Kirchliche Missstände und allgemeine Unzufriedenheit. 5
die Bürger einer Seelenmesse bei den Minoriten in Erin-nerung an die Erschlagenen beiwohnten.
Dieser einzige Beleg zeigt wie bei den hohen geist-lichen Würdenträgern das Bewusstsein ihrer landesherr-lichen Stellung unendlich lebendiger war als die Erinnerungan ihre kirchliche Pflichten. Die Söhne der grossen Fa-milien, die dem geistlichen Stande angehörten, fühlten sich,wenige Ausnahmen abgerechnet, immer nur als die mächtigenweltlichen Gebieter in dem Umfang ihrer Lehnsherrlich-keiten. Für die Theologie brachten diese grossen Herren,mochten sie Bischöfe oder Aebte sein, auch nicht dasgeringste Verständniss mit; für die kirchliche Verwaltungihrer Diöcesen, für die Weihe der Priester, für die Spendungder Sacramente, für die Fällung von Entscheidungen inden geistlichen Gerichtshöfen hatten sie ihre eigenen Vertreter.
Die Ueberzeugung eines socialen Gegensatzes zwischenden geistlichen Fürsten und der grossen Masse ihrer Un-terthanen durchdrang immer weitere Kreise. Die allge-meine Missstimmung wurde genährt durch die unaufhör-lichen Streitigkeiten zwischen den hohen geistlichen Wür-denträgern mit ihren Städten und Ständen. Die Siege unddie Niederlagen, die der eine oder der andere Theil aufden Landtagen gewann oder erlitt, trugen nur dazu bei,die Gegensätze zu verschärfen und die Kluft zu vergrössern.
In Rom war dieser Zustand der Dinge nur zu wohlbekannt. Die Instructionen, welche Papst Adrian VI., derErzieher Carls V., seinem Nuntius für den Reichstag inNürnberg gab, lassen darüber nicht den mindesten Zweifelbestehen. Eine Aenderung der Verhältnisse hervorzurufen,blieb unmöglich, alle Bemühungen scheiterten an dem Krebs-schaden der deutschen Kirche, an der Thatsache, dass derBesitz eines bischöflichen Stuhls untrennbar mit dem Be-sitz eines Reichslehns verbunden war. Dass hierin dieWurzel der kirchlichen Missstände lag, wurde ausdi'ücklichvon Kanzler Eck hervorgehoben und von allen redlichenMännern, denen es ehrlich um „eine Reform an Haupt undGliedern" zu thun war, rücksichtslos anerkannt.
Die allgemeine Missstimmung, welche über diese trau-rigen Zustände im weiten deutschen Reiche herrschte,wurde durch die Schriften der Humanisten ganz besondersgesteigert. Wenngleich ihre Schriften allenthalben mit Be-gier verschlungen wurden, so mochten sie doch nicht dieKöpfe urtheilsfähiger Männer für einen kirchlichen Umsturz