geistlichen Compositionen Graun's abweicht. Man findethier nicht mehr jene strenge Polyphonie, welche sich aufdie einzelne Stimme und auf die einzelnen Orchester-In-strumente erstreckte, auch nicht jenen herben Charakterder Melodie, welcher ohne Rücksicht auf die sinnlichwahrnehmbare Schönheit nur der Idee folgte, die er dar-zustellen berufen war. Doch würde grade die Eigenartdieses Chores einen berechtigten Gegensatz gegen dieältere Schreibart darstellen können, wenn sie fortgebildet,vervollkommnet, in ihrer Weise zur Vollendung übergeführtworden wäre. Denn Avas hier gegeben wird, ist bei allerWeichheit der Formen, bei aller lyrischen Gefühlsstimmungdoch durchaus edel, voll von Gedanken und von harmo-nischem Interesse. Der Chor (vierstimmig) ist melodiösund rhythmisch gehalten, wesentlich in homophonem Styl.Die Instrumente bilden nur die begleitende Verstärkungder Singstimmen, das Quartett führt diese in % Notendurch.
Nach 13 Takten, mit den Worten „Wir aber hieltenihn für den, der geplaget und von Gott geschlagenund gemartert wäre" beginnen 2 Solostimmen (Sopranund Alt) in canonischen Einsätzen einen melodischenZwischengesang, welcher durch das plötzliche Abbrechender Bässe und den gleichzeitigen Eintritt des alten Kirchen-liedes „Meine Seele erhebt den Herrn" in die durchdie Oboen verstärkten Sopran- und Altstimmen des Chorszu einer hehren feierlichen und sanften Majestät erhobenwird.