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II. Heines Urteilüber das XTII. und XVIII. Jahrhundert Frankreichs.
i. Das XVII. Jahrhundert.
Corneille und Racine. — Die französische Akademie.
Ich bin weit davon entfernt, die ältere französische Tragödieunbedingt zu verwerfen. Ich ehre Corneille und ich liebe Racine.Sie haben Meisterwerke geliefert, die auf ewigen Postamenten stehenbleiben im Tempel der Kunst. Aber für das Theater ist ihre Zeitvorüber, sie haben ihre Sendung erfüllt vor einem Publikum vonEdelleuten, die sich gern für Erben des älteren Heroismus hieltenoder wenigstens diesen Heroismus nicht kleinbürgerlich verwarfen.Auch noch unter dem Empire konnten die Helden von Corneille undRacine auf die grösste Sympathie rechnen, damals wo sie vor derLoge des grossen Kaisers und vor einem Parterre von Königenspielten. Diese Zeiten sind vorbei, die alte Aristokratie ist tot undNapoleon ist tot und der Thron ist nichts, als ein gewöhnlicher Holz-stuhl, überzogen mit rotem Sammet, und heute herrscht die Bour-geoisie, die Helden des Paul de Kock und des Eugene Scribe.
Dieser grosse Dichter (Racine) steht schon als Herold dermodernen Zeit, neben dem grossen Könige, mit welchem die moderneZeit beginnt. Racine war der erste moderne Dichter, wie Ludwig XIV.der erste moderne König war. In Corneille atmet noch das Mittel-alter. In ihm und in der Fronde röchelt noch das alte Rittertum.Man nennt ihn auch deshalb manchmal romantisch. In Racine istaber die Denkweise des Mittelalters ganz erloschen, in ihm erwachenlauter neue Gefühle; er ist das Organ einer neuen Gesellschaft; inseiner Brust dufteten die ersten Veilchen unseres modernen Lebens.Ja, wir könnten sogar schon die Lorbeeren darin knospen sehen, dieerst später, in der jüngsten Zeit, so gewaltig emporgeschossen. Werweiss, wie viel Thaten aus Racines zärtlichen Versen erblüht sind!Die französischen Helden, die bei den P}Tamiden, bei Marengo, beiAusterlitz, bei Moskau und bei Waterloo begraben liegen, sie hattenalle einst Racines Verse gehört und ihr Kaiser hatte sie gehört ausdem Munde Talmas. Wer weiss, wie viel Zentner Ruhm von derVendömesäule eigentlich dem Racine gebührt. Ob Euripides eingrösserer Dichter ist als Racine, das weiss ich nicht. Aber ichweiss, dass letzterer eine lebendige Quelle von Liebe und Ehrgefühlwar und mit seinem Tranke ein ganzes Volk berauscht, entzückt undbegeistert hat. Was verlangt ihr mehr von einem Dichter? Wirsind alle Menschen, wir steigen ins Grab und lassen zurück unserWort, und wenn dieses seine Mission erfüllt hat, dann kehrt es zurückin die Brust Gottes, den Sammelplatz der Dichterworte, die Heimataller Harmonie.