84 Kap. VI. Die Gesellschaft.
es hungrig ist. Das Dasein des einen Individuums wirddurch das andere, wenn wir von der Fortpflanzung undder Ernährung der jungen Brut absehen, gar nicht ge-fördert — ob hundert, lausend oder Millionen Thiere aufdemselben Raum zusammenleben, weder das einzelne Thier,noch der Typus der Thierklasse wird dadurch veredelt,das Niveau des thierischen Lebens dadurch nicht gehoben.Die Gemeinschaft der Thiere ist, so weit unser Wissenreicht, für das thierische Dasein völlig bedeutungslos,die Erfahrung des einen Thieres kommt dem andern nichtzu gute, das Thier macht sie nur für sich, mit jedemneuen Thier beginnt ganz dasselbe Spiel von neuem, ummit ihm wieder zu enden — resultatlos für die Gattung. *)Wenn ich also die obige Frage: was ist das Thierdem Thier? noch einmal wiederhole, so antworte ich:nichts; auf die Frage dagegen: was ist der Mensch demMenschen? antworte ich: alles — die Bedingung Menschzu sein. Unsere ganze Cultur, unsere ganze Geschichteberuht auf der Verwerthung des einzelnen menschlichenDaseins für die Zwecke der Gesammtheit. Es gibt keinMenschenleben, das bloss für sich da wäre, jedes ist zu-
*) Für die Zeit der urkundlichen Geschichte ist der Fortschritteiner einzelnen Thierklasse in keiner Weise zu constatiren. Die An-nahme einer Uebertragung gewisser anerzogener Eigenschaften beieinigen Thierarten von Seiten der Zoologen ist mir bekannt, kommtaber der obigen Behauptung gegenüber nicht in Betracht. Mag dasThier individuelle Eigenschaften vererben, Erfahrungen ver-erbt nur der Mensch —, unsere ganze Cultur ist aber nichts als derNiederschlag von Erfahrungen.