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Plädoyer für die Präsenzbibliothek als Arbeitsstätte für die gei-steswissenschaftliche Forschung. 58
Die Verwandlung fand aus zwei Gründen nicht statt. Einmalsprachen sich Berliner Professoren gegen den Plan aus. TheodorMommsen korrelierte das Ausleihprinzip mit der Gründlichkeit desdeutschen Gelehrten, wie dies vor ihm schon Heinrich von Treitsch-ke getan hatte. 59 Das Motiv für das abstruse Argument dürfte dieunzureichende räumliche Unterbringung der Königlichen Biblio-thek gewesen sein - „einer der wundesten Punkte im öffentlichenBibliothekswesen Preußens". 60 In London, Paris und Washingtongab es moderne Lesesäle, und „nicht ohne Beschämung", soTreitschke 1884, konnte „ein Preuße das schöne Münchner Bi-bliotheksgebäude... betreten". 61 Der über Jahrzehnte verschleppteNeubau der Königlichen Bibliothek 62 kam zu spät, um auf dieEntwicklung des Bibliothekswesens in Preußen und darüber hinausin Deutschland noch die Auswirkung zu haben, die er hätte habenkönnen und haben müssen.
Der andere Grund war die desolate Literaturversorgung der Pro-vinzuniversitäten. In einer bislang unveröffentlichten Denkschriftvon 1909 forderte Harnack eine Entlastung der Königlichen Bi-bliothek von dem zunehmenden Druck des Leihverkehrs durch dieEinrichtung von Sondersammlungen ausländischer Literatur beieinzelnen Universitätsbibliotheken, auf die bei Bedarf zurückge-griffen werden konnte. „Es muß," präzisierte er, „mindestens je aneiner Stelle in Preußen neben der Königlichen Bibliothek für diewichtigsten ausländischen Literaturen in ganz anderer Weise ge-sorgt werden, soll die deutsche Wissenschaft nicht den Kontakt mitder ausländischen verlieren." 63 Mit dieser Denkschrift brach sichder - nicht ursprünglich von Harnack stammende - Gedanke derbewußten Parzellierung von Buchbeständen Bahn. 1910 begann dieDepotbildung in Form von Sondersammlungen, und zum gleichenZeitpunkt wurde der allseitige Leihverkehr in Preußen eingeführt.Die Mangelerscheinungen verfestigten sich zu permanenten Struk-turen.
Was immer die Althoffschen Reformen bewirkten, ihr Ergebnis warweder ein funktionsfähiges Literaturversorgungssystem, das den
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