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kleine Kuhestellen gewährt, dass wir bequem und ohne Übereilunggerührt werden.
Im deutschen Parterre sitzen friedliebende Staatsbürger undKegierungsbeamte, die dort ruhig ihr Sauerkraut verdauen möchten,und oben in den Logen sitzen blauäugige Töchter gebildeter Stände,schöne, blonde Seelen, die ihren Strickstrumpf oder sonst eine Hand-arbeit ins Theater mitgebracht haben und gelinde schwärmen wollen,ohne dass ihnen eine Masche fällt. Und alle Zuschauer besitzenjene deutsche Tugend, die uns angeboren oder wenigstens anerzogenwird, Geduld. Auch geht man bei uns ins Schauspiel, um das Spielder Komödianten, oder, wie wir uns ausdrücken, die Leistungender Künstler zu beurteilen, und letztere liefern allen Stoff derUnterhaltung, in unseren Salons und Journalen. Ein Franzosehingegen geht ins Theater, um das Stück zu sehen, um Emotionenzu empfangen; über das Dargestellte werden die Darsteller ganzvergessen, und wenig ist überhaupt von ihnen die Rede. DieUnruhe treibt den Franzosen ins Theater, und hier sucht er amwenigsten Ruhe. Liesse ihm der Autor nur einen Moment Ruhe, erwäre kapabel, Azor zu rufen, was auf Deutsch pfeifen heisst. DieHauptaufgabe für den französischen Bühnendichter ist also, dass seinPublikum gar nicht zu sich selber, gar nicht zur Besinnung komme,dass Schlag auf Schlag die Emotionen herbeigeführt werden, dassLiebe, Hass, Eifersucht, Ehrgeiz, Stolz, Point d'honneur, kurz allejene leidenschaftlichen Gefühle, die im wirklichen Leben der Franzosensich schon tobsüchtig genug gebärden, auf den Brettern in nochwilderen Rasereien ausbrechen.
Aber um zu urteilen, ob in einem französischen Stück die Über-treibung der Leidenschaft zu gross ist, ob hier nicht alle Grenzenüberschritten sind, dazu gehört die innigste Bekanntschaft mit demfranzösischen Leben selbst, das dem Dichter als Vorbild diente. Umfranzösische Stücke einer gerechten Kritik zu unterwerfen, muss mansie mit französischen, nicht mit deutschem Massstabe messen. DieLeidenschaften, die uns, wenn wir in einem umfriedeten Winkel desgeruhsamen Deutschlands ein französisches Stück sehen oder lesen,ganz übertrieben erscheinen, sind vielleicht dem wirklichen Lebenhier treu nachgesprochen, und was uns im theatralischen Gewändeso greuelhaft unnatürlich vorkommt, ereignet sich täglich und stünd-lich zu Paris in der bürgerlichsten Wirklichkeit. Nein, in Deutsch-land ist es unmöglich sich von dieser französischen Leidenschaft eineVorstellung zu machen. Wir sehen ihre Handlungen, wir hören ihreWorte, aber diese Handlungen und Worte setzen uns zwar in Ver-wunderung, erregen in uns vielleicht eine ferne Ahnung, aber nimmer-mehr geben sie uns eine bestimmte Kenntnis der Gefühle, denen sie■entsprossen.
Wer wissen will, was Brennen ist, muss die Hand ins Feuerhalten; der Anblick eines Gebrannten ist nicht hinreichend und amungenügendsten ist es, wenn wir über die Natur der Flamme nur