Druckschrift 
Die französische Litteratur im Urtheile Heinrich Heine's
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Erster Abschnitt.Heine als Kritiker der französischen Litteratur.

Seine geistigen und persönlichen Beziehungenzn derselben.

Im Mai des Jahres 1831 verliess Heinrich Heine Deutschlandund siedelte nach Paris üher. Dort starb er am 16. Febr. 1856.Die Heimat hatte er während dieser 25 Jahre nur noch einmalgesehen. Einige Sommermonate an der Seeküste, kleine Reisen indie Provinz, ein längerer Aufenthalt in den Pyrenäen ausgenommen,lebte der deutsche Dichter ein volles viertel Jahrhundert im Herzen,oder besser im Kopfe, im Gehirne Frankreichs. Bewundert, geliebtund gefürchtet als geistvoller Schriftsteller, als Mann von sprudelndemWitze, den Poeten kannten nur wenige verkehrte Heine mitden meisten Koryphäen der so dichterreichen französischen Romantik.Er hat 25 Jahre lang aus der allernächsten Nähe französische Litte-ratur werden sehen. Er stand mitten in der geistigen Hochflut derZeit, der politischen wie der litterarischen. Ausser Hillebrand istkein neuer hervorragender Deutscher so voll und ganz in französischesGeistesleben untergetaucht, hat keiner je so tief und so lange inFrankreichs Kultur geblickt und diese so eigenartig, so klar erfasst,wie Heine. Denn Melchior Grimm, den man mir entgegenhaltenkönnte, gehört in die französische Litteratur.

Dies sind, kurz gesagt, die Erwägungen, die mich veranlassten,die in Heines Prosaschriften zerstreuten, wenig oder gar nicht mehrgelesenen Berichte, längeren und kürzeren Äusserungen über diefranzösische Litteratur zu sammeln und zu ordnen.

Vielleicht kommt dieser oder jener auf die absonderliche Idee,dieObjektivität" des genialen Satyrikers zu bezweifeln! Freilich,wer in Heines biographischen und kritischen Aufzeichnungen strengen,unpersönlichen, rein sachlichen Lehrstoff zu finden wähnt, der darfauf eine arge Enttäuschung gefasst sein. Denn hier sieht ein MannMenschen und Dinge durch ein Temperament, ein Poet, der diedichterische Laune, Antipathie und Sympathie, frei schalten und waltenlässt. Je geistvoller die Rede klingt, je toller die Funken des"Witzes sprühen, desto mehr müssen wir auf der Hut sein. Um mich

Betz, Französische Litteratur. 1