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Victor Hugo ist ein Genius von erster Grösse und bewunderungs-würdig ist sein Flug und seine Schöpferkraft; er hat das Bild undhat das Wort; er ist der grösste Dichter Frankreichs; aber seinPegasus hegt eine krankhafte Scheu vor den brausenden Strömen derGegenwart und geht nicht gern zur Tränke, wo das Tageslicht in denfrischen Fluten sich abspiegelt .... vielmehr unter den Ruinender Vergangenheit sucht er zu seiner Erlabung jene verschollenenQuellen, wo einst das hohe Flügelross des Shakespeare seinen un-sterblichen Durst gelöscht hat. Ist es nun, weil jene alten Quellenhalb verschüttet oder übermoort, keinen reinen Trank mehr bieten rgenug, Victor Hugos dramatische Gedichte enthalten mehr den trübenModer als den belebenden Geist der altenglischen Hippokrene, esfehlt ihnen die heitere Klarheit und die harmonische Gesundheit. . .und ich muss gestehen, zuweilen erfasst mich der schauerliche Ge-danke, dieser Victor Hugo sei das Gespenst eines englischen Poetenaus der Blütezeit der Elisabeth, ein toter Dichter, der verdriesslichdem Grabe entstiegen, um in einem anderen Lande und in eineranderen Periode, wo er vor der Konkurrenz des grossen Williamsgesichert, einige posthume Werke zu schreiben. In der That, VictorHugo mahnt mich an Leute wie Marlow, Decker, Heywood u. s. w.,die in Sprache und. Manier ihrem grossen Zeitgenossen so ähnlichwaren und nur seinen Tiefblick und Schönheitssinn, seine furchtbareund lächelnde Grazie, seine offenbarende Natursendung entbehrten . . .Und ach! zu den Mängeln eines Marlow, Deckers und Heywoodsgesellt sich bei Victor Hugo noch das schlimmste Entbehrnis: esfehlt ihm das Leben. Jene litten an kochender Überfülle, an wildesterVollblütigkeit und ihr poetisches Schaffen war geschriebenes Atmen,Jauchzen und Schluchzen; aber Victor Hugo, bei aller Verehrung,die ich ihm zolle, ich muss es gestehen, hat etwas Verstorbenes,Unheimliches, Spukhaftes, etwas grabentstiegen Vampirisches ....Er weckt nicht die Begeisterung in unsern Herzen, sondern er saugtsie heraus .... Er versöhnt nicht unsere Gefühle durch poetischeVerklärung, sondern er erschreckt sie durch widerwärtiges Zerrbild ...Er leidet an Tod und Hässlichkeit ....
Die Langeweile, welche die klassische Tragödie der Franzosenausdünstet, hat niemand besser begriffen, als jene gute Bürgersfrauunter Ludwig XV., die zu ihren Kindern sagte: „Beneidet nicht denAdel und verzeiht ihm seinen Hochmut, er muss ja doch als Strafedes Himmels jeden Abend im Theätre francais sich zu Tode lang-weilen." Das alte Regime hat aufgehört und das Scepter ist in dieHände der Bourgeoisie geraten; aber diese neuen Herrscher müssenebenfalls sehr viele Sünden abzubüssen haben und der Unmut derGötter trifft sie noch unleidlicher als ihre Vorgänger im Reicherdenn nicht bloss, dass ihnen Mademoiselle Rachel die moderige Hefedes antiken Schlaftrunks jeden Abend kredenzt, müssen sie jetzt sogar