Druckschrift 
Die Düsseldorfer Malerschule und ihre Leistungen seit der Errichtung des Kunstvereines im Jahre 1829 : Ein Beitrag zur modernen Kunstgeschichte
Entstehung
Seite
112
Einzelbild herunterladen
 

112sigur vor, deren verklärtes Auge sowohl den innern Friedenals den Wunsch, Beseligung rings um sich her zu verbreiten,verkündet. Die Gestalten der beiden Jünger bieten einen wohlzu absichtlich motivirten Contrast: der ältere repräsentirt dieenergische, heroische, überzeugte Mannesgestalt; der Ausdruckdes Jüngeren ist dagegen timide, sanft und zweiflend. Esscheint uns,daß der Künstler mit seinen halben Figuren dieAufmerksamkeit von den Aeußerlichkeiten ablenken und sie einzi-auf den charakteristischen Ausdruck hinwenden wollte; zuverlässigwürde eine vollständige Composition theatralisch geworden sein.Wir erwähnen nun ein Bild W. Schadow's, bei dessenBeurtheilung man die absoluten Forderungen der Kunst ein-schränken muß, da theilweise äußere Rücksichten bei seiner Con-ception einwirkten, theils der Maler eine capriciöse Reminiscenzverwirklichen wollte. Dieschmerzenreiche Mutter amKreuzesstamm bestätigt leider den scharfsinnigen SpruchGöthe's,daß die Religion keinen Kunstsinn verleiht, so wenigsie Geschmack gibt. Es ist ein altkatholisches Bild im mittel-alterlichen Genre und prangt nun als Altargemälde in der Kirchedes durch wunderthätige Marienbilder berüchtigten westphälischenOrtes Dülmen. Es ist nöthig, diese Bestimmung des Bildesnicht aus dem Auge zu verlieren, um die Kritik im Zügel haltenzu können. Schon Lessing sagte, daß man verschiedene Urtheilefällen müsse, wenn der Maler für die Religion und wenn erfür die Kunst gearbeitet. Im Laokoon heißt es in dieser Be-ziehung (was sich ganz passend auf das zu beurtheilende WerkSchadow's anwenden läßt):Ein äußerlicher Zwang war demalten Künstler öfters die Religion. Sein Werk zur Verehrungund Anbetung bestimmt, konnte nicht allezeit so vollkommen sein,als wenn er einzig das Vergnügen des Betrachtens dabei zur