102ständen, ohne der frühern Natürlichkeit zu entsagen. Im 15.Jahrhunderte feierte die naive christliche Kunst ihre höchsteBlüthe, und erzeugte in ihrer Art die herrlichsten Meisterwerke.Religiöse Hingebung, tiefer Frieden der Seele, fromme In-brunst und gänzliche Abwesenheit des Zweifels verbunden mitder Ahnung einer idealisch schönen Form charakterisiren dieSchöpfungen des frommen Meisters von Fiesole, des gentilenGentile da Fabriano und Anderer. Damals konnte man von demchristlichen Künstler sagen, was ein moderner Kunstkritiker (Kol-low im Kunstblatte 1836, 82 ff.) in seltsamer Verblendungauf moderne Künstler anwenden will: „Von dem ewigen Worteerleuchtet und begeistert, tritt der Maler gewissermaßen in dieStellung des Priesters; die Offenbarung, die seinem Gemüthegeworden, das Heilige, das er in seiner innern Welt geboren,den Funken des Göttlichen, den er empfangen, theilt er liebendallen Seelen mit, die es in seinen Werken genießen und be-schauen wollen. So verkündet er, von dem ewigen Geiste be-auftragt, in heiligen Gesängen, Gebilden und Harmonien dieewige Versöhnung und Erlösung aller Creatur, die innere Hei-ligung und Verklärung, die göttliche Kraft des Glaubens, dieunaussprechliche Seligkeit des geistigen Friedens, die Wonnedes kindlichen Vertrauens, die heilige Macht der Liebe, dieKämpfe und Siege heiliger Seelen, die Triumphe des Göttli-chen über Tod, Sünde und Hölle; als gottbegeisterter Seherlüftet er den Vorhang der Ewigkeit, malt die Schrecken derVerdammniß, und die Qualen der Sünde, den Jubel derAuserwählten und die unendliche Herrlichkeit des himmlischenJerusalems. Das Göttliche der Religion, das Liebliche undBeseligende, das Wehmüthige und Erschütternde, das Erfreu-liche und Entzückende, das Begeisternde und Zerknirschende, das
Druckschrift
Die Düsseldorfer Malerschule und ihre Leistungen seit der Errichtung des Kunstvereines im Jahre 1829 : Ein Beitrag zur modernen Kunstgeschichte
Seite
102
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten