklich einen eigentliüm- liclien Charakter. Es wird mir doch sehr ernsthaft zu Mutli, wenn ich ein Paar Jahre weiter blicke und eine gänzliche Umgestaltung aller Verhältnisse kommen sehe. Unser näherer Umgang hat sich auch wieder etwas rekrutirt. Jakoby's sind mir ein überaus angenehmer Gewinn; sein überlegener Geist zeigt sich in jeder Art, und da er uns gern zu haben scheint, R. y . Keudell. 365 benimmt er sich gegen uns aufs Liebenswürdigste; unter Anderm kann man nicht mit mehr Verständniss Musik hören, als er. Ein anderer, sehr angenehmer Umgang für die Musik ist Herr von Keudell*), der so Musik hört, wie ich es seit Gounod und Dugasseau nicht wieder gefunden habe, und dabei vortrefflich spielt, überhaupt ein sehr lebhafter und liebenswürdiger Mensch. Behl-, Borcliardt und andere junge Leute machen unsern Kreis jetzt frischer und angenehmer, als er lange war. —" **) R. v. Keudell war um diese Zeit bei Hensels eingeführt worden und gehörte bald zu den intimsten Hausfreunden und es verging selten ein Tag, wo er nicht auf ein Stündchen vorsprach, etwas musicirte, oder den Abend bei ihnen zubrachte. Auf Fanny Hensel wirkte dieser tüchtige Musiker sehr anregend. „Keudell", schreibt sie Ende Juli 1846, „erhält mich, was das Musikmachen anbetrifft, sehr in Athem und in beständiger Thätigkeit, wie früher Gounod. Er sieht mit äusserstem Interesse, was ich irgend Neues schreibe und macht mich aufmerksam, wenn irgendwo etwas fehlt und in der Regel hat er Recht!" Es befiel ihn eine ernste Krankheit, während deren er die beste Pflege durch Hensels hatte. Am Schluss seiner Krankheit bemerkt Fanny im Tagebuch: „Ich kann wohl sagen, ich habe ihn sehr vermisst, sein musikalischer Umgang hat mir an allen Ecken und Enden gefehlt. Man kann kein wohlwollenderer und zugleich strengerer, aufmerksamerer Kritiker sein, er hat mir stets die allerbesten Ratli- schläge gegeben. —" Sein Zureden war auch wohl für sie bestimmend bei dem Entscliluss, der jetzt zur Ausführung kam, Mehreres herauszugeben. Schon in viel früherer Zeit war wiederholt davon die Rede, wie Theil II. Seite 37 erwähnt wurde. Jetzt machten ihr zwei konkurrirende Berliner Verleg'er so glänzende Aner- *) Der jetzige Botschafter in Rom, **/ Eine andre Epoche machende musikalische Erscheinung in dieser Zeit war Jenny Lind, die häufig das Henselsche Haus besuchte und namentlich mit Felixens sehr befreundet war. 366 Schluss. bietungen, dass sie sich dazu entschloss, eine Auswahl zu treffen. Sie war übrigens weit entfernt davon, dies Unternehmen sehr ausdehnen zu wollen, obgleich die Verleger ihr gern recht viel abgenommen hätten, denn bei ihrem musikalischen Ruf in Berlin und dem Weltruf ihres Bruders wurden sehr gute Geschäfte mit den herausgekommenen Heften gemacht. Einstweilen freute sie sich, ihre besten Sachen erschienen zu sehen und hat auch in der kurzen Zeit, die ihr noch zu leben vergönnt war, nichts als Freude von ihrer Autorlaufbahn gehabt. — Felix, hatte seine Ansicht über das Publiciren nicht geändert und es ging ihm etwas „gegen den Strich", wie er erfuhr, dass sie sich dazu entschlossen. Lange liess er nichts darüber verlauten, so dass Fanny schon etwas verstimmt zu werden anfing, bis sich am 14ten August folgende Notiz im Tagebuch findet: „Endlich hat mir Felix geschrieben und mir auf sehr liebenswürdige Weise seinen Handwerkssegen ertlieilt; weiss ich auch, dass es ihm eigentlich im Herzen nicht recht ist, so freut mich doch, dass er endlich ein freundliches Wort mir darüber gegönnt!" Der betreffende Brief lautet folgendermassen: Leipzig, den 12 teil August 1846. „Mein liebster Fenchel, erst heut, kurz vor meiner Abreise, komme ich Rabenbruder dazu, Dir für Deinen lieben Brief zu danken und Dir meinen Handwerkssegen zu geben zu Deinem Entschluss, Dich auch unter unsere Zunft zu begeben. Hiermit ertheile ich ihn Dir, Fenchel, und mögest Du Vergnügen und Freude daran haben, dass Du den Andern so viel Freude und Genuss bereitest, und mögest Du nur Autor-Plaisirs und gar keine Autor-Misere kennen lernen, und möge das Publikum Dich nur mit Rosen, und niemals mit Sand bewerfen, und möge die Druckerschwärze Dir niemals drückend und schwarz erscheinen, — eigentlich glaube ich, an alle dem ist gar kein Zweifel denkbar. Warum wünsche ich Dir's also erst? Es ist nur so von Zunft wegen, und damit ich auch meinen Segen dazu gegeben haben möge, wie hierdurch geschieht. Der Tafelschneidergeselle (L. SJ Felix Mendelssohn-Bartholdy. Felix an Fanny. 367 P. S. Herr von Keudell, der neulich hier war, hat mir sehr gut gefallen, und wird Dir wohl von der musikalischen Soiree erzälit haben, in der er uns begriffen fand, wo die Clarinett abermals das leichte Trio von Mozart nicht ganz im Takt richtig herausbrachte. 0 Jemine! — Gedankenspahn. Warum machst Du an einem Deiner Sonntage des nächsten Jahres nicht einmal Musik mit Begleitung von Blaseinstrumenten? Ein Quintett von Mozart, ein dito von Spohr, ein dito von Beethoven würde sich schön ausnehmen, von Deinen seelenvollen Fingern fürgetragen. Diese Idee gebe ich Dir nur unter die Hand, denn ich habe sie noch Niemand Anderm unter den Fuss gegeben, indem ich sie selbst einmal ausführen will. Die Amme war sehr liebenswürdig*) und als sie die Treppe hinunterging, und sagte: tanti lad a Fiora, und dabei s$u weinen anfing, hätte ich beinahe mitgeweint. Sie hat hier zu Mittag gegessen, und ich habe sie dabei italiäniscli unterhalten, so dass sie kaum einen Bissen hinunterbringen konnte. Warum schreibt aber Dirichlet niemals einem Schwager solche Briefe wie er per Amme an Ohm schrieb (Du siehst, ich habe Alles gelesen!) Ich habe sie an einen Eisenbalin-Offizianten empfohlen und ihr ein Billet-doux an die Post in Reichenbach „in die Hand gestopft", wie Cecile sich ausdrückt. — Dieser ganze Passus ist an Beckchen, wie ich eben bemerke, aber es schadet nichts; Ihr seid und bleibt die Fischottern, was ich unter Anderm daher weiss, weil Cecile jetzt plötzlich die Flegeljahre mit Plaisir liest, und ich Euch da alle Tage auf dem Tisch liegen sehe.**) Aber genug! Grüsst mir Paul, der uns unglaubliche Freude mit seinem Besuch gemacht hat! So Gott will, sehe ich Euch im Herbst, und froh und vergnügt! —•" *) Die Dirichlet'sche Amme wurde nach Italien zurückgeschickt. **) Siehe Theil I. Seite 228. 368 Schluss. Aus einem Brief von Rebecka an Cecile. Berlin, 14ten August 46. „Diesmal will ich aber nichts als mich bedanken für die freundliche Aufnahme, die Ihr der Amme habt zu Theil werden lassen, das war ihr gewiss* eine sehr unerwartete Freude, Euch noch einmal zu sehn, denn man hatte ihr gesagt, es wäre in Leipzig kein Augenblick Aufenthalt möglich. Alles was Post und Eisenbahnen betrifft, schwebt bei uns in räthsel- haftem Dunkel. Wir haben Alle die gute Amme recht ungern gehen sehn, sie war so angenehm um sich zu leiden, und wie selten das ist, die entourage eines Kindes gern zu haben, das wirst Du wohl aus Erfahrung wissen, liebe Cecile, und diese war dem Kinde und uns Allen so sehr anhänglich, und durch ihre Isolirung von den andern Domestiken schon mehr an uns gebunden, und die Sprache und die Erinnerung an Italien, es ist recht Schade, dass ich sie nicht länger behalten konnte; das Beste bei der Veränderung ist, dass die Kleine sich jetzt mit mir sehr befreundet. Was sagst Du aber zu dem göttlichen Sommer? Ich be- daure n ur, dass Du ihn in der Stadt Leipzig zubringen musst; ich bin mit meiner Landwohnung in der Stadt sehr zufrieden, der Garten ist über alle Vorstellung schön, und ich habe mich besser erholt, als ich es nach dem letzten Winter vermuthen konnte. Nächst sehr vielem Karlsbader und der schönen Luft, glaub' ich, thut auch das heitere Zusammenleben mit Fanny viel dazu. Du hast ja selbst einmal geschrieben, wir müssten zusammen sein und Du hattest sehr Recht. Eben spielt Fanny unter mir das Lerchenlied von Felix ganz langsam, und so oft, dass ich neugierig sie an's Fenster rief, um zu fragen, was die Bewegung bedeute, und es findet sich, dass sie Sebastian — den Bass einstudirt, dessen mächtige Stimme ich aber nicht gehört habe. Ist das nicht sehr komisch, dass Fanny schon einen Basssohn hat? Seid nochmals sehr bedankt für Diner, und italiänisclie Unterhaltung und Brief und Billet-doux und dass Felix beinahe mitgeweint hätte, ich hab's wirklich gethan — und für Alles. " Erste Aufführung des Elias in Birmingham. 