Druckschrift 
Die französische Litteratur im Urtheile Heinrich Heine's
Entstehung
Seite
55
Einzelbild herunterladen
 

— 55 —

Gomorrha erinnern. Sie hat weder eine emanzipierte Adlernase nochein witziges Stumpfnäschen; es ist eben eine ordinäre gerade Nase.Ihren Mund umspielt gewöhnlich ein gutmütiges Lächeln, es ist abernicht sehr anziehend; die etwas hängende Unterlippe verrät ermüdeteSinnlichkeit. Das Kinn ist vollfleischig aber doch schön gemessen.Auch ihre Schultern sind schön, ja prächtig. Ebenfalls die Armeund Hände, die sehr klein wie ihre Füsse. Die Keize des Busensmögen andere Zeitgenossen beschreiben; ich gestehe meine Inkompetenz.Ihr übriger Körperbau scheint etwas zu dick, wenigstens zu kurz zusein. Nur der Kopf trägt den Stempel der Idealität, erinnert an dieedelsten Überbleibsel der griechischen Kunst, und in dieser Be-ziehung konnnte immerhin einer unserer Freunde die schöne Fraumit der Marmorstatue der Venus von Milo vergleichen, die in denunteren Sälen des Louvre aufgestellt. Ja, George Sand ist schönwie die Venus von Milo; sie übertriftt diese sogar durch mancheEigenschaften; sie ist z. B. sehr viel jünger. Die Physiognomen,welche behaupten, das die Stimme des Menschen seinen Charakteram untrüglichsten ausspreche, würden sehr verlegen sein, wenn siedie ausserordentliche Innigkeit einer George Sand aus ihrer Stimmeherauslauschen sollten. Letztere ist matt und welk ohne Metall,jedoch sanft und angenehm. Die Natürlichkeit ihres Sprechens ver-leiht ihr einigen Beiz. Von Gesangsbegabnis ist bei ihr keine Spur;George Sand singt höchstens mit der Bravour einer schönen Grisette,die noch nicht gefrühstückt hat, oder sonst nicht eben bei Stimmeist. Das Organ von George Sand ist ebensowenig glänzend wie das,was sie sagt. Sie hat durchaus nichts von dem sprudelnden Espritihrer Landsmänninnen, aber auch nichts von ihrer Geschwätzigkeit.Dieser Schweigsamkeit liegt aber weder Bescheidenheit noch sym-pathetisches Versenken in die Kede eines andern zum Grunde. Sieist einsilbig vielmehr aus Hochmut, weil sie dich nicht wert hält,ihren Geist an dir zu vergeuden, oder gar aus Selbstsucht, weil siedas Beste deiner Rede in sich aufzunehmen trachtet, um es späterin ihren Büchern zu verarbeiten. Dass George Sand aus Geiz imGespräche nichts zu gehen und immer etwas zu nehmen versteht, istein Zug, worauf mich Alfred de Musset einst aufmerksam machte.„Sie hat dadurch einen grossen Vorteil vor uns andern," sagteMusset, der in seiner Stellung als langjähriger Cavaliere serventejener Dame die beste Gelegenheit hatte, sie gründlich kennen zulernen.

Nie sagt George Sand etwas Witziges, wie sie überhaupt eineder unwitzigsten Französinnen ist, die ich kenne. Mit einem liebens-würdigen oft sonderbaren Lächeln hört sie zu, wenn andere reden,und die fremden Gedanken, die sie in sich aufgenommen und ver-arbeitet hat, gehen aus dem Alambik ihres Geistes weit kostbarerhervor. Sie ist eine sehr feine Horcherin. Sie hört auch gerne aufden Rat ihrer Freunde. Bei ihrer unkanonischen Geistesrichtunghat sie, wie hegreiflich, keinen Beichtvater; doch da die Weiber,