Druckschrift 
Buch, Bibliothek und geisteswissenschaftliche Forschung : zu Problemen der Literaturversorgung und der Literaturproduktion in der Bundesrepublik Deutschland
Entstehung
Seite
135
Einzelbild herunterladen
 

135

Die historische Archivierung der Nationalliteratur in staatlichemAuftrag unterscheidet sich von anderen Sammeltätigkeiten, die aufdie Bewahrung bestimmter Traditionen abzielen und die etwa durchkirchliche oder gewerkschaftliche Bibliotheken repräsentiert sind.Jede Auswahl nach ,Relevanz'-Kriterien, die aus politischen odergeistigen Gegenwartsströmungen abgeleitet sind, führt zu einerSelektion, die die Brauchbarkeit des Archivs beeinträchtigt. Dies giltauch für das im deutschen Bibliothekswesen weithin anerkannteKriterium der ,Wertbeständigkeit' von Literatur, dessen Anwendungim späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert dieQuellenbasis für die Forschung allenthalben eingeengt hat.

Ein erstes und vorläufiges Kriterium läßt sich dem einzigenstaatlichen Sammelauftrag entnehmen, der je für eine deutscheBibliothek formuliert worden ist. Nach dem 1885 ergangenen Erlaßsollte die Berliner Bibliothekin möglichster Vollständigkeit diedeutsche, und in angemessener Auswahl die ausländische Literatur"beschaffen. 23Vollständigkeit" ist ein objektivierbares und ideo-logiefreies Kriterium, doch der Zusatz macht deutlich, daß das Idealder Lückenlosigkeit in der Praxis kaum erreichbar ist.

; ssäS

I i

Die Problematik der Formulierung liegt im Begriff ,Literatur'. Hiererweist sich, daß die historische Archivierung nicht nur vongezielten Vorgaben abhängig ist. Zwischen 1880 und 1980 hat sichder Begriff so ausgeweitet, daß ganze Kategorien von Schrifttum,die zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts außerhalb des bi-bliothekarischen Gesichtskreises lagen, nun darin eingeschlossensind. Das bezieht sich weniger auf die Trivialliteratur, die in jüngsterZeit modisch aufgewertet wurde, als auf das ephemere Schrifttum,die Sach- und Gebrauchsliteratur früherer Jahrhunderte, derenBedeutung mit der Ausweitung kultur- und sozialhistorischerFragestellungen beträchtlich zugenommen hat.

Mm

SSätSa

a$M

HB

Idealiter muß das Nationalarchiv das nationale Schrifttum in seinerganzen Breite und Differenziertheit umfassen. Der beherrschendeGesichtspunkt für seinen Aufbau darf nicht der sein, daß eine wieimmer definierte politische, gesellschaftliche oder geistige Gegen-wartssituation in ihrer historischen Herkunft zu dokumentieren ist.Vielmehr muß das Archiv so angelegt werden, daß möglichst jede

will

WM

'' : '"

>*«BT

m§

Wm