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Die französische Litteratur im Urtheile Heinrich Heine's
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soll, so hätten diese Leute recht und die schlichte Prosa und dernüchternste Gesellschaftston wären erspriesslicher für die Bühne.Aber die wahre Tragödie muss alsdann untergehen. Diese forciertRhythmus der Sprache und eine von dem Gesellschaftston verschiedeneDeklamation. Ich möchte dergleichen fast für alle dramatischen Er-zeugnisse in Anspruch nehmen. Wenigstens sei die Bühne niemalseine banale Wiederholung des Lebens und sie zeige dasselbe in einergewissen vornehmen Veredlung, die sich, wenn auch nicht im Wort-mass und Vortrag, doch in dem Grundton, in der inneren Feierlich-keit eines Stückes, ausspricht. Denn das Theater ist eine andereWelt, die von der unsrigen geschieden ist wie die Scene vom Parterre.

Die Heldinnen der deutschen Tragödien sind fast immer Jung-frauen, in der französischen Tragödie sind es verheiratete Weiberund die komplizierteren Verhältnisse, die hier eintreten, eröffnenvielleicht einen freieren Spielraum für Handlung und Passion.

Es wird mir nie in den Sinn kommen, die französische Tragödieauf Kosten der Deutschen, oder umgekehrt, zu preisen. Die Litteraturund die Kunst jedes Landes sind bedingt von lokalen Bedürfnissen^die man bei ihrer Würdigung nicht unberücksichtigt lassen darf.Der Wert deutscher Tragödien, wie die von Goethe, Schiller, Kleist,Immermann, Grabbe, Oehlenschläger, Uhland, Grillparzer, Werner und.dergleichen Grossdichtern, besteht mehr in der Poesie als in derHandlung und Passion. Aber wie köstlich auch die Poesie ist, sowirkt sie doch mehr auf den einsamen Leser als auf eine grosseVersammlung. Was im Theater auf die Masse des Publikums amhinreissendsten wirkt, ist eben Handlung und Passion und in diesenbeiden exzellieren die französischen Trauerspieldichter. Die Franzosensind schon von Natur aktiver und passionierter als wir und es istschwer zu bestimmen: ob es die angeborene Aktivität ist, wodurchdie Passion bei ihnen mehr als bei uns zur äusseren Erscheinungkommt, oder ob die angeborene Passion ihren Handlungen einenleidenschaftlicheren Charakter erteilt und ihr ganzes Leben dadurchdramatischer gestaltet als das unsrige, dessen stille Gewässer imZwangsbette des Herkommens ruhig dahinfliessen und mehr Tiefe alsWellenschlag verraten. Genug, das Leben ist hier in Frankreichdramatischer und der Spiegel des Lebens, das Theater, zeigt hier imhöchsten Grade Handlung und Passion.

Die Passion, wie sie sich in der französischen Tragödie gebärdet,jener unaufhörliche Sturm der Gefühle, jener beständige Donner undBlitz, jene ewige Gemütsbewegung, ist den Bedürfnissen des franzö-sischen Publikums ebenso sehr angemessen, wie es den Bedürfnisseneines deutschen Publikums angemessen ist, dass der Autor dietollen Ausbrüche der Leidenschaft erst langsam motiviert, dass ernachher stille Partieen eintreten lässt, damit sich das deutsche Gemütwieder sanft erhole, dass er unserer Besinnung und der Ahnung