Zweiter Abschnitt.Die französische Litteratur im Urteile H. Heines.
I. Allgemeiner Teil.
i. Charakteristik des Wesens, der politischen Haltung undder Sprache der Franzosen.
Ist bei den Engländern das meiste Bedürfnis nach persönlicherFreiheit, so möchte wohl der Franzose im Notfall diese entbehrenkönnen, wenn man ihm nur jenen Teil der allgemeinen Freiheit, denwir Gleichheit nennen, vollauf gemessen lassen. Die Franzosen sindkein häusliches Volk, sondern ein geselliges, sie lieben kein schweigendesBeisammmensitzen, welches sie „une conversation anglaise" nennen,sie laufen plaudernd von dem Kaffeehaus nach dem Kasino, vomKasino nach den Salons, ihr leichtes Champagnerblut und angeborenesUmgangstalent treibt sie zum Gesellschaftsleben, und dessen ersteund letzte Bedingung, ja dessen Seele ist: die Gleichheit. Mit derAusbildung der Gesellschaftlichkeit in Frankreich musste daher auchdas Bedürfnis der Gleichheit entstehen, und wenn auch der Grundder Kevolution im Budget zu suchen ist, so wurde ihr doch zuerstWort und Stimme verliehen von jenen geistreichen Roturiers, die inden Salons von Paris mit der hohen Noblesse scheinbar auf einemFusse der Gleichheit lebten und doch dann und wann, sei es auchnur durch ein kaum bemerkbares, aber desto tiefer verletzendesFeudallächeln, an die grosse, schmachvolle Ungleichheit erinnertwurden. — Und wenn die Canaille roturiere sich die Freiheit nahm,jene hohe Noblesse zu köpfen, so geschah dieses vielleicht weniger,um ihre Güter als ihre Ahnen zu erben und statt der bürgerlichenUngleichheit eine adlige Gleichheit einzuführen. Dass dieses Strebennach Gleichheit das Hauptprincip der Revolution war, dürfen wirum so mehr glauben, da die Franzosen sich bald glücklich und zu-frieden fühlten unter der Herrschaft ihres grossen Kaisers, der ihreUnmündigkeit beachtend, all ihre Freiheit unter seiner strengenKuratel hielt und ihnen nur die Freude einer völligen, ruhmvollenGleichheit überliess.