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Die französische Litteratur im Urtheile Heinrich Heine's
Entstehung
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z. B., die Deutschen besässen kein gutes Lustspiel, weil sie einernstes Volk seien, die Franzosen hingegen waren ein heiteres Volk.Im Gegenteil, ich fange an zu glauben, dass Lorenz Sterne rechthatte, wenn er behauptete: sie seien viel zu ernsthaft. Und damals,als Yorick seine „Sentimentale Reise nach Frankreich" schrieb, blühtedort noch die ganze Leichtfüssigkeit und parfümierte Fadaise desalten Regimes, und die Franzosen hatten im Nachdenken nochnicht durch die Guillotine und Napoleon die gehörigen Lektionenbekommen.

Nein sie sind nicht heiterer als wir; wir Deutsche haben fürdas Komische vielleicht mehr Sinn und Empfänglichkeit als die;Franzosen, wir, das Volk des Humors. Dabei findet man in Deutsch-land für die Lachlust ergiebigere Stoffe, mehr wahrhaft lächerlicheCharaktere als in Frankreich, wo die Persiflage der Gesellschaftjede ausserordentliche Lächerlichkeit im Keime erstickt, wo keinOriginalnarr sich ungehindert entwickeln und ausbilden kann ....

Ich bemerkte, dass die Franzosen, bei denen das Lustspiel mehrals bei uns gedeiht, nicht eben ihrer politischen Freiheit diesen Vor-teil beizumessen haben; es ist mir vielleicht erlaubt, etwas ausführ-licher zu zeigen, wie es vielmehr der soziale Zustand ist, dem dieLustspieldichter in Frankreich ihre Suprematie verdanken.

Selten behandelt der französische Lustspieldichter das öffentliche'Treiben des Volkes als Hauptstoff, er pflegt nur einzelne Momentedesselben zu benutzen; auf diesem Boden pflückt er nur hier und daeinige närrische Blumen, womit er den Spiegel umkränzt, aus dessenironisch geschliffenen Facetten uns das häusliche Treiben der Fran-zosen entgegenlacht. Eine grössere Ausbeute findet der Lustspiel-dichter in den Kontrasten, die manche alte Institution mit denheutigen Sitten, und manche heutige Sitten mit der geheimen Denk-weise des Volkes bildet, und endlich gar besonders ergiebig sind fürihn die Gegensätze, die so ergötzlich zum Vorschein kommen, wennder edle Enthusiasmus, der bei den Franzosen so leicht auflodertund ebenfalls leicht erlischt, mit den positiven, industriellen Tendenzen-des Tages in Kollision gerät. Wir stehen hier auf einem Boden, wo diegrosse Despotin, die Revolution, seit fünfzig Jahren ihre Willkür-herrschaft ausgeübt, hier niederreissend, dort schonend, aber überallrüttelnd an den Fundamenten des gesellschaftlichen Lebens: — unddiese Gleichheitswut, die nicht das Niedrige erheben, sondern nurdie Erhabenheiten abflachen konnte; dieser Zwist der Gegenwart mitder Vergangenheit, die sich wechselseitig verhöhnen, der Zank einesWahnsinnigen mit einem Gespenste; dieser Umsturz aller Autoritäten,der geistigen sowohl als der materiellen; dieses Stolpern über die-letzten Trümmer derselben; und dieser Blödsinn in ungeheurenSchicksalstunden, wo die Notwendigkeit einer Autorität fühlbar \vird„und wo der Zerstörer vor seinem eigenen Werke erschrickt, aus.Angst zu singen beginnt und endlich laut auflacht ....