369 Fanny an Cecile. Herbst 1846 (ohne Datum). „— — Wie sehr bedaure ich Dich, dass Du diesen göttlichsten aller Sommer in der Stadt hast zubringen müssen, wir haben ihn in unserm Garten so genossen, wie ich mich es noch kaum von irgend einer Zeit meines Lebens erinnere, und ich hätte wahrlich zu jedem Augenblicke meines Lebens sagen mögen: „Verweile noch*), du bist so schön!" — Darüber ist denn aber doch sachte der Herbst herangekommen, und schöne Tage werden von kühlen Morgen und Abenden eingeschlossen. Ich hätte es Dir recht gewünscht, dies ruhig vergnügliche Leben mit uns zu theilen; was Du von Magerkeit und Appetitlosigkeit schreibst, gefällt mir gar nicht, Beckchen ist liier so prächtig aufgegangen, und bis auf einige unwohle Tage in der vorigen Woche über Hoffen den ganzen Sommer frisch und munter gewesen, und so hätten wir Dich auch heranfüttern können. Nebenbei thut es mir immer so leid, dass Ihr doch auch gar keinen Genuss von dem Garten habt, da Ihr doch die Hauslasten mittragt. Wie mich der Garten in diesem Sommer beglückt hat, das kann ich gar nicht sagen. Unsere ganze Lebensart hängt so sehr mit dieser Lokalität zusammen, dass ich wirklich mit Schrecken daran denke, einmal wo anders unterkriechen zu müssen." Felix war, als er den zuletzt mitgetheilten Brief schrieb, im Begriff, nach England abzureisen, wo in Birmingham der Elias zum ersten Mal aufgeführt werden sollte. Die Compo- sition dieses Oratoriums hatte ihn das ganze Jahr hindurch unausgesetzt beschäftigt. Mit welchem Ernst und mit welcher Gründlichkeit er sich den Text zusammenstellte, sehen wir unter Anderm aus den Briefen an Schubring vom 23sten Mai 46 und aus dem nach dem grossen Erfolg in Birmingham geschriebenen an Bendemann, vom 9ten November 46. Die Aufführungen von Oedipus und Atlialia machten, zu Fannys grosser Freude, seine öftere Anwesenheit in Berlin notliwendig. *) In Goethes Faust lautet dies geflügelte Wort" zweimal „Verweile doch!" du bist so schön"- — Die Familie Mendelssohn. II. 24 370 Schluss. Im Juni aber hatte er eine sehr lustige Reise an den Rhein gemacht, wo das Pfingstfest in Aachen, das Frolmleichnams- fest in Lüttich und -das grosse Männer-Gesangsfest in Köln schnell auf einander folgten. Er hatte für Lüttich ein Laiida Sion für Chor, Solo und Orchester, für das deutsch-vlämische Sängerfest in Köln einen Festgesang „An die Künstler" com- ponirt, zu den Schiller'schen Worten: „Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben, — Bewahret sie" etc. Zurückgekehrt nach Leipzig, schrieb er über diese Rhein- und Holland-Reise: Leipzig, d. 27sten Juni 1846. Liebe Fanny! „— Wer solchen Beschwörungsmitteln, wie Du sie angewendet hast, um mich zu einem langen Brief zu bringen, widerstehn kann, der muss der Satan selbst sein oder der Kuckuk. Also wird grosses Format genommen und geschrieben, obwohl mir eigentlich das Feuer so arg auf den Nägeln brennt, wie noch nie; denn ein ungeheuer grosses Stück vom Elias ist noch aufzuschreiben und in England probiren sie schon am ersten Theil, und erst heut früh ist Spohr von hier abgereist, den wir alle Mittag und alle Abend beleben mussten und der wenig Tage nach meiner Ankunft hier ankam, dem wir ein Konzert mit seinen Kompositionen im Gewandhaus gaben, mit dem alle Trios, Quartette und Doppelquartette durchgespielt wurden, der mir immer eine liebe, willkommene und erquickliche Erscheinung ist, der aber diesmal noch dazu beitrug, meinen Kopf ganz scliwindlich drehend zu machen — da es um mich so endlos und unordentlich aussieht, wie in dieser Periode (die ich aber gern zu Ende bringen möchte), da ich nach der Rheinreise eigentlich erst acht Tage hätte ausruhen müssen, statt neue Festivitäten zu erleben und anzuordnen — und nun soll ich noch dazu einen langen Brief schreiben. Das miss Dil' aber selbst zu, Fenchel, wenn er konfus und dumm wird, ich bin auch gerade so; aber diese vier Seiten schreibe ich voll, das schwöre ich bei meinem Felix am Rhein. 371 Bart; und wenn das geschehen ist — von morgen früh an — schliesse ich mich ein und muckse nicht eher wieder, als bis der Elias fertig ist, was aber noch gute drei Wochen dauern kann, das schwöre ich auch bei meinem Bart. Du willst etwas vom Rhein her wissen; nun ist aber das Malheur, dass sich Ceeile's Brief, in dem sie auf meine Bitte meine sehr ausführlichen Reiseberichte an Paul mittheilte, mit Deinem gekreuzt hat und dass ich nun unmöglich herauskriegen kann, was Du weisst und was Du nicht weisst. Das Beste wird sein, ich schreibe lauter Sachen, die Cecile nicht geschrieben haben kann und die Du nicht wissen kannst — denn die Auswahl habe ich allerdings. So gepfropft volle drei Wochen, wie die waren, habe ich noch nicht erlebt, immer um Mitternacht oder ein Uhr in's Bett und gegen sechs wieder heraus, und von ein halb sieben Uhr ging der Trouble wieder los und dauerte bis Mitternacht oder ein Uhr. Die Hauptsache in Aachen bleibt doch, dass der Marquis von Sassenay und der Bürgermeister Nellesen Alles aufgeboten haben, um mir Milchreis kochen zu lassen (weil die Lind gesagt hatte, den äss' ich gern), dass es ihnen aber nicht gelang, weil ihre französischen Köche immer was Anderes, Feineres daraus machten, was aber kein Milchreis war. Dann nahm ich einmal ein Bad, und als ich drin sass, merkte ich, dass es Aachener warmes Wasser war, und davon wurde ich so dämelig, dass ich den ganzen Tag nahe am Einschlafen war. Ein Franzose aus Paris fragte am Sonntag: Qiiest-oe qiCelle chante ce soir, MUe. Lind? Darauf sagte ich: La cre'ation. Darauf fuhr er mich an und sagte: Comment peut-elle chanter la crdation? La derniere fois que j'ai entendu clianter la cre- ation en France detait une hasse-taille qwi la cliantait! — Die Chöre gingen aber wirklich sehr schön, und wenn Paul die Lind im Alexanderfest die beiden ersten Arien hätte singen hören, so hätte er wieder geklatscht, wie damals im Konzert. Onslow hat sich mal wieder meinen Taktstock ausgebeten, und ich nmsste etwas darauf schreiben, dann hat er seinerseits einen Artikel in die französischen Journale geschrieben und sein Portrait in Gips im grand monarque für mich deponirt, 24* 372 Schluss. damit icli es hier vervielfältigen lasse und seinen Freunden Gelegenheit gebe, es bei Kistner zu bekommen. Kyllmann war wieder der Alte, Liebenswürdige, Unveränderte. In dessen Haus brachte ich einen vergnügten Tag zu und dachte an die Zeit, wo wir da mit den Eltern waren. Gott sei Lob und Dank, dass so ein Paar gute, liebe Menschen unverändert dieselben bleiben ihr Lebelang! Es sind deren wenig genug, aber wenn auch! Am Sonnabend vor Pfingsten war erst Simrock eine Stunde bei mir, wegen Elias, dann um acht fing die Probe an und dauerte bis halb zwei; um zwei war ein grosses Diner, wo ich sein mnsste, das dauerte bis halb fünf, um fünf fing die Generalprobe der Schöpfung an, die dauerte bis gegen neun, um neun war ich bei dem schwedischen Professor Geyer (Du erinnerst Dich von Lindblad her), da wurde ein wenig musizirt, ich spielte die Cis-moll-Sonate, Lieder ohne Worte etc. etc. — Und nach Aachen kam Düsseldorf, da brachten sie mir zwei Ständchen, weil die beiden Liedertafeln, die dort sind, einander so sehr hassen, dass sie nicht zusammen singen wollten. Bei Düsseldorf wird's mir ernsthaft zu Muth, denn allerdings schmeckten die Paar Tage meines Aufenthalts dort etwas bitter nach Vergangenheit. Dazu kam, dass Rietz, von den dortigen Musikern gekränkt, verhetzt, maltraitirt, nun entschieden fort will, und dass ich auch hoffe, es wird dazu kommen, dass einige der frühern, lustigen Kumpane wirklich recht verändert sind, und- dass nur wenige ganz dieselben geblieben. Dass unter den letzten Hildebrand ist, brauch ich nicht erst zu sagen; auch Lessing, der nach wie vor eisern fleissig und rastlos arbeitet, und ausserdem still vor sich hin bleibt. Hasen- clever's sahen sehr nett zusammen aus, ich meine, sie hätten sich Beide zu ihrem Vortheil geändert. Rietz's IConcert war sehr voll, aber auch das hatte einen Anstrich, der mir gar- nicht wohlgefiel, —- nicht gemütlilicli, nicht heimisch und auch nicht vornehm und nicht ordentlich. Zum Glück kam darauf der schöne halbe Tag bei Kyllmann, wo wir auf seinem neuen Erard rasend musizirten, und dann die Wittwe Cliqkot eine gute Frau sein liessen. A propos , das ist ein Hauptresultat Felix in Lütticli und Cöln. 373 meiner Reise; ich kriege alle Jahr zwei Dutzend Flaschen von dieser Wittwe — das will was sagen! Wieso? Das erkläre ich Dir mündlich. Abends war ich wieder in Cöln, andern Tags in Lüttich; von den Orbans hat Cücile gewiss Alles geschrieben; auch von dem Fackelzug mit meiner Meeresstille, und mit dem deutschen Lied: „0 Belgique!" — Dass ich nicht dirigirte, geht sehr natürlich zu: ich kam eine Viertelstunde vor der Generalprobe an und hatte nie daran gedacht, dort auch wieder Takt