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Die französische Litteratur im Urtheile Heinrich Heine's
Entstehung
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durch Hörensagen oder Bücher unterrichtet werden. Leute, die amNordpol der Gesellschaft leben, haben keinen Begriff davon, wieleicht in dem heissen Klima der französischen Sozietät die Herzensich entzünden oder gar während den Julitagen die Köpfe von dentollsten Sonnenstichen erhitzt sind! Hören wir, wie sie dort schreien,und sehen wir, wie sie Gesichter schneiden, wenn dergleichen Glutenihnen Hirn und Herz versengen, so sind wir Deutschen schier ver-wundert, und schütteln die Köpfe und erklären alles für Unnatur odergar Wahnsinn.

"Wie wir Deutsche in den "Werken französischer Dichter den un-aufhörlichen Sturm und Drang der Passion nicht begreifen können, sounbegreiflich ist den Franzosen die stille Heimlichkeit, das ahnung-und erinnerungssüchtige Traumleben, das selbst in den leidenschaftlichbewegten Dichtungen der Deutschen beständig hervortritt, Menschen,die nur an den Tag denken, nur dem Tage die höchste Geltung an-erkennen und ihn daher auch mit der erstaunlichsten Sicherheit hand-haben, diese begreifen nicht die Gefühlsweise eines Volkes, das nurein Gestern und ein Morgen, aber kein Heute hat, das sich der Ver-gangenheit beständig erinnert und die Zukunft beständig ahnet, aberdie Gegenwart nimmermehr zu fassen weiss, in der Liebe wie in derPolitik.

In den Tragödieen unsrer grossen deutschen Dichter spielt derTraum eine grosse Rolle, wovon französische Trauerspieldichter nichtdie geringste Ahnung Haben. Ahnungen haben sie überhaupt nicht."Was derart in neueren französischen Dichtungen zum Vorscheinkommt, ist weder dem Naturell des Dichters noch des Publikumsangemessen, ist nur den Deutschen nachempfunden, ja am Endevielleicht nur armselig abgestohlen. Denn die Franzosen beginnennicht bloss Gedankenplagiate, sie entwenden uns nicht bloss poetischeFiguren und Bilder, Ideen und Ansichten, sondern sie stehlen unsauch Empfindungen, Stimmungen, Seelenzustände, sie begehen Gefühls-plagiate. Dieses gewahrt man namentlich, wenn einige von ihnen dieGemütsfaseleien der katholisch-romantischen Schule aus der Schlegel-zeit jetzt nachheucheln.

Das sittliche Verhältnis oder vielmehr Miss Verhältnis zwischen.Mann und Weib ist hier in Frankreich der Dünger, welcher denBoden des Lustspiels so kostbar befruchtet. Die Ehe oder viel-mehr der Ehebruch ist der Mittelpunkt aller jener Lustspielraketen,die so brillant in die Höhe schiessen, aber eine melancholischeDunkelheit, wo nicht gar einen üblen Duft, zurücklassen.

.... Ist es wahr, dass wir Deutschen wirklich kein gutesLustspiel produzieren können und auf ewig verdammt sind, der-gleichen Dichtungen von den Franzosen zu borgen? ....

Nichts ist haltloser als die Gründe, womit man die Bejahung>der oben aufgeworfenen Frage zu unterstützen pflegt. Man behauptet