102 GYMNASIUM
denen ich ein in Köln ohne Jahrangabe gedrucktes Exemplarneben den übrigen Ausgaben der Grammatik eingesehen habe.Der auf der Int'ima und Sekunda als Lektüre erwähnte„Hadrianus" ist wohl das Buch „De sermone latino et modislatine loquendi" des in der Papstgeschichte bestbekanntenKardinals Adriano-Castellesi von Corneto l ), „den man als denglänzendsten Geist des römischen Literatenkreises bezeichnenkann 2 ). Jenes Werkchen hat den Hauptruhm des Autors beider Nachwelt gebildet 3 ). Im übrigen war die lateinische Lek-türe die des sogenannten goldenen Zeitalters: für die Prosavor allem Cicero, für die Poetik Ovid, Vergil und Horaz.Genau wie die Jesuitengymnasien pflegten die Franziskaner-gymnasien die klassische Latinität entgegen der Sucht jenerZeit nach dem pomphaften und außergewöhnlichen Stil derNeulateiner (nach dem Neulateiner Lipsius wurde die Bewe-gung Lipsianismus genannt) und den Schriftstellern des silber-nen Zeitalters 4 ).
Schulstunden waren vormittags von 7—9'/ 2 und nachmittagsvon 1—3V2 Uhr, zu denen vom Pedell, der in unseren QuellenClaviger genannt wird, eine halbe Stunde vor Beginn einZeichen mit der Schulglocke gegeben wurde 5 ).
Auf der Infima war vormittags nach der Katechese primagrammatica, also Formenlehre und die Lehre von den Wurzel-wörtern; ferner wurde Syntax durchgenommen. Nach Tischwar secunda und tertia grammatica. Dieser anscheinendeWiderspruch klärt sich auf, wenn wir berücksichtigen, daß dielateinische Vorbildung der Infamsten bei ihrer Aufnahme schonzu einer leichten Lektüre ausreichen mußte, und daß ferner diedrei Teile der Grammatik innig ineinandergreifen. So wirdauch die Wiederholung der sogenannten Rudimenta ausdrück-lich als Schluß des nachmittägigen Unterrichts für die Infimistenaufgeführt. Als Lektüre war der eben erwähnte Hadrianusvorgeschrieben.
Auf der Sekunda begann nach der Katechese das wissen-
l ) Gebhardt 102f. -) Pastor 527. :l ) Ebd. 752, A. 7.
4 ) Duhr II 1 503.
6 ) Für das folgende vgl. Regulae 1717 § VI Nr. 3.