zu schlagen, nun stürmten sie Alle zwar sehr auf mich ein, aber ich war zum Zuhören gekommen und blieb meinem Plane treu. Zudem waren die Mittel, die ihnen die Bischöfe zugestanden hatten, höchst mangelhaft, und damit wäre auch in der einen Probe gar nichts zu machen gewesen. Statt dessen habe ich mich beim Zuhören sein' gut amüsirt und kann mir jetzt doch ganz genau vorstellen, wie mein Lauda Sion bei guter Aufführung klingen müsste. Einiges daraus hätte Dir gefallen, glaub' ich, und ich freue mich darauf, es Dir vorzuspielen. Auf der Rückreise war Diner in Düren bei Wergifosse, und Frau Iven sang Lieder vor Abgang der Eisenbahn. Wenn da Dirichlet's die Ohren nicht geklungen haben, dann bekommen sie nie Ohrenklingen. Abends war in Cöln die erste Probe auf dem Gürzenich, wo ich meinen Schiller'schen Festgesang zum ersten Mal hörte und dirigirte. Er klingt recht flott. Andern Tages kamen die Zweitausend an. Wie das klingt ? Nicht schärfer stark, als jeder andere Chor (und darüber wundern die Leute sich immer), aber an dem gewissen Schwirren und Sausen merkt es jedes geübte Ohr — gerade so wie dreissig Geigen nicht gerade stärker als zehn, aber anders, eindringlicher, massenhafter klingen. Ich habe grosse Freude gehabt. Und Seydlitzen's (die Tochter und Wittwe von Verkenius, Du weisst doch), wo ich wohnte, waren gar zu lieb und freundlich. Und dann machte mir's auch einen sehr tiefen, freudigen Eindruck, dass die Leute in Deutschland mir so viel Ehre anthaten und mir so viel Freundlichkeit erwiesen; wo ich mich nur sehen liess, fast in den ganzen drei Wochen, aber am meisten während dieser Kölner Tage, waren sie lustig und jubelten, und wie die grosse 374 Scliluss. Mehrzahl von den zweitausend Sängern mein Volkslied auswendig anstimmten, war mir's auch eine sehr frohe Empfindung, und machte mir gar zu grosse Freude! davon kann ich Dir mündlich noch manche lustige Momente erzählen, geschrieben nimmt sich dergleichen gar zu wenig aus. —" Unterdessen war auch der Elias semer Vollendung nahe gerückt; er wurde am 25. August 1846 zum ersten Mal in Birmingham aufgeführt. Felix berichtet darüber in zwei veröffentlichten Briefen an Paul und Mme. Frege in Leipzig. Von den Anstrengungen dieses Sommers erholte er sich in der gewohnten Weise schnell durch Buhe. Er schreibt am 29 sten September, gleich nach der Rückkehr nach Leipzig, an Fanny: „Ich kann mich bis jetzt noch weder zu einer Eeise, noch zu irgend etwas Anderem entscliliessen, sondern vegetire wie ein Strauch nach dem angestrengten Sommer und dem vielen Hin- und Herreisen. Seit ich bei der Ankunft auf den ersten Blick hier Alles wohl und munter fand, tlme ich den ganzen, lieben, langen Tag nichts als Essen, Spazierengehn und Schlafen, und habe noch immer nicht genug an allen dreien. Ich sollte den Elias nun zur Herausgabe fertig machen, s llte die Stimmen nach Bonn schicken, den deutschen Text darunter legen lassen, damit eine Aufführung hier zu Lande recht bald möglich werde, aber wie gesagt, erst muss ich noch ein bischen müssig gehn. Eigentlich faullenze ich schon seit dem Moment, wo der letzte Ton in der toum-hall gespielt und gesungen worden war. Ich sollte nach Manchester zu zwei Concerten kommen, ich that's aber nicht und ging nach London, wo mein einziges, wichtiges, wahres Geschäft, ein fislulinner bei Love- grove in Blackwall war, dann blieb ich wieder vier Tage in Ramsgate, um Seeluft zu trinken und Krabben zu essen, und mit den Benecke's mir gütlich zu thun, Avie in London mit den Klingemann's, dann blieb ich in Ostende einen Tag, weil ich schläferig war, dann blieb ich einen Tag in Cöln hei den Seyd- litzen's, Aveil ich zu müde war. Dann blieb ich vier Tage in Horchheim; da führte mich Onkel in der Mittagsliitze durch die Weinberge, anderthalb Stunden lang, und lief so, dass ich Häusliches Behagen. 375 immer sagen wollte, ich könne nicht mitkommen. Ich schämte mich aber und stopfte mir den Mund mit blauen, warmen Trauben. Dann blieb ich einen Tag in Frankfurt wegen Ermüdung, und seit ich nun hier bin, ruhe ich mich aus. —" Ganz still, recht als Kontrast zu diesem bewegten Leben des Bruders, verfloss der Sommer für Fanny. Aber sie fühlte sich so glücklich, wie selten in ihrem Lehen, und giebt dem in ihrem Tagebuch bei jeder Gelegenheit Worte. So am Ilten August: „Die unendliche Behaglichkeit, die mich diesen Sommer durchweht, dauert fort, sowie der wunderschöne Sommer selbst, dessen gleichen Keiner von uns erlebt hat. Diese Stimmung droht mich egoistisch zu machen, weil ich durchaus nicht Lust habe, mich durch fremdes Leid in meinem innern Behagen stören zu lassen, und darüber mit Wilhelm streite, der leider von seinem Uebelbefmden im Frühjahr eine nervöse Reizbarkeit übrig behalten hat, die ihn krank macht bei jedem Verdruss, bei jedem Mitleiden, wozu sich denn verschiedener Anlass gefunden. Doch tliut ihm auch der warme Sommer sehr gut, indessen es hat, was er selbst auch mit Bedauern fühlt, seine Elastizität im Arbeiten sehr nachgelassen. Ich bin übrigens fortwährend fleissig und fühle, dass mir Manches gelingt, und das, verbunden mit dem wunderbar herrlichsten Sommer, macht mich so innerlich und äusserlicli zufrieden und beglückt, wie ich vielleicht nie, ausser kurze Zeit während unseres ersten Aufenthalts in Rom, gewesen." Während des Winters hatte sich Fanny Hensel, ermuthigt durch das Gelingen vieler Sachen, die sie komponirt hatte, an eine grössere Arbeit, ein Trio für Klavier, Violine undViolon- cell, gemacht, welches am 11 ten April (Rebecka's Geburtstag) zum Anfang der Sonntagsmusiken gegeben wurde und allgemein gefiel. Der Tag war ein sehr lebhaft bewegter: der vereinigte Landtag war eröffnet worden. Die letzten Seiten des Tagebuchs sind voll von Notizen über dies Ereigniss. Fanny 376 Schluss. war entschieden auf der Seite der Opposition. „Nun ist die Politik für die nächste Zeit Alleinherrscherin, alles Andere wird unmöglich sein", schreibt sie. Fortdauernd aber blieb das Gefühl des Beglücktseins, der vollen Zufriedenheit. Eine der letzten Aufzeichnungen spricht das noch aus: „Gestern war der erste Frühlingshauch in der Luft. Es war ein anhaltender Winter, viel Schnee und Kälte, allgemeine Theuerung und Noth, eigentlich ein leidenvoller Winter. Wie kann man nur verdienen, zu den so wenigen Glücklichen in der Welt zu gehören! Wenigstens fühle ich es lebhaft und dankbar, und wenn ich des Morgens mit Wilhelm gefrühstückt habe und dann Jeder an seine Arbeit geht, da empfinde ich mich mit wahrer Rührung glücklich, wenn ich an den kommenden Tag denke, und an den vergangenen." Mitte Mai 1847 hatte sie wieder eineh Anfall ihres Nasenblutens gehabt, der aber diesmal durch ein neu angewendetes Mittel gestillt wurde. Freitag, den 14ten Mai Nachmittags, hatte sie Probe mit ihrem kleinen Chor zu der für Sonntag angesetzten Musik. Da wurde ihr plötzlich am Klavier während des Begleitens unwohl, die Hände versagten den Dienst, sie wurde sprachlos und bald bewusstlos — ärztliche Hülfe war sofort bei der Hand; aber ohne Erfolg — um elf Uhr Nachts war Alles vorbei. Ein Bluterguss in's Gehirn hatte sie ge- tödtet. Im Gartensaal stand am Sonntag statt des Flügels der Sarg, in einem Wald der herrlichsten Blumen, namentlich Deckers hatten das Schönste geschickt, was ihre reichen Treibhäuser boten. Wilhelm Hensel machte sich an die traurige Arbeit, die ihm wohl nie so schwer geworden, die Züge der Todten in einer seiner schönsten Zeichnungen festzuhalten. Er hatte Alles verloren, sein wohlgeordnetes Familienleben war zerstört. In allen Lebensphären, wo nicht die tägliche Arbeit auch das tägliche Leben fristen muss, wird fast immer der Fanny's Tod. 377 Tod der Mutter eine unersetzlichere Lücke reissen, als der Tod des Vaters. Selten aber wird dies so fühlbar hervortreten als es hier der Fall war: Alle Geschäfte, die ganze Leitung des Hauses, die Vermögensverwaltung, die Erziehung des Sohnes, hatte sie besorgt, ihr Mann war in alle dem vollkommen unerfahren und lebte nur seiner Kunst. Aber selbst in diesem seinem Schaffen war ihr Einfluss auf ihn grösser gewesen, als er selbst es vielleicht ahnte; er war ganz zerrüttet, als sie ihm genommen war. Er, sonst der fleissigste, rastlos tliätigste Mann, dem schöne Bestellungen Arbeit auf Jahre hinaus sicherten, der ein grosses Werk (ein Bild für den Thronsaal in Braunschweig) der Vollendung nahe hatte, hat in den nahezu fünfzehn Jahren, die er sie überlebte, eigentlich nichts mehr gemalt, an dem eben erwähnten Bilde nicht mehr einen Strich. Er, der sonst Abends förmlich aus dem Atelier getrieben wer- nen musste, um sich einige Bewegung