41da die deutschen Kunstrichter mit wahrem Heißhunger darüberhergefallen sind, und die detaillirtesten Beschreibungen gegebenhaben. Wir setzen also voraus, daß unsern Lesern der Gegen-stand bekannt sei, und wollen nur einige Worte über die Wahldesselben aussprechen. Lessing will eine Idee zur Darstellungbringen, und zwar eine weltgeschichtliche oder allgemein psycho-logische Idee, welche außer der Gegenwart auch Elemente derVergangenheit und Zukunft enthält, und deshalb frei von allerEinseitigkeit erscheint. So ist in dem Räuber die rohe Vergan-genheit in seinem abgehärteten, narbigten Körper, die Zukunftin dem Kinde angedeutet; in Lenore gibt das liebende PaarKunde von der glücklichen Vergangenheit, die alte Mutter aberund Lenorens wehmüthige Gestalt von der schwarzen Zukunft;in dem trauernden Königspaare schließt der Sarg der Königs-tochter die blühende Vergangenheit ein, und das Abendlicht ver-kündet das allmälige Absterben in der Zukunft.In der Hussitenpredigt brennen in dem düstern, glühendenAuge des Predigers die Flammen vom Scheiterhaufen des Jo-hannes Huß; wer in dies Auge und die krampfhaften Zügesieht, weiß, was der gegenwärtigen Scene vorherging, unddem oberflächlichen Zuschauer erklärt es noch deutlicher diebrennende Stadt im Hintergrunde. Die Zukunft aber, oderdas halbe Mißlingen des Unternehmens, zu dem der Priesteranfeuert, kann aus den Zügen der zuhörenden Gruppe gelesenwerden. Der Enthusiasmus wird von einem Greise mit Sil-berlocken, der nach dem Prediger begeistert die Arme ausstreckt,und einem lieblichen Knaben, zunächst an der Seite des Pre-digers, repräsentirt; Greis und Knabe lassen den dunklen Aus-jang errathen. Das innere Wollen aber, mit Mangel anThatkraft gepaart, bezeichnet ein knieender junger Mann, der
Druckschrift
Die Düsseldorfer Malerschule und ihre Leistungen seit der Errichtung des Kunstvereines im Jahre 1829 : Ein Beitrag zur modernen Kunstgeschichte
Seite
41
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten