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Johann Hartliebs Übersetzung des Dialogus miraculorum von Caesarius von Heisterbach
Entstehung
Seite
XVIII
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XVIII Einleitung.

menschen, und wenn Hartlieb auch die Erzählungen in erster Linie als kirchlicheWundergeschichten und 'grosse und güttew underweysung', wie sie 'die höchstweyshait' als Beispiel gesetzt hat, bringen will, so zeigt seine Wahl doch auchentschieden ein Gefühl für den umfassenden und bedeutenden Inhalt. Er bemerktin seiner Vorrede ausdrücklich, daß er hier den 'übrigen tayl Cesary zw teüsch'machen will, und diese Wendung legt uns die Frage vor, ob er vielleicht auch eineÜbersetzung des ersten Teiles angefertigt habe. Diese Frage ist-aber mit ziemlicherSicherheit zu verneinen. Es ist weder eine Übersetzung erhalten, noch eine Kundevon ihr überliefert, und ferner ist das Werk des Caesarius so umfangreich, daßschon aus äußeren Gründen eine damalige Wiedergabe des Ganzen unwahrscheinlichist. Außerdem ist die Absicht beider Schreibenden eine völlig verschiedene: Caesariusist ein Volksmann, ein Anwalt der Unterdrückten, er rügt die Untaten der Gewalt-haber, er geht vor gegen die Fehden des Adels sowie der Bauerngeschlechter, decktohne Bücksicht auch Sünden der Geistlichkeit, der höheren wie der niederen, aufund muß durch seine mit Namen gegebenen Schilderungen soviel Anfeindungenerdulden, daß ihm das Schreiben fast verleidet wird 1 ). Diese kritisclie Einstellung,gebunden an die Erzählungen der Berufung zum Klosterleben, der Reue, der Beichte,der Versuchungen, an Erzählungen rührend-naiver Einfalt, zum Teil geknüpftan Personen, die am Rheine bekannt waren, denen man aber im Südwesten natur-gemäß weniger Anteil entgegenbrachte, machten den ersten Teil für Hartlieb undseine Zwecke (s. oben) entschieden auch weniger geeignet. Eine Erzählung imDist. II, 24, wo dem durch einen Kleriker verführten Judenmädchen eingeredetwird, sie gebäre ihrem Volke den Messias (der aber dann ein Mädchen ist!), könntefast bei Boccaccio stehen, wenn nicht die geistliche Umrahmung dabei wäre. Derzweite Teil des Caesarius schildert dagegen mehr die Wunder der Göttlichkeit, ihrbelohnendes, strafendes und schützendes Eingreifen, die Strafen des Zweifels, dasErleben der Sterbenden, wunderbare Erscheinungen nach dem Tode, die Seligkeitender Entrückten oder der Verklärten und enthält besonders gleich in Dist. VII dieErzählungen vom Walten und Wirken der von Hartlieb besonders verehrten JungfrauMaria dem größten Abschnitte des ganzen Werkes.

So ist die Übergehung des ersten Teiles durchaus verständlich, und wennwir die Wendung vom "übrigen tayl" noch besonders erklären wollen, so wärevielleicht (freilich in einer etwas dürftigen Begründung) auf die beiden oben be-sprochenen Kapitel zu verweisen, die Hartlieb schon 1456 dem ersten Teile ent-nommen hatte; noch besser aber auf die jahrelangen Beziehungen zu Püterich,bei denen Hartlieb ja schon im mündlichen Verkehr dem Freunde die Kenntnisdes ersten Teiles ganz oder teilweise vermitteln konnte.

Die CaesariusüberSetzung ist ein Spätwerk, das Jahr der Abfassung des'püchs aller verpotten kunst' 1456 ist der Terminus post quem, auch nach dem

*) A. Kaufmann, Wunderbare und denkwürdige Geschichten aus den Werken desCaesarius v. Heisterbach, a. a. 0., Heft 47, S. 8.