zu machen, dem, einen Brief zu schreiben, die unangenehmste, stets aufgeschobene Pflicht war, verbrachte jetzt die meiste Zeit ausser dem Hause oder mit Correspondenz. Die Zeitung hatte er sonst bei Tisch durchflogen und um Politik sich wenig oder gar nicht gekümmert; jetzt bedeckten Journale seinen Tisch und er entwickelte in Vereinen und Versammlungen eine fieberhafte Thätigkeit. Eine Häuslichkeit hat er nie wieder gehabt. Möge hier noch einmal der Eindruck der ganzen Persönlichkeit Fanny Hensels zusammengefasst werden: Sie war klein von Gestalt, und hatte — ein Erbtlieil von Moses Mendelssohn — eine schiefe Schulter, was aber wenig zu sehen war. Das Schönste an ihr waren die grossen, dunkeln, sehr ausdrucksvollen Augen, denen man die Kurzsichtigkeit nicht ansah. Nase und Mund waren ziemlich stark, sie hatte schöne, weisse Zähne. Der Hand sah man die Ausarbeitung durchs Klavierspiel an. Sie war schnell und decidirt in ihren Bewegungen, das Gesicht war sehr lebendig, alle Stimmungen spiegelten sich auf demselben treu wieder; Verstellung war ihr unmöglich. Es merkte daher Jeder sehr bald, wie er mit ihr stand; denn so sicher sich die Freude über einen lieben, gern gesehenen Menschen sofort zeigte, so unheildrohend lagerten sich auch ge- 378 Schluss. wisse Falten um Stirn nncl Mundwinkel, wenn eine ilir unsympathische Erscheinung sie verstimmte. Wenige können sich so intensiv über alles Schöne: schönes Wetter, schöne Menschen, schöne Talente, schöne Natur, freuen, wie sie es konnte. Frische Luft athmete sie tief und voll ein, und erklärte dies für einen der grössten Genüsse. Ebenso intensiv war allerdings ihr Aerger über alles Hässliclie ihr Zorn über alles Schlechte. Gegen langweilige, fade, eitle und hohle Menschen war sie sehr intolerant, und hatte gewisse betes noires, gegen die sie ihre Antipathie durchaus nicht bemeistern konnte. Ihr Gesicht nahm dann wohl einen Ausdruck so tiefen Unglücks an, dass sie ihre Umgebung häufig dadurch in die grösste Heiterkeit versetzte, wenn die Ursache in so gar keinem Ver- liältniss zu der in ihr hervorgerufenen Stimmung stand. War diese verflogen, so lachte sie wohl selbst darüber, und war doch das nächste Mal ebensowenig im Stande, sich zu bezwingen. Materielle Genüsse waren ihr ziemlich gleichgültig: gut Essen und Trinken, Bequemlichkeiten, Toilette, Luxus aller Art, waren nicht zu ihrem Leben notliwendig; wohl aber Umgang mit gebildeten, klugen Menschen, im kleineren Kreis, und Kunstgenüsse. Ihr Freiheitssinn wurzelte tief in ihrer Natur: gegen den Adel, und alle Prätensionen der Geburt und des Geldbeutels verhielt sie sich sehr zurückhaltend. Besuche und alle sogenannten „geselligen Pflichten" waren ihr sehr lästig, und sie entzog sich denselben soviel als möglich. — Aber sie war die treueste mid unerschütterlichste Freundin aller Derer, die sie für wertli erachtet hatte, dem näheren Umgang anzugehören, und solchen gegenüber zu jedem Opfer fähig. — Das war nun Alles zerstört; und die Plötzlichkeit des Schlages raubte den gänzlich Unvorbereiteten alle Fassung. Wie Felix immer in Freud und Leid das tiefste, richtigste Gefühl hatte, und ihm die schönste Form zu geben verstand, so auch diesmal. So war den Trauernden zu Mutli, wie er ihnen damals schrieb: „Wenn Dich meine Handschrift im Weinen stört, so thue den Brief weg, denn Besseres giebt es jetzt wohl nicht für uns, als wenn wir uns recht ausweinen können. Wir sind Felix au Wilhelm Heusei. 379 glücklich miteinander gewesen, nun wird's ein ernstes, trauriges Leben. Du hast meine Schwester sehr glücklich gemacht, ihr ganzes Leben hindurch, so wie sie es verdiente. Das danke ich Dir heut, und so lange ich athme, und wohl noch darüber hinaus — nicht mit blossen Worten, sondern mit bitterer Beue darüber, dass ich nicht mehr für ihr Glück gethan habe, dass ich sie nicht mehr gesehen, nicht mehr bei ihr gewesen bin. Das wäre freilich mein Glück gewesen, aber damit war sie ja zufrieden. Mir ist heut noch zu betäubt, als dass ich ordentlich schreiben könnte, und doch vermag ich nicht von Frau und Kindern wegzugehen, auf die Eeise zu Euch mit dem Bewusstsein, dass ich weder Hülfe noch Trost bringen kann. Hülfe und Trost — das Alles klingt ganz anders, als was ich seit gestern früh fühlen und denken kann. — Das ganze Irdische sieht uns anders aus, und wir wollen versuchen zu lernen uns einzuschränken, aber bis wir's gelernt haben, ist wohl auch unser Leben vergangen. Verzeih, ich sollte anders zu Dir schreiben, aber ich kann nicht! brauchst Du einen treuen Bruder, der Dich von ganzem Herzen liebt, so nimm mich — ich werde gewiss besser werden, als ich war, wenn auch nicht so froh — aber was soll ich Dir sagen, Du lieber Sebastian? Es giebt ja nichts zu sagen und nichts zu thun, als das ehre — Gott zu bitten, dass er uns ein reines Herz schaffe, uns einen neuen gewissen Geist gebe, vielleicht können wir hier' auf Erden, und dann immer mehr, derer würdig werden, die das beste Herz und den besten Geist hatte, den wir je gekannt und geliebt haben. Gott segne sie, und zeige uns den Weg weiter. Keiner von uns kann den Weg sehn, und doch muss es wohl einen geben, denn Gott selbst hat uns ja diese Wunde für. das übrige Leben geschlagen, und er möge sie wieder lindern. Ach, mein lieber Bruder und Freund, Gott sei mit Dir und mit Sebastian und uns drei Geschwistern." —■ Der Sommer verging traurig. Felix und Paul mit ihren Familien trafen sich mit Ilensel in der Schweiz und suchten 380 Schluss. sich am Anblicke der unvergänglichen Natur wieder aufzurichten und zurecht zu finden. Es gelang nicht. Wer die Briefe von Felix nach dem Tode Fanny's liest, wer das tieftraurige, leidenschaftliche F-moll-Quartett hört, welches er im Sommer 1847 komponirte, wird sofort empfinden, wie anders der Ton lautet, wie zum Tode betrübt. Merkwürdigerweise fand er zuerst nicht in seiner eigensten Kunst wieder einigen Halt, sondern in der Malerei. Die Aquarellen, welche er von seiner letzten Schweizer Eeise mit nach Hause brachte, zeigen einen ausserordentlichen Fortschritt gegen die früheren; in grösserem Massstabe angelegt, sind sie zwar ebenso liebevoll, sorgsam und sicher in der Zeichnung und der Beachtung der kleinsten Details, aber freier in der Behandlung, kräftiger, tiefer und harmonischer in der Farbe, mehr wirkliche Bilder, denen man den Dilettanten kaum noch anmerkt; kein Künstler hätte sich ihrer zu schämen brauchen. Pauls und Hensel kehrten nach vierwöchentlichem Aufenthalt zurück, Felixens blieben bis zum September in der Schweiz. Allmälig wandte, er sich auch der Musik wieder zu; grosse Pläne beschäftigten ihn. Ein — unvollendet gebliebenes — Oratorium „Christus", einige geistliche Kompositionen, instrumentale Sachen, einige Lieder — vor allem aber die Oper „Loreley", für die Geibel ihm einen, ihn vollkommen befriedigenden Text geschrieben hatte. Es ist eigenthümlich tragisch, dass sein immer gehegter Wunsch eines guten Operntextes sich erst erfüllen sollte, als seine Lebensuhr zum letzten Schlage ausholte. — Bei seiner Rückkehr nach Leipzig fanden ihn seine Freunde zwar gestärkt, geistig unverändert, am Klavier oder wenn das Gespräch auf Musik kam, voll Leben und Feuer. Aber solchen Augenblicken der Erregung folgte tiefe Niedergeschlagenheit; er war dann menschenscheu und liess sich selbst von Intimeren, Näherstehenden nicht gern sprechen. Sein Aussehn war doch merklich verändert, er war gealtert, blass und abgespannt, er, der sonst rastlos und unermüdlich Thätige, konnte lange müssig sitzen und die Hände in den Schooss legen; sein schneller, elastischer Gang war schleppend und langsam geworden, und Felix' Tod. 381 seine Reizbarkeit gegen unangenehme Eindrücke übertrieben gross. Die Stadtluft bedrückte ihn, und er hegte eifriger als je den Plan, sich ganz von allen Geschäften loszumachen, und in einer schönen Gegend am Rhein sich anzusiedeln. Ein Besuch von einer Woche in Berlin, und der Anblick von Fanny's Zimmern, die unberührt geblieben waren, — und unberührt blieben, bis das Haus verkauft wurde — regte ihn wieder heftig auf, und zerstörte die wolilthätige Wirkung der Schweizer Reise. Er entsagte der Leitung der Gewandhaus- Konzerte, gab die Direktion der Eliasaufführung in Berlin, welche für den 3. November 1847 geplant war, auf, und hielt nur den Gedanken, den Elias in Wien persönlich zu dirigiren fest; die Aufführung sollte am 14ten November stattfinden, und Jenny Lind darin mitwirken. Am 9ten Oktober machte er einen Morgenspaziergang mit Moscheies und seiner Frau, seine anfänglich sehr trübe Stimmung besserte sich, er wurde fast heiter. Nachmittags