4. Unser nächster Zweck ist es nun, zu zeigen, inwie-fern die neuen Zeitansichten sich in den Schöpfungen der bil-denden Kunst kund geben. Leider erlaubt unser vorgestecktesZiel nicht, zu Parallelen mit den neuern Werken der Poesieund Wissenschaft und selbst den äußern Erscheinungen desVolkslebens abzuschweifen, und wir müssen sogar darauf ver-zichten, durch Vergleichung des Strebens auswärtiger Kunstschulen das derjenigen, welche uns hier zunächst beschäftigt,mehr zu verdeutlichen.Der große Unterschied zwischen Früher und Heute bestehtdarin, daß unsre Zeitansichten den wahren Kunsttendenzen gün-stig sind, und ihnen gewissermaßen traulich die Hand bieten.Die heutigen gelungenen Kunstwerke charakterisiren sich durchkluge Beobachtung der äußern Lebenserscheinungen, durch sub-jective Freiheit der innern Auffassungsweise, oder, um es miteinem Worte zu sagen, durch edlen Naturalismus. Undsind das nicht auch die Symptome der ganzen modernen Zeit-richtung, die jetzt überall im Staatsleben, der Wissenschaft,Poesie, Religion, Moral u. s. f. sich geltend machen. Manfolgt in der Malerei heute, wie vormals, dem Gebot derMode und des Tages, aber diese Gebieter sind selbst zu Kri-tikern geworden, und fragen vor und nach der Production,was ist darstellbar? Die Antwort lautet: Es sind die ernstenLebensscenen, in welchen die Leidenschaft, das Herz des Men-schen oder das Gemüth, in ihrer vollen Kraft losbrechend, dieSchranken des Ceremoniösen, des Leeren und Falschen über-schreiten, und sich in ihrer menschlich=schönen Nacktheit zeigen:es sind die Darstellungen jener Momente, wo das rein Mensch-liche, von dem göttlichen Funken ächter Moral verklärt, durchden Nebel finstrer Vorurtheile bricht, und aus der bürgerlichen
Druckschrift
Die Düsseldorfer Malerschule und ihre Leistungen seit der Errichtung des Kunstvereines im Jahre 1829 : Ein Beitrag zur modernen Kunstgeschichte
Seite
29
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten