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Menschen während einei' bestimmten Periode geträumt haben, sowürde einem aus der Lektüre dieser gesammelten Träume, ein ganzrichtiges Bild vom Geiste jeuer Periode aufsteigen. Michelets „Fran-zösische Geschichte" ist eine solche Kollektion von Träumen, einsolches Traumbuch: das ganze träumende Mittelalter schaut daraushervor, mit seinen tiefen leidenden Augen, mit dem gespenstigenLächeln und wir erschrecken fast ob der grellen Wahrheit der Farbeund Gestalt. In der That, für die Schilderung jener somnambulenZeit passte eben ein somnambuler Geschichtsschreiber wie Michelet.
Michelet und Quinet ... die ehrlichsten und wahrhaftigstenSeelen . . . sind nicht bloss gute Kameraden, getreue Waffenbrüder,sondern auch wahlverwandte Geistesgenossen. Dieselben Sympathien,dieselben Antipathien. Nur ist das Gemüt des einen weicher, ichmöchte sagen indischer; der andere hat hingegen in seinem Wesenetwas Derbes, etwas Gotisches. Michelet mahnt mich an die gross-blumig starkgewürzten Riesengedichte des „Mahäbhärata"; Quineterinnert vielmehr an die ebenso ungeheuerlichen, aber schrofferen undfelsenhafteren Lieder der „Edda". Quinet ist eine nordische Natur,man kann sagen eine deutsche, sie hat ganz den deutschen Charakter,im guten wie im üblen Sinne; Deutschlands Odem weht in allen seinenSchriften. Wenn ich den „Ahasver" oder andere Quinetsche Poesienlese, wird mir ganz heimatlich zu Mute, ich glaube die vaterländischenNachtigallen zu vernehmen, ich rieche den Duft der Gelbveiglein,wohlbekannte Glockentöne summen mir ums Haupt, auch die wohl-bekannten Schellenkappen höre ich klingeln: deutschen Tiefsinn,deutschen Denkerschmerz, deutsche Gemütlichkeit, deutsche Maikäfer,mitunter sogar ein bischen deutsche Langeweile, finde ich in denSchriften unseres Edgar Quinet. Ja, er ist der unsrige, er ist einDeutscher, eine gute deutsche Haut, obgleich er sich in jüngster Zeitals ein wütender Germanenfresser geberdete. Die rauhe, etwastäppische Weise, womit er in der „Revue des Deux Mondes" gegenuns loszog, war nichts weniger als französisch und eben an demtüchtigen Faustschlag und der echten Grobheit erkannten wir denLandsmann. Edgar ist ganz ein Deutscher, nicht bloss dem Geiste,sondern auch der äussern Erscheinung nach und wer ihm auf denStrassen von Paris begegnet, hält ihn gewiss für irgend einen Halle-schen Theologen, der eben durchs Examen gefallen und, um sich zuerholen, nach Frankreich gedämmert. Eine kräftige, vierschrötige,ungekämmte Gestalt. Ein liebes, ehrliches, wehmütiges Gesicht. . .
.... Quinet hat lange Zeit jenseits des Rheines gelebt, nament-lich in Heidelberg, wo er studierte und sich täglich in Creuzers„Symbolik" berauschte. Er durchwanderte ganz Deutschland zu Fuss,besah alle unsere gotischen Ruinen und schmollierte dort mit denausgezeichnetsten Gespenstern. Im Teutoburger Walde, wo Hermannden Varus schlug, hat er westfälischen Schinken mit Pumpernickel