begab er sich zu Frau Frege, mit der er die Auswahl und Reihenfolge eines neu herauszugebenden Heftes Lieder besprechen wollte; in solchen, anscheinend nebensächlichen Dingen war er ebenso sorgfältig und gewissenhaft, wie in allem Grösseren. Eins derselben, das „Nachtlied", war zum Geburtstag für seinen Freund Schleinitz am lsten Oktober geschrieben, und ist wohl Felix' letzte Komposition; er äusserte noch zu Frau Frege, es sei zwar ein wunderliches Geburtstagsgeschenk, aber er liebe es sehr, es gebe seine Stimmung wieder, er fühle sich so öde. Frau Frege sang ihm die Lieder mehreremal vor, er wünsc hte noch einiges aus dem Elias zu hören, sie ging hinaus, um Licht zu holen, und fand ihn bei ihrer Rückkehr in's Zimmer auf dem Soplia frierend, mit kalten, steifen Händen und heftigen Kopfschmerzen. Er erholte sich zwar genug, um nach Haus gehen zu können, aber es war doch der Anfang des Endes. Die Anfälle wurden stärker und stärker; Paul reiste nach Leipzig an sein Krankenlager, und war Zeuge des letzten, entscheidenden Anfalls, der ihn am 3ten November traf und am 4ten Morgens seinem Leben ein Ende machte. In Leipzig war die Theilnahme der ganzen Bevölkerung 382 Schluss. während der Krankheit und nach dem Tode eine selten allgemeine, nicht als ob ein Fremder gestorben sei, sondern als ob es sich um einen nahen, lieben Verwandten handle, so trauerte Jeder. Bei der Leichenfeier am 7ten November in der Pauliner- Kirche in Leipzig trugen Moscheies, David, Hauptmann und Gade die Zipfel des Leichentuchs. Abends wurde der Sarg nach der Bahn gebracht, und in der Nacht nach Berlin übergeführt. In Kothen empfing ihn der dortige Gesangverein, in Dessau liess es sich der greise Friedrich Schneider nicht nehmen, durch ein Abschiedslied das Andenken des Verstorbenen zu feiern. Felix liegt auf dem Dreifaltigkeitskirchhof in Berlin neben seiner Schwester Fanny bestattet. — Die folgende Schilderung von Felix persönlicher Erscheinung ist im Wesentlichen den Erinnerungen eines seiner intimsten Freunde John Ilorsley entnommen, mitgetlieilt in A Dictionary of Music ancl Musicians , herausgegeben von G. Grove, dem die 2te Auflage dieses Buchs viele werthvolle Verbesserungen verdankt. Felix Mendelssohn war klein und schlank gebaut, von geschmeidiger Gestalt und sehr behend und lebhaft. Sein Aussehn war brünett, von entschieden jüdischem Typus, das Gesicht ungewöhnlich beweglich und von ewig wechselndem Ausdruck. Dies mag, nebenbei gesagt, auch der Grund sein, warum alle Portraits von ihm nicht gelungen sind; das einzige wirklich gute Bild ist das auf dem Todtenbett von Wilhelm Hensel gezeiehnete, von dem eine Photographie den Felix- schen Briefen beigegeben ist. —- Voll von Heiterkeit und Leben war sein Gesicht, namentlich wenn er erregt war, und von einem unverkennbar genialen Zug. Er hatte einen frischen Teint mit ziemlich viel Farbe, schwarzes, dichtes, aber sehr feines Haar, welches er in natürlichen Wellen von der hohen, sehr entwickelten Stirn zurückgekämmt trug. Gegen das Ende seines Lebens war das Haar indessen stark mit Grau Felix' persöhnliche Erseheinimg. gemischt, und er fing an kahl zu werden. Der Backenhart war sehr dunkel, Kinn und Oberlippe glattrasirt, und bläulich von der Stärke des Bartes. Der Mund war ungewöhnlich fein und ausdrucksvoll, meist mit einem freundlichen Lächeln in den Mundwinkeln. Er hatte schöne weisse, regelmässige Zähne, aber das Frappanteste in seinem Gesicht waren die grossen, dunkelbraunen Augen. In der Buhe senkte er oft die Augenlider, wegen seiner Kurzsichtigkeit; aber sobald seine Augen sich belebten, gaben sie dem Gesicht ausserordentlich viel Feuer, und hatten einen selten schönen Ausdruck. Wenn er improvisirte, oder sonst stark erregt war, erweiterten sie sich, die braune Iris bekam dann einen dunkeln fast schwarzen Glanz. Er lachte oft und herzlich 1 , und hatte einen sehr entwickelten Sinn für alles Komische; wenn ihn etwas besonders belustigte, konnte er sich förmlich vor Lachen kfümmen, und schüttelte dann seine Hand im Gelenk in einer eigentliümlichen Weise, um seiner Lustigkeit Nachdruck zu geben. Bei lebhafter Zustimmung nickte er heftig mit dem Kopf, sodass ihm das Haar in's Gesicht fiel. Ueberhaupt war sein Körper fast ebenso ausdrucksvoll, wie sein Gesicht. Die Hände waren klein, mit spitzen Fingern. Auf den Tasten erschienen sie fast wie selbständige und intelligente Wesen, voll Leben und Gefühl. Sem Benehmen beim Klavierspiel war ebenso frei von Affektation, wie Alles andre was er that, und war sehr fesselnd. Zu Zeiten, besonders an der Orgel, beugte er sich stark über die Tasten, als lauschte er auf die Melodieen, die unter seinen Fingern entstanden; mitunter wiegte er sich hin und her, aber gewöhnlich war sein ganzer Vortrag ruhig und gesammelt. Aeusserst interessant war er als Dirigent, gefürchtet, aber noch viel mehr geliebt. Sein sehr feines Ohr ermöglichte ihm, nicht nur die Instrumentengattung, sondern den einzelnen Spieler herauszuhören, der einen Fehler gemacht hatte, und so streng sein Tadel sein konnte, wenn, was allerdings nicht oft vorkam, Lässigkeit oder gar böser W T ille vorhanden war, so ermunternd und erfreuend war sein gern gespendetes Lob hei gutem Gelingen; die Freude war ihm dann auf dem Gesicht zu lesen. — Schluss. Nicht weniger hemerkeiiswerth als sein Gesicht war sein Wesen. Die, welche es kannten, schildern es als besonders gewinnend, ja einschmeichelnd gegen Menschen, die er liebte. Aber auch ausserhalb dieses engsten Kreises war er äusserst einnehmend, und so hingebend er von den Seinigen gelieht wurde, so hat es gewiss nicht viel Menschen gegeben, die nach ausserhalb weniger Feinde hatten, ^als er. Die grosse Bewunderung, welche zwei so verschieden geartete Menschen wie Schumann und Berlioz, die ihn beide genau kannten, für ihn äusserten, zeigt uns, was für eine Basis von wahrer Güte seiner Liebenswürdigkeit zu Grunde lag. „Seine Sanftheit und Weichheit", sagt einer seiner englischen Freunde, „hatten keine der schlechten Seiten, die sich oft bei diesen Eigenschaften finden, nichts weibisches oder krankhaftes. Es war eine Menge Mannhaftigkeit in seinen ldeinen Körper gepackt." — In der Tliat konnte er, wenn es nothwendig war, sehr zornig werden. Niedrigkeit oder Betrug oder unwürdiges Benehmen irgend einer Art reizte seinen Zorn augenblicklich. Er konnte dann plötzlich Feuer fangen und sich auf dem Absatz herum drehen, in einer durchaus nicht niisszuverstelienden Weise; überraschend genug für Solche, die nur seine sanfteren Seiten kannten. Gegen Gedankenlosigkeit, Nachlässigkeit und Bornirtlieit war er sehr intolerant, und in solcher Art gereizt sagte er Dinge, deren Stachel noch lange nachher fühlbar gewesen sein muss, und welche er selbst bald bereute. Aber dies waren seltene Fälle; in der Kegel erwarb ihm der Zauber seiner Persönlichkeit Freunde, und sicherte ihm deren Beständigkeit. Und für Menschen, die er wirklich liebte, konnte es kaum einen bessern Freund geben. Die veröffentlichten Briefe an Webern, Verkenius, Klingemann, Schubring, Hiller, Mosclieles zeigen eine wahre und warme Zuneigung, wie man sie selten trifft, welche ihn aber nie verleitet, in irgend einem ihm wichtig erscheinenden Punkt seine eigne persönliche Meinung fallen zu lassen. Immer war er bereit, Talent und Fleiss zu ermutliigen, und die Fälle von Taubert, Eckert, Gade, Joachim, Kietz, Naumann, Hiller und dem anonymen Studenten, dessen Sache er so warm hei dem Tod von Cöcile. Dirichiets nach Güttingen. 