- 65 —
Ja, man sollte es kaum glauben, es ist Herr Guizot, welcher überjene graziösen und mutwilligsten Luftgebilde der modernen Muse dasBeste geschrieben hat ....
.... Guizot ist kein Engländer, sondern ein Schotte, er istPuritaner aber für sich weil's sein Naturell. Da er aber die entgegen-gesetztesten Naturen begreift, ist er tolerant selbst gegen die Frivolität.
Die hervorragendste Eigenschaft ist sein Stolz: Wenn er in denHimmel zum lieben Gott kommt, wird er diesen ein Komplimentdarüber machen, dass er ihn so gut erschaffen.
Dieser Michelet — ... der weiche, mondscheinsanfte ... —ist ein geborener Spiritualist, niemand hegt einen tieferen Abscheuvor der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, vor dem Materialismus,vor der Frivolität, vor jenen Voltairianern, deren Name noch immerLegion ist und mit denen er sich jetzt dennoch verbündete. Er hatsogar zur Logik seine Zuflucht nehmen müssen! Hartes Schicksalfür einen Mann, der sich nur in den Fabelwäldern der Romantikheimisch fühlt, der sich am liebsten auf mystisch blauen Gefühls-wogen schaukelt und sich ungern mit Gedanken abgiebt, die nichtsymbolisch vermummt! Über seine Sucht der Symbolik, über seinbeständiges Hinweisen auf das Symbolische habe ich im QuartierLatin zuweilen sehr anmutig scherzen hören und Michelet heisst dortMonsieur Symbole. Die Vorherrschaft der Phantasie und des Ge-mütes übt aber einen gewaltigen Reiz auf die studierende Jugendund ich habe mehrmals vergebens versucht, beim Monsieur Symbolim College de France zu hospitieren; ich fand den Hörsaal immerüberfüllt von Studenten, die mit Begeisterung sich um den Gefeiertendrängten. Seine Wahrheitsliebe und strenge Redlichkeit ist vielleichtebenfalls der Grund, warum man ihn so ehrt und liebt. Als Schrift-steller behauptet Michelet den ersten Rang. Seine Sprache ist dieholdseligste, die man sich denken kann und alle Edelsteine der Poesieglänzen in seiner Darstellung. Soll ich einen Tadel aussprechen,so möchte ich zunächst den Mangel an Dialektik und Ordnung be-dauern: wir begegnen hier einer bis zur Fratze gesteigerten Aben-teuerlichkeit, einem berauschten Übermass, wo das Erhabene über-schlägt ins Skurrile und das Sinnige ins Läppische. Ist er ein grosserHistoriker? Verdient er neben Thiers, Mignet, Guizot und Thierry,diesen ewigen Sternen, genannt zu werden? Ja, er verdient es,obgleich er die Geschichte in einer ganz andern Weise schreibt.Soll der Historiker, nachdem er geforscht und gedacht, uns die Vor-fahren und ihr Treiben, die That der Zeit zur Anschauung bringen,soll er durch die Zaubergewalt des Wortes die tote Vergangenheitaus dem Grabe beschwören, dass sie lebendig vor unsere Seele tritt— ist dieses die Aufgabe, so können wir versichern, dass Micheletsie vollständig löst. Mein grosser Lehrer, der selige Hegel, sagtemir einst: „Wenn man die Träume aufgeschrieben hätte, welche die
Betz, Französische Litteratur. 5