t)8 GYMNASIUM
daß der jüngere Lektor der Philosophie diese lectio catecheticaals Disputation zu halten hatte.
Neben dieser ausgiebigen theoretischen Religionslehre warauch auf die praktische Religionsübung großes Gewicht ge-legt 1 ). So wohnten die Studenten täglich nach Schulschluß um'/ 2 10 Uhr einer heiligen Messe bei; an den Sonn- und Festtagenwurden sie nach voraufgegangener geistlicher Lesung zur Kirchegeführt, worauf nach Schluß der Messe ein religiöser Vortraggehalten wurde. Die Konferenzredner waren abwechselnd dieProfessoren der Syntax, Humaniora und Rhetorik; die Kon-ferenz selbst wurde für die Infimisten und Sekundaner in deut-scher, für die übrigen in lateinischer Sprache gehalten. ZurReichte und Kommunion gingen die Schüler alle vier Wochen undzwar gelegentlich der Rosenkranzbruderschaft, die entsprechendder Marianischen Kongregation der Jesuitengymnasien an denGymnasien der Franziskaner eingeführt war. Versammlungder Sodalitas war an jedem Sonntage von l j. x \ —'/ 2 2 Uhr. Esberührt uns außerordentlich wohltuend, daß in religiöser Hin-sicht weder ein ungesundes Übermaß, noch unpädagogischerZwang herrschte; so war die ausdrückliche Restimmung ge-troffen, daß die Studenten zu jener Sodalität nur eingeladenwerden durften, und schon die Regulae vom Jahre 1675 ver-bieten den Studenten an den gewöhnlichen Festen und Sonn-tagen die Reiwohnung der Vesper mit der Begründung, daßsie sowohl vor wie nach dem Essen auch an diesen Tagen-gründlich studieren müßten.
Die vera eruditio als zweiter Programmpunkt der Fran-ziskanergymnasien wurde im Sprachunterricht, näherhin imLatein gesehen; das mittelalterliche Latein wurde abgeschafft,und an seine Stelle trat die Pflege der klassischen Lati-nität. So ist die Lektüre der lateinischen Klassiker aus-schließlich Klassenlektüre geworden. Die drei unteren Klassenhatten als Hauptziel die Einprägung der Grammatik; in derPoetik und Rhetorik sollte den Studenten die selbständige
') Regulae 11566 § I 4 5 17 21 22 23; 8 VIII 1; 8 XI; Regulae 16758 V 8 VI; Regulae 1717 8 V.