385 König von Preussen vertrat, zeigen, wie eifrig er immer war, die besten Interessen derer zu fördern, welche er solcher Förderung für würdig hielt. Aber es waren nicht bloss Genossen seiner Kunst, denen seine Hülfleistung sicher war; Stand und Lebensstellung spielte hierbei keine Rolle für ihn. Für einen einfachen schweizer Gebirgsführer verwendete er sich lebhaft, gute Dienstboten und tüchtige Handwerker waren seiner thätigen Hülfe stets sicher; seine Beliebtheit bei sogenannten „kleinen Leuten" war eine ausserordentliche. Wie Kinder an ihm hingen, welches Fest es war, wenn er in Berlin erschien, und trotz aufreibender Arbeiten immer Zeit hatte, wenn irgend ein, noch so anspruchsvoller, kindischer Wunsch zu erfüllen war, dessen gedenkt der Verfasser dieses Buchs mit dankbarer Rührung. Halten wir noch einen kurzen Ueberblick auf den weiteren - Lebenslauf der anderen, in diesen Blättern Vorkommenden — viel anders, als eine Gräberschau, ist kaum zu berichten. Die Erste, welche aus dem Leben schied, war Cecile, die Wittwe Felix Mendelssohns. Sie lebte noch beinahe sechs Jahre, sehr still und zurückgezogen, bald in Berlin, bald in Frankfurt am Main, ihrer Vaterstadt, sich freuend an den herrlich blühenden Kindern, und ihrer Erziehung alle ihre Kräfte widmend. Der Keim zu der zerstörenden Krankheit, der sie erlag, war wohl schon lange vorhanden; nach Felix' Tode machte die Schwindsucht schnelle Fortschritte; sie starb am 25sten September 1853 in Frankfurt an einem Sonntag, da es gerade Mittag läutete, und liegt auf dem dortigen schönen Kirchhof, mit dem Ausblick auf das blühende, herrliche Land und das Taunusgebirge, begraben. Dirichiets verliessen im Herbst 1855 Berlin, und siedelten nach Göttingen über, wo er den verwaisten Lehrstuhl von Gauss erhielt. Diriclilet war stets ausserordentlich freisinnig gewesen; an der politischen Bewegung betheiligte er sich lebhaft und Rebecka sympathisirte vollkommen mit seiner Auffassung der Dinge. Beide kamen dadurch in starke Opposition gegen den reaktionären Zustand Preussens der fünfziger Jahre, die Lehrthätigkeit an der Universität, namentlich aber an der Die Familie Mendelssohn. II. 25 386 Schluss. Kriegsschule wurde ihm sehr verleidet, und er folgte dem ehrenvollen Ruf nach Göttingen mit Freuden, um sich aus Verhältnissen loszumachen, die sehr unerquicklich geworden waren. Die Verwandten sahen diese Uebersiedelung sehr ungern: abgesehn von dem unersetzlichen Verlust des täglichen Umgangs bezweifelte man, ob den Wegziehenden selbst ihre Hoffnungen sich erfüllen, ob sie nach der lebenslangen Gewöhnung an das grossstädtische Leben sich in dem kleinen engumfriedeten Dasein glücklich fühlen würden. Dieser Zweifel erwies sich als ungegründet: die wenigen Jahre, welche Dirichlets noch zu leben vergönnt war, vergingen ungetrübt glücklich. Er fand einen Kreis ihm zusagender Collegen, eine verständnissvolle Zuhörerschaft, und arbeitete glücklich und erfolgreich; sie fühlte sich in dem Haus und Garten, welches sie sich gekauft hatten, sehr behaglich, und ihre Briefe athmeten Freude und Zufriedenheit ; zuweilen läuft auch wohl eine kleine, gutmüthige Spötterei über die Verhältnisse der kleinen Stadt mit unter; so schreibt sie einmal an ihren Neffen Sebastian Hensel: „Von Theilung der Arbeit wissen sie hier noch nichts, vom Hofrath (das Höchste auf Erden) bis zum Schuhflicker hat Jeder sein Stückchen Feld, und arbeitet Vormittags Acker, Nachmittags räth er Hof oder flickt Schuhe. Ich erlebe noch, dass ich auch meine Kartoffeln buddele." — Sie wurde bald der Mittelpunkt einer angenehmen Geselligkeit: „Vorgestern",'schreibt sie an denselben, „haben wir unsern sechzig intimsten Freunden die Heimkehr vorgesungen. Der dicke Bodemeier mit seinem vortrefflichen Bass hatte mich dazu begeistert, und es fiel sehr gut aus; die Ensemblestücke gingen so hübsch, und das Ganze hatte solchen Zug und Leben, dass es mir selbst Vergnügen gemacht hat. Bodemeier Kauz wirklich prächtig, mit soviel gesundem und gutmüthigem Humor, soviel musikalischem Ver- ständniss und so sehr schöner Stimme. — Beim Nachtwächter- Lied habe ich manche Thräne geweint, — das versteht Niemand ausser Dir. Die kleinen Soli im Chor, die beiden Sie- bold'sclien Mädchen, was zweitens sehr hübsch aussah und erstens auch allerliebst klang. Zuletzt Abendbrod und zwei Kardinalbowlen und ungeheure Dankbarkeit, ausgedrückt durch Diriclilets in Göttingen. 387 furchtbares Essen und Trinken, und mehrere Professorentoaste: Wirthe, Gäste, Sänger, Musik, alles Mögliche. Die Proben waren das Netteste, wie die Musik ihnen so einging, und lieb wurde, und wie wir dabei so gut Freund wurden. Ein Student Walter, der den Schulzen singen sollte, nahm es bei der ersten Probe offenbar übel, dass er nur einen Ton zu singen hatte; bei der zweiten wurde ihm aber sein Standpunkt klar, besonders weil ich ihm versicherte, die Rolle hätte immer den grössten Effekt gemacht, und er machte seine Sache vortrefflich. „Lasst mich den Löwen auch spielen", fehlte natürlich auch nicht, sowie „Stichwörter und den ganzen Plunder"; es war sehr hübsch, und ich fühle mich ordentlich zu Hause hier, seit hübsche Musik bei uns gemacht ist. Ja, ja! Wir füttern die Leute mit Brosamen unsrer alten Herrlichkeit." Sofort nach Fanny's Tode hatte sich Rebecka ihres verwaisten Sohnes angenommen, was für ihn um so nöthiger war, als sein Vater sich, wie oben erwähnt, nicht wieder eine Häuslichkeit schuf. Sie ersetzte ihm die verlorene Mutter in dem Unersetzlichsten, in der aufopfernden mütterlichen Liebe, und machte keinen Unterschied zwischen ihren eigenen Kindern und dem angenommenen. Nur wer ihr so nah stand, konnte wissen, was diese für kalt gehaltene Frau für ein reiches und weiches Gemiitli hatte. Im Herbst 1858 besuchte Sebastian Hensel mit seiner jungen Frau Diriclilets in Göttingen zum letzten Mal, und verlebte vier Wochen in ihrer behaglichen Häuslichkeit. Ganz besondere Freude musste man an Diriclilets Mutter haben, die im neunzigsten Lebensjahre eine seltene Frische und Rüstigkeit zeigte; sie machte die angestrengtesten Bergparthien mit, war sehr entrüstet, wenn Jemand ihr beim Klettern den stützenden Arm bot, war thätig und geschäftig im Haus und Garten und betheiligte sich noch Abends an einem ab und zu improvi- sii'ten Tanz. Nichts liess beim Abschied ahnen, dass ein jähes Ende sowohl Rebecka als Divichlet bevorstände: er war in den Ferien nach der Schweiz gereist. Er kehrte todtkrank an einem plötzlich aufgetretenen Herzleiden zurück. 388 Schlnss. Rebecka pflegte ihn aufopfernd und hatte die Genugthuung, ihn bald auf dem Wege zur Besserung zu sehen, — da starb sie selbst ganz plötzlich ohne vorhergegangene Krankheit in derselben Weise wie ihre beiden Geschwister am Gehirnschlag, am 1 sten December 1858. Die Aufregung und der Schreck verschlimmerten den Zustand ihres Mannes derart, dass jede Hoffnung auf Genesung aufgegeben werden musste; er folgte ihr am Sten Mai 1859 nach. Wie zerstört das Leben Wilhelm Hensels nach Fannys Tode war, ist schon gesagt worden, und wie auch er der Signatur der Zeit „Politik" verfiel. Leider war es ihm nicht vergönnt, die grosse Zeit Deutschlands zu erleben, sondern nur die kleine Preussens. Ohne recht eigentlichen Inhalt verfloss ihm das Leben in Erinnerung an die Verlorene und in aufopfernder Hiilfsbereitschaft für Andere. So wurde auch sein, von ihm selbst längst ersehntes Ende herbeigeführt durch eine Verletzung, die er sich bei der Rettung eines Kindes, das in Gefahr schwebte, überfahren zu werden, zuzog. Er starb am 24 sten November 1861, er liegt neben Fanny begraben. Paul und seine Frau Albertine überlebten die andern lange. Es ist in diesen Blättern weniger von ihm die Rede gewesen, als von den Geschwistern; das entsprach nicht sowohl seinem etwa geringeren Werth, als der durchaus stillen, wenig hervortretenden Art seines Wesens. Unzählig aber sind die Werke der Liebe und Wohlthätigkeit, die er ausführte im Sinne des schönen Spruchs: dass die Linke nicht wissen solle, Avas die Rechte thut; er wetteiferte hierin mit seinem Vetter Alexander, dem Sohn von Joseph Mendelssohn, mit dem er auch im Beruf — sie waren lange Jahre hindurch die Chefs des gleichnamigen Bankhauses — eng verbunden war. Junge, aufstrebende Talente, begabte, aber nicht iliremWerth entsprechend anerkannte Künstler, inNotli geratliene, tüchtige Menschen jedesStandes, alle Werke der Mildtliätigkeit fanden an ihnen grossartige, ganz und voll stützende Freunde und Helfer. Beider Grundsatz war es, wenn sie unterstützten, so zu unterstützen, dass eine Existenz wieder lebensfähig wurde, dass kein Stück- und Flickwerk entstand. — Vor allen Dingen wurde Paul der Vormund und Panl's Tod. 889 Vater der nach und nach verwaisten Kinder seiner Geschwister, und der sorgsame und pflichteifrige Wahrer ihrer Angelegenheiten. Die Söhne Felix' nahm er in sein Haus auf, während die Töchter in der Obhut der würdigen und trefflichen Frau Jeanrenaud, der Mutter von Cecile, verblieben. Die Tochter von Rebecka verlebte ebenfalls mehrere Jahre in seiner Familie. Nicht am wenigstens fand Sebastian Hensel an ihm einen stets bereiten Freund und Berather in allen wichtigen Angelegenheiten seines Lebens. Da Paul allem in die Oeffentlichkeit treten abhold war, so ist es ihm doppelt hoch anzurechnen, dass er es über sich gewann, mit der Herausgabe der Felix'schen Briefe vorzugelin, und dadurch so ausserordentlich viel zur Richtigstellung des allgemeinen Urtlieils über diesen beigetragen. Der recht bedeutende Ertrag der Briefe wird zu Unterstützungen verwendet. Leider war Paul ein Erbtlieil der Familie versagt, der schnelle schmerzlose Tod. Nach langen, schweren Leiden endete sein Leben am 21sten Juni 1874. Seine Gattin folgte ihm am 17ten Juli 1879 nach. Die Worte, welche Felix am 7ten Juli 1847 an Rebecka geschrieben hatte: „Ein grosses Kapitel ist nun eben aus — und von dem nächsten ist weder die Ueberschrift, noch das erste Wort bis jetzt da. Aber Gott wird es schon recht machen; das passt an den Anfang und den Schluss von allen Kapiteln," — diese Worte hatten nach Felix' Tode für die Familie eine noch tiefere, ernstere Bedeutung gewonnen. Das Kapitel, das Leben, wie es bis dahin geführt worden war, es war allerdings für die Mendelssohn'sche Familie aus, und für immer; mit Fanny und Felix war das frohe, künstlerische Element schnell dahin gerafft. Aber auch für alle Deutschen war mit dem Jahre 1847 ein Käpitel aus und die Ueberschrift des nächsten lautete: Politik. Was wir erlebt, es ist weltbekannt und gehört nicht in den Rahmen dieses Buchs. Wir besitzen ein einiges und geachtetes Vaterland, wir haben das Höchste errunnen. was dem Scliluss. Menschen auf Erden hescliieden sein kann, wir haben in einer grossen Zeit gelebt. Aber dennoch blicken die Nachkommen der Mendelssokn'sclien Familie mit welmiütliiger Rührung auf die ewig verschlossenen Pforten des Paradieses ihrer Jugend und auf die Freuden jener Zeiten zurück, die so nie wiederkehren werden, nie wiederkehren können. Namen-Register. A. Abbt, I. 7. 27. Abeken, II. 92. Albert, Prinz, II. 191 f. Alexander, Misses, I. 341 f. Altenstein, II. 4. Anderson, Mrs., I. 270. Antonio, K., I. 221. Arend, I. 182. d'Argens, I. 31 f. Arland, I. 84 Assing, Frl., II. 202. Attwood, I 259. 265. 268 f. Attwood, William, I. 269. Auber, I. 145 f. Auerbach, Bertliold, I. 26. Austin, Mrs, I. 363, II. 188. Arnstein, I. 326. B. Babbage, II. 329. Bach, Baron, II. 134 Bader, I. 196. 286. II. 288. Bärmann, I. 296. Baillot, I. 143. 146. Bamberger, Heimann, I. 5. Bartlioldy, I. 73 f. 76. 89. 100. 114-117. II. 97. 172. Batliurst, Miss, II. 94. Baumgarten, I. 22. Beilay, II. 134 f. 291. Benedikt, II. 47. Benuet, II. 32 f. Berger, L., I. 87. Beriot, de, I. 339. Berlioz, I. 291, II. 210. 249. Berner, I. 137 f. Bernhard; I. 7. 12 Bessel, I. 355. Biefve, de, II. 272. Bigot, Mme., I. 96. 98. 326. Blumenbach, I. 125. Böckh, II. 186. 264. 294. Böhmer, Auguste, I. 48. Börne, I. 182. Bonirote, II. 140. 146. 158. Borchardt, II. 220 ff. passim. Borghese, Fürstin, II. 101. Botgorschek, Mme., II. 53. Boucker, I. 144. Bousquet, II. 112—162 passim. Braun, II. 92. Brentano, Sophie, I. 83 f. Bruni, II. 134. 287. 291. Bnlwer, Sir Edward, II. 190. Bunsen, I. 286. II. 188. Buoncomgagni, Principe, II. 269. Busolt, I. 196. 392 Namen-Register. C. Calamatta, I. 361. II. 90. Caspar, Dr., I. 139. II. 333. Cassas, II. 298 f. Catel, I. 145. Cavendish, Lord, II. 142. Cerf, II. 88. Cerito, II. 285. Charpentier, I. 157. Cherubini, I. 143. Chezy, Frau v. I. 51. II. 285. Chopin, II. 17. Clairbourg, Mine, de, II. 287. Collard, I. 216. Constant, Benjamin, I. 51. 158. Constant, Frau v., I. 51. Cornelius, II. 69, 180, 258, 298 f. Gramer, Dr., I. 209, 255. Cramer, J., I. 209 f. Crelinger, II. 187. Creseini, Mme., II. 33. * Curioni, I. 205. D. Dähling, I. 179. Dahlmann, II. 302 f. Dance, I. 265. David, I. 182. II. 15. 52. 66. 88, 165. 244. 249. Ducaitel, II. 166, Decker, Frau v., I. 196. 286. 317 f. II. 218. 266. 289. 293. Delaroche, I. 361. II. 275. 287 bis 298. 305. Devonshire, Herzog v., I. 207. Devrient, Eduard, I. 180. 194 f. 279 f. 306. 313. II. 274 f. 296. 317 f. Dirichlet, Elise, I. 349 f. II. 19 f. Dirichlet, Gustav, Peter Lejeune, I. 187. 349-356. II. 204. 385 f. s. auch Dirichlet, Kebecka, Geburt: I. 86. Verlobung: I. 307. Ver- heirathung: I. 356. Fran- zeusbader Heise: II. 12—22. Italienische Heise: II. 213 bis 363. Tod: II. 388. Dirichlet, Walter, I. 396. II. 156. 204 f. Döhler, II. 36. Donzelli, I. 204. Drieberg, I. 51. Drouet-, I. 220. II. 54. Droysen, I. 182. 187. 228. 277. Dugasseau, II. 114—162 passim. 291. Duprö, II. 240. E. Eckermann, II. 11 f. Eckert, II. 244. 265. 293. Egerton, Lord, II. 45. Eichhorn, I. 174. Eichhorn, II. 185 f. 336. Eichthal, Gustav, I. 287. Elsasser, August, II. 114—162 passim. 271. 298 f. 327. Elsasser, Julius, II. 271, 327. Encke, I. 198. Erdmanu, I. 20 f. Emst, II. 188. Eskeles, Ritter v., I. 51. Eyssenhardt, II. 260. F. Femy, I. 125. Fichte, I. 46. Fleck, I. 82. Fleck, Mme., I. 83. 1 Namen-Register. 393 Förster, II. 76. Fould, Mdm., I. 51. Fouchd, I. 53. Foy, I. 352. Fränckel, Rabby, J. 4. Franck, Herrmann, I. 174. Franck, Eduard, II. 265. Freiligratb, II. 328. Friedrieh Wilhelm I., I. 2. Friedrich II., I. 2. 31. Friedrich Wilhelm III., II. 154. Friedrich Wilhelm IV., I. 367. II. 177. G. Gade, II. 210. 244, 283. Gallait, II. 272. Gans, I. 187. 197. II. 172. Ganz, II. 260. Gauss, I. 351. Genlis, Gräfin, I. 84. Gerard, I. 291. 362. Gern, II. 245. Geyer, II. 271 f. 352. Gibsone, II. 117. Glasbrenner, II. 303. Göschen, I. 265. Goldschmidt, I. 263. 341. Gonfaloniere, II. 172 f. Göthe, I. 106—lt)9. 131. 298 f. Göthe, Enkel des vorigen, II. 22. Gotha, Erbprinz u. Erbprinzessin von, II. 192 f. Gounod, II. 114—162 passim. 210 f. Gower, Lord Levison, I. 332. Grabow, II. 33 Grab], II. 87. 191. Gregor XVI., II. 88. 105. 109 f. 276. Grimm, Gebr., II, 180. Grisi, II. 47. Gros, I. 361. Günther, I. 371. Gugenheim, I. 25. Gugenheim, Fromet, I. 25. ^ % < Gusikow, II. 4. H. Hagen, Charlotte v., II. 246. Haifinger, Frau, I. 157. Hallmanu, II. 304. Hanstein, I. 153. Hasenclever, II. 372. Hauser, I. 378. II. 186. Hawes, I. 265. Hayta, R., I. 45. Heiberg, I. 55. Heidemann, I. 142. 153 f. 360. Heine, Albertine, I. 356. Siehe auch Paul Mendelssohn-B. Heine, Heinrich, I. 197. 362. Hendrichs, II. 323. Hennings, I. 15. Hensel, Fanny, siehe auch Meu- delssohn-Bartholdy Felix: Geburt I. 86. Einsegnung I 93. Brautzeit I. 188 f. Hochzeit I. 273. Sonntagsmusiken I. 285. In Frankreich-Belgien I. 360- 366. Zum rheinischen Musikfest' II. 5 f. Herausgabe eines Liedes II. 34. Antheil an den publizir- ten Sachen von Felix II. 34. Spielt öffentlich II. 43. Heringsdorf II. 57-64. Italien II. 65—177. Italien abermals II. 348—363. Herausgabe ausgewählter Sachen II. 365. Trio II. 375. Tod II. 376. ' ' .... 394 Namen-Kegister. Heusei, Wilhelm, siehe auch Hensel, Fanny, I. 111—123. 187. 228. II. 44. 49. 388. Hensel, Luise, I. 70.199. IT. 190. Herder, I. 14. Herz, Henriette, I. 42. II. 219. Herz, Harens, I. 34 f. 44. Herz, Musiker, I. 147. 338. Heyse, I. 105. II. 186. Hildehrand, II. 372. Hiller, I. 125. 291. II. 33. 171. 189, 244. Hoffmann von Fallersleben, II. 309. 328. Hoffmann, Bildhauer, II. 278. Holtey, I. 173 f. 183. Homberg, Herz, I. 28 f. 36 f. 43 f. Horkel, II. 258 f. 292. Horn, I. 142. 271 f. Horsley, I. 331. II. 56. 382. Huber, II. 264. Humboldt, Alexander von, I. 40. 51. 173. 184. 198. 353. II. 172. Hummel, I. 143 f. 287. J. Jacoby, F. H., I. 33. Jaeoby, Mathematiker, II. 217 bis 306 passim. 323. 341. 364. Janin, Jules, II. 162. Jeanrenaud, Cecile, II. 24 f. (s. auch Felix M.-B.) Jeanrenaud, Karl, II. 29. Immermann, I. 317. 329. 368. Ingres, II. 90. 116. 135 f 276. Joachim, II. 244. 293. Johnston, Sir Alexander, I. 213. 221. Itzig, I. 75 f. 80. K. Kaisaroff, II. 112. Kalkbrenner, I. 136. 143. II. 37. Kant, I. 22. Kaselowsky, II. 114-162 passim. 258-350 passim. Kaulbach, II. 75 f. Kemble, Schauspieler, I. 215. Kemble und Tochter, II. 166. Kestner, II. 89. 92. 226. Keudell, II. 365 f. Kiesewetter, I. 76. Kind, Dr., I. 263. 271. Kisch, Dr., I. 7. Kiss, II. 318. Elingemanu, I. 142. 162 f. 200 bis 270 passim. 363. II. 35 f. 42 f. 50. 310 f. 358. Köhler, I. 154 f. Köpke, I. 177. Kopisch, II. 330. Koreff, I. 51. 289. Kreuzer, I. 143. Küstner, II. 219. Kufferath, Mme. I. 325. Kyllmann, II. 373. L. Lahlache, II. 47. Lacordaire, II. 139. Lafont, I. 143. Laudsberg, II. 88. 112. 123. 125. 134 f. 265. Lang, Peppi, I. 296. Lansdowne, Marquis of, I. 208. Lavater, I. 10 f. 15. Lehmann, Henri, II. 304. 331. Lenau, II. 328. Leo, I. 144. Lepsius, II. 188. Nainen-Register. 395 Lessing, Gotthold Ephraim, I. 5. 14 f. Lessing, Maler, II. 372. Levasseur, I. 205. Levreux, II. 112. Liehtenstein, I. 185. Liegnitz, Fürstin, II. 57. Ligne, Fürst, II. 48. Lind, Jenny, II. 365. 371. Lion, Capitain, I. 277. Lipinski, II. 22. Liszt, II. 188. 293. Löwe, Mine., II. 53. Lonis, Philipp, II. 61. Ludwig, König von Bayern, II. 67 f. M. Madrazo, II. 37. Magnus, Eduard, II. 114. 120 f. 125 f. 355. Magnus, Gustav, I. 153. II. 248. Malibran, I. 204. 339 f. Mantius, I. 205. 281. 286. Marggraf, II. 75. Martin, I. 305. Marx, I. 142. 294 f. Massow, von, II. 283 f. 274. 279. Mauromichalis, II. 16. Mendel, Dessau, I. 4. Mendelssohn, Moses, I. 1—35. Mendelssohn, Recha, I. 50. Mendelssohn, Dorothea, I. 42 bis 50. II. 7. Mendelssohn, Henriette, 1.50 bis 71. 104. 109. 131. 144. 307. Mendelssohn, Jo seph, I. 36 bis 41. 161. II. 374. Mendelssohn, Nathan, I. 36.41, Mendelssohn -Bartholdy, Abraham (siehe auch M.-B., Felix), I. 50. 56 f. 71 —110. 287-294. 315-347. 378 f. Mendelssohn-Bartlioldy, Lea (s. auch M.-B., Abraham), I. 39. 54 f. 72 -84. 85 f. 118 f. Ulf. 273. 358 f. II. 37 f. 164. 183. 202 f. Mendelssohn-Bartholdy, Felix. Leben: I. Geburt 86. Besuch bei Göthe 106 —110. Schweizer Reise 124 — 134. Bei Göthe 131. Erstes öffentliches Auftreten 136. Schlesiscke Reise 136—139. Reise nach Paris 143—148. Bei Göthe 148. Reise nach Stettin 152. Fussreise nach Süddeutschland 153 — 162. Aufführung der Back'schen Passion 188. 192 bis 197. Erste englische Reise 200—271. Reise nach Italien, Schweiz, Frankreich 294 bis 310. In Berlin 313. Nach England 314. In Düsseldorf 314. Musikfest daselbst 1833 315 — 328. Engagementsbedingungen daselbst 327 f. In England mit seinem Vater 329 bis 347. In Berlin 356. Kölner Musikfest 1835 358. In Düsseldorf 366-375. Nach Leipzig 375 f. In Berlin mit Moscheies 377 f. In Berlin nach des Vaters Tode 381. II. Düsseldorfer Musikfest 1836 5f. Verlobuug20f. Scheveningen u. Haag 25—29. Hochzeit 37. In England 39. 40. 396 Namen-Register. In Berlin 44. Fest zum Buchdrucker - Jubiläum 164. In Berlin 165. Berufung nach Berlin 181. Orgelkonzert für das Bachdenkmal 183. In Berlin 184. Am Rhein und in England 188- 195. Wechselnd in Berlin und Leipzig 195. 200. 204. 247. Mit Familie nach Berlin übergesiedelt 264. Aufführung der neunten Symphonie u. Israel 293 f. In England 310. Auflösung des Berliner Verhältnisses 337. In Frankfurt 346. Rheinreise 370. England 374. In der Schweiz 380. Tod 381. Werke: I. Verschiedene Jugendarbeiten d. Jahres 1822, darunter das C moll-Quartett (opus 1) 136. Liederspiel: Soldatenliebschaft 277. Die Oper: Die beiden Neffen 136. 139. Die Hochzeit des Camacho 139. 152 f. Die Heimkehr 142. 276 f. Ottett 150. Sommernachtstraum - Ouver - ture 151. Quartett A moll 153. Choral: Christe Du Lamm Gottes 172. Erste Kindersymphonie 172. Tu es Petrus 173. Cantate zum Diirerfest 179. Trompeten - Cuverture C dur 180. Meeresstille und glückliche Fahrt 184. Cantate zur Naturforscherversammlung 1828 185. Erste Lieder ohne Worte 1828 186. Antiphona et Responsorinm: Hora est 186. Zweite Kindersymphonie 188. Bearbeitung von Acis und Galathea von Händel 188. Festlied für die Emancipa- tionsfeier auf Ceylon 213. Idee zur Schottischen Symphonie 225. Erster Entwurf zur Hebriden- Ouvertnre i^Fac simile) 236. Schottische Symphonie 244. 255. Violinquartett 252. 255. Reformations- Symphonie 252. 255. Hebriden-Ouverture 252. 255. 310. Orgelstiick für Fanny Hensels Hochzeit 252. 255. Drei Fantasien oder Capricen für Pianoforte (op. 16.) 252. 254. 257. Lied ohne Worte (II. Heft No. 2) 301-304. Walpurgisnacht 310 f. II. 293. Concert G'rnoll 312. Capriccio brillant H moll 312. Symphonie A dur 312. Rondo Es dur 373. Symphohuie A dur 312. Rondo Es dur 373. Capriccio A moll 373. Namen-Register. 397 Fuge As dur 373. Lieder ohne Worte und mit Worten 373. Ouvertüre zur schönen Melusine 373. Paulus 373 II. 5 f. II. Drei Orgelpräludien 38. Lieder ohne Worte 38. Violinquartett (op. 44) 38. 95. Psalm 66. 114. Psalm 66. Ouvertüre Ruy Blas 67. Sonate D dur Piano u. Violon- cell 67. Quartett Es dur für Streichinstrumente 67. Serenade und Allegro giojoso f. Piano u. Orchester 67. Elias 67. 369. 374. Buchdrucker-Cantate 177. Antigone 186 f. Atkalia 198. Sommernachtstrauml98.11.244. Oedipus 198. 356. Sonate für Violoncell D dur 201. 98. Psalm 273. 2. Psalm 8 stimmig a capella 275. Variationen zu vier Händen 289. 6 Orgelsonaten 356. Lauda Sion 370. 373. An die Künstler 370. 373. „Wer hat Dich, Du schöner Wald" 374. Christus 380. Loreley 380. Nachtlied 381. Mendelssohn - Bartholdy, Paul, I. 87. 92. 181. 347. 356. II. 43. 180. 388. Merkel, I. 72 f. Metternich, I. 53. II. 17. Meuricoffre, II. 143. 155. Meyer, I. 50. II. 190. Meyerheer, I. 143, 287. Mial, I. 146. Michaelis, I. 18. Milanollo, II. 288. Milder, I. 136. 180. 196. 201. Moser, I. 187. Molique, II. 32. 275. Möller, Lady, I. 265. Montebello, II. 166. Moriani, II. 279 f. Moscheies, I. 142 f. 205. 216. 341. 378. II. 190. Mosclieles, Frau, I. 205. 216. 341. II. 56. Moser, II. 259. 271 f. 291 f. 332. Mühlenfels, I. 215. 217. 271. II. Müller, Ottfried, II. 92. N. Nägeli, I. 174. Negri, II. 168. Nerenz, Frau, II. 265. 299. Nerly, II. 77. Neuhurg, I. 124 f. Neukomm, I. 147. II. 39. 164. Nikolai, I. 9. 21. Nikolaus, Grossfürst. I. 111. Norblin, I. 146 335. Normand, II. 161. Novello, II. 53. O. Ohm, I. 350. Onslow, I. 144. 146. II. 371. 398 Namen-Register. Otto, König von Griechenland, II. 15 f. Ouvrard, I. 52. Overbeck, II. 119. 255. 278. P. Paer, I. 143. Palliser, II. 122. 136. Papenkord, II. 121. Paperini, II. 243. Pasta, II. 188. Paulsen, II. 120. 129. Peel, Sir Robert, I. 207. Perier, Amfidee, I. 157. Pignatelli, II. 163. Pixis, I. 143. Plantade, I. 143. Pobeheim, Pran v.. I. 51. Pölchau, I. 76. 81 f. Pourtales, II. 261. Prand, II. 75. Praslin, Herzog v., I. 63 f. 294. <}• Quaglio, Dominic, II. 70. Quandt,, Fran v., I. 51. Quatrocchi, II. 134. Quetelet, I. 283. R, Radziwill, Fürst, II. 188. 301. Reicbardt, II. 108. Reinick, II. 126. Reiter, I. 377. Reilstab, I. 185. II. 269. Riedel, II. 335. Rietz, Violinspieler, I, 142. 157. 179. 196. II. 88. Rietz, Kapellmeister, I. 196. II. 372. Rinaldi, IT. 91. Ringseis, I. 306. Robert, Dichter, I. 157 f. Robert, Friederike, I. 287. Robert, Leopold, Maler, II. 77 f. 144. Robert, Aurel, II. 79. Robescelli, II. 233. Rode, I. 143. 146 f. Rogers, Sam., II. 190. Romeo, Don, II. 320. Rosen, I. 215. 217. 271. Rossini, I. 143. II. 22. Rottmann, II. 75. Rothschild, Mme., I. 221. Rungenhagen, I. 313. II. 318. S. Saaling, Julie, I. 124 f. Saaling, Marianne, I. 70. 124 f. Salomon, Mme., I. 89. Sandon, Lord und Lady, II. 47. Santini, II. 133. 287. 299. Saphir, I. 306. Schadow, Direktor der Berliner Akademie, I. 180. II. 309. Schadow, Maler, Düsseldorf, T. 323. II. 25 f. Schanzky, IL 134. Schauroth, Delphine, I. 296. 298. 305. II. 69. 75. Schelble, I. 130. 307. Schelling, I. 48.' Schinkel, II. 180. Schlegel, Karoline, I. 45 f. Schlegel, Friedrich von, I. 42 f. 52. Schlegel, Wilhelm v., I. 45 f. Schleiermacher, I. 44. Schleinitz, II. 66. Schlemmer, II. 190. 355. Schlesinger, II. 35. (mT$W9SkvSi Namen-Register. 399 Schmidt, I. 48. Schmitt, Aloys, I. 125. Schnetz, II. 276. Schönlein, II. 218. Schopenhauer, Adele, I. 108. Schröder-Devrient, II, 279. 283. 289. Schubring, II. 67. Schumann, Clara, I. 377. II. 210. Schwanthaler, II. 68. Sciabatta, II. 265. 279. Scott, Sir Walter, I. 223. 225 f. Sebastiani, Fanny, I. 53 f. Sebastiani, General, I. 53 f. II. 48. Servais, II. 279 f. Severn, II. 104. Seydelmann, II. 52. Smart, Sir George, I. 259. Shaw, Mrs., II. 53. Somerville, Lady, II. 272. Sontag, Henriette, I. 218 f. II. 279 f. Soult, Marschall, II. 48. Soutzos, II. 132. 137. Spagnoletti, I. 204. Spohr, I. 125. 143. U. 32. 370. Spontini, I. 51. II. 159. 165. Spurzheim, I. 206. Stael, Frau v., I. 51. Stamaty, II. 22. Staudacher, I. 296. Steiner, II. 266. 271. Stern, II. 66. 331. Stiimer, I. 180. 196. Sutherland, Herzogin v., II. 45. Syracus, Prinz von, II. 99. Taglioni, I. 291. Taylor, I. 247. 219 f. Taylor, John Edward, I. 258. Taubert, II. 221. Teller, I. 32. Terry, II. 125. Thalberg, II. 36. 54. Thibaut, I. 159 f. Thompson, J., I. 224. Thorwaldsen, II. 188. 296. Thygeson, Frl., II. 114. 123 f. Tibaldi, Costanza, I. 174. Tieck, Ludwig, I. 48. II. 186. 224. 245. Türrschmiedt, Alme., I. 180.196. II. 248. V. Vanutelli, Sga., II. 88. 265. Yarnhagen, v.Ense, I. 50 f. 378. II. 203. Varnhagen, Rahel, I. 42. 49, II. 85. Veit, Simon, I. 44 f. Veit, Philipp, I. 44. 48. 50. 114f. 307. II. 32. 189. 263. Vernet, Ilorace, I. 362. II. 107 f. 135. Viardot, Pauline Garcia-, II. 143 216. Victoria, Königin von England, II. 44 f. 49. 191 f. W. Wagner, Richard, II. 279. Walesrode IL 309. Webern, General von, II. 267. Wellington, Lord, I. 207. II. 47. Weppler, I. 196. Westmoreland, Lord, II. 285. Wieland, I. 83. l ■%! 400 Namen-Register. AVilkie, I. 335. Wilmsen, I. 273. AVinkopp, I. 29. AVipreckt, II. 266. AA^ladoyano, II. 14. AVolf, I. 15. AA^oringen, Präsident v., I. 315 f. II. 7 f. AA'oringen, Frl. von, I. 323. II. 40. 202. AA r oriugen, Franz v., I. 327. II. 211 f. AVoringen, Ferdinand v., I. 315 f. II. 266. Z. Zakn, II. 160. Zelter, I. 87. 106—109. 139. 179. Zeune, I. 326. P. StankieAvicz' Bucliclrucker.ei, Berlin.. Beutlistr. 5. 1 r n